Staudamm-Katastrophe 1943 "Ich kann die Hilfeschreie noch heute hören"

Er riss seine Mutter aus dem Bett, floh mit ihr und sah, wie die gigantische Flutwelle Nachbarn, Vieh und Häuser fortspülte: In der Nacht auf den 17. Mai 1943 zerstörten britische Bomber die Möhnesee-Talsperre. In der Erinnerung erlebt Günter Mussmann die Katastrophe ein zweites Mal.

Wolfgang Becker

Die Staumauer am Möhnesee ragt grau und gewaltig in den Himmel. Im strahlenden Maiwetter sieht sie aus wie eine trutzige Festung aus einem Fantasyfilm. Günter Mussmann, 83 Jahre alt, steht am Ufer des Möhnesees und blickt aufs Wasser. Segelboote, Windsurfer, auf der gegenüberliegenden Seite ein Campingplatz.

"Im Rückblick kann ich mein Leben in drei Worte fassen", sagt er. "Ich habe überlebt." Mehr als einmal hing es am seidenen Faden, sein Leben. Mussmann war Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg, wurde an der Westfront eingesetzt. Doch gegen die gewaltigen Wassermassen, die in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1943 die Kleinstadt Neheim im Sauerland heimsuchten, konnte er nicht kämpfen. Er konnte nur fliehen. Heute ist Günter Mussmann einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der Möhnesee-Katastrophe.

Der Angriff auf die Möhnesee-Talsperre und vier weitere Staudämme war von der englischen Luftwaffe seit längerer Zeit vorbereitet worden. Ziel war es, das Ruhrgebiet von der Wasserversorgung abzuschneiden und so der deutschen Rüstungsindustrie einen entscheidenden Schlag zu versetzen. Eine eigens entwickelte "Rollbombe" sollte Abwehrmechanismen überwinden und die Staumauern sprengen.

Der Angriff

Günter Mussmann wohnt noch heute in Neheim, seine Straße heißt "Möhneufer". Er bittet in seine gute Stube, ein holzvertäfeltes Zimmer, etwas dunkel, zwischen den Pflanzen am Fenstersims fällt nur wenig Sonne herein. In einer Ecke des Zimmers steht, aus Holz geschnitten, eine fast meterhohe Marienfigur.

Der 16. Mai 1943 ist Muttertag, ein herrlich warmer Sonntag. Für Günter ist es der letzte Tag vor seiner Einberufung zur Luftwaffe, die Familie versammelt sich. Der 17-jährige Junge hat einen "faulen Tag", er trifft sich noch mit Freunden. Abends kann er nicht einschlafen.

Kurz nach Mitternacht plötzlich der sägende Ton des Fliegeralarms. Günter Mussmann rennt auf die Straße, bald hört er Flugzeuge dröhnen, "mehrmals, als ob sie im Kreis fliegen", erinnert er sich. Dann hört er Explosionen im Osten, dumpf und gewaltig. Dort, wo die Möhne aufgestaut wird. Unruhe breitet sich aus. "Unser Nachbar, der Bauer Humpert, bekam einen Anruf", erzählt Mussmann. "Ein befreundeter Landwirt auf der Haar hatte beobachtet, wie alliierte Bomber die Möhnesee-Sperre angriffen." Mussmann hält kurz inne, schenkt sich Wasser ein. Er spricht einen tiefen westfälischen Akzent, seine Augen sind hell und klar, seine Stirn ist ausgeprägt.

Die Möhne kommt!

Insgesamt fünf Lancaster-Bomber der Royal Air Force erreichten am 17. Mai gegen 0.15 Uhr die Talsperre am Möhnesee und begannen mit dem Angriff. Dazu mussten sie die Wasseroberfläche in extrem geringer Höhe überfliegen und die Bombe an einer ganz bestimmten Stelle ausklinken. Im sechsten Angriffsversuch um 0.49 Uhr war Pilot Maltby erfolgreich. Seine Bombe sank entlang der Mauer ab und detonierte in etwa zehn Meter Wassertiefe, dem errechneten Schwachpunkt. Die Sperrmauer zerbarst auf fast 70 Meter Länge. Eine Minute später war das Dorf Günne überschwemmt und 135 Millionen Kubikmeter Wasser walzten auf Neheim zu.

Im Schlafanzug läuft Günter Mussmann mit Freunden zum örtlichen Polizeihauptmann, berichtet ihm von dem Anruf des Nachbarn. Aber der Mann bleibt bei seinem Befehl, "wir sollten endlich mit unserem Arsch in den Keller". Sie rennen wieder hinaus, und plötzlich ist da dieses Rauschen. Der junge Mussmann und seine Nachbarn schätzen das Geräusch grundlegend falsch ein. "Wir dachten, dass sei die allnächtliche Eisenbahn über Arnsberg und Kassel, die Ersatzmaterial an die Ostfront bringt." Doch als der Junge eine Gischtwolke in der sternklaren Nacht wahrnimmt, ist klar, dass die Möhne kommt. Er stürzt ins Haus, reißt seine Mutter aus dem Bett. Im Nachthemd flieht, stolpert sie mit ihrem Sohn und etlichen anderen Nachbarn auf den Totenberg, eine kleine Anhöhe. Beide entkommen nur knapp dem Wasser.

Als erstes überrollte die bis zu zehn Meter hohe Flutwelle ein Arbeitslager am Flussufer, wo vor allem russische Frauen für verschiedene Firmen aus dem Ruhrgebiet schufteten. Das Wasser riss alles mit sich. Häuser, Menschen, Möbel, Bäume, Vieh. Viele Neheimer, die im Luftschutzkeller Zuflucht gesucht hatten, ertranken. Günter Mussmann stand auf dem Totenberg, sah seinen Ort versinken. "Da trieb ein Barackendach auf dem Wasser, wie eine Arche in der Sintflut. Darauf waren Frauen, Zwangsarbeiterinnen. Sie schrien. Doch dann stürzte das Dach gegen eine Brücke und zerplatzte. Dann war es still."

Als Mussmann sich an diese Nacht erinnert, kämpft er gegen die Tränen. Er starrt geradeaus. "Ich kann die Hilfeschreie noch heute hören", sagt er.

Die Katastrophe wird sichtbar

Als der Junge und seine Mutter gegen 6 Uhr morgens wieder in den Ort herabstiegen, trauten sie ihren Augen kaum: Ihr Haus war als einziges in der ganzen Gegend stehen geblieben. Die Treppe hing schief, das Innere war ein Schlammchaos. Nur die Einmachgläser, erinnert sich Mussmann, "von denen war keins kaputt". Im Obergeschoss ragte ein Baum durch das Fenster, darin hing eine tote Frau, eine Russin aus dem Arbeitslager. "Da musste ich erst mal zum Klo", sagt Mussmann. Die Bilanz für Neheim war verheerend. "Die Häuser, die Leute, alles weg." Etwa 1500 Menschen verloren bei der Möhnesee-Katastrophe ihr Leben, Tierkadaver wurden noch Tage später an Rhein und Ruhr angeschwemmt.

Hatte er selbst Todesangst? Eine kurze Stille. "Ich bin gerade so davongekommen, hatte schon nasse Füße." Mehr möchte er nicht dazu sagen.

Ihr Ziel, durch eine Lahmlegung der Rüstungsproduktion im Ruhrgebiet den Krieg zu verkürzen, verfehlte die Royal Air Force. Zwar kam es zu wochenlangen Produktionsausfällen bei Stahlwerken und Kokereien, die meisten Schäden wurden durch enormen Aufwand aber bis Ende Juli 1943 behoben. Die Möhnesee-Talsperre wurde bis Oktober desselben Jahres wieder aufgebaut.

In England wurde der Angriff als entscheidende Kriegswende gefeiert, dort kennt jeder den Möhnesee und die "Dam Busters". Für das Sauerland war dieser Angriff das zentrale Kriegsereignis im Zweiten Weltkrieg.

Wie vor 65 Jahren scheint auch heute die Sonne. Günter Mussmann löst sich vom Anblick des Sees und geht auf zwei Krücken zurück zum Auto. Trotz der Tragödie, die ihm und seiner Stadt soviel Leid bescherte: Freut er sich trotzdem noch, hier oben zu sein? Ganz fest nickt Mussmann mit dem Kopf: "Die Liebe zum Möhnesee", sagt er, "die kann man nicht verlieren."

insgesamt 5 Beiträge
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bugme not, 16.05.2008
1.
"135 Kubikmeter Wasser stürzten ins Möhnetal." ??? Ich vermute es war etwas mehr...
Sascha Noelke, 16.05.2008
2.
Die gute alte RAF (Royal Airforce). Zu welchem kriegsentscheidenden Zweck wurde die Staumauer - ebenso wie die Edertalsperre - gesprengt? Bei der Edertalsprerre war es von vornherein gewiss, dass die Wassermassen niemals bis nach Kassel reichen würden, wo die Rüstung auf vollen Touren lief. Geschweigedenn bis nach Hirschhagen (bei Hessisch Lichtenau), wo die Munitionsfabriken aus Kassel zum Teil ausgelagert wurden! Also - mit welchem militärischen Zwecke wurde so viel Leid über die Zivilisten gebracht?
Marga Hannon, 17.05.2008
3.
Und in Adelaide, Südaustralien, wurde heute unter Beteiligung der Staatsregierung eine Plakette enthüllt, die drei australische Bomberpiloten für die Bombardierung der Möhnetalsperre ehrt. Die Medien berichteten groß und breit vom Heldentum der Piloten, und kein, nicht ein einziges Wort, zu den Verlusten der Zivilbevölkerung.
Thomas Schurch, 08.12.2008
4.
Der Bericht des Zeitzeugen ist beeidruckend, aber die Bemerkungen su den Auswirkungen desjenigen der berichtet ist von beeindrueckender Dummheit, oder von ewiggestrigen verbohrtheit! Wieviel Panzer, Granaten etc wurden wegen der Unterbrueche nicht gebaut? Wieviel Auwand ging in dei Verstaerkung des Schutzes aller Talsperren in Deutschland? Im Uebrigen ging es natuerlich nicht in nur um dei Wasservesorgung sondern auch um die Energieversorgung, denn Energie war ein grosser Engpass. Dasselbe trift natuerlich auch auf den Kommentar von Sacha Noelke zu. Jeder Tga, um den der krieg durch die Aktion verkuerzt wurde hat mehr Menschenleben gespart, als der Dammbruch gekostet hat! Sodaten ebenso wie Zivisisten. Wenn man den Englaendern und der RAF einen Vorwurf machen kann, dann der , dass sie nicht mehr solche Aktionen gemacht haben, als die wesentlich weniger wirksamen (aber nicht unwirksamen) Staedte Bombardieruneg. Zuletzt noch meoen Hochachtung fuer dei Bomberpiloten und alles Australischen und Neuseelaendischen Soldaten, dei in Europa fuer unsere Zivilisation kaempften, waehrend doch iehre Heimar in hoechster Gefahr war!
Steffen Peleikis, 08.12.2008
5.
@Sascha Noelke: Es war nicht das Ziel, die Industrie mit den Wassermassen direkt zu treffen. Ohne den Damm war es nun nichtmehr möglich, den Wasserstand der Ruhr zu regulieren. Das nun fehlende Wasser und der zeitweise Ausfall der Industrie war vielleicht nicht kriegsentscheidend, da der Drops zu dem Zeitpunkt militärisch schon gelutscht war, aber zumindest kriegsbeeinflussend.
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