Stauffenbergs Witwe "Heldin im Hintergrund"

Nina von Stauffenberg war die Frau des Mannes, der am 20. Juli 1944 Hitler zu töten versuchte. Lange stand die Witwe im Schatten des Gatten - nun hat die jüngste Stauffenberg-Tochter Konstanze von Schulthess, 63, ihrer Mutter, die 2006 starb, mit einem sehr persönlichen Buchporträt das verdiente Denkmal gesetzt.


einestages: Frau von Schulthess, Sie haben ein Buch über Ihre Mutter Nina Stauffenberg geschrieben, die Frau des Hitler-Attentäters Claus Stauffenberg. Warum dieses Buch, nun, zwei Jahre nach dem Tod Ihrer Mutter?

Schulthess: Meine Mutter war enttäuscht darüber, wie sie in der ein oder anderen Biografie oder auch im Fernsehfilm über die Widerstandsbewegung des 20. Juli, der vor vier Jahren in der ARD lief, dargestellt worden ist. In diesem Film war sie eine verbitterte Frau, die von den Plänen meines Vaters nichts wissen wollte. Das hat sie tief gekränkt. Uns Kindern hat sie immer erzählt, dass es ganz anders war, dass sie Bescheid wusste und meinen Vater unterstützt hat.

einestages: In ihrem Buch nennen Sie ein erstaunlich frühes Datum, an dem Ihr Vater bereits beschlossen hatte, Hitler zu töten und an dem dann auch Ihre Mutter Bescheid wusste: das Jahr 1939. Historiker aber sind zu dem Schluss gekommen, Ihr Vater habe erst im Jahr 1942 wirklich beschlossen Hitler zu töten.

Schulthess: Ja, es gab eine große Debatte darüber, wann genau es war. Unsere Mutter hat immer beide Daten genannt: 1939 und 1942. 1939 waren die Anfänge, 1942 war dann der Entschluss unumstößlich.

einestages: Als Tochter die Biografin der Mutter zu sein - ist es da möglich, eine weitgehend objektive Sichtweise einzunehmen?

Schulthess: Ich habe im Buch bewusst geschrieben, dass es keine Biografie ist, sondern ein Porträt. Ich habe natürlich gelesen, was über meine Mutter veröffentlicht wurde, habe mich auch mit meinen Geschwistern unterhalten, aber letztlich wollte ich ein sehr persönliches Bild von dieser doch sehr starken und ungebrochenen Heldin im Hintergrund zeigen. Ich bin keine geborene Schriftstellerin, aber die Geschichte hat mich dann doch sehr fasziniert. Der Tod meiner Mutter hat für mich einiges ins Rollen gebracht, ich bin ihr in den letzten Jahren auf einer ganz anderen Ebene begegnet.

einestages: Das Buch ist indirekt auch ein Buch über Sie selbst. Ihre Mutter war im dritten Monat mit Ihnen schwanger als Ihr Vater das Attentat unternahm. Sie wurde dann in Sippenhaft genommen, kam ins Gefängnis, ins KZ, rechnete damit, hingerichtet zu werden, was dann vielleicht nur deswegen nicht geschah, weil das NS-Regime zunehmend handlungsunfähig wurde. Heute gehen Forscher davon aus, dass Ungeborene manches mitbekommen von den Gefühlen, dem Stress, dem eine Schwangere ausgesetzt ist - gruselt es Sie manchmal, wenn Sie an Ihren Start ins Leben denken?

Schulthess: Nein, meine Mutter hat ja großartig durchgehalten. Sie war lange vor dem Attentat darauf eingestellt, dass sie ein schlimmes Schicksal erwarten könnte. Was dann kam, war für sie nicht völlig überraschend. Das ist wichtig, um ihren Gefühlszustand zu erklären. Natürlich war es schlimm, aber sie hat alles mit einer Art Stolz bewältigt. Ich kam dann auch pünktlich und immerhin in einer Klinik zur Welt, allerdings unter falschem Namen und als Tochter einer Gefangenen. Ich war ein gesundes, dickes Kind. Bald allerdings wurde ich krank und galt als "Verreckerle", aber meiner Mutter ist es gelungen, mich am Leben zu halten. Durch diese Geschichte hatten wir vielleicht eine sehr besondere Bindung.

einestages: Gab es in Ihrer Familie später Diskussionen, warum Ihr Vater Ihnen all das angetan hat? Ihre Geschwister kamen ja ins Heim und waren ein Jahr lang von Ihrer Mutter getrennt, Ihre Familie - oder das, was von ihr übrig geblieben war - kam erst im Sommer 1945 wieder zusammen.

Schulthess: Nein, es gab keine Vorwürfe an meinen Vater, überhaupt nicht. Wirklich nicht. Für manche mag das erstaunlich klingen, aber es ist so.

einestages: Wie erklären Sie sich das?

Schulthess: Es war die Haltung meiner Mutter. Ihre uneingeschränkte Liebe zu meinem Vater auch nach seinem Tod. Sie hatte immer das absolute, uneingeschränkte Vertrauen, dass es richtig ist, was er macht. Übrigens hatten wir auch nicht das Problem, eines Tages aufzuwachen und herauszufinden, dass unser Vater ein strammer Nazi war, wie es ja vielen Gleichaltrigen erging. Außerdem hatten einige Freunde keine Väter mehr. Zumindest das war in meiner Generation nicht ungewöhnlich.

einestages: Es heißt oft, die Familie Stauffenberg sei in der Nachkriegszeit als Familie eines Verräters diffamiert worden. Haben Sie das so erlebt?

Schulthess: Nein. Bis 1953 haben wir im Haus meiner Großmutter, der Mutter meines Vaters, im schwäbischen Lautlingen gewohnt. Die Familie Stauffenberg war im Ort sehr anerkannt, da fiel kein böses Wort. Und später auch nicht, eher im Gegenteil: Ich war nicht gerade eine Musterschülerin, war ziemlich lebhaft und habe dummes Zeugs gemacht, da haben Lehrer dann manchmal gesagt: Ausgerechnet Du, als Tochter Deines Vaters, solltest Dich besser benehmen - das fand ich lästig.

einestages: Wie würden Sie Ihre Mutter insgesamt charakterisieren?

Schulthess: Sie war zu uns Kindern schon streng, hat sehr auf gute Manieren geachtet. Aber sie war auch immer bescheiden, brauchte keinen Luxus, hat auch keinen Persönlichkeitskult erwartet. Dennoch war sie sich ihrer Position als Witwe ihres Mannes, als Zeitzeugin, absolut bewusst und war sich auch ihrer eigenen Persönlichkeit bewusst. Sie hat eine ganz einfache, natürliche Autorität ausgestrahlt. Der Respekt kam von ganz alleine.

Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Susanne Beyer



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Andreas Gorsler, 22.04.2008
1.
In einem irrt der Fragensteller: das Regime vor 1945 als zunehmend handlungsunfähig darzustellen, spricht der Realität der steigenden Opferzahlen hohn. Nein, in Wahrheit war wirklich erst Schluss, wenn alliierte Soldaten da waren.
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