"Steakhaus-Massaker" Der Pate, die Wanze und das Mädchen

"Steakhaus-Massaker": Der Pate, die Wanze und das Mädchen Fotos
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Er war der Pate von New York, Amerikas mächtigster Gangster - und doch ein einsamer Mann. Paul Castellano versteckte sich mit seiner Geliebten in einer Prunkvilla, vor der Polizei und den Feinden in den eigenen Reihen. Eine kleine Abhörwanze des FBI war das Todesurteil für den Unterweltboss - vollstreckt wurde es vor 25 Jahren von einem machtgierigen Konkurrenten. Von

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Constantino Paul Castellano wollte am liebsten nie mehr raus, er hatte sich zurückgezogen in seine Villa auf Staten Island. 17 Zimmer, die Bar im Keller, die riesige Küche mit dem Esstisch. Und Gloria, das Hausmädchen aus Kolumbien und gleichzeitig Geliebte. Immer seltener war der Siebzigjährige außerhalb seiner Festung gesehen worden. Doch an diesem Wintertag 1985 muss Castellano, der Pate von New York, vor die Tür. Es soll das letzte Mal in seinem Leben sein.

Es ist ein vertrauter Feind, der den mächtigsten Mafiaboss der USA aus dem Haus lockt. John Gotti, 45, wie Castellano ein Mitglied der Gambino-Familie, strebt selbst nach der Macht - und Castellano ist ihm im Weg. Aber Gotti braucht einen Vorwand, den Widersacher aus dem Schutz der Villa zu holen. Also vereinbart er ein Treffen, bei dem es um die Zukunft der eigenen Familie und die der gesamten New Yorker Mafia gehen soll. Die Lage ist tatsächlich ernst: Wie nie zuvor setzen Polizei und FBI dem organisierten Verbrechen zu. Der überehrgeizige Bundesstaatsanwalt Rudolph Giuliani bereitet einen Prozess gegen die Unterweltgrößen vor.

Das Treffen zwischen Gotti und Castellano soll am 16. Dezember in Sparks Steakhouse stattfinden. Doch statt Fleisch gibt es ein Blutbad. Denn als Castellano und sein Vertrauter Thomas Bilotti um 17.26 Uhr in der 46. Straße aus ihrem Lincoln steigen, warten statt Gotti vier Männer in Trenchcoats auf den Paten. Mit jeweils sechs Schüssen werden Castellano und sein Begleiter niedergestreckt. Die Hinrichtung in aller Öffentlichkeit geht als "Steakhouse Massacre" in die Kriminalgeschichte ein. John Gotti sitzt in einem Auto auf der anderen Straßenseite und sieht seinen Killern bei der Arbeit zu. Wenig später wird er zum Nachfolger des Mannes gewählt, den er hatte ermorden lassen.

Ein Schlachter macht Karriere

Dem Paten Castellano war am Ende ein Affront zum Verhängnis geworden: Er war der Beerdigung eines Unterbosses ferngeblieben. Doch besiegelt wurde das Schicksal des mächtigsten New Yorker Mobsters durch eine kleine Abhörwanze des FBI. Erst diese Unvorsichtigkeit des Bosses ebnete Gotti den Weg und beendete eine der schillerndsten Gewaltkarrieren in der Geschichte der US-Mafia.

Castellano wächst im kleinkriminellen Milieu italienischer Einwanderer in Brooklyn auf. Noch vor der achten Klasse verlässt er die Schule und wird Schlachter. Mit 19 überfällt er mit zwei Freunden ein Bekleidungsgeschäft. Der Raub scheitert, Castellano wird geschnappt. Angebote der Justiz, die Mittäter gegen Straferlass zu verraten, lehnt er ab. Castellano muss ein Jahr ins Gefängnis, wird aber bereits nach drei Monaten entlassen. Es ist gut investierte Zeit. Ab sofort gilt er als "Steher", der andere nicht für den eigenen Vorteil verrät. Sein Aufstieg beginnt, unterstützt auch dadurch, dass Carlo Gambino eine Schwester Castellanos heiratet. Gambino ist bald einer der einflussreichsten Mobster und wird als Kopf der gleichnamigen Familie 1957 zum Paten von New York.

Paul Castellano wird zu einem der Capos des Gambino-Clans und hat bald praktisch den gesamten Fleischhandel in New York in der Hand. Wenn eine Firma nicht spurt, wird gestreikt - Castellano kontrolliert auch die Fleischergewerkschaft. Wirtschaftskriminalität ist Castellanos großes Geschäft, nicht jedem in der Gambino-Familie gefällt das.

Das FBI entschließt sich, die Villa des Paten zu verwanzen

Aniello Dellacroce zum Beispiel. Er ist Unterboss im Clan, ein Rang höher als Castellano, mit direktem Kontakt zu Carlo Gambino. Dellacroce favorisiert das "alte" Geschäft: Erpressung, Kreditwucher, Glücksspiel und den Handel mit Heroin. Außerdem kontrolliert er eine der brutalsten Straßengangs der Stadt, angeführt von einem gewissen John Gotti. Dellacroce versteht nichts von Castellanos Geschäften, für die man Anwälte und Wirtschaftsberater braucht. Und als Unterboss ist Dellacroce eigentlich erster Anwärter auf die Position des Paten.

Doch bevor Carlo Gambino 1976 stirbt, macht er Castellano zu seinem Nachfolger. Er hält dessen Geschäfte für moderner, den Handel mit Heroin verabscheut Gambino. Das Risiko ist ihm zu groß: Beim Handel mit Rauschgift versteht der Staat keinen Spaß. Dellacroce stimmt der Ernennung Castellanos zum Paten widerwillig zu.

Paul Castellano führt die Gambino-Familie in ein goldenes Zeitalter. Auch die Geschäfte der Genoveses, der Colombos, der Luccheses und der Bonannos prosperieren. Doch dadurch wächst auch die Aufmerksamkeit des Staates. Das FBI beginnt, intensiv gegen Castellano zu ermitteln. Nach fast zwei Jahren erfolgloser Arbeit entschließen sich die Bundespolizisten Ende 1982, Castellanos Villa zu verwanzen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen: Der Pate verlässt viel zu selten sein Haus, das Anwesen wird von zwei Dobermännern bewacht und niemand weiß, wo Castellano seine Geschäfte bespricht. Wo also soll die Wanze platziert werden?

Der Innenausstatter verquatscht sich

Es ist Castellanos geschwätziger Innenausstatter, der dem FBI ungewollt behilflich ist. Lange verrät er im Verhör nichts. Als ein Agent schließlich behauptet, in so einer großen Villa könne er nie leben, weil sie viel zu einschüchternd sei, fühlt sich der Innenausstatter herausgefordert. Ohne zu merken, welchen Fehler er begeht, malt er den Grundriss auf, um die Vorzüge des Zimmerzuschnitts zu demonstrieren. Und er verrät, dass Castellano seine Gäste ausschließlich am Küchentisch empfängt. Anhand der Pläne baut das FBI die Küche des Paten in einem Akustiklabor nach. Als bester Platz für die Wanze wird eine große Stehlampe bestimmt, die über den Küchentisch reicht.

Nun wird die Villa wochenlang observiert. Sogar mit einem Kleinflugzeug kreisen FBI-Agenten über dem Grundstück. Man will die Stellen ausmachen, wo die Dobermänner ihr Geschäft verrichten. Im März 1983 ist es endlich so weit. Castellano verbringt ein paar seiner seltenen Urlaubstage in Florida - ohne seine Frau, aber mit Gloria, dem Hausmädchen. Noch am Abend seiner Abreise schlägt das FBI zu. Agenten werfen Fleischstücke über den Zaun, die die Hunde fressen. Die Koteletts sind mit einem verzögert wirkenden Mittel präpariert, denn die Dobermänner sollen erst schlafen, wenn sie im Haus sind. In der Nacht dringen Agenten in das Haus ein und installieren die Wanze. Die ersten Worte, die aus der Küche übermittelt werden, stammen von Castellanos Ehefrau Nina, die mit ihren Hunden spricht: "Gott, seid ihr verschlafen heute morgen."

In den kommenden Monaten wird die Wanze zu einer höchstergiebigen Quelle. Das FBI bekommt ein so detailliertes wie erschreckendes Bild der Mafia-Macht. Die Paten kontrollieren die Müllabfuhr, den Fleischhandel, das Porno-Geschäft, Nachtclubs, Speditionen, Wäschereien, das Abbruchgeschäft. Kein Wolkenkratzer wird gebaut, ohne dass Castellano mit der Lieferung von Zement daran verdient. Der Pate beherrscht zehn Gewerkschaften. Aber auch die brutale Seite des Paten wird sichtbar: Etwa wenn er entscheidet, dass ein in Ungnade gefallener Gangster ermordet werden soll. Doch privat zeigt sich der Pate oft als wehleidiger: Er ist ein alter Mann mit Herzproblemen, dem eine schwere Diabetes die Manneskraft geraubt hat.

Zwei Stimmen fehlen auf den Bändern

Das FBI hört auch mit, wie Castellano nach einer Operation sein Penisimplantat preist – nicht gegenüber seiner Frau, sondern gegenüber Gloria. Längst haben der Boss der Bosse und sein Hausmädchen eine Beziehung. Es ist der erste große Fehler des Paten: Castellano hat mit dem ehernen Mafia-Gesetz gebrochen, die eigene Ehefrau nicht öffentlich zu demütigen. Nina Castellano zieht später aus dem Haus aus.

Im Laufe der Ermittlungen wird dem FBI immer klarer, dass Castellano ein ernstes Problem in der Gambino-Familie hat. Egal ob Capo oder einfacher Soldat, irgendwann ist jeder beim Paten im Haus gewesen. Nur zwei Stimmen sind nicht auf den Bändern zu hören: die von Unterboss Aniello Dellacroce und dessen Handlanger John Gotti. Beide machen mit Heroin das große Geschäft, obwohl Castellano das verboten hat. Beide verabscheuen ihn inzwischen zutiefst. Weil er sich in seiner teuren Villa verschanzt, weil seine Geschäfte für ihn Millionen, aber für die einfachen Gangster kaum etwas abwerfen - und weil er seine Frau betrügt. Aber noch hält Aniello Dellacroce John Gotti zurück.

An allen Fronten ermitteln 1984 FBI und Staatsanwaltschaft gegen den Mob. Am 30. März kommt es zu einem ersten Showdown zwischen Castellano und Rudolph Giuliani. Der ist ein Jahr zuvor vom Justizministerium zum Bundesstaatsanwalt von New York und damit zum Chefermittler gegen die Mafia ernannt worden. Giuliani macht einem Mitglied der Gambino-Familie wegen Mordes den Prozess. Der Pate wird vorgeladen und der Mitwisserschaft beschuldigt. Nachweisen lässt sich das nicht. Castellano fühlt sich sicher. So sicher, dass er für den 15. Mai ein Treffen der Bosse aller fünf Familien einberuft. Doch ein Informant steckt das dem FBI, Castellano und die anderen Mobster werden fotografiert. Erstmalig kann damit bewiesen werden, dass sich die fünf Familien bei ihren kriminellen Geschäften absprechen.

Mit diesen Fotos und den abgehörten Gesprächen kann Giuliani der Mafia an den Kragen. Am 25. Februar 1985 werden die Clanchefs zeitgleich verhaftet. Während der Fahrt im Polizeiwagen hört Paul Castellano im Autoradio, dass das FBI in seinem Haus eine Wanze installiert hat. Er ist fassungslos und weiß zugleich, was das bedeutet. Er sieht einer langen Haftstrafe entgegen, für seine eigenen Leute ist er nun ein Risiko. Castellano muss zwei Millionen Dollar Kaution stellen und verlässt sein Haus noch seltener. Als Aniello Dellacroce am 2. Dezember 1985 stirbt, begeht Castellano einen letzten Fehler: Er kommt nicht zur Beerdigung seines Unterbosses. Castellano hat sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Und John Gotti bittet den Paten zu Tisch.

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Klaus Heil 17.12.2010
Das Sparks existiert immer noch und ist eines der besten Steakhäuser in NY. Die Geschichte zu Castellano wurde von den beiden FBI-Agenten Kurins und O`Brian unter dem Titel "Ehrenwerte Männer" auch in Deutschland veröffentlicht. Originaltitel: Boss of Bosses.
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