Protest beim Völkerbund Der Mann, der mit seinem Selbstmord Hitler stoppen wollte

Vor den Augen der Völkerbund-Delegierten erschoss sich vor 80 Jahren der Künstler und Journalist Stefan Lux. Sein radikaler Protest sollte zum Kampf gegen Hitler aufrufen. Doch die Welt schaute weg.

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Die Herren in den dunklen Anzügen hatten sich auf eine normale Sitzung eingerichtet. Die Völkerbundversammlung in Genf beriet über Sanktionen gegen Mussolinis Italien, wegen der Invasion in Abessinien. An diesem Morgen des 3. Juli 1936 war den meisten klar, dass man keine durchgreifenden Maßnahmen beschließen würde. Die Sitzung plätscherte in gepflegter Langeweile vor sich hin.

Dann geschah das Ungeheuerliche: Ein Mann mittleren Alters trat vor die Versammlung, rief "Dies ist das Ende!" Er richtete eine Pistole gegen seine Brust - und drückte ab. Entsetzen und Verwirrung machten sich breit, einige Delegierte verließen fluchtartig den Saal. Was geschah hier? Wer war dieser Mann?

Der Mann war Stefan Lux. Mit seiner Selbstopferung wollte der jüdische Journalist und Künstler ein Fanal setzen. Er wollte die Weltöffentlichkeit aus ihrer Lethargie reißen, angesichts von Judenverfolgung, Totalitarismus und drohender Kriegsgefahr.

Lux wurde 1888 in Malacky geboren, wuchs in Preßburg (heute Bratislava) auf und studierte in Budapest Jura. Bald wandte er sich ganz seiner Leidenschaft zu, dem Theater. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg erlernte er in Berlin und Wien die Schauspielerei und erhielt erste Engagements. 1911 erschien unter dem Pseudonym Peter Sturmbusch sein erster Gedichtband mit lobenden Rezensionen.

Der Krieg unterbrach die Karriere des aufstrebenden jungen Künstlers. Lux wurde Offizier in einem ungarischen Regiment, diente immer wieder an der Front, wurde mehrmals schwer verwundet. Eine Kugel blieb in seiner Lunge stecken - eine potenzielle Zeitbombe.

Sein Film "Gerechtigkeit" schaffte es nie ins Kino

Erneut zog es Lux, nunmehr tschechoslowakischer Staatsbürger, nach Berlin. Die Schrecken des Krieges hatte er überlebt, doch zunehmend trieb ihn die wachsende Judenfeindlichkeit um. Deshalb machte er sich das neueste Massenmedium zunutze: den Film. 1919 gründete er eine Filmproduktionsfirma. Ihr einziges Produkt, bei dem Lux Regie führte, trug den Titel "Gerechtigkeit" und war wohl das erste größere Filmwerk zum Thema Antisemitismus.

Trotz Starbesetzung mit Ernst Deutsch, Fritz Kortner und Rudolf Schildkraut erreichte der Film nie die Kinos. Im März 1920, die Premiere war bereit geplant, kam zunächst der Kapp-Putsch dazwischen: Konterrevolutionäre Kräfte wollten so die Weimarer Demokratie aus den Angeln heben, scheiterten aber nach fünf Tagen. Doch nach dem Putschversuch beschloss der Film-Finanzier, ein Berliner Kaufhausmagnat, sich zurückzuziehen. "Gerechtigkeit" verschwand auf Nimmerwiedersehen in den Archiven.

Lux arbeitete fortan als freier Drehbuchautor und Journalist. 1921 erschien sein zweiter Gedichtband. Er heiratete und wurde 1922 Vater. Seine materielle Lage blieb prekär; seine Themen waren nicht populär. Seine bisweilen visionären Artikel, in denen er den Antisemitismus geißelte und vor dem heraufziehenden Totalitarismus warnte, fanden keine Abnehmer. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten übersiedelte die Familie eilig nach Prag. Zur Flucht kam die Demütigung: Die in Berlin verbliebenen Möbel und Habseligkeiten behielt ihr Vermieter einfach ein.

In Prag versuchte Lux, ein jüdisches Theater zu gründen, doch das Geld reichte nur für wenige Aufführungen. In Artikeln für die linksbürgerliche Prager Presse versuchte er die Leser immer wieder aufzurütteln. Schwer zu schaffen machten ihm die Indifferenz der politischen Klasse und die Wirkungslosigkeit seiner journalistischen Arbeit. Also beschloss er, die Weltöffentlichkeit durch einen medienwirksamen Auftritt aus ihrer Lethargie zu reißen.

Politik der weißen Handschuhe

Ende Juni 1936 traf Lux in Genf ein. Sein Plan: Er wollte bei einer Versammlung des Völkerbunds, des 1920 gegründeten Vorläufers der Vereinten Nationen, von der Pressetribüne aus das Wort ergreifen und eine Rede wider die Nazis und ihre Verbrechen halten. Als Journalist besuchte er die Sitzung vom 30. Juni 1936, in der Abessiniens Kaiser Haile Selassie einen flammenden Hilfsappell an die Nationen im Völkerbund richtete - begleitet von Pfiffen und Schmährufen italienischer Journalisten.

Doch die Weltorganisation hatte längst an Bedeutung eingebüßt. Lux befürchtete, dass auch Italien trotz offenkundiger Völkerrechtsverletzungen davonkommen würde. Die endlosen Debatten und die zu befürchtende Untätigkeit nahmen ihm jede Hoffnung - eine "Politik der weißen Handschuhe", so Lux. Er kam zu dem Schluss, dass sein Aufruf vor diesem Forum ebenfalls verhallen würde und es eines weit drastischeren Aktes bedürfe.

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Gustloff-Affäre: Bluttat gegen den Nazi-Terror

Wenige Monate zuvor hatte David Frankfurter in Davos den schweizerischen NSDAP-Führer Wilhelm Gustloff erschossen. Lux war zu einem politischen Mord nicht bereit: "Wenn ich gegen jemanden die Waffe richte, dann nur gegen mich selbst." Lebensmüde war er keineswegs, liebte Frau und Sohn und das Leben überhaupt. Dennoch beschloss er das, was er als ultimatives Opfer sah.

In seinem Hotelzimmer schrieb Lux zwei Tage und Nächte wie besessen, verfasste eine Mahnschrift an den britischen Außenminister Sir Anthony Eden sowie Briefe an den Generalsekretär des Völkerbunds, den Chefredakteur des "Manchester Guardian" und an Freunde. Schließlich schrieb er an seine Frau. Am Morgen des 3. Juli bezahlte er seine Hotelrechnung, fuhr zum Völkerbund und beging die Tat, zu der er keine Alternative mehr sah.

"Ich muss sterben, damit mein Opfer Früchte trägt"

Nachdem er die Waffe gegen sich selbst gerichtet hatte, bracht Stefan Lux schwer verletzt zusammen. Er wurde sofort von einem kanadischen Delegierten und einem Völkerbund-Arzt versorgt und ins Krankenhaus gebracht. Doch die Ärzte konnten ihn nicht retten. Die Kugel war in die Lunge eingedrungen und dort nah am Projektil aus dem Weltkrieg steckengeblieben - zu nah für eine Operation. Im Todeskampf äußerte Lux: "Ich muss sterben, damit mein Opfer Früchte trägt." In der Nacht auf den 4. Juli 1936 erlag er der Schussverletzung.

Früchte trug sein Opfer jedoch nicht. Der Völkerbund spielte das Ereignis herunter, die unterbrochene Sitzung wurde kurz darauf wieder aufgenommen. Der Vorfall, vermerkte der belgische Sitzungspräsident Paul van Zeeland lakonisch, habe in keinem unmittelbaren oder mittelbaren Zusammenhang mit dem Gegenstand der Sitzung gestanden.

Trotz Anwesenheit einiger Prominenter und wichtiger Pressevertreter bei der Beerdigung von Lux und Aufmerksamkeit in der internationalen Presse geriet der öffentliche Selbstmord bald in Vergessenheit, gerade in der deutschen Presse abgetan als Tat eines jüdischen Fanatikers, ja sogar eines Geisteskranken.

Die Welt schaute weiter weg, während nationalsozialistische Horden die elementarsten Prinzipien der Zivilisation unter ihren Stiefeln zertrampelten. "Ihr werdet vor Ruinen stehen!", hatte Stefan Lux dem britischen Außenminister geschrieben. Wenige Jahre nach seinem Tod brach über die Menschheit die Katastrophe herein, die er voraussagte.

insgesamt 8 Beiträge
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Stefan Oswald, 02.07.2016
1.
Vollen Respekt Stefan Lux ! Schade das es keinen Wandel brachte. Danke SPON für diesen Artikel.
Jesus Christus, 02.07.2016
2. nunja
"Nach seinem Tod brach über die Menschheit die Katastrophe herein, die er voraussagte." Die Katastrophe brach nicht einfach herein, sie wurde von den Menschen selbst verursacht. Das traurige ist, dass manche Menschen null-komma-nix gelernt haben. Man könnte jetzt sagen, dann hätten sie dieses Schicksal auch nicht anders verdient, aber leider werden auch immer Leute mit rein gezogen die eigentlich schlauer sind. Das ist das eigentliche Elend. Das ständige Säbelgerassel und der zunehmende Erfolg von Wahrheitsverdrehern und Hetzern wird von Tag zu Tag unerträglicher.
Bodo Kother, 02.07.2016
3.
Bislang wusste ich nicht, dass es so eine Aktion gegeben hat. Der Mann hat sein Leben für seine Erkenntnis gegeben und dieser dazu zu verhelfen offenbar zu werden. Ich glaube nicht, dass ich das bewerkstelligen könnte.
Jörg Cornely, 03.07.2016
4. Selbstmord als politisches Statement,
halte ich für eher fragwürdig. Ebenso politischen Mord. Beides ist weder konstruktiv noch geeignet irgend etwas am Lauf der Geschichte zu ändern. Sinnvoll ist die mutige politische Auseinandersetzung mit dem Fanatismus jeglicher Coleur. Bei derartigen Taten ist zudem nicht mit Sicherheit auszuschließen, in wieweit eine narzistische Kränkung mit ursächlich war.
Thomas Kahl, 03.07.2016
5. Idealisitscher Lebensversager...
...was ist aus seiner Frau dem Kind geworden ?
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