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Umstrittener ukrainischer Nationalist Bandera Tiefe Verehrung, tiefer Hass

Umstrittener ukrainischer Nationalist Bandera: Tiefe Verehrung, tiefer Hass Fotos
REUTERS

Erst wurde er zum "Helden der Ukraine" ernannt, dann wurde Stepan Bandera der Titel wieder aberkannt: Kaum eine Figur steht so sehr für die Zerrissenheit des Landes wie der Nationalist, der gegen Russen und Nazis kämpfte. Bis heute löst sein Name heftige Emotionen aus. Von

Es sollte eine Ehrung für die Ewigkeit sein. Postum zum "Helden der Ukraine" ernannt zu werden, das ist eine Auszeichnung für die Nachwelt, für die Geschichtsbücher, für feierliche Reden. Ein Titel, der eigentlich die unterschiedlichsten Menschen aus allen Landesteilen vereinen sollte.

Der Unabhängigkeitskämpfer Stepan Bandera hingegen blieb nur für 39 Tage ein Held.

Am 22. Januar 2010 war ihm von Wiktor Juschtschenko der Ehrentitel "Held der Ukraine" verliehen worden, für dessen "Kampf für die Freiheit der Ukraine". Es war eine der letzten Maßnahmen des scheidenden Präsidenten. Sein Nachfolger und Dauerrivale Wiktor Janukowitsch kündigte wenige Tage danach an, er werde Bandera den Heldenstatus wieder aberkennen. Ein Gericht in Janukowitschs Heimatstadt Donezk tilgte den Titel am 2. April 2010.

Was wie eine Privatfehde zweier zutiefst verfeindeter Politiker wirkt, lässt in Wirklichkeit einen tiefen Blick in die Volksseele der Ukraine zu. Bandera und die Fälle anderer umstrittener, längst verstorbener ukrainischer Nationalisten lassen erahnen, wie gespalten dieses Land ist. Nicht nur in der Krim-Frage. Und wie schwierig es ist, sich auf eine auch nur ansatzweise gemeinsame Bewertung der eigenen Geschichte und Identität zu einigen. Denn der Nationalismus, der Janukowitsch nach den Protesten in Kiew mit aus dem Amt spülte, hat historische Wurzeln, die bis heute heftige Emotionen auslösen.

Kriegsverbrecher oder Volksheld

Bandera etwa gilt bis heute im russisch geprägten Osten der Ukraine als Kriegsverbrecher, Terrorist, Faschist, Antisemit und NS-Kollaborateur. Ebenso harsch sind die Einschätzungen in Polen und Russland. In sowjetischen Schulbüchern wurde er über Jahrzehnte als Vorzeigebösewicht dargestellt, verantwortlich - zumindest als geistiger Wegbereiter - für etliche Massaker der "Ukrainischen Aufständischen Armee" (UPA) an der polnischen Zivilbevölkerung während des Zweiten Weltkriegs. In der Westukraine hingegen wird Bandera bis heute als Volksheld und Widerstandskämpfer gefeiert, der sich sowohl gegen die sowjetischen als auch gegen die deutschen Aggressoren gewehrt habe. Etliche Straßen in der Westukraine tragen seinen Namen, es gibt Bandera-Büsten, und in Lwiw, dem früheren Lemberg, soll ein Bandera-Mausoleum entstehen.

Auch in den vergangenen Wochen sah man sein Konterfei immer wieder: Nationalistische, mitunter auch rechtsextreme Teile der Opposition wie etwa die Anhänger der "Swoboda"-Partei demonstrierten mit großen Bandera-Plakaten gegen Janukowitsch. Anhänger von Janukowitsch wiederum verbrannten Bandera-Bilder, auf denen das Gesicht vielfach mit einem großen X übermalt war. Tiefer Hass und tiefe Verehrung, Verräter oder Freiheitskämpfer - wie kommt es, dass ein Mann mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod 1959 immer noch so gegensätzliche Gefühle hervorruft?

Die Ursachen dafür liegen in der Zwischenkriegszeit - einer Zeit, in der die Ukraine ein Volk ohne Staat war. Als die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, machten sich viele Ukrainer Hoffnung auf einen eigenen Nationalstaat. Eine "West-Ukrainische Volksrepublik" wurde 1918 ausgerufen, doch sie konnte sich im machtpolitischen Gezerre zwischen Polen und der Sowjetunion nicht halten. Das größte Gebiet, Galizien, fiel drei Jahre später Polen zu; der Rest der Tschechoslowakei und Rumänien. Im Osten wiederum setzten sich die Bolschewiken durch, und es entstand die "Ukrainische Sowjetische Sowjetrepublik" (USSR), die ab 1922 Mitglied in der neu gegründeten UdSSR wurde.

Glühende Nationalisten wie eben der Priestersohn Bandera wollten sich mit der Situation nicht abfinden und kämpften ab 1929 in der "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN) gegen die als Besatzer empfundenen Polen und Russen für ihren Traum einer Groß-Ukraine. Dabei schreckten sie von Beginn an nicht vor radikalen Methoden zurück: Sie verübten etliche Anschläge auf polnische Politiker, bei denen auch der Innenminister Bronislaw Pieracki getötet wurde, den die Nationalisten für die Repressionen gegen die ukrainische Minderheit verantwortlich machten. Bandera wurde als Drahtzieher des Attentats verurteilt und wanderte 1935 ins Zuchthaus. Doch als vier Jahre später die Wehrmacht Polen überfiel, ließen ihn die neuen Machthaber wieder frei - in der Hoffnung, einen willfährigen Gehilfen im Kampf gegen die Sowjetunion gefunden zu haben, der "provokatorische Putsche in der Ukraine" organisieren werde.

Erst Kooperation, dann KZ

Für die Gründung eines eigenen Staates war der OUN anfangs tatsächlich jedes Mittel Recht, selbst eine "amoralische" Kooperation, wie es ihr Chefideologe Dmytro Donzow formulierte. Und so kämpften die ukrainischen Bataillone "Nachtigall" und "Roland" 1941 für die Wehrmacht gegen die Sowjetunion. Alles schien ganz nach dem Kalkül der NS-Strategen zu laufen. Doch dann marschierte Bandera mit seinen Vertrauten in Lemberg ein und rief am 30. Juni 1941 auf dem Marktplatz eine unabhängige Ukraine aus - ohne Rücksprache mit seinen deutschen Partnern. Mit Jaroslaw Stezko wurde sofort ein "Regierungschef" ernannt. Es war der etwas naive Versuch, Tatsachen zu schaffen, denn die Wehrmacht hatte Lemberg noch nicht erreicht.

Es war der folgenreichste Schritt in Banderas Leben, Ausgangspunkt für seine spätere Beurteilung. Fünf Tage lang währte das Experiment, fünf Tage lang konnte sich die OUN am Ziel wähnen und hoffen, dass die Deutschen den Ukrainern tatsächlich Autonomie gewähren würden - so wie es NS-Ideologe Alfred Rosenberg versprochen hatte. Dann kamen SS-Einheiten, nahmen Bandera und seine Mitstreiter fest und brachten sie ins KZ Sachsenhausen.

Für die Anhänger Banderas ist das bis heute der Beweis, dass ihr Held weniger ein NS-Kollaborateur war als ein Opfer des Dritten Reichs, dem es allein um das Wohl einer freien Ukraine gegangen sei. Seine Gegner hingegen präsentieren gerne Fotos, die Bandera inmitten deutscher Offiziere zeigen. Zudem machen sie ihn, obwohl er bis 1944 in Haft blieb, mitverantwortlich für die Massaker, die die OUN und die daraus entstandene "Ukrainische Aufständische Armee" UPA verübte - an Juden und besonders an der polnischen Zivilbevölkerung. Ab 1943 gab es sogar eine ukrainische Division der Waffen-SS. Die Motivation für die Gräueltaten an den Zivilisten: der Traum von einem ethnisch reinen ukrainischen Staat. Nach Schätzungen polnischer Historiker wurden bis zu 80.000 Polen von den ukrainischen Milizen getötet. Am schlimmsten waren die Massaker in der Region Wolhyniens auf dem Gebiet der heutigen Westukraine, die damals zum Osten Polens gehörte.

"Keine freie Ukraine"

Irgendwann wurde daraus ein Kampf jeder gegen jeden, mit ständig wechselnden Allianzen. Die Ukrainer, die zunächst die Deutschen als Befreier von der brutalen sowjetischen Besatzung empfanden, merkten bald, dass die neuen Machthaber nicht weniger zimperlich waren, das Land rücksichtslos ausbeuteten und die Ukrainer als "Untermenschen" verachteten wie alle anderen Slawen auch. Hitler selbst erklärte, die Ukrainer seien "genauso faul, unorganisiert und nihilistisch-asiatisch wie die Großrussen". Hohe NS-Funktionäre betonten, dass es keine freie Ukraine geben werde.

Für die ukrainischen Partisanen war der Feind deshalb bald überall. "Wir wollen nicht für Moskau, die Juden, die Deutschen und andere Fremde arbeiten, sondern für uns", hieß es in einem OUN-Flugblatt. "Wir schaffen einen selbständigen ukrainischen Staat oder gehen für ihn zugrunde." Die OUN, selbst aufgesplittet in mehrere Flügel, kämpfte mit ihren an die 30.000 Partisanen mal gegen die Rote Armee, mal gegen die Wehrmacht.

Und Stepan Bandera? Als die Rote Armee die Wehrmacht zurückdrängte, entließen ihn die Deutschen 1944 aus der Haft. Bandera kämpfte, versorgt mit deutschen Waffen, gegen die Russen. Und dann mit deutschen Waffen gegen die Deutschen.

Dass jemand mit solch einer verschlungenen Biografie bis heute nicht nur für rechtspopulistische "Swoboda"-Anhänger, sondern auch für politisch moderate und demokratisch gesinnte Ukrainer ein patriotisches Vorbild ist, mag mehrere Gründe haben. Zum einen gilt vielen selbst der radikale ukrainische Nationalismus nicht als so negativ besetzt wie etwa der russische. Weil er in der Vergangenheit meist damit beschäftigt war, autoritäre Regimes zu stürzen, anstatt selbst welche zu errichten. Die russische Invasion auf der Krim dürften die Nationalisten in der Westukraine in diesem Urteil stärken. Zum anderen war es ausgerechnet die Sowjetunion, die den in ihrer Propaganda so sehr verteufelten und in Abwesenheit zum Tode verurteilten Bandera noch populärer machte: 1959 tötete der KGB-Agent Bogdan Staschinski Bandera in dessen Münchner Exilwohnung mit einer Pistole, die Blausäuredampf versprühte.

Ein fast perfekter Mord, alles sah nach einem plötzlichen Herzstillstand aus. Doch dann packten den Täter Gewissensbisse. Er stellte sich den deutschen Behörden, gestand alles - und machte Bandera damit zum Märtyrer und zum Vorbild für alle jene, die den russischen Einfluss auf den Osten der Ukraine zurückdrängen wollen.

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1.
Michael Schmidt, 09.03.2014
Stepan Bandera bleibt selbst nach heutigen Definitionen ein Kollaborateur, ein rechtsradikaler Terrorist und Antisemit. Das sich "Demokraten" auf ihn berufen, zeigt mehr als deutlich, worauf sich grosse Teile der "Demokratiebewegung" stützen. Oder gibt es ab sofort ein Umdenken in Bezug auf die ETA oder die IRA?
2.
Ahzek Ahriman, 09.03.2014
Es gibt meiner Meinung nach eine historische Person/Bewegung in der ukrainischen Geschichte, an dem sich die revolutionäre Maydanbewegung orientieren könnte, wahrscheinlich nicht die rechten Nationalisten, aber die Masse der Bewegung schon. Ich meine damit Nestor Iwanowitsch Machno und die nach ihm benannte Bewegung Machnowschtschina, eine auf Räte basierende Bewegung.
3.
Andre Heugdalen, 09.03.2014
es ist sicher ein interessanter Beitrag, doch ist die Rolle Banderas nur umstritten, wenn man Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit als "normale" Nationalistische Strömung begreift. Doch das ist sie nicht, sondern eine extremistische und menschenverachtende Strömung. Nationalismus ist nämlich nicht zwingend Antisemitismus. Bandera war ein Antisemit im schlimmsten Sinne und viele seiner Anhänger leben dieses "Vorbild" weiter. Deshalb hat der jüdische Weltkongress ein Verbot der Swoboda gefordert, das europäische Parlament und die Bundesregierung sie als rechtsextrem eingestufft. Dies alles spielt offenbar in der aktuellen Entwicklung keine Rolle mehr, aber es bleibt festzuhalten, dass baderas Taten und seine Idiologie auf Rassismus beruhen und nicht auf nationalismus im bessereb Sinne.
4.
Jan Sobieski, 09.03.2014
"die neuen Machthaber (Deutschen) (...) verachteten die Ukrainer als "Untermenschen" wie alle anderen Slawen auch." So ganz simpel war es auch nicht: "Als im Sommer 1941 die Wehrmacht in die Sowjetunion einfiel, veröffentlichte der Reichsführer-SS Heinrich Himmler eine Broschüre mit dem Titel Der Untermensch. Das Heft sollte die deutsche Bevölkerung zum Hass gegen die Völker der Sowjetunion aufstacheln und die Kampfmoral der Truppen stärken. Nicht wie oft angenommen gegen die slawischen Völker, denn dieses Wort taucht in der Broschüre nicht auf. Die Schrift fand sowohl in Westeuropa als auch bei den slawischen Verbündeten Deutschlands wie Kroatien, der Slowakei und Bulgarien enormen Anklang, wobei die jeweilige Ausgabe in der Landessprache abgedruckt wurde. Das Heft enthielt weniger Informationen über die Sowjetunion und den Kommunismus, sondern bestärkte vor allem primitive rassistische Vorurteile. Der überwiegende Teil bestand aus Fotos, die in entstellter Form sowjetische und nicht, wie oft angenommen, nur russische Kriegsgefangene mit fratzenhaften Gesichtern zeigten."
5.
Katrin Morlowsky, 09.03.2014
Vielen Dank für diesen umfangreiche und sehr neutrale Recherche. Es hilft mir sehr, die Berichte und Fotos der letzten Tage viel besser einzuschätzen.
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