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Besuch in Stettin Das (vermutlich) älteste Kino der Welt

Besuch in Stettin/Szczecin: Das älteste Kino der Welt Fotos
Matthias Kneip

Ein schlauchartiger Raum, roter Plüsch, die Leinwand kaum größer als ein besserer Fernseher: "Welt-Kino-Theater" hieß das Lichtspielhaus ganz unbescheiden zum Start 1907. Liebe zur Tradition hält es bis heute am Leben. Von

Von außen wirkt es unscheinbar, das Gebäude in der al. Wojska Polskiego der Stadt Szczecin. Über dem Eingang steht die polnische Aufschrift: Kino Pionier 1907. Das älteste Kino der Welt. Nicht nur Touristen bleiben - sofern sie die Aufschrift übersetzen können - ungläubig davor stehen. Das älteste Kino der Welt? Ausgerechnet in Stettin?

Die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger hat einmal gesagt, Kino sei eine Form des Verschwindens. Sie hat recht. Sobald der Film beginnt, betritt man eine neue Welt, lässt die alte hinter sich, für einen Moment wenigstens, bis der Abspann kommt, den Zuschauer wieder schonend zurückführt in die Wirklichkeit - die er dann vielleicht anders sieht. Dieses kleine Kino in Stettin bietet so einen Ort der Zuflucht. Der Besucher findet dort jene Ruhe, welche die Architektur der Stadt ihm draußen nicht zu vermitteln vermag.

Aber warum hat die Jahreszahl 1907 eine andere Farbe hat als der Rest der Schrift über dem Kino? Die Antwort findet sich in einer Chronik aus Zeitungsartikeln im Eingangsbereich. Demnach wurde die ursprüngliche Jahreszahl 1909 vor einigen Jahren überklebt, denn dieses Kinogeburtsjahr reichte nur vorübergehend für den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Den Titel erhielt das Kino im Jahr 2005 mit dem Eintrag: "Das älteste Kino der Welt ist das Kino Pionier, das als Helios Kino am 26. September 1909 in Stettin eröffnet wurde und immer noch betrieben wird."

Ein Jahrhundert, vier Namen

Gut sichtbar für alle Besucher präsentiert das Kino die Urkunde bis heute, wie zum Beweis, dass der Titel rechtmäßig ist. Doch vor wenigen Jahren hat ein dänisches Kino den Rekord übernommen, weil es nachweisen konnte, bereits seit 1907 in Betrieb zu sein. Also musste Stettin nachziehen, und wie der Zufall es wollte, fand der Eigentümer tatsächlich Dokumente, die ebenfalls das Jahr 1907 als Kinostart belegen. Den Eintrag ins Guinnessbuch erhielt man nicht wieder zurück, ließ sich aber den Titel "ältestes Kino der Welt" dennoch nicht nehmen.

So schmucklos das Kino sich ins Stadtbild einfügt, es hat eine bewegte Geschichte. Mehrere Aktenordner legen Zeugnis davon ab. An den Wänden hängen noch alte Filmplakate zu Filmen des Regisseurs Ingmar Bergman, "Die Zeit mit Monika" zum Beispiel, Fotos mit der Schauspielerin Jeanne Moreau oder Plakate polnischer Klassiker wie "Sexmisja". Dazwischen, eingerahmt hinter Glas, das Gedicht "Kleine Kinos" des polnischen Lyrikers Ildefons Galczynski. In der ersten Strophe heißt es:

Die kleinen Kinos sind die besten
In Zerrissenheit und Leid
ausgepolstert mit Plüschsesseln rot wie das Herz

Dieses Kino muss sehr gut sein, denn es ist wirklich klein. Gegründet wurde es als "Helios-Welt-Kino-Theater" 1907 in der Falkenwalderstraße und nannte sich später "Welt-Lichtspiele". Den Zweiten Weltkrieg hat es zwar überlebt, aber nicht sein deutscher Name. Als "Kino Odra" nahm es bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag 1945 den Betrieb wieder auf und zeigte zur Eröffnung den Film "Iwan der Schreckliche" des russischen Regisseurs Sergej Eisenstein. Die Wahl mag symptomatisch sein dafür, wie die polnische Bevölkerung die neue russische Einflussnahme wahrnahm.

Im Programm: Nischenfilme mit Anspruch

Als es schließlich galt, Stettin endgültig als urpolnische Stadt zu propagieren, änderte man 1950 den Namen in "Kino Pionier". Dabei ist es geblieben, mit wechselnden Jahreszahlen im Nachspann.

Die heutigen zwei Säle lassen nur noch erahnen, wie sich das Kinoerlebnis vor über einem Jahrhundert angefühlt haben muss. Der alte Hauptsaal ist lang und schmal, ein Korridor als Kinosaal, mit roten Plüschsesseln. Dem Dichter Galczynski würde es gefallen. Doch mit der Umstellung auf digitale Projektion ist vor wenigen Jahren auch das Rauschen aus dem Saal verschwunden.

Geblieben ist allein die Einbildungskraft der Cineasten. Im neueren Saal im Untergeschoss bietet eine kleine Bar an Tischen Getränke und kleine Snacks während der Filme an. "Kiniarnia" nennt man so was in Polen, zusammengesetzt aus den Worten "kino" für "Kino" und "kawiarnia" für Café.

Das Kino hat sich auf Nischenfilme mit Anspruch spezialisiert, doch die Konkurrenz durch die großen Kinokomplexe im Stadtzentrum ist erdrückend. Am Leben erhält es die Liebe zur Tradition. Vor einigen Monaten zeigte man hier "A Promise" - einen französischer Film, der auf einer Erzählung von Stefan Zweig mit dem Titel "Widerstand gegen die Wirklichkeit" basiert. Darin geht es um ein Versprechen und die Frage, wie lange man einer Liebe, von der man getrennt ist, die Treue halten kann. Am Ende findet sich das Paar wieder, wenn auch zögerlich. Ein französischer Film mit englischem Titel auf der Grundlage einer deutschen Literaturvorlage - das passt irgendwie zu Stettin und der Geschichte dieses Kinos.

Zur Person
  • Matthias Kneip (*1969) arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie als freier Schriftsteller, Publizist und Polenreferent. Für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung erhielt er 2012 das Kavalierskreuz der Republik Polen vom polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Kneip lebt in Regensburg und Darmstadt. Gerade erschien sein Buch "111 Gründe, Polen zu lieben" (Schwartzkopf & Schwartzkopf Verlag). Der hier abgedruckte Text ist in leicht bearbeiteter Form seinem neuen Buch mit dem Titel "Reise in Westpolen. Orte, die Geschichten erzählen" entnommen, das im Februar 2016 im Lektora-Verlag erscheint.

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1. Grenzüberschreitung
andreas richter, 29.11.2015
Der "Start" des Kinos, ob nun 1907 oder 1909, fand mitnichten wie wie behauptet in Polen statt, sondern vielmehr in der Hauptstadt Stettin der Provinz Pommern des damaligen Deutschen Reiches. Nicht daß man Revanchist wäre, aber bitte immer schön korrekt bleiben wenn man ernst genommen werden will!
2. Suedhalbkugel
Lothar Bongartz, 29.11.2015
Unser Lieblingskino hier in Devonport, Neuseeland, ist das aelteste Kino der suedlichen Hemisphere. Es ist mit Eroeffnungsdatum 1912 fuenf Jahre juenger: http://1der1.com/pages/1der1?214
3. 1tes kino
Andre Dostert, 29.11.2015
Das aelteste Kino ist das "Eden-Theater" in der Stadt LA CIOTAT , neben Marseille in Frankreich, gegründet 1899. Hier drehten auch die Brüder Lumière den ersten Film "Arrivée d' un train dans la gare de La Ciotat" ( Ankunft eines Zuges im Bahnhof von La Ciotat). Das Eden-Theater funktionniert auch heute noch dort als Kino.
4.
Egon Eiermann, 29.11.2015
Das mit den 1907 ist durchaus plausibel. Frau Hedwig Pitzke - die Besitzerin des Kinos nach dem Tod ihres Mannes im 1 WK. - hat in den 20er Jahren in den Ausgaben des Kino-Adressbuches als Gründung sogar 1906 angegeben: "Welt-Theater, Falkenwalder Straße 138, F:5936, Gr: 1906, täglich 200 l: Frau Hedwig Pitzke" http://filmtheater.square7.ch/wiki/index.php?title=1925_Pommern Wenn ich mich recht erinnere wirbt in Südfrankreich ein Kino damit, dass es schon zur Zeiten der Gebrüder Lumier in Betrieb war. Genau das Eden direkt an der Code d'Azur, welches zwar schon 1895 in Betrieb ging, aber 1983 geschlossen wurde und einige Jahre nicht betrieben wurde. https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Eden_Théâtre_(La_Ciotat)?uselang=de#/media/File:La_Ciotat_Cinéma_Eden.jpg
5.
Bernd Sobolla, 29.11.2015
Wenn der Autor schon in der Überschrift gewisse Bedenken zu den Angaben in seinem Artikel zeigt, sollten die Leser gewarnt sein. Mit gutem Grund: Wenn das Kino, wie Matthias Kneip mutmaßt, nicht 1907, sondern 1909 gegründet wurde, gibt es gleich zwei Kinos in Deutschland, die älter sind. Wenn es trotz unterschiedlicher Farben in vermeintlichen Beweisnummern 1907 eröffnet wurde, fragt sich, wann genau das war. Das "Gabriel" (heute "Neues Gabriel") in München wurde am 21. April 1907 gegründet und das "Moviemento" (ursprünglich "Kinomatographen Theater Topp") in Berlin am 12. April 1907. Dazu gibt es die Dokumentation "Auf der anderen Seite der Leinwand - 100 Jahre Moviemento (2007-2010) www.100-Jahre-Moviemento.de Das "L´Eden" in La Ciotat (Frankreich) wiederum existiert bereits seit 1895. Dort veranstalteten die Brüder Lumiére ihre ersten privaten Filmvorführungen. Das "L´Eden" existiert noch immer, oder genauer gesagt, wieder. Denn es war aus Sicherheitsgründen zwischen 1995 und 2013 geschlossen. Bertrand Tavernier setzte sich maßgeblich für die Sanierung ein.
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