Stevie Wonder zum 65. Kleines, großes Wunder

Als Dreikäsehoch schrieb er erste Songs, mit elf avancierte er zum Wunderkind des Motown-Labels: Stevie Wonder verwandelt Dinge in Musik, die Sehende nicht wahrnehmen. Seine Karriere begann mit einer Drohung an seine Mutter.

Von Manfred Prescher

AFP

Um ein Haar hätte es das kleine Stevie-Wunder niemals gegeben: Denn Lula Mae, die Mutter des blinden Ausnahmetalents Stevland, zögerte 1961, den Vertrag mit dem Musiklabel Motown zu unterschreiben. Sie nahm sich damals einen Anwalt, der ihr riet, die Finger davon zu lassen.

Daraufhin reagierte Motown-Gründer Berry Gordy, ganz knallharter Geschäftsmann, mit einer drastischen Ansage. "Der Junge hat keine Wahl", sagte er zu Lula Mae. "Entweder Sie unterschreiben oder er wird sein Leben lang Bleistifte verkaufen." Damit überzeugte er die sechsfache Mutter.

Lula Mae gab klein bei - und ihr elfjähriger Sohn avancierte zum Kinderstar: Aus Stevland Hardaway Judkins Morris wurde "Little Stevie Wonder", so der Bühnenname, den Motown sich für den jungen Stevland ausgedacht hatte. Ob Label-Chef Gordy die wahre Dimension des "kleinen Wunders" damals bewusst war? Denn Stevland machte nicht nur wunderbare Musik. Es war auch ein Wunder, dass er überhaupt am Leben war.

Tödlicher Sauerstoff

Der am 13. Mai 1950 in der Kleinstadt Saginaw, Michigan, geborene Stevland kam sechs Wochen zu früh zur Welt. Zunächst musste er in einen Inkubator gelegt werden. Ein Arzt verabreichte dem Neugeborenen eine zu hohe Dosis Sauerstoff. Dies führte zur Ablösung der Netzhaut, bald darauf erblindete das Baby vollständig.

Ein Mädchen, das zeitgleich mit Stevland geboren wurde und ebenfalls zu viel Sauerstoff bekam, verstarb laut Wonder an der Überdosis. Der schwarze Soul-Sänger hält es für möglich, dass er in einer Metropole und mit anderer Hautfarbe besser medizinisch versorgt worden wäre - doch die Chance ist vertan.

Mittlerweile hat Wonder seinen Frieden mit der Situation gemacht und sogar die Klinik besucht, in der jener fatale Ärztefehler einst geschehen war. Man habe ihm dort stolz einen Spezialpreis verliehen, so Wonder.

"Immer wieder werde ich gefragt, ob und wie ich Farben wahrnehme", sagt der Künstler im einestages-Interview. Und antwortet darauf mit freundlichem Gleichmut: "Nun, ich habe noch eine vage Erinnerung aus der Kindheit daran, eine Vorstellung, wie sie aussehen und sich in der Seele anfühlen könnten."

Hungrig zur Schule

Als Stevland vier Jahre alt war, trennte sich seine Mutter vom Vater und zog mit den sechs Kindern nach Detroit. "Wir lebten an der West Side, in der Breckinridge Street und hatten wunderbare Nachbarn um uns herum", sagt er. Wonder beschreibt die Schicht als "upper-lower class area", was man wohl mit "obere Unterschicht" übersetzen könnte. Auch wenn das Leben in der Autostadt Detroit komfortabler und besser war als in Saginaw: Oft mussten Stevland und seine Geschwister hungrig zur Schule, weil das Geld nicht für die Pausenbrote reichte.

Der Junge begeisterte sich für alle Arten von Musik, für den R&B, für Gospel, Doo Wop, Jazz und Blues. "Ich saugte alles auf, liebte Ray Charles und B.B. King, aber auch Neil Sedaka und Smokey Robinson", sagt Wonder. Später sollte er Ray Charles sein zweites Album widmen: "Tribute To Uncle Ray" heißt es und erschien 1962.

Der außergewöhnlich begabte Stevland sang im örtlichen Gospelchor, lernte rasch Klavier, Bass, Schlagzeug, Mundharmonika. Und schrieb schon eigene Songs, als die gleichaltrigen Nachbarskinder noch draußen herumtoben. Was ihn trug, war die Passion für die Musik. Und was sein Leben veränderte, war, dass er nun ausgerechnet in Detroit lebte. Dort, wo Berry Gordy Junior 1959 sein Motown-Imperium aufbaute.

"Bei Motown wurde ich zum Musiker"

Gordy scharte begabte Künstler wie Marvin Gaye oder die Four Tops um sich und setzte in großem Stil auf Songschreiber-Formationen, die Hits in Serie herstellten. "In der Nachbarschaft war ich der blinde Junge, der auf dem alten Klavier Krach macht. Bei Motown wurde ich zum Musiker", sagt Wonder.

Er erzählt von seinem Freund John Glover, dessen Mutter bei Motown arbeitete und dessen Cousin Ronald White ein Teil der Miracles war, der Begleitformation von Stevies Idol Smokey Robinson. Dann kommt er auf den 23. September 1961 zu sprechen: jenen Tag, an dem der elfjährige Stevland dem Labelchef Gordy vorgestellt wurde.

Der war ob der Ausstrahlung des Jungen völlig aus dem Häuschen und wollte ihn unter Vertrag nehmen. Was die Mutter des Autodidakten jedoch beinahe verhindert hätte. Erst auf Drängen Gordys gab sie nach und besiegelte die Karriere ihres Jungen - des "Little Stevie Wonder".

Oscar für den inhaftierten Mandela

Doch Stevie emanzipierte sich bald von seinem Wunderkind-Image. Schon 1964 strich er das "Little" aus seinem Bühnennamen, der Umbruch der Sechzigerjahre sollte das Ausnahmetalent tiefgreifend verändern. Die USA erklärten dem Vietkong den Krieg, die beiden schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und Malcom X wurden ermordet: Hoffnungen zerplatzten, Utopien wichen desillusionierter Wut oder Verzweiflung. Und Motown, das mit dem Slogan "Sound of Young America" warb, musste sich weiterentwickeln.

Die Zeit der simplen Wonder-Hits wie "Reach Out I'll Be There" oder "My Girl" war vorbei: 1972 veröffentlichte Stevie mit "Music of My Mind" und "Talking Book" zwei erwachsene Alben. Wonder engagierte sich für Bürgerrechte und gegen Apartheid. Den Oscar, den er 1985 für "I Just Called to Say I Love You" vom Soundtrack zu "Die Frau in Rot" erhalten sollte, widmete er dem damals noch inhaftierten Nelson Mandela.

Doch war und ist Stevie Wonder weit mehr als ein politisch und gesellschaftlich engagierter Sänger. Gerade seine vermeintliche Behinderung - sie erweist sich, künstlerisch gesehen, als große Stärke: Einfühlsam verwandelt er Dinge, die Sehende oft gar nicht wahrnehmen, in Musik. Ein besonderes Beispiel dafür ist das 1979 entstandene Doppelalbum "Stevie Wonder's Journey Through 'The Secret Life of Plants'": ein Werk, das Walon Greens Filmdokumentation über die Pflanzenwelt meisterlich untermalt.

"Ich folgte immer nur meinem Bauchgefühl"

Wonder selbst nahm den Schritt zum reifen Künstler damals nicht bewusst wahr: "Ich bin immer nur meinem Bauchgefühl gefolgt", sagt er. "Irgendwie lerne ich mich durch meine Musik auch immer wieder kennen. Ich frage mich jedes Mal: 'Habe ich das geschrieben'?"

Zwischen 1972 und 1976 entstanden sechs Meisterwerke, den Gipfel bildete die Doppel-LP "Songs In the Key of Life". Wonder schrieb gesellschaftskritische Lieder wie "Living for the City", oder "Black Man", mit "Superstition" geißelt er den Aberglauben: Zeichen an den Wänden, ein Kleinkind, das einen Spiegel zerbricht - für Stevie reiner Mumpitz.

Ein Jahr nach "Superstition" skizzierte Wonder 1973 seinen eigenen Glauben: In "Jesus Children of America" erklärt der bekennende Christ, dass er auf die durch den Guru Maharishi Mahesh Yogi bekannt gewordene transzendentale Meditation schwört. "Sie gibt deinem Geist Frieden", singt Stevie: ein Mann, der mit sechs verschiedenen Frauen insgesamt neun Kinder hat. Die jüngste Tochter ist noch kein halbes Jahr alt - die älteste 40.

"Ich bin ein Kämpfer, der progressive Standpunkte formuliert, der auch unbequeme Dinge sagt. Denn ich bin mit einigen Dingen in unserem Land nicht einverstanden", erklärt Wonder. Und fügt hinzu: Als Mensch müsse man Farbe bekennen.

Und was muss der Künstler, der doch erst 65 Jahre jung ist? Der müsste dringend ein neues Album herausbringen. Seine Fans, all jene, die mit Stevies wundervoller Musik aufgewachsen sind, warten sehnsüchtig darauf.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
gilliretep, 12.05.2015
1. Wonder wird sich wohl wundern, ob das so stimmt?
Hmm!? "Die Zeit der simplen Wonder-Hits wie "Reach Out I'll Be There" (Holland-Dozier-Holland) oder "My Girl" (Smokey & White)" - Man fragt sich: wer schreibt bzw. recherchiert diesen Mist? So schwer kann es nicht sein oder?
Roman Bolt, 12.05.2015
2. Ein Genie
Hab Ihn in Locarno gesehen mit Band, 9-köpfiger RythmSection, 30 Köpfe im Gospelchor...Wahnsinn! Er musste seine frühen Hits als Medley zusammenfassen, nahm spontane Zurufe aus dem Publikum auf (Ein Cover von Alicia Keys wurde gewünscht und geliefert), er hat eine Fingerstellung die jedem Klavierlehrer zornesröte ins Gesicht bringt, er betatscht die Klaviatur wie ein Baby und was kommt raus ? GROOOVE! Ein Genie!
Claudiu Gheorghiu, 12.05.2015
3. Was haben
Was haben die Pyramiden von Gizeh, der Koloss von Rhodos und die hängenden Gärten von Babylon mit Stevie Wonder gemeinsam? Richtig! Wenn man in seine Musik und Lyrik eintaucht, kommt man nicht umhin , ihn im gleichen Atemzug mit den ganz großen zu nennen: Bach, Mozart, Beethoven. Diese Herrschaften wären eh Jazzer und Rocker, wenn sie heute leben würden. Von Stevies Sangeskünsten mal nicht zu reden - denn da verschlägt es einem den Atem. Mach weiter so, großer Mann!
Thomas Kossmann, 12.05.2015
4. Ohgottohgottohgott...
(... Wonder-Hits wie "Reach Out I'll Be There" oder "My Girl" ...). Die waren eindeutig von den "Four Tops" bzw. "Temptations". Sollte man als "Musikredakteur" eigentlich wissen oder googlen können. Stevie sang in den 60ern wunderbare Nummern wie Uptight, My Cherie Amour, Never Had A Dream Come True, I Was Made To Love Her, Yester-Me, Yester-You, Yesterday, Shoo-Be-Doo-Be-Doo-Da-Day, Thank You Love und und und... und das Beste kam richtigerweise dann von 1971-76.
Till Neumann, 12.05.2015
5. Einer der Größten
Hoffentlich bleibt er uns noch lange erhalten...und macht auch mal wieder ein neues Album. Aber zum gefühlt tausendsten Mal "Songs in the Key of Life" ist auch nicht schlecht. Happy Birthday, Stevie.
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