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50 Jahre Stiftung Warentest "Stellen Sie das Gerät ab, es kann sonst Ihre Fingerspitzen kosten"

Stiftung Warentest: Die Prüfer der Nation Fotos
Stiftung Warentest

Horoskope, Fußballstadien, Brustimplantate - seit ihrer Gründung 1964 hat die Stiftung Warentest für deutsche Verbraucher unzählige Produkte untersucht. einestages erinnert an die schrägsten Tests. Von

Man nehme: einen Liter helles Bier, 200 Gramm Zucker, dazu etwas Zimt, vier Eier und zum guten Schluss 1/8 Liter Sahne. Ganz wichtig: "Bier und Sahne gut vorkühlen". Schließlich "alle Zutaten in einem hohen Gefäß kräftig schaumig schlagen" - fertig ist das Eierbier. Zu finden ist dieses Rezept in der ersten Ausgabe des Magazins "DER test" der Stiftung Warentest von 1966. Die langfristige Lebenserwartung der Leser scheint damals noch keine große Rolle gespielt zu haben, immerhin konzentriert das beschriebene Eierbier rund 2000 Kilokalorien - das ist der tägliche Energiebedarf eines Erwachsenen. Weshalb sich die Stiftung Warentest auch heutzutage von ihrer damaligen kulinarischen Empfehlung distanziert.

Andererseits fanden die Leser auf den Seiten vor dem kuriosen Rezept tatsächlich mitunter lebensrettende Ratschläge, etwa beim Test von zehn Stabmixern: "Greifen Sie nicht spontan in das Messer", empfahlen die Prüfer. "Stellen Sie das Gerät vorher ab. Es kann sonst Ihre Fingerspitzen kosten." Weiter hieß es: "Sie rühren mit scharfen Werkzeugen - nicht mit einem Kochlöffel. Den können Sie ruhig weiter ablecken." Die heute so berühmten - oder gefürchteten - Noten fehlten in dem allerersten Heft der Stiftung Warentest allerdings noch, sie wurden erst 1968 eingeführt. Lediglich einen "Gesamteindruck" teilten die Tester der Leserschaft mit. Der konnte es allerdings in sich haben: "Alle Testgeräte haben Mängel", lautete das Urteil über die getesteten Haushaltshelfer.

Widerstand der Industrie

Gegen diese Form der kritischen Begutachtung hatte sich die Industrie lange gewehrt: In Zeiten des Wirtschaftswunders füllten die Hersteller die Regale der Warenhäuser mit einer immer unüberschaubareren Produktfülle. Doch Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard war entschlossen, den Verbraucher zu stärken: "Er soll wach sein, er soll auf dem Markt sich nicht so benehmen wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird." Und zugleich richtete der Politiker zugunsten der Konsumenten eine Kampfansage an die Industrie: "Sie sollen spüren, dass sie es nicht mehr mit einer fühllosen Masse zu tun haben, sondern mit bewusst gewordenen Verbrauchern." Bei seinem Kampf für das Verbraucherwohl wusste Erhard Bundeskanzler Konrad Adenauer hinter sich: "Der Bundesminister für Wirtschaft wurde beauftragt, möglichst bald die Errichtung einer Körperschaft für neutrale Warenteste zu veranlassen", sagte Adenauer in seiner Regierungserklärung 1962.

Allerdings sollten noch einige Jahre ins Land ziehen, bis die Bundesregierung am 16. September 1964 die Einrichtung der Stiftung Warentest beschloss. Im Dezember nahm sie ihre Arbeit auf, 1966 erschien dann die erste Ausgabe ihres Verbrauchermagazins, am Kiosk zu erwerben für 1,50 DM. "Ratlos stehen Käufer vor vollen Schaufenstern. Das Warenangebot wächst von Tag zu Tag", hieß es auf den ersten Seiten. "Es gibt heute rund 150 Nähmaschinenmarken, 80 verschiedene Staubsauger, 70 Heizkissen." Die Stiftung Warentest und ihr Magazin wollten Orientierung schaffen im Dschungel der Produkte: "TEST prüft für Sie durch objektive Tests."

Dauergast vor Gericht

Genau diese Objektivität der Stiftung Warentest zweifelten seitdem viele Hersteller und Dienstleistungsunternehmen an und zogen gegen schlechte Noten vor Gericht. Schließlich kann bereits das Testurteil "befriedigend" ein Produkt zum Ladenhüter verdammen - von "ausreichend" oder gar "mangelhaft" ganz zu schweigen. Ob die Prüfer die jeweilige Note zu Recht oder Unrecht vergeben hatten, entschieden oftmals die Richter.

So bescherte die Stiftung Warentest nicht nur den von ihnen beauftragten unabhängigen Testlaboren viel Arbeit - sondern auch etlichen Juristen: Fünf einstweilige Verfügungen flatterten 1975 allein wegen eines Tests für Auto-Rostschutzmittel in die Berliner Zentrale. Mehrere Hersteller kritisierten das ihrer Meinung nach fragwürdige Prüfverfahren.

Im gleichen Jahr entschied zum ersten Mal der Bundesgerichtshof zugunsten der Stiftung. Die Richter attestierten der Einrichtung einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Danach genießen die Prüfer einen eigenen Bewertungsspielraum bei der Beurteilung der getesteten Produkte. Vergeblich geklagt hatte ein Produzent von Skibindungen, dessen Verkaufszahlen nach einem Testbericht von 1969 ins Bodenlose fielen.

Im Jahr 2002 allerdings musste die Stiftung Warentest zugeben, Riester-Produkte falsch bewertet zu haben. Eine Ausgabe ihrer Zeitschrift "Finanztest" musste komplett aus dem Handel genommen werden. Bis heute ist die Stiftung Warentest allerdings nie zu einer Schadensersatzzahlung verurteilt worden.

Der Schokoladenkrieg

Aktuell stritt sich der Schokoladenhersteller Ritter Sport mit der Stiftung Warentest. Es geht um den Aromastoff Piperonal in dessen Nuss-Schokolade. Die Tester aus Berlin hatten ihr die Note "mangelhaft" verliehen, weil das Aroma nicht "natürlich" sei. Ritter Sport zog vor Gericht - und bekam Recht. Die Stiftung Warentest räumte eine "sprachliche Ungenauigkeit" im Test ein.

Allerdings ist die Institution für viele Produzenten auch eher Segen als Fluch. Schließlich ist ein gutes Testurteil ein Umsatzbringer - erst recht, wenn die Konkurrenz schlecht abschneidet. Viele Deutsche vertrauen den Urteilen der Stiftung Warentest. Die Prüfer aus Berlin fegten mit ihren bislang über 5.000 Warentests manch ungenügendes oder gar gefährliches Produkt vom Markt.

Kaum eine Gefahr für Leib und Leben, sondern eher für die Brieftasche, ging dagegen von einem Test im Jahre 1987 aus. Die Prüfer der Stiftung ließen sich Horoskope erstellen. 18 Geburtshoroskope gaben die Probanden bei insgesamt 14 Astrologen in Auftrag. Darunter eines für die Stiftung Warentest. Und siehe da: Die Sterne standen günstig. Billig war diese Zukunftsvorhersage allerdings nicht: 1200 DM berechnete der Astrologe. Und aussagekräftig war das Horoskop noch viel weniger: "Insbesondere 1996 wird günstig", heißt es da. "Warten wir's ab", kommentiert der Prüfer skeptisch in der "test".

Neben der Prüfung von eher trockenen Staubsaugern, Mixern oder Finanzprodukten finden sich zahlreiche ähnlich skurrile Tests in den Textarchiven der Stiftung Warentest - von Comicheften über Musikkonzerte bis hin zu Schönheitsoperationen.

einestages präsentiert Ihnen eine Auswahl der umstrittensten und bizarrsten Tests aus fast fünfzig Jahren Stiftung Warentest:

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1. Praktisch, quadratisch, gut ...
Armin Albaracin, 16.09.2014
Auch wenn die Stiftung bei Ritter Sport ein wenig übertrieben hat, es es doch cool, dass es sie gibt. Denn wer schützt uns sonst für den Gaunern?
2. Unglück für die Verbraucher
Hannes Birnbacher, 16.09.2014
Die "Stiftung Warentest" war das größte Unglück für den Verbraucherschutz. Gegründet, um die unbequeme Testzeitschrift "DM" von Waldemar Schweizer zu vernichten (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46408227.html), die schon mal eine Serie Autos kaufte und bis zum Auseinanderfallen fuhr, um sie zu testen, profilierte sie sich, ganz im Einklang mit ihrem betulichen Namen, dadurch, daß sie nur teure Markenprodukte testete und nicht das, was sich der Verbraucher leisten mochte und konnte. (Erst vier Jahrzehnte später tauchten Kurztests über Discounter-Sonderangebote auf). Die Testergebnisse wurden mehr von weit überzogenen Sicherheits- und Umweltschutzanforderungen bestimmt als von der Funktion und Lebensdauer der Güter. Auf eine Idee wie, nur Produkte zu testen, die der vorgeschriebenen Preisgrenze in dem für Hartz IV vorgeschriebenen Warenkorb entsprachen, würde "Stiftung Warentest" nie kommen. Auch die "DM" war werbefrei - aber ohne dafür Steuergelder zu verheizen wie "Test". "DM" existierte von 1961 bis 1966 und ging dann wegen zurückgehender Auflage in Konkurs. Der Markt war für zwei Testzeitschriften mit so hohen Kosten nicht groß genug. Der Name wurde verkauft und lief dann paradoxerweise in einem anderen Verlag als Zeitschrift für Schickimicki-Produkte und Finanzanlagen weiter.
3.
Martin Hagenspiegel, 17.09.2014
In einer Marktwirtschaft formen nur Preis und Werbung das Sortiment. Objektive Tests mögen für die Firmen schmerzhaft sein, aber sie können dazu führen, daß die Qualität auf breiter Front steigt. Vlt. ist die Zeitschrift nicht ganz unschuldig am Wirtschaftswachstum.
4. Lieber Wilhelm Hulda
Ingo Busch, 17.09.2014
Lieber Herr Hulda, dass bei Ihnen 5,30 € einem Wert von 10,60 DM entspricht, sehe ich Ihnen nach. Aber Ihre Aussage "Inflationrate von ständig unter 2 %, wie es uns das Stabu glauben machen will. :-)" ist bewusste Irreführung. Offizell lag die Inflationsrate auch schon bei fast 8 %, etwa 1973. Sie sollten sich vielleicht die Mühe machen, zunächst mit korrekten Zahlen zu rechnen, bevor Sie hier irgendwelche tendenziösen Kommentare abliefern. Im Übrigen ist auch Ihre Aussage, die Zeitschrift sei ein hervorragender "Inflationsindikator" mehr als zweifelhaft. So ist leicht auf Wikipedia nachzulesen, dass 1966 die Prüfkosten pro Ausgabe bei 36.000 € lagen, während das jetzt bei etwa 500.000 € liegt. Mal abgesehen davon, dass heute eine Ausgabe mehr Seiten und mehr Tests enthält.
5. Glück für die Verbraucher
Ulrich Schwarzer, 17.09.2014
Es ist Zeitverschwendung, sich Gedanken über die längst untergegangene DM zu machen. Tatsache ist, dass "test" eine unbestechliche Hilfe bei der Auswahl auch und gerade teurer Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen u.a. war und ist. Auch sonst kann ich nach all den Jahren "test" sagen, dass ich noch nie mit einem Produkt reingefallen bin, das mit "gut" oder gar "sehr gut" bewertet worden ist. Es ist auch im Sinne der Verbraucher, wenn selbst extrem marktmächtige Organisationen wie ALDI sofort und radikal reagieren, wenn eines ihrer Produkte mit "befriedigend" oder schlechter bewertet werden. Da stört es die Erfolgsbianz nun wirklich nicht, wenn "test" mal einen Rectsstreit verliert.
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