Stilikone Michael Jackson Geisel des Glitters

Glitzersocken, Zirkusuniformen, ein einzelner weißer Handschuh - Michael Jacksons brachte einen nie dagewesenen Stil auf die Bühnen des Popgeschäfts und faszinierte damit eine ganze Fan-Generation. Doch irgendwann überforderte er mit seinen Kostüm-Eskapismus den Mainstream - und wohl auch sich selbst.

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Es fing alles ganz harmlos an, nahezu spießig: Ein kleiner schwarzer Junge mit einer süßen Afrofrisur, dazu gelbes Hemd und braune Weste - so betrat Michael Jackson Ende der sechziger Jahre die Weltbühne. Die Jackson Five, das waren brave Jungs aus der Vorstadt, unauffällig und lieb. Vor denen muss man sich niemand fürchten, das war die Botschaft ihrer Klamotten.

Nur: Wer ein richtiger Star sein will, der kommt als braver Junge nicht sehr weit. Seine Musik war das Fundament, keine Frage. Doch Michael Jackson wäre kaum zu einem der größten Stars aller Zeiten aufgestiegen, wenn er sich zeitlebens wie ein Konfirmand angezogen hätte. Weniger ist mehr? Niemals. Und so wurde Michael Jacksons Devise: Mehr ist mehr.

Nach Jahren der modischen Langeweile in der Gebrüder-Combo und ersten Soloversuchen lieferte Jackson 1977 als 20-Jähriger den ersten Vorgeschmack auf spätere exzentrische Großtaten: In Sidney Lumets Musicalfilm "The Wiz - das zauberhafte Land" trat er neben Motown-Ikone Diana Ross und Nipsey Russell als auffälligster aller Charaktere auf - er spielte die Vogelscheuche.

Und das in einem würdigen Outfit: Schwarze Ballonhosen, Ärmel und Kragen in Fuchsschwanzoptik, ein walnussartiges Hemd und Blechklunker um den Hals. Es war nur ein Film, aber es wirkte wie ein Signal. Michael Jackson wollte nicht mehr nur der nette Junge sein.

Der Michael-Jackson-Moment

Als Jackson ein Jahr darauf mit seinem fünften Album "Off the Wall" der endgültige Durchbruch gelang, tat er auch dies mit einem unvergesslichen Modestatement. Auf dem aufklappbaren LP-Cover präsentierte er sich auf den ersten Blick gediegen: Afrokrause, schwarzer Smoking mit Fliege, strahlend weißes Hemd. Aber eben auch mit fluoreszierenden Socken. Das hätte ziemlich schnell ziemlich albern aussehen können, aber es passte perfekt. Denn es fasste zusammen, wofür Jackson damals auch musikalisch stand: R&B der alten Schule (Smoking), verziert mit einem deutlichen Disco-Einschlag (funkelnde Socken).

Das saß. Nun allerdings begann nach und nach der Modewettlauf gegen sich selbst. Jackson versuchte sich mit immer wieder neuen spektakulären Accessoires zu übertreffen. "Thriller" von 1982, das erfolgreichste Album aller Zeiten, war das letzte Mal, dass Jackson bürgerlichen Kleidungsmaßstäben beugte, wenngleich ultracool: strahlend weißer Anzug, schwarzes, offenes Oberhemd und ein goldglitzerndes Einstecktuch. Der Auftritt als Zombie in roter Lederjacke im "Thriller"-Video deutete schon eher die künftige Richtung an.

Zu einem TV-Special anlässlich des 25. Geburtstags des legendären Plattenlabels Motown erschien der Entertainer dann in einem Outfit, der seinen Auftritt als einen der großen Michael-Jackson-Momente in die Geschichte eingehen ließ: Schwarzes Glitzerjackett, nur weißer Handschuh, nur einer, auf der rechten Hand und wild strahlenden Paillettensocken, die seinen ersten öffentlichen Moonwalk akzentuierten. Hauptsache Glitzer war jetzt Jacksons Motto, und damit überstrahlte er alle anderen. Während Madonna davon lebte, dass Fans ihre Outfits und Accessoires kopierten und so ihren Weg auf die Straßen fanden, ging es Jackson um Einzigartigkeit. Mit seinen Outfits hatte niemand anders herumzulaufen Was er trug, damit sollte niemand auf die Straße gehen wollen. Es war allein sein Stil, unkopierbar und besonders.

Leder und Mascara

Der eine Handschuh blieb über Jahre ein Markenzeichen; dazu kamen wenig später die knallbunten, betressten Zirkusdirektoren-Jacken. Cool konnte man das nicht mehr nennen, aber es passte schon noch: Es fiel auf, oder es hatte eine Botschaft. Die berühmte Armbinde, die zu einem anderen Markenzeichen wurde, wollte er als Zeichen der Solidarität mit den hungernden Kindern dieser Welt verstanden wissen.

Langsam begann sich die Öffentlichkeit allerdings zu wundern, was das denn für ein Mensch sein könnte, der auch abseits der Bühne so merkwürdig herumlief. Auf einmal war der Schimpanse Bubbles Jacksons ständiger Begleiter, was vielleicht zum Zirkusdirektorthema passte, nicht jedoch zum allgemeinen Verständnis von geistiger Gesundheit.

Dann war auf dem Cover von "Bad" (1987) auf einmal die Nase war kleiner geworden, und etwas spitzer. Ein schwarzes, lederartiges Outfit mit vielen silbernen Schnallen sollte wohl ein raueres Image andeuten. Allein, es passte nicht zu der Menge an Mascara, mit der Michael seine Augen umrandete. Seine Haut wurde blasser und er zeigte sich nur noch selten ohne Mundschutz. An den Fingern trug er stets Pflaster. Die Medien begannen, sich zunehmend über ihn lustig zu machen. Lange hielt sich das Gerücht, er schlafe stets unter einem Sauerstoffzelt, was er vehement abstritt. Als er sich 1988 die vergnügungsparkähnliche Neverland-Ranch im kalfornischen Santa Inez Valley zulegte, galt er in der Öffentlichkeit endgültig als hoffnungslos abgedrehter Möchtegern-Peter Pan.

Ein peinlicher goldener Body

Ein richtiger Stil-Coup wollte ihm seitdem nicht mehr gelingen. Im Video zu "Black or White", der ersten Auskopplung aus seinem Album "Dangerous" (1991), versuchte er es ganz unscheinbar in schwarzer Hose und weißem Hemd. Auf der darauf folgenden Tour verstörte er die Welt jedoch in einem peinlichen goldenen Body samt seltsamen Armmanschetten. Der Outfit illustrierte, was die Welt schon zu ahnen begonnen hatte - der "King of Pop" hatte den Anschluss an die Popkultur verloren.

Wie seine Musik stießen auch seine Selbstinszenierungen mehr und mehr auf Desinteresse. Das Video zu "You rock my World" von "Invincible"-Album (2001) zeigte Michael Jackson dann endgültig und offenkundig als Schatten seiner selbst. In einer Neuauflage seines früher so coolen Disco-Anzuges tanzte er da über den Bildschirm, den berühmten Hut tief ins entstellte Gesicht gezogen. Auch in der Öffentlichkeit trat er nun meist mit einem Tuch vor dem Gesicht auf, und selbst seine drei Kinder mussten manchmal groteske Masken tragen. Am Ende hatte Michael Jackson den Wettlauf mit seinem eigenen Image verloren - der Mann, der früher um jeden Preis auffallen wollte, endete als der große Versteckspieler.



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a lamm, 29.06.2009
1.
Der Artikel greift das Thema von einem interessanten Aspekt her auf, geht aber nicht tief genug und ist vielleicht der schwächste aller derzeit hier auf Spiegel Online verfügbaren Artikel zu Michael Jacksons Tod. Siehe auch: http://eisenbahner.blogger.de/stories/1436143/
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