Stille Helden Eine Schülerin hilft verfolgten Juden

Ein antifaschistisches Elternhaus, Mitgefühl und eine gute Portion Naivität - mehr brauchte es nicht, um zu helfen. Die Schülerin Ruth Held versorgte Juden mit Lebensmitteln und half Zwangsarbeiterinnen. Nur knapp entkam sie den Häschern von Gestapo und SS.

Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten/Ruth Held

Ruth Held wurde am 8. November 1923 in Hamburg geboren. Ihr Vater Rudolf Held war Sozialdemokrat und Pazifist. Mit seiner Frau Henny lebte er in Hamburg-Barmbek. Die Hitlers Machtergreifung 1933 erlebte sie als Kind: Der Vater kam leichenblass von der Arbeit nach Hause: "Das bedeutet den nächsten Krieg!" prophezeite er und brach in Tränen aus.

Für Rudolf Held war es gefährlich geworden, sich mit Gesinnungsgenossen zu treffen. Einige Monate später - Ende 1933 oder Anfang 1934 - klingelte es abends an der Tür. Ein alter Freund wurde hereingebeten, die Kinder aus dem Wohnzimmer geschickt. Natürlich lauschte Ruth, jetzt neun oder zehn Jahre alt, an der Tür. So hörte sie die Geschichte des Mannes: Er war in ein Lager gekommen, hatte dort schreckliche Misshandlungen erlebt und musste bei seiner Entlassung unterschreiben, niemandem zu erzählen, was er erlebt oder gesehen hatte. Dann entblößte er seinen mit Narben übersäten Rücken. Als der Freund gegangen war, setzte sich Rudolf Held zu seiner Tochter und verbot ihr, irgendjemandem zu erzählen, was sie gehört hatte.

Seit 1933 besuchte Ruth Held das Lyzeum Lerchenfeld in Hamburg-Hohenfelde. Der neue Deutschlehrer die Schüler nach ihren Namen. Sein Kommentar zu Ruth: "Held - was für ein wunderbarer Name. Germanisch! Dabei denken wir an die großen Helden der germanischen Vorzeit. Auf den Namen kannst du stolz sein! Aber Ruth, Ruth als Vorname! Wie konnten deine Eltern dir nur diesen jüdischen Namen geben? Sie sollten sich schämen!" Irritiert wollte Ruth abends von ihren Eltern wissen, warum sie ihr den "schlechten" Vornamen gegeben hatten. Sie erfuhr, dass ihr Namen aus dem Alten Testament stammt. Das Mädchen las die Geschichte und konnte nichts Schlechtes an ihr finden. Als die Eltern ihr dann auch noch von der Entstehung der Heiligen Schrift und der jüdischen Religion erzählten, war sie empört über die Reaktion ihres neuen Lehrers.

Schutz für eine jüdische Mitschülerin

Zu dieser Zeit hatte Ruth eine jüdische Mitschülerin, die von den Klassenkameraden ausgegrenzt und beleidigt wurde. Von nun an stellte Ruth sich hinter sie und begleitete sie auf dem Schulweg, bis das Mädchen sie höflich bat, sie nicht mehr zu beschützen: Sobald sie weg sei, verfolgten die Mitschüler sie nur noch schlimmer als zuvor. Kurze Zeit später kam sie nicht mehr zur Schule.

Doch bald konnte auch Ruth Held der Mitgliedschaft im "Bund Deutscher Mädel" (BDM) nicht mehr entkommen: Der Schulleiter meldete sie persönlich an, die Ausreden der Eltern wurden nicht mehr akzeptiert. Eigentlich war sie sogar ganz froh darüber, endlich konnte auch sie an den Abenteuern, den Tanzabenden und Wanderungen ihrer Klassenkameradinnen teilnehmen. Eine Zeit lang sah es fast so aus, als würde der BDM die Tochter vom antifaschistischen Elternhaus entfremden, der Vater resignierte angesichts des scheinbar unpolitischen Gruppenerlebnisses der Tochter, politische Gespräche wurden seltener. Zwei Ereignisse verhinderten, dass es so kam: Ruth kam in die Oberstufe und der Zweite Weltkrieg brach aus.

Ruth liebte Bücher und fand in ihrer Deutschlehrerin, Fräulein Dr. Strehl, eine Mentorin: Nach der Schule trafen sie und andere Schülerinnen sich bei der beliebten Lehrerin und diskutierten über die deutsche Literatur. Bald wusste die Pädagogin über politische Einstellung von Ruth und ihrem Elternhaus beschied. Sie hielt die Schülerin für verantwortungsbewusst genug, um eine wichtige Aufgabe zu übernehmen.

Lebensmittel für ein "Judenhaus"

Fräulein Dr. Strehl war vor einiger Zeit zum Katholizismus konvertiert und hatte Kontakt zum Superior der Jesuiten in Hamburg-Eimsbüttel, Pater Johannes Kugelmeier. Kugelmeier, 1904 in Bonn geboren, war seit 1923 Jesuit, er verabscheute die Opportunisten bei den "Deutschen Christen", der von den Nationalsozialisten "gleichgeschalteten" Organisation beider Konfessionen. Pater Kugelmeier sah es als seine Aufgabe an, Verfolgten des NS-Regime zu helfen.

Gemeinsam mit Deutschlehrerin Strehl, einigen Oberstufenschülerinnen und Studentinnen organisierte er Lebensmittellieferungen für ein "Judenhaus" in der Rappstraße im Hamburger Grindelviertel. Hier trafen sich einige Männer und Frauen, die die Lebensmittel an andere jüdische Familien in den umliegenden "Judenhäusern" weitergaben.

Als Fräulein Dr. Strehl 1942 mit dem Lyzeum Lerchenfeld in die "Kinderlandverschickung" fahren musste, übergab sie ihre Aufgaben an Ruth Held, die inzwischen ihr Abitur bestanden hatte: In Krankenhäusern, bei Ordensschwestern und in bestimmten Geschäften, die Pater Kugelmeier ihr nannte, sammelte die junge Frau die Lebensmittel.

"Ich habe nichts gegen eure Politik, ich will nur helfen!"

Pater Kugelmeier handelte bei seinen Aktionen nach dem Prinzip: "Die linke Hand darf nicht wissen, was die rechte tut." Was damals die Angst vor der Gestapo erzwang, erschwert heute, die Zusammenhänge der Hilfsaktionen zu erforschen. Ruth Held kannte die Namen der anderen Helferinnen nicht - unter keinen Umständen durfte sie ihren eigenen Namen nennen, egal, wie vertrauenswürdig ihr die Person erschien. Einmal waren Kinder in der Wohnung in der Rappstraße, sie fragten: "Wie heißt du?" Instinktiv antwortete sie ihnen: "Ruth ...", und erinnerte sich gerade noch rechtzeitig, ihren Nachnamen zu verschlucken.

Unter den Menschen, die sie in der Wohnung traf, war auch ein älterer Mann, der im Ersten Weltkrieg Offizier gewesen war. Noch immer trug er - obwohl verboten - sein Eisernes Kreuz neben dem Judenstern. Eines Tages fragte er Ruth Held, ob sie die Lebensmittel nicht schon vorher aufteilen könnte, eine Frau nehme immer viel zu viel für ihre Familie. "Ich sah wohl ziemlich hilflos aus," erinnert sich Ruth Held. "Ich hatte geglaubt, in der Not stehen die Menschen einander bei. Da lächelte er und sagte: Was verlange ich da? Sie sind ja fast noch ein Kind!"

In der Rückschau meint die mutige Helferin, dass eine gehörige Portion Naivität dazugehörte, ihre Aktionen so bedenkenlos durchzuführen: "Ich ging mit meinen vollen Taschen durch die Straßen, ohne irgendeine Furcht. Ich wollte nämlich, falls man mich verhaftet, sagen: Ich habe ja nichts gegen eure Politik, ich will nur diesen Menschen in Not helfen! Ich glaubte wirklich, dann würde mir nichts passieren."

Warnung in letzter Sekunde

Tatsächlich war die Gefahr weitaus näher, als die junge Frau glaubte: Am Pfingstmontag 1943 wollte Ruth sich nach einem Elbspaziergang mit den Eltern gerade wieder auf den Weg in die Rappstraße machen, als etwas Seltsames geschah. Sie hatte ihren Mantel angezogen, zwei Taschen mit Lebensmitteln in der Hand und wollte gerade die Wohnungstür hinter sich zuziehen. Da kam eine verhüllte Gestalt die Treppe herauf, drückte ihr einen Zettel in die Hand und flüsterte: "Bleib zu Hause!" Sofort war die Peron wieder verschwunden. Verstört ging Ruth zurück in die Wohnung und las den Zettel: "Rufen Sie bitte die Nummer 533177 an (schnellstens, es eilt) - bitte anrufen u. wenn es noch so spät ist." Ruth ging in die nächste Telefonzelle und wählte die Nummer. Wieder hörte sie nur, sie solle unter allen Umständen zuhause bleiben.

Fieberhaft überlegte sie, was passiert sein konnte. War jemand verhaftet worden? Am Ende gar Pater Kugelmeier selbst? Noch am selben Abend besuchte sie ihn. Hier erfuhr sie die Einzelheiten: Die SS hatte anhand der größeren Abfallmenge aus den Häusern in der Rappstraße festgestellt, dass die Bewohner zusätzliche Lebensmittel erhalten hatten. Deswegen überwachten SS-Männer die Häuser und warteten auf neue Lieferungen. Doch das lückenlose Netz der Fahnder hatte eine Schwachstelle: die Tochter des SS-Hauptsturmführers Wolff, eine Schülerin von Pater Kugelmeier.

Sie warnte den Jesuiten und der handelte keine Sekunde zu früh. Er wusste, dass Ruth Held an diesem Tag in die Rappstraße gehen würde, kannte aber weder ihre Telefonnummer noch ihre Adresse. So suchte er aus dem Telefonbuch alle Familien namens Held zusammen, die im richtigen Stadtteil wohnten. Jeder Familie ließ er über Helfer eine neutral gehaltene Botschaft zukommen. Unter den zahlreichen unerwünschten und vermutlich ziemlich verdutzten Empfängern war zum Glück auch die richtige.

Flucht vor dem Hamburger Feuersturm

Schon wenige Tage nach dem Vorfall, am Samstag, nahm Ruth Held die Lieferungen wieder auf. Pater Kugelmeier hatte inzwischen ein anderes Haus für die Verteilung der Lebensmittel ausgesucht. Noch etwa einen Monat verlief die Hilfe weiter wie zuvor. Doch der Krieg sorgte für einen Einschnitt: Auch Familie Held blieb vom "Hamburger Feuersturm" in der letzten Juliwoche 1943 nicht verschont. Doch sie hatten Glück: Rudolf Held hatte - wie schon seit Kriegsbeginn - wieder den englischen Sender BBC gehört. Auch dieses Mal konnte er aus dem Radio sehr genau erfahren, wo die Bomben abgeworfen werden sollten. Als die Beschreibung ziemlich genau auf die dicht besiedelten Viertel Hamburgs Barmbek und Hamm sowie auf die industriellen Produktionszentren im Hafen zutraf, behauptete er im Mietshaus, er wisse aus einer plötzlichen Eingebung, dass auch die Stellbergstraße Nummer 18 einem der Bombenangriffe zum Opfer fallen würde. Keiner nahm ihn ernst, trotzdem verließen alle das Haus und schliefen anderswo. Im Feuersturm wurden Haus und Luftschutzkeller restlos zerstört.

Familie Held versuchte mit vielen anderen Ausgebombten, aus der Stadt zu entkommen. Einige Monate verbrachten sie in Herringen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Magdeburg. Zurück in Hamburg fand Ruth Held niemanden mehr: Pater Kugelmeier war nach Lübeck versetzt worden, ein letzter größerer Transport mit 109 Deportierten war am 23. Juni 1943 nach Theresienstadt gegangen.

Rudolf und Henny Held zogen in ein beschlagnahmtes Wochenendhäuschen in der Fischbeker Heide auf der Südseite der Elbe, Ruth wurde in einem Zimmer in Groß Borstel einquartiert. Nach ihrem Abitur 1942 hatte die junge Frau den obligatorischen Reichsarbeitsdienst und Kriegsdienst hinter sich gebracht, gerne hätte sie studiert. Doch nach dem Feuersturm durften nur noch diejenigen weiterstudieren, die bereits mindestens fünf Semester an der Universität verbracht hatten.

Arbeitseinsatz als Aufsicht für KZ-Häftlinge

Um nicht als Luftwaffenhelferin an die Ostfront geschickt zu werden, nahm Ruth Held eine Arbeitsstelle in der "Hanseatischen Kettenfabrik" in Hamburg-Langenhorn an. Sie absolvierte eine kurze Basisausbildung zur Maschinenschlosserin, danach wurde es ihre Aufgabe, in einer Halle jüdische Zwangsarbeiterinnen aus dem KZ Neuengamme zu beaufsichtigen, die Leuchtspurmunition herstellten. Ruth musste von Maschine zu Maschine gehen und mit einem Maßband millimetergenau die Arbeit der Frauen überprüfen. Es war ihr strengstens verboten, mit den Arbeiterinnen zu sprechen, SS-Frauen überwachten die Halle, an den Ausgängen standen SS-Männer mit auf Menschen abgerichteten Schäferhunden.

Ruth Held erinnert sich: "Die jüdischen Mädchen waren etwa in meinem Alter, viele Studentinnen, aus Böhmen, Prag, Wien, Bukarest. Sie trugen die gestreifte SS-Kleidung, darüber eine Gummischürze, die Haare geschoren. Die Arbeitszeit war von sieben bis sieben Uhr, eine Woche am Tag, die nächste Nachts." Die jüdischen Mädchen hatten zum Teil wochenlange Reisen hinter sich. Aus einem Ort irgendwo im besetzten Osten verschleppt, waren viele von ihnen irgendwann in Auschwitz gelandet und von dort nach Stutthof bei Danzig transportiert worden. Sie waren völlig entkräftet und erhielten noch geringere Rationen als ihre deutschen Vorarbeiter.

Ruth hatte ein Heft, in das sie alle Ungenauigkeiten eintragen sollte. Gleich zu Beginn ihrer Arbeit, stellte sie zahlreiche Fehler fest. Sie trug sie gewissenhaft in ihr Heft ein und gab es dem Vorarbeiter. Der aber sagte: "Weißt du, was du da tust? Die Mädchen gibt es morgen nicht mehr, die du da eingetragen hast!" Erschrocken und gleichzeitig erleichtert, an einen anständigen Menschen geraten zu sein, riss Ruth die ersten Seiten aus dem Heft. Von nun an blieben die Seiten leer. Bemerkte sie Fehler, machte sie die Arbeiterinnen darauf aufmerksam.

Geheime Postbotin für die Zwangsarbeiterinnen

Mittlerweile waren die letzten Monate des "Tausendjährigen Reichs" angebrochen. Immer wieder fiel in der Fabrik für längere Zeit der Strom aus. Die Dunkelheit nutzte Ruth, um sich mit den jüdischen Mädchen zu unterhalten. Die erzählten ihr, was sie durchgemacht hatten: Verhaftung und Trennung von Frauen und Männern - da hatten sie zum letzten Mal ihre Väter, Brüder, Freunde, Verlobten gesehen. Trennung von jung und alt - da hatten sie zum letzten Mal ihre Mutter gesehen. Trennung von arbeitsfähig und nicht arbeitsfähig - da hatten manche von ihnen ihre Schwester zum letzten Mal gesehen.

Eines Tages gab eines der Mädchen Ruth Held einen Brief, den sie an ihre Eltern geschrieben hatte. Ruth schickte den Brief nach Böhmen, als Antwortadresse gab sie ihre eigene an. So wurde sie zur Postbotin für die Zwangsarbeiterinnen und tatsächlich erreichten sie auch einige wenige Antwortbriefe.

Irgendwann, wohl im Februar 1945, warnten die Arbeiterinnen Ruth, dass ein SS-Aufseher in Zivil kommen würde, um sie auszuhorchen. Tatsächlich ging der Mann neben ihr her und unterhielt sich auf scheinbar harmlose und freundliche Weise mit ihr. Plötzlich ging er auf eine Arbeiterin zu und schlug sie brutal zusammen. "Na," sprach er Ruth Held an, "was sagen Sie nun?" "Sie müssen ja besondere Gründe für Ihr Verhalten haben", antwortete sie. Der Mann wandte sich ab und ging. Ruth Held wusste, dass die auf der "schwarzen Liste" der SS stand, so einfach ließ sie sich nicht reizen.

"Sie werden selbst an diesen Maschinen stehen!"

Kurze Zeit darauf klagte eine Zwangsarbeiterin über Zahnschmerzen. Zwar gab es einen Arzt, doch die Gefangenen wussten, dass jedes Anzeichen einer Krankheit ihr Todesurteil war. So ging Ruth Held zum Betriebsarzt, klagte über Zahnweh und bat um ein Schmerzmittel. Der Arzt gab ihr eine Pille, doch sie musste sie vor seinen Augen schlucken - auch er war misstrauisch. Doch Ruth schaffte es, die Tablette im Mund zu behalten und nur das Wasser zu schlucken, das er ihr gereicht hatte. Später gab sie die Tablette der wirklich Bedürftigen. Aber nicht nur die physische Not der Mädchen versuchte Ruth zu lindern. Die Arbeiterinnen, viele von ihnen frühere Studentinnen, lenkten sich ab, indem sie vor dem Einschlafen oder in den Pausen durch Stromausfall Gedichte aufsagten. Manchmal wussten sie nicht weiter und fragten Ruth, die entweder aus dem Gedächtnis aushelfen konnte, oder die Passage am Abend nachschaute.

Eines Tages kam der Fabrikdirektor und wollte das Heft sehen, in das Ruth die Fehler der Arbeiterinnen eintragen sollte. Spontan tauchte sie das Heft in ein Ölfass. Danach reichte sie es ihm mit den Worten: "Ich bin kein Spitzel!" Unkontrolliert begann der Direktor, auf die junge Frau einzuschlagen. Als sie blutend am Boden lag, drehte er sich um und sagte: "Sie werden selbst bald an einer dieser Maschinen stehen!"

Wie ihr Vater hörte auch Ruth in dieser Zeit BBC, um zu erfahren, wie weit die Alliierten inzwischen vorgerückt waren. Diese Informationen gab sie an die jüdischen Häftlinge weiter, wenn wieder einmal der Strom ausfiel und sie sich flüsternd mit ihnen unterhielt. An einem dieser Tage beschrieb sie ihnen auch den Weg zum Heidehäuschen ihrer Eltern, für den Fall, dass es einer von ihnen gelingen würde, zu fliehen. Plötzlich ging das Licht an. Eine SS-Wärterin stand direkt neben Ruth. Ganz ruhig sagte sie: "Ich habe alles gehört. Sie stehen sowieso auf der schwarzen Liste. Ich melde Sie in einer halben Stunde!"

Panische Flucht vor der SS

Warum sie Ruth eine halbe Stunde Verzögerung ankündigte, bleibt unklar. Ruth Held erinnert sich an jene entscheidenden Stunden, wenige Tage vor Kriegsende: "Es gab nur einen Ein- und Ausgang, eine Art Schleuse, die streng überwacht wurde." Sie verließ die Fabrikhalle, keiner achtete auf sie. Langsam ging sie über das Gelände in Richtung Ausgang. "Nur nicht laufen! Nur keine Angst zeigen!" sagte ich mir. Zur Mittagszeit war kein Schichtwechsel, in dem Raum vor dem Ausgang war ein einziger Mann. Der betrachtete etwas an der Wand, er hatte Ruth den Rücken zugewandt. "Die erste Tür hatte ich geöffnet. Der Mann sah sich nicht um. Nun die zweite Tür. Nichts geschah. Ich war draußen! 'Langsam gehen!', befahl ich mir wieder."

Nach Hause in ihr Zimmer konnte sie nicht, dort hätte die Gestapo sie schnell gefunden. Also entschied sie, zu ihren Eltern auf die andere Seite der Elbe zu fahren. Doch das war nicht so einfach: Die Engländer standen bereits kurz vor Hamburg, um die Elbe zu überqueren brauchte Ruth eine Sondergenehmigung. Einen Passierschein durften nur das Ortsamt oder ein Arzt ausstellen. "In meinem Kopf wirbelten die Gedanken. Zum Ortsamt konnte ich nicht gehen. Ein Arzt?", erinnert sich Ruth Held.

Ein Arzt mit Gewissen

Sie hatte von einem Arzt gehört, der kein Nazi sein sollte. Doch sie kannte ihn ebenso wenig persönlich, wie sie ihn. Trotzdem entschied sie, ihr Glück bei ihm zu versuchen. Sie betrat sein Sprechzimmer, erklärte ihm ihre Lage und bat um eine Krankschreibung. Voller Entsetzen sah der Mann sie an: "In welche Lage bringen Sie mich? Warum glauben Sie, dass ich so etwas tue?" Sie antwortete ihm, er bräuchte ihr die Bescheinigung nicht zu geben. Allerdings wisse er wohl, dass sie dann verhaftet werden würde und dass in dieser Zeit politische Gefangene kurzer Prozess erwarte. "Er sah mich eine Weile schweigend an, ging zum Schreibtisch, schrieb und überreichte mir das Attest, ohne ein Wort zu sagen."

Trotz der Gefahr ging Ruth noch einmal in ihr Zimmer, packte einige Sachen und sagte ihren Vermietern, sie fahre zu ihren Eltern aufs Land. Am Bahnhof musste sie ihre Genehmigung vorzeigen, Ruth Held sagte dem Beamten, sie fahre zu ihren Eltern, weil sie krank sei. Der prüfte die Krankschreibung und ließ die junge Frau einsteigen. "Die Bahn fuhr. Über die Elbbrücken. Ich war gerettet!"

Nach dem Krieg studierte Ruth Held Germanistik und Anglistik, sie wurde Lehrerin in Hamburg-Harburg. Pater Kugelmeier kam bald nach dem Krieg ins Priesterseminar nach Frankfurt, dort arbeitete er 18 Jahre lang. Seinen Lebensabend verbrachte er im Kloster Nette bei Osnabrück, er starb am 25. Juli 1993.

Dieser Artikel basiert auf einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Lichter im Dunkeln. Hilfe für Juden in Hamburg 1933-1945" von Benjamin Herzberg können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.



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