Straßenfotografie Der Mann mit den komischen Ansichten

Der Alltag in Berlin ist langweilig? Nicht, wenn Friedrich Seidenstücker ihn fotografierte. Mit subtilem Witz dokumentierte der Fotograf über vier Jahrzehnte das Leben seiner Zeitgenossen. einestages zeigt seine besten Aufnahmen.

Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Friedrich Seidenstücker

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"Die verdammte Ilse liegt den ganzen Tag im Halensee, und ich bin nicht entfernt eine solche Wasserratte", klagte Friedrich Seidenstücker im August 1965 in einem Brief an einen Fotografenkollegen. Während seine Bekannte zum Baden in den Grunewald gefahren war, saß er im hochsommerlichen Berlin in seiner Wohnung am Wilmersdorfer Bundesplatz und beantwortete Post. "Ich bin ein Badewannenmensch", gestand er seinem Brieffreund.

Statt sich im Freibad zu tummeln, war Seidenstücker - für sein Alter von 82 nicht ungewöhnlich - lieber zu Hause geblieben. Erstaunlicher war, wie es der eigenbrötlerische Kauz immer wieder schaffte, sich mit lebenslustigen, attraktiven und zumeist jüngeren Frauen zu umgeben. Sie gingen mit ihm spazieren, posierten für ihn am Wannsee - und manchmal sogar völlig hemmungslos in seiner Wohnung.

Tuschelei: Ein Pärchen 1947 vor der Büste Johann von Buchs an der ehemaligen Siegesallee im Berliner Tiergarten. Seinen Blick fürs Skurrile hatte Fotograf Friedrich Seidenstücker auch nicht verloren, als er Berlin nach dem Krieg in Trümmern fand.

Glänzende Aussicht: Der gelernte Bildhauer und leidenschaftliche Fotograf Seidenstücker interessierte sich für vor allem für Formen und Bewegungen. Besonders die von Frauen.

Komm schon! Wer zieht hier eigentlich wen?

Sturheit siegt! Fotograf Seidenstücker beobachtete Hündchen und Frauchen 1952 in Berlin.

Tiefe Einblicke: Mutter im Kinderwagen - fotografiert von Friedrich Seidenstücker 1930 in Berlin. Komische Ansichten waren die Spezialität des Straßenfotografen.

Auf dem Sprung: Eine Serie von Pfützenspringerinnen, aufgenommen 1930 vor dem Bahnhof Zoo in Berlin, gehört zu Friedrich Seidenstückers bekanntesten Aufnahmen. "Er hatte seine ästhetische Freude an schlanken Mädchenbeinen", sagte seine Freundin Loni Hagelberg über ihn.

Sexy Hexi: Loni Hagelberg posierte in den vierziger Jahren für Friedrich Seidenstücker in dessen Dachgeschosswohnung am Kaiserplatz in Berlin.

Meinungsverschiedenheiten: Wann immer auf der Straße etwas los war - Seidenstücker drückte im spannendsten Moment auf den Auslöser seiner Kamera.

Im Gänsemarsch: Der Schutzmann sorgt für Ordnung. Aufgenommen von Friedrich Seidenstücker in den zwanziger Jahren in Brandenburg.

Vorsicht, Kinder! Zwei Mädchen 1930 am Bismarck-Nationaldenkmal in Berlin.

Mittagsruhe: Gepäckträger am Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin 1932. Die Männer warten auf Beschäftigung - offenbar schon ziemlich lang.

Kassensturz: Ein Paar prüft vor der Fahrt ins Blaue seine Finanzen. Fotografiert von Friedrich Seidenstücker 1925 in Berlin.

Fehlerteufel entdeckt! Seidenstücker-Aufnahme aus einem Berliner Park von 1930.

Bei Fuß! Können Hunde eigentlich auf Bäume klettern? Seidenstücker fotografierte diese Szene mit offenem Ausgang 1925 an einem See bei Berlin.

Erste Hilfe: Ein ambulanter Schuster 1946 vor der Ruine des Bahnhofs in Potsdam.

Völlig kopflos: Bildhauer und Fotograf Friedrich Seidenstücker 1920 zu Besuch in einer Gießerei, wo er auf diese diese halbfertige Skulptur stieß.

Blick für den kleinen Mann: Zwischen splitterfasernackten, üppigen Damen und einem Adonis in Überlebensgröße richtet der Betrachter sein Augenmerk auf die unscheinbarste aller Skulpturen - ein Selbstporträt mit Augenzwinkern, aufgenommen von Friedrich Seidenstücker 1935 in der Sammlung antiker Skulpturen der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin.

Schaulustige: Eine Aufnahme Friedrich Seidenstückers von 1950. Im Strandbad Wannsee fand er viele seiner Motive.

Deutsche Helden hinter Gittern: Die Skulpturen der Siegesallee waren von Hitlers "Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt" Albert Speer an die Große Sternallee im Tiergarten versetzt worden. Nach dem Krieg wurden sie im Lapidarium zwischengelagert. Von links: Wilhelm I. von Reinhold Begas (vor 1905), Markgraf Johann II. von Brandenburg von Reinhold Felderhoff (1899) und Markgraf Otto II. von Brandenburg von Josef Uphues (1898).

Ihr schwant Böses: Eine Schwimmerin flüchtet vor den aufgebrachten Wasservögeln - und Seidenstückers Kamera schnappte zu.

Komischer Fotograf: Seidenstücker fotografierte nicht nur skurrile Straßenszenen, sondern auch außergewöhnliche Konstellationen in der Natur. Für ein gutes Foto scheute er offensichtlich keine Mühen.

Loni etwa. Eines Tages war sie im Wohnzimmer der kleinen Hinterhaus-Dachgeschosswohnung splitterfasernackt auf den Kachelofen geklettert und hatte sich einen Reisigbesen zwischen die Beine geklemmt. Seidenstücker hatte die sexy Hexi fotografiert: ein ausgesprochen komischer Akt - zu einem Zeitpunkt, da fast ganz Berlin noch in Trümmern lag und man in der ausgebombten, hungernden Stadt wenig zu lachen hatte. Der Zweite Weltkrieg war gerade erst zu Ende gegangen. Der biedere Badenwannenmensch hatte wirklich Humor.

Seltsame Haltung

Unter dem Titel "Von Nilpferden und anderen Menschen" hat die Berlinische Galerie dem schalkhaften Witz des Berliner Fotografen 2011 eine Ausstellung gewidmet. Rund vier Jahrzehnte hatte Seidenstücker den Alltag seiner Zeitgenossen in der Großstadt dokumentiert; rund 14.000 seiner Arbeiten blieben erhalten. Es sind viele komische Fotos darunter: Sie zeigen Kinder, Hunde und Passanten in abnormsten Bewegungen, mit verbogenen Beinen, herausgestreckten Hinterteilen, in verkrampften Haltungen, mit seltsamen Gesten. Das Komische war Seidenstückers Spezialität.

Dabei hatte seine skurrile Fotosammlung ursprünglich einen ganz praktischen Hintergrund. Der gebürtige Westfale war eigentlich Bildhauer. 1904 war er aus seiner Heimatstadt Unna nach Berlin gekommen, um seine Ausbildung zu vervollkommnen - und weil er leidenschaftlich gern in den Zoo ging. Er studierte und fotografierte die Bewegungen der Tiere, die er in seinen Skulpturen nachbildete. Nicht minder bemerkenswert fand er jene Wesen, die sich vor den Käfigen tummelten und sich dabei zu den seltsamsten Verrenkungen hinreißen ließen, während sie versuchten, die Tiere zu streicheln, zu füttern oder auch zu fotografieren.

"Alles Lebendige, alle leidenschaftlichen Vorgänge, die flüssigen Linien und Formen der Frauen, das Groteske und die dekorative Charakteristik der Tiere fesselten mich am meisten," schrieb Seidenstücker später. Das quirlige Großstadtleben hatte es dem eher scheuen Junggesellen angetan. Es beeinflusste auch seine Kunst: Von der Bearbeitung des "schwerfälligen Steins" hatte sich der Bildhauer bald auf die "bewegliche Bronze" verlegt. Doch Skulpturen nach dem Vorbild seiner Motive formte er immer seltener, zumal sich damit kein Geld verdienen ließ - anders als mit Fotografien auf einem in den zwanziger Jahren boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt.

Der Tierfreund als Jäger

Seidenstücker entwickelte eine neue Passion: Der Tierfreund war zum Jäger geworden. Seine Wohnung verließ er nicht mehr ohne Kamera und spazierte dann kreuz und quer durch die Stadt. Im Hinterhalt lauernd, wartete er auf den geeigneten Moment, auf den Auslöser zu drücken - just in jenem Augenblick, da eine Szenerie auf einen grotesken Höhepunkt zuzusteuern schien.

Der Fotoapparat erlaubte es dem schüchternen Mann, sich den Menschen zu nähern, ohne aufdringlich zu wirken. So entstand auch seine wohl berühmteste Bilderserie: Sie zeigt etwa ein halbes Dutzend Frauen bei dem Versuch, mit einem großen Sprung über eine Wasserlache von der Fahrbahn auf den Bürgersteig zu kommen.

"Vorwiegend", erinnerte sich seine Freundin Loni Hagelberg, "suchte er Kontakt zu 'gutgebauten' jungen Frauen; er hatte seine ästhetische Freude an schlanken Mädchenbeinen." Sie selbst hatte Seidenstücker 1939 kennengelernt: "Ich war damals siebzehn, trainierte (…) - wie so oft - auf dem 'Reichssportfeld' in Berlin. Ein älterer Herr mit Fotoapparat kam auf mich zu und fragte sehr höflich den jungen Mann, mit dem ich zusammen schwimmen war: 'Darf ich Ihre Begleiterin wohl mal fotografieren?'"

Hinter Gittern

Der Mann mit dem verschmitzten Gesicht und den lustigen Augen durfte - und nicht nur einmal. Er fotografierte Loni später auf gemeinsamen Ausflügen, auch nackt am See, bis sie schließlich in den vierziger Jahren - wie eine ganze Reihe weiterer Bekanntschaften - sogar auf dem kleinen Bildhauerpodest in Seidenstückers Schlafzimmer posierte. Die Akte allerdings blieben der kleinere Teil im Schaffen Seidenstückers, den der aufmarschierende Nationalsozialismus mit seinen monströsen Propaganda-Inszenierungen von der Straße vertrieben hatte.

Mit dem darauf folgenden Krieg wollte Seidenstücker nichts zu tun haben. Nachdem er schon während des Ersten Weltkriegs als Zeppelinbauer und Flugzeugkonstrukteur gearbeitete hatte, und dann "froh" war, den "Quatsch los" zu sein, verschwieg er nun seinen ursprünglichen Lehrberuf Maschinenbauer lieber gleich ganz. Stattdessen arbeitete er weiter als Fotograf - und überlebte.

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Seinen Blick fürs Skurrile hatte sich der Meister der Schnappschüsse bewahrt: Sein Humor fand sich schließlich sogar in seiner Ruinen- und Trümmerfotografie. Etwa als er die Statuen deutscher Persönlichkeiten aufspürte, die einst die Siegesallee gesäumt hatten. Sie waren nach 1945 demontiert und im Lapidarium hinter Maschendrahtzaun zwischengelagert worden. Mit seiner Kamera machte er aus den Helden der deutschen Geschichte Gefangene hinter Gittern.



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Seite 1
Karl Schillinger, 30.09.2011
1.
Friedrich Seidenstücker (26.12.1882-26.12.1966) starb vereinsamt in Berlin. Sein fotografisches Lebenswerk, das niemand haben wollte, lag jahrelang bei einem Nachlassverwalter, bis es schliesslich (gegen Erstattung der Transportkosten) teils vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, teils von einem Sammler aus dem Rheinland übernommen wurde. Information aus "Arbeitsgemeinschaft für Bildquellenforschung und Zeitgeschichte e.V." in Berlin.
Peter Kasparides, 18.08.2014
2. Straßenfotografie???
So nannte man früher die Aufnahmen, die sogenannte Straßenfotografen von den (damals) gut angezogenen Passanten anfertigten. Was hier zu sehen ist sind sogenannte "Schnappschüsse" im Stil eines Elliot Erwin, Christian Schad, Man Ray oder László Moholy-Nagy.
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