Straßenfotografie Der Mann mit den komischen Ansichten

Straßenfotografie: Der Mann mit den komischen Ansichten Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Friedrich Seidenstücker

Der Alltag in Berlin ist langweilig? Nicht, wenn Friedrich Seidenstücker ihn fotografierte. Mit subtilem Witz dokumentierte der Fotograf über vier Jahrzehnte das Leben seiner Zeitgenossen. Die Berlinischen Galerie widmet ihm nun eine Ausstellung - einestages zeigt die besten Aufnahmen. Von Solveig Grothe

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"Die verdammte Ilse liegt den ganzen Tag im Halensee, und ich bin nicht entfernt eine solche Wasserratte", klagte Friedrich Seidenstücker im August 1965 in einem Brief an einen Fotografenkollegen. Während seine Bekannte zum Baden in den Grunewald gefahren war, saß er im hochsommerlichen Berlin in seiner Wohnung am Wilmersdorfer Bundesplatz und beantwortete Post. "Ich bin ein Badewannenmensch", gestand er seinem Brieffreund.

Statt sich im Freibad zu tummeln, war Seidenstücker - für sein Alter von 82 nicht ungewöhnlich - lieber zu Hause geblieben. Erstaunlicher war, wie es der eigenbrötlerische Kauz immer wieder schaffte, sich mit lebenslustigen, attraktiven und zumeist jüngeren Frauen zu umgeben. Sie gingen mit ihm spazieren, posierten für ihn am Wannsee - und manchmal sogar völlig hemmungslos in seiner Wohnung.

Loni etwa. Eines Tages war sie im Wohnzimmer der kleinen Hinterhaus-Dachgeschosswohnung splitterfasernackt auf den Kachelofen geklettert und hatte sich einen Reisigbesen zwischen die Beine geklemmt. Seidenstücker hatte die sexy Hexi fotografiert: ein ausgesprochen komischer Akt - zu einem Zeitpunkt, da fast ganz Berlin noch in Trümmern lag und man in der ausgebombten, hungernden Stadt wenig zu lachen hatte. Der Zweite Weltkrieg war gerade erst zu Ende gegangen. Der biedere Badenwannenmensch hatte wirklich Humor.

Seltsame Haltung

Unter dem Titel "Von Nilpferden und anderen Menschen" hat die Berlinische Galerie dem schalkhaften Witz des Berliner Fotografen nun eine Ausstellung gewidmet. Rund vier Jahrzehnte hatte Seidenstücker den Alltag seiner Zeitgenossen in der Großstadt dokumentiert; rund 14.000 seiner Arbeiten blieben erhalten. Es sind viele komische Fotos darunter: Sie zeigen Kinder, Hunde und Passanten in abnormsten Bewegungen, mit verbogenen Beinen, herausgestreckten Hinterteilen, in verkrampften Haltungen, mit seltsamen Gesten. Das Komische war Seidenstückers Spezialität.

Dabei hatte seine skurrile Fotosammlung ursprünglich einen ganz praktischen Hintergrund. Der gebürtige Westfale war eigentlich Bildhauer. 1904 war er aus seiner Heimatstadt Unna nach Berlin gekommen, um seine Ausbildung zu vervollkommnen - und weil er leidenschaftlich gern in den Zoo ging. Er studierte und fotografierte die Bewegungen der Tiere, die er in seinen Skulpturen nachbildete. Nicht minder bemerkenswert fand er jene Wesen, die sich vor den Käfigen tummelten und sich dabei zu den seltsamsten Verrenkungen hinreißen ließen, während sie versuchten, die Tiere zu streicheln, zu füttern oder auch zu fotografieren.

"Alles Lebendige, alle leidenschaftlichen Vorgänge, die flüssigen Linien und Formen der Frauen, das Groteske und die dekorative Charakteristik der Tiere fesselten mich am meisten," schrieb Seidenstücker später. Das quirlige Großstadtleben hatte es dem eher scheuen Junggesellen angetan. Es beeinflusste auch seine Kunst: Von der Bearbeitung des "schwerfälligen Steins" hatte sich der Bildhauer bald auf die "bewegliche Bronze" verlegt. Doch Skulpturen nach dem Vorbild seiner Motive formte er immer seltener, zumal sich damit kein Geld verdienen ließ - anders als mit Fotografien auf einem in den zwanziger Jahren boomenden Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt.

Der Tierfreund als Jäger

Seidenstücker entwickelte eine neue Passion: Der Tierfreund war zum Jäger geworden. Seine Wohnung verließ er nicht mehr ohne Kamera und spazierte dann kreuz und quer durch die Stadt. Im Hinterhalt lauernd, wartete er auf den geeigneten Moment, auf den Auslöser zu drücken - just in jenem Augenblick, da eine Szenerie auf einen grotesken Höhepunkt zuzusteuern schien.

Der Fotoapparat erlaubte es dem schüchternen Mann, sich den Menschen zu nähern, ohne aufdringlich zu wirken. So entstand auch seine wohl berühmteste Bilderserie: Sie zeigt etwa ein halbes Dutzend Frauen bei dem Versuch, mit einem großen Sprung über eine Wasserlache von der Fahrbahn auf den Bürgersteig zu kommen.

"Vorwiegend", erinnerte sich seine Freundin Loni Hagelberg, "suchte er Kontakt zu 'gutgebauten' jungen Frauen; er hatte seine ästhetische Freude an schlanken Mädchenbeinen." Sie selbst hatte Seidenstücker 1939 kennengelernt: "Ich war damals siebzehn, trainierte (…) - wie so oft - auf dem 'Reichssportfeld' in Berlin. Ein älterer Herr mit Fotoapparat kam auf mich zu und fragte sehr höflich den jungen Mann, mit dem ich zusammen schwimmen war: 'Darf ich Ihre Begleiterin wohl mal fotografieren?'"

Hinter Gittern

Der Mann mit dem verschmitzten Gesicht und den lustigen Augen durfte - und nicht nur einmal. Er fotografierte Loni später auf gemeinsamen Ausflügen, auch nackt am See, bis sie schließlich in den vierziger Jahren - wie eine ganze Reihe weiterer Bekanntschaften - sogar auf dem kleinen Bildhauerpodest in Seidenstückers Schlafzimmer posierte. Die Akte allerdings blieben der kleinere Teil im Schaffen Seidenstückers, den der aufmarschierende Nationalsozialismus mit seinen monströsen Propaganda-Inszenierungen von der Straße vertrieben hatte.

Mit dem darauf folgenden Krieg wollte Seidenstücker nichts zu tun haben. Nachdem er schon während des Ersten Weltkriegs als Zeppelinbauer und Flugzeugkonstrukteur gearbeitete hatte, und dann "froh" war, den "Quatsch los" zu sein, verschwieg er nun seinen ursprünglichen Lehrberuf Maschinenbauer lieber gleich ganz. Stattdessen arbeitete er weiter als Fotograf - und überlebte.

Seinen Blick fürs Skurrile hatte sich der Meister der Schnappschüsse bewahrt: Sein Humor fand sich schließlich sogar in seiner Ruinen- und Trümmerfotografie. Etwa als er die Statuen deutscher Persönlichkeiten aufspürte, die einst die Siegesallee gesäumt hatten. Sie waren nach 1945 demontiert und im Lapidarium hinter Maschendrahtzaun zwischengelagert worden. Mit seiner Kamera machte er aus den Helden der deutschen Geschichte Gefangene hinter Gittern.

Zum Weiterschauen:

Die Berlinische Galerie zeigt vom 1. Oktober 2011 bis 6. Februar 2012: "Friedrich Seidenstücker: Berlin in Fotografien 1925-1958"

Zum Weiterlesen:

"Friedrich Seidenstücker - Von Nilpferden und anderen Menschen". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, 320 Seiten.

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Karl Schillinger 30.09.2011
Friedrich Seidenstücker (26.12.1882-26.12.1966) starb vereinsamt in Berlin. Sein fotografisches Lebenswerk, das niemand haben wollte, lag jahrelang bei einem Nachlassverwalter, bis es schliesslich (gegen Erstattung der Transportkosten) teils vom Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, teils von einem Sammler aus dem Rheinland übernommen wurde. Information aus "Arbeitsgemeinschaft für Bildquellenforschung und Zeitgeschichte e.V." in Berlin.
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