Straßenfußball Die wahre Schule des Ballgefühls

Lederpille, Kreidestriche und alte Schuhe: Kicken kann so einfach sein. Die größten Fußballstars haben ihre Kunst nicht in teuren Internaten, sondern auf der Straße erlernt. einestages zeigt die besten Kickerbilder von Görlitz bis Gaza.

AP

Der Stollenschuh war noch nicht erfunden, die Champions League hieß Mitropapokal und über Spielphilosophien dachte kein Fußballer nach - doch der Ball rollte trotzdem. Denn Straßenfußballer brauchten nicht viel für ihr Spiel: Ein freies Stück Asphalt oder Schotter, eine Kugel aus Leder, ein paar Striche auf dem Boden und die alten Schuhe, die dreckig werden durften. Kicken konnte man immer und überall.

Heute beklagen Kommentatoren in ihren warmen Studios, dass "wir in Deutschland keine Straßenfußballer mehr haben." Sich auf einer Briefmarke drehen, mit Ball am Fuß, und dann ansatzlos abdrücken wird in der DFB-Eliteförderung eben nicht gelehrt. Doch selbst wenn es sie gab, die begabten Asphaltkicker - sie hatten es oft nicht einfach: Mehmet Scholl nahm nie an einer WM-Endrunde teil. Ansgar Brinkmann spielte in zehn Jahren bei 15 Vereinen. Und die Geschichte von Andreas Sassen ist so traurig, dass man sie besser nicht erzählt.

Voraussetzung: Armut

Doch der Straßenfußball lebt. In Deutschland nur vereinzelt, auf Schulhöfen und angeblich in Person von Lukas Podolski. Vor dessen Namen setzen Kommentatoren immer wieder den Ehrentitel "Straßenfußballer". Und "Poldi" - welch starker Beweis - muss tatsächlich aufpassen, nicht den unglücklichen Weg so vieler Straßenkicker vor ihm zu gehen. "Ich habe immer Spielfreude. Es ist mir egal, wie der Gegner heißt", fasste Nationalstürmer Podolski das Credo eines jeden Straßenfußballers in Worte.

In Massen lebt der Straßenfußball dort, wo seine wichtigste Voraussetzung stimmt: Armut. Deswegen wohl ist der Fußball von den Straßen Castrop-Rauxels nach Caracas ausgewandert, auf den Plätzen von Görlitz so selten und denen von Gaza so häufig zu sehen.

Die Heimat des Straßenfußballs war und ist - auch wenn er hier gelegentlich als Strandfußball daherkommt - Brasilien. Ganz gleich ob Pelé, Romário oder Robinho - nicht wenige, die später als Fußballhelden gefeiert wurden, waren in Armut aufgewachsen und hatten das Hakenschlagen mit dem Ball am Fuß auf den staubigen Plätzen der Favelas trainiert. Auf den sattgrünen Rasenplätzen der reichen Welt kam ihnen genau das dann zugute, denn so schnell, so wendig, so sicher am Ball waren diejenigen, die sich schon seit der F-Jugend auf das Abkühlbecken im Vereinsheim freuen konnten, meistens nicht.

Tragik eines Superstars

Einmal übrigens gab es sie doch, die perfekte Kombination aus Straßen- und Vereinsfußballer: Unendlich oft schon hatte Zinédine Yazid Zidane den Ball mit beiden Füßen abwechselnd gegen die Wände in seiner trostlosen Hochhaussiedlung "La Castellane" gedroschen, Gegenspieler auf einer Gehwegplatte ausgetanzt und den dicken Jungen von gegenüber mit einem überraschenden Pass bedient, bevor er im Fußballinternat des AS Cannes das viel gerühmte französische Ausbildungssystem durchlief und dort die Finessen von Abseitsfalle und Verschieben büffelte. Bis heute gilt der inzwischen vom Sport zurückgetretene Franzose vielen als komplettester Spieler aller Zeiten, der technische Extraklasse mit kühler Effizienz verband.

Irgendwann aber holte selbst Superstar Zidane die Tragik des Straßenfußballers ein: Seine Tätlichkeit, die Frankreich die WM 2006 kostete, hätte ihm im schiedsrichterlosen Straßenfußball sicher jede Menge Respekt eingebracht.



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insgesamt 2 Beiträge
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Michael Köhler, 05.12.2013
1.
Straßenfußballer kicken aber auf vergleichsweise kleinen Felder und agieren daher auch ganz anders. Auf Kleinfeld spielt man bestenfalls sehr schnell und mit viel Dribbling bzw. in kleinem Team. Großfeld erfordert eine andere Taktik. Es wird viel defensiver gearbeitet (das gibt es auf Kleinfeld kaum), die Spielweise ist größer dimensioniert und es gibt hauptsächlich vergleichsweise lange Bälle. Das erfordert schon ein deutliches Umdenken.
Gunnar Rohde, 03.06.2014
2. Nicht nur
beim Strassenfussball muss man den Körper besser beherrschen. Hinfallen hat Konsequenzen. Man muss ganz anders denken. Das macht den Unterschied.
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