Street Art Stadt, Wand, Kunst

Street Art: Stadt, Wand, Kunst Fotos
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800.000 Euro für ein Graffito? Lange galt Street Art als Sachbeschädigung, heute meißeln Kunsthändler die begehrten Spraystücke zum Versteigern aus dem Häuserputz. Selbst Brad Pitt sammelt schon - doch die Konterrevolution rollt. Von

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Pelle hat einen Tick. Nachts, wenn wir mal um die Häuser ziehen, bleibt er an jedem Laternenpfahl, jedem Stromkasten oder Straßenschild stehen, schaut sich um, und wenn gerade niemand guckt, klatscht er dagegen.

Pelle ist Street Artist und "stickert". Er befestigt an allen denkbaren Orten kleine Aufkleber aus eigener Produktion. Häufig bedruckt er Paketaufkleber von der Post, die kosten nichts und liegen in allen Postfilialen aus, deswegen sind sie sehr beliebt in der Szene. Gedruckt wird im Siebdruckverfahren, da leuchten die Farben am kräftigsten. Die Motive sind ganz unterschiedlich, aber natürlich hat jeder Street Artist seine individuelles Erkennungszeichen: ein Dübel, ein Eichhörnchen, ein kleines Mädchen mit Atombombe im Arm.

Eines Abends jedoch reichte Pelle das Stickern nicht mehr und das brachte uns prompt auf die Polizeiwache. Wir wollten eine überdimensionale, extrem dicke Frau aus Papier an einem Einkaufscenter ankleben. Einen sogenannten Cutout, einen überdimensionalen Scherenschnitt. Das Einkaufscenter warb mit großformatigen Fleisch- und Wurstabbildungen neben dem Eingang, und das Bild sollte so kleben, dass das eine Wurstende genau in den Mund von der Frau ragt. Als ich die Hand des Wachtmeisters auf meiner Schulter spürte, standen wir bierselig, stolz und mit kleisterverschmierten Händen direkt vor dem Corpus delicti. Ob wir denn schon öfter aufgefallen seien mit solchen Sauereien, wollten sie auf dem Präsidium wissen. Pelle war stinksauer: Sauereien. So ein Quatsch. Das ist Kunst!

Brad Pitt sammelt auch schon fleißig

Tatsächlich ist Street Art längst erwachsen geworden. Die Arbeiten von Banksy, einem Londoner Street-Art-Künstler, der seine Werke überwiegend mit Hilfe von Schablonen an die Wände sprüht, werden mittlerweile sehr vorsichtig von Restauratoren aus dem Putz herausgesägt und auf dem Kunstmarkt versteigert. Die bekanntesten Motive von Banksy sind kleine Ratten, die die Innenstädte mit Farbe vollkleckern, oder Polizisten, die in verhuschter Geste Anarchiezeichen an die Wände malen. Zu seinen prominenten Sammlern zählt unter anderem der Schauspieler Brad Pitt, und eine solche Klientel braucht er auch: Eines von Banksy auf Leinwand gearbeitetes Werk wurde jüngst vom Auktionshaus Sotheby's auf 800.000 Dollar taxiert.

Die Kunst von der Straße hat ihren Weg in die Galerien gefunden. Seit 2003 veranstaltet der ehemalige Graffiti-Aktivist Adrian Nabi in Berlin die Ausstellung "Backjumps" in einem ehemaligen Monument der Hausbesetzerszene, dem Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg. Swoon, Brad Downey, Obey und auch Banksy - die Koryphäen der Szene waren alle schon da und haben bei der "Backjumps" ausgestellt.

Inzwischen haben auch viele Metropolen das Potential von Street Art als kulturelle Bereicherung erkannt und vermarkten manche Street-Art-Werke als Sehenswürdigkeit. Das Tate Modern in London gab diese Tage seine Fassade für großflächige Street-Art-Arbeiten frei. Im Rahmen der Kunstmesse Art Basel stellte Kristof Kinera seine Arbeit "My Light is Your Light" mitten auf den Gehweg, einen Kronleuchter, bestehend aus acht Straßenlaternen. Yarsial und Kublitz befüllten einen Snackautomaten mit Porzellangeschirr und Gläsern: Per Münzeinwurf in die "Anger Release Machine" konnte man Geschirr hinter der Glasscheibe zerdeppern. Und der Künstler A. Kassen schnitzte geometrische Muster in einen Dönerspieß.

Überdruckventil für frustrierte Werber

Nicht selten sind die Protagonisten dieser Szene ausgebildete Grafiker oder Produktdesigner, die tagsüber ihre Brötchen in der Werbeindustrie verdienen. Hier lernen sie, wie man Aufmerksamkeit erringt, richtig kreativ können sie ihr Wissen jedoch selten einsetzen. Stattdessen müssen sie im Kundenauftrag Verkaufsbotschaften entwickeln, mit denen dann die Städte zuplakatiert werden. Street Art funktioniert da wie ein Ventil, wie eine erleichternde Gegenreaktion.

Ein festes Schema oder gar ein Regelwerk gibt es dabei nicht - gut ist, was auffällt. Ein unbekannter Berliner Künstler zum Beispiel produziert mit einer Etikettenmaschine Unmengen von Namensschildern und klebte diese an Klingelschildern von leerstehenden Wohnungen. Auf den Klingeln steht überall derselbe Name: Brad Pitt.

Auch mit Licht wird gespielt. Der Street Artist Evol plazierte ein Werk bewusst vor einer mit Schwarzlicht ausgeleuchteten Schaufensterdekoration: Er sprühte die Fensterstruktur eines Plattenbaus auf einen Stromkasten, so dass der aussah wie ein kleines Hochhaus. Nachts reflektieren die in Weiß aufgesprühten Fenster das Schwarzlicht - der Effekt wirkt so, als würden kleine Bewohner im Stromkastenhaus fernsehen.

Von der Subkultur zur Touristenattraktion

Noch einen Schritt weiter gehen die sogenannten LED-Throwies. Aus einer Batterie, einem Magneten und einer LED-Leuchte werden kleine, leuchtende Wurfgeschosse angefertigt, die an jeder Metalloberfläche haften bleiben. Die Erfindung entstand in New York als Reaktion auf die Anti-Graffiti-Farbe, mit der sich Hausbesitzer zunehmend gegen die Kunstwerke der Straßenkünstler wehren - also entwickelten die Mitglieder der Gruppe "Graffiti Research Lab" die Throwies als Alternative, um ihr Revier zu markieren.

Inzwischen hat wiederum die Werbeindustrie Street Art als neue Ausdrucksform für sich erkannt. So ließ ein bekannter Sportartikelhersteller entlang einer beliebten Joggermeile in Hamburg seinen Claim auf verwitterte Stromkästen "kärchern", also mit Hilfe des gleichnamigen Hochdruckreinigers und Schablonen in den Dreck schreiben. Rechtlich bewegte sich der Turnschuhhersteller mit dieser Form von Werbung in einer Grauzone, mittlerweile ist diese Werbeform verboten.

Die Firma Kärcher selbst beauftragte zuletzt den Künstler Klaus Dauven. Er sollte auf der Oleftalsperre in Hellenthal/Eifel mit Hochdruckreinigern die größte Zeichnung der Welt anfertigen. Miit öffentlicher Genehmigung versteht sich. Dem Bild - dargestellt ist ein abstraktes Waldtieridyll - fehlt leider jegliche subkulturelle Note.

Der zunehmende Erfolg von Street Art, die Kommerzialisierung und die damit verbundenen Nebenaspekte schmecken deswegen beileibe nicht jedem in der Szene, die subkulturelle Gegenbewegung zu Street Art ist schon längst aktiv. "Destroy the museums, in the streets and everywhere", ist das Motto der sogenannten Splasher. Sie zerstören Street Art mutwillig mit Farbbeuteln oder attackieren Ausstellungen mit Stinkbomben. "Spritzer", so die deutsche Übersetzung, machen Street Art verantwortlich für steigende Mieten in den alternativen Stadtvierteln - weil die Kunst solche Gegenden attraktiver für Touristen und Investoren macht, wie es in einem Online-Manifest heißt.

"Jungs, das ist Adbusting"

Nachvollziehbar, doch es gibt eine Krux: In den Augen der Kunstszene verliert "gesplashte" Street Art nicht etwa an Wert, sondern gewinnt im Gegenteil - denn die oft sehr statischen Cutouts werden durch die Spritzer verspielter und greller. Das Kunstmagazin "Art" spekuliert bereits über eigene Ausstellungen und eine Splash-Modelinie.

Wie weit Street Art in der öffentlichen Wahrnehmung bereits gekommen ist, davon konnte ich übrigens höchstselbst bei meinem Besuch auf der Polizeiwache einen Eindruck gewinnen. "Jungs, das ist Adbusting", klärte uns der Wachtmeister ohne ein Wimpernzucken auf. "Adbusting" setzt sich aus "Advertisement" (Werbung) und "busting" (zerstören) zusammen, und meint das gezielte Verfremden von Werbung im öffentlichen Raum: Konsumkritik. Tja, und wenn bereits schnauzbärtige Wachtmeister so leichtfüßig mit Szenejargon hantieren, kann Street Art schon lange keine Subkultur mehr sein. Sondern ist längst Pop.


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