Vier Jahrzehnte New York "Damals starrte niemand auf sein Handy"

Seit über 40 Jahren sucht Fotografin Carrie Boretz nach besonderen Momenten und Motiven auf den Straßen New Yorks. In einem Bildband zeigt sie nun Bilder aus einer Stadt, die sich sehr verändert hat.

Carrie Boretz / powerHouse Books

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Manche Fotografen reisen ans andere Ende der Welt, um geeignete Motive zu finden - Carrie Boretz entdeckt sie direkt vor der eigenen Haustür. Seit über 40 Jahren porträtiert sie Menschen auf den Straßen New Yorks. Ihr Bildband "STREET: New York City - 70s, 80s, 90s" zeigt nun eine Auswahl von rund hundert Schwarz-Weiß-Fotografien, aufgenommen von Mitte der Siebziger- bis in die Neunzigerjahre.

Boretz dokumentierte jahrelang für verschiedene Zeitungen und Magazine das Straßenleben in der Millionenstadt. Als sie sich eines Tages ihre alten Scans und Negative anschaute, kam sie auf die Idee für das Projekt und wählte bewusst nur Fotos bis in die Neunzigerjahre aus. "Einige der Bilder wurden während der Zeit veröffentlicht, in der ich sie fotografierte. Aber nun sind sie stärker geworden, bringen einen mehr zum Nachdenken", sagte die Fotografin SPIEGEL ONLINE.

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16  Bilder
Liebespaare, Schwestern und Verbrecher: Auf den Straßen New Yorks

Ihr Bildband umfasst verschiedene Viertel und Stadtteile: von Brooklyn bis Queens, von Manhattan bis Harlem. Vor allem die kleinen Momente des Alltags interessierten Boretz, mehr als die großen Ereignisse, die politischen oder sozialen Unruhen der Zeit.

Sie suchte nicht gezielt nach bestimmten Motiven, es sind zufällige Begegnungen und Begebenheiten. Ihre Fotos sind bestimmt durch die Menschen, die sie sah: Ein Mann und eine Frau tanzen in einem Nachtklub, sie wirft ekstatisch ihren Kopf nach hinten. An einer Telefonzelle hängt ein Pappschild, darauf steht "Außer Betrieb", ein Mann spricht trotzdem in den Hörer. Eine junge Frau spielt Pac-Man, während ihr kleines Kind auf dem Tisch sitzt.

Die Fotografien zeigen Boretz persönliche Sicht auf die Stadt: Es seien Szenen und Charaktere, die ihr eigenes Herz höherschlagen ließen - "ich kann gar nicht anders, ich sehe ständig Bilder". Gleichzeitig gibt der Bildband einen Einblick in die Mode, die Autos, Frisuren und Kleidung der Vergangenheit. Sie zeigen ein New York, das heute so nicht mehr existiert.

New York habe sich seit damals sehr verändert, sagt die Fotografin: Die Stadt sei heute viel sauberer als früher, viele ältere Gebäude seien verschwunden. "Leute, die jahrzehntelang in denselben Wohnungen wohnten, wurden gezwungen wegzugehen, weil die Mieten teurer wurden." Doch besonders falle ihr auf, dass die Menschen früher viel mehr in Kontakt zueinander waren: "Damals starrte niemand auf sein Handy", so Boretz.

Sie fotografiert noch immer auf den Straßen New Yorks, allerdings nicht mehr beruflich, sondern nur in ihrer Freizeit. Und ihre alte Spiegelreflexkamera hat auch Carrie Boretz mittlerweile gegen ein neues Smartphone eingetauscht.

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Carrie Boretz:
Street

New York City 70s, 80s, 90s

powerHouse Books; 120 Seiten; 31,89 Euro.

insgesamt 4 Beiträge
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Gerd Blessing, 18.04.2018
1. Ist die Kombination aus...
...der Überschrift ("Damals starrte niemand auf sein Handy") und dem Aufmacherfoto politisch korrekt?
Ronald Soll, 18.04.2018
2.
Beeindruckende Fotos. Ich stehe auf Retro-Dinge. Die Welt vor einigen Jahrzehnten mag unvollkommen gewesen sein. Und trotzdem betrachte ich die Bilder mit Wehmut. Ich kann der Moderne einiges abgewinnen, aber vieles überfordert auch die Menschen. Da bleibt etwas unwiederbringlich auf der Strecke, was sich meiner Meinung nach nicht gut auf das Seelenleben auswirkt. Fotos dieser Art geben die Chance einmal innezuhalten und die Zeit Revue passieren zu lassen. Wir sind ja alle bekloppt vor lauter Höher, Schneller Weiter. Merken nicht mehr, wie elementare Dinge wie Zeit haben, Langsamkeit, Zwischenmenschlichkeit immer mehr untergepflügt werden.
Archibald Haddock, 18.04.2018
3.
Schöner Artikel und sehr gelungene Fotos. So sehr ich vieles an der Gegenwart auch schätze, aber solche Momente rufen in Erinnerung, wie unglaublich beschleunigt heute jeder Lebensbereich geworden ist: der Beruf, das Privatleben, Freund- und Bekanntschaften, die Kultur- und Unterhaltungsbranche, die Nachrichtenlage etc. Und das, obwohl die Fotos bereits New York City zeigen, das ich seit den 90ern kenne und schon immer so stark pulsiert hat wie kaum eine andere Stadt. Aber verglichen mit früher lebt man heute nicht mehr im Augenblick, sondern ist gedanklich oder buchstäblich immer auf dem Sprung.
Herbert Schmitt, 18.04.2018
4. New York, New York...
Wieder so New York-Fotos... mittlerweile langweilig. gibt's keine Bildbände von anderen Städten? Vor allem auch Fotos, die im Einverständnis mit den dargestellten Personen veröffentlicht wurden?
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