Streitkultur in der Sozialdemokratie Und dann die Hände zum Himmel

Streitkultur in der Sozialdemokratie: Und dann die Hände zum Himmel Fotos
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Hau-Ruck-Abgang von Finanzminister Lafontaine, Abspaltung der WASG, Wahlempfehlung von Wolfgang Clement und hessisches Rebellentum: Wer glaubt, Richtungsstreitigkeiten in der SPD seien ein Phänomen der Neuzeit, kennt die Geschichte der Sozialdemokratie schlecht. Heiß her ging es in der Arbeiterbewegung schon lange vor Gründung der SPD. Von

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Im fernen London war die Empörung groß, als am 23. Mai 1863 in Leipzig unter wesentlicher Mithilfe des bürgerlichen Schriftstellers Ferdinand Lassalle der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (kurz: ADAV) gegründet wurde. Es war die erste parteiähnliche sozialistische Vereinigung Deutschlands. Woran die Exil-Briten Karl Marx und Friedrich Engels zu kritteln hatten, war nicht etwa die Tat an sich. Vielmehr beklagten sie die Ziele und Methoden Lassalles. Sein so genanntes "ehernes Lohngesetz" hielten sie für Unsinn, und statt des von den beiden Theoretikern angestrebten vorübergehenden Bündnisses mit dem Liberalismus gab es von Lassalle nur scharfe Worte in Richtung der Fortschrittspartei. Der ADAV-Präsident flirtete lieber mit dem preußischen Staat um Ministerpräsident Otto von Bismarck.

Das wiederum nahmen ihm ein junger Arbeiter namens August Bebel und ein etwas älterer Marx-Vertrauter namens Wilhelm Liebknecht, der Vater von Theodor, Otto und Karl, genauso krumm. In ihrer 1866 in Chemnitz gegründeten Sächsischen Volkspartei forderten sie die Bildung eines konstituierenden Parlaments für Großdeutschland, selbstverständlich unter Einbeziehung des preußischen Dauerrivalen Österreich.

Kontrahent Lassalle war zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Der Heißblüter war in einem Liebesduell um die Zuneigung einer jungen bayerischen Diplomatentochter gefallen. Seine Nachfolger aber beäugten die aufkommende Gegenbewegung mit feindseligem Magengrimmen. Nach der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) im August 1869 in Eisenach standen sich endgültig zwei rivalisierende Stoßrichtungen gegenüber - mit drastischen Folgen, nachzulesen unter anderem in den Autobiografien Bebels und Eduard Bernsteins.

Kampf der Worte

Bernstein, obwohl erst Anfang 20, machte sich im Dunstkreis der SDAP schnell einen Namen als feuriger Agitator, der sich - einmal durch die Behauptungen eines Gegners vom ADAV erregt - derart in Rage redete, dass er mit seiner Leidenschaft die Zuhörer mitriss. Und Gelegenheit zu Rededuellen im Kampf der Worte um die Gunst der Anhänger gab es zuhauf. Dies reichte so weit, dass Versammlungen des Rivalen konsequent gestört wurden. Mit Zwischenrufen etwa, mit Handgreiflichkeiten gar - oder, ganz subtil: Indem man bei Abstimmungen beide Hände in die Höhe hielt. Der Inhalt - wen wundert's? - geriet häufig ins Hintertreffen. Mit der Folge, dass die ob der heftigen Kindereien gelangweilten Zuhörer schnell das Interesse an der Versammlung verloren. Das frustrierte Anhängerpotenzial strafte seine Interessenvertreter mit Abwesenheit.

Vorübergehende Besserung trat erst auf, als sich die Kontrahenten im Mai 1875 in Gotha zusammenrauften und gemeinsam die Sozialistische Arbeiterpartei gründeten. Nur drei Jahre später ließ Bismarck, offiziell in Furcht vor der offenen Staatsfeindlichkeit und provozierenden Revolutionssehnsucht der Sozialdemokratie, die Partei und alle nahestehenden Vereine vom Reichstag verbieten.

Erst von 1890 an konnten sich die Genossen, deren Partei nun in SPD unbenannt wurde, wieder frei bewegen - und kultiviert über ideologische Wurzeln und notwendige Reformbemühungen streiten. Bernstein forderte 1899 und damit vier Jahre nach dem Tod Friedrich Engels - Karl Marx war bereits seit 1883 nicht mehr unter den Lebenden - eine theoretische Neuorientierung der Partei und eine aktive Bekämpfung des Kapitalismus. Bernstein hielt diesen für derart wandelbar, dass ein erhoffter baldiger Systemzusammenbruch immer unwahrscheinlicher würde.

Tischtuch durchschnitten

Die Parteispitze, in der Bebel nach wie vor der wichtigste Mann war, widersprach heftig, Rosa Luxemburg sogar noch heftiger. Der Appell der Führungsriege an den Zusammenhalt der Partei verklang endgültig, als sich Weltkriegsgegner und -befürworter unversöhnlich gegenüberstanden. Karl Liebknecht widersetzte sich im Dezember 1914 als erster dem Fraktionszwang und stimmte im Reichstag gegen die Bewilligung von Kriegskrediten. Weitere Abgeordnete folgten seinem Beispiel. Nachdem die internen Kritiker im Januar 1917 sogar einen eigenen Reichskongress einberiefen, war das Tischtuch endgültig durchschnitten. Eine nicht zu unterschätzende Splittergruppe gründete daraufhin die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD).

Der SPD-nahe Historiker Heinrich Potthoff hat die Ursache der Spaltung auf den Punkt gebracht: "Gerade die starre Handhabung der zum Dogma gewordenen Parteitradition der 'Einigkeit nach außen', die Disziplinbruch geradezu als Meuterei wertete, hat die Gegensätze besonders verschärft", schreibt er im ersten Band der "Kleinen Geschichte der SPD". Vier hessische Genossen können ein Lied davon singen.

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