Student im ersten Nachkriegssemester "Wir fürchteten die Schmiede"

Student im ersten Nachkriegssemester: "Wir fürchteten die Schmiede" Fotos
Stadtarchiv Kiel

Werner Klose war einer der ersten Nachkriegsstudenten in Kiel. Getrieben von dem unerschütterlichen Glauben, dass ein Germanistikstudium irgendwann zum Broterwerb führt, bibberte er mit Kommilitonen und Professoren in kalten Fabrikhallen - und musste schließlich feststellen, dass die Prüfungsordnung Mitleid nicht vorsah. Von

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Zulassung

Die Zulassung zum Studium im Wintersemester 1945/1946, für meine Mitbewerber das Hauptproblem, erwies sich für mich wegen eines Zufalls als mühelos. Stolz darauf, vom Lazarett aus schon einmal "studiert" zu haben, hatte ich den Studentenausweis der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau in mein Soldbuch gelegt und mit diesem fleckigen, zerknitterten Militärdokument durch alle Wirren des Kriegs gerettet. So galt ich bereits als Student, erstmals immatrikuliert am 17. November 1943.

1945 drängten sich Bewerber aus zehn Abiturientenjahrgängen vor Universitäten, deren Kapazität die geistfeindliche Erziehungsideologie der Diktatur schon vor dem Kriege reduziert hatte. Als 1939 im Sommersemester noch alle Hörsäle, Institute und Bibliotheken der Christian- Albrechts-Universität in Kiel völlig intakt und arbeitsfähig waren, gab es nur 781 Studenten. Als ich am 27.November 1945 mit der Hochschulnummer 1275 wieder zu studieren begann, stolperten 2500 Studenten auf Trampelpfaden durch Wüsten von Schutt und Bombentrichtern zu Vorlesungen und Seminaren in Noträumen, vom Zufall über die zerstörte Stadt verstreut. 50 Prozent aller Bewerber wurden 1945 von den fünf Universitäten der britischen Zone abgewiesen.

Universität

Die Christian-Albrechts-Universität Kiel entstand Zimmer um Zimmer, Flur um Flur - je nach vorhandenem Baumaterial - auf dem Trümmergelände der ELAC, die erheblich verkleinert in der Nachbarschaft am Westring ihre elektroakustische Produktion aufzubauen begann.

Während wir Germanisten in der geheizten Hautklinik noch ein warmes Unterkommen gefunden hatten, um das man uns sehr beneidete, wurden die Fabrikhallen, in denen die großen Vorlesungen stattfanden, aus Mangel an Brennstoff nicht beheizt. Wir fürchteten am meisten die "Schmiede", die diesen Namen aus der Fabrikzeit auch noch behielt, als sie längst zum beheizbaren Auditorium ausgebaut worden war. In die kahle, eisige Betonhalle, in der Schneewasser durch die Decke lief und zu Pfützen gefror, saßen über 200 Studenten, dicht gedrängt auf Holzbänken oder Wirtshausgestühl.

In der Schmiede und in anderen Gebäuden mussten wir auch beim Schreiben unsere Handschuhe anbehalten, bis die Finger versteiften und man das Mitschreiben aufgab. Die Professoren lasen, ebenfalls in Mäntel und Schals gepackt, vorn an einem roh gezimmerten Behelfspult. Wenn der Historiker Karl Jordan sein Manuskript umblätterte, leuchteten knallgrüne Pulswärmer auf, die seine Gelenke schützten.

Das Germanistische Institut hatte seine Bibliothek auslagern und retten können. Als wir tagelang die schweren Bücherkisten im Hause Niemannsweg 11 hinaufschleppten, war auch ein etwas älterer, blasser und hagerer Mann mit dabei, den die Schlepperei ähnlich anstrengte, wie mich. Offenbar der Hausmeister, meinte ich, doch als ich einen Studenten nach dem Mann mit der Baskenmütze fragte, erfuhr ich, dass Professor Werner Kohlschmidt hier mit uns gemeinsam sein Institut aufbaute.

Leben

Wie finanziert man ein Studium, ganz ohne Rückhalt durch das Elternhaus und 1945 auch ohne Chance auf Sozialhilfen durch den Staat? Entscheidende Hilfe brachte das Studentenwerk. Fast täglich ging ich zwischen zwei Vorlesungen am Studentenwerk vorbei und fragte nach Arbeit. Das Studentenwerk war wie die Universitätsverwaltung und zwei Studentenwohnheime auf einem von drei kriegsmarinegrauen Frachtern untergebracht. Die Universität Kiel improvisierte mit diesen Schiffen an der Förde ganz im Sinne ihrer maritimen Tradition. Der Rektor suchte im zähen Ringen mit den britischen Behörden die Auslieferung dieser Frachter an Polen und die Sowjetunion zu verhindern; denn sie waren längst als Reparationsgut abgeschrieben

"Heute habe ich etwas für Sie", sagte eines Tages noch vor Weihnachten Fritz Roder, der als Angestellter im Studentenwerk in einer kleinen Kabine saß und nie Geduld und Humor verlor. "Verstehen Sie was von Statistik? Das Arbeitsamt braucht mehrere Studenten als Hilfskräfte, mindestens für ein Semester, halbtags, zweimal in der Woche." An Mathematik wäre beinahe mein Abitur gescheitert, doch selbstverständlich nahm ich den Job als Hilfsstatistiker beim Arbeitsamt sofort an.

Studium

Am meisten bedrückte uns Studenten, dass wir allgemein und über unser Studium speziell so schlecht informiert waren. Wer wie ich Germanistik, Geschichte, Philosophie und Pädagogik studieren und mit Staatsexamen abschließen wollte, stand völlig hilflos vor dem Lehrangebot. Was heute den Studenten in der Massenuniversität mit ihrer anonymen Bürokratie plagt, fehlte uns, weil die Universität, die Fakultäten und in ihnen die Institute sich äußerlich erst organisieren und abstimmen mussten.

Lehrer

Dem ehemaligen Kriegsstudenten im ersten Semester, der Griechisch nie gelernt und sein solides Schullatein fast vergessen hatte, schien die Alte Geschichte nicht nur zeitlich fern erreichbar zu liegen. Wenn ich dennoch zu den Veranstaltungen der Althistoriker mit Erwartungen ging, die viele Mitstudenten teilten, verdankten wir das in Kiel zwei auf ganz unterschiedliche Art faszinierenden Lehrern.

Professor Herbert Nesselhauf war wie die meisten von uns fünf Jahre lang Soldat gewesen. Wie wir in Kiel als Studenten begannen, so wurde er dort erstmals Ordinarius, erst 36 Jahre alt. Wenn er, gekennzeichnet durch den Krieg, mühsam zum Pult schritt, wirkte er viel älter, doch die leidenschaftliche Intensität seines Vortrags bezeugte sogleich die jugendliche Spannkraft eines Gelehrten, dazu befähigt, große Leitlinien durch die Epochen der Geschichte zu legen, so dass Information und Interpretation nahtlos zusammenwirkten. Seinem Nachfolger Alfred Heuß, der schon in Breslau Universitätslehrer gewesen war, ging anfangs nur der anekdotenreich belegte Ruf eines derben Unikums voraus.

Tatsächlich war Heuß im Gegensatz zum schöngeistig-gepflegten Vortrag Nesselhaufs für Formulierungen von treffsicherer Anschaulichkeit gut, und im überfüllten Hörsaal saßen viele Studenten, die gar nicht Historiker waren, sondern nur diese Bonmots genießen wollten. Die Drastik seiner Sprache zielte auf Annäherung. Er rückte auf anschauliche Weise das Altertum an die Gegenwart heran. Er setzte die gängigen Klischees zunächst voraus, um am Beispiel kritischer Klischeezerstörung die Methoden historischer Urteilsbildung zu lehren.

Studentenehe

Als Student verheiratet zu sein, war auch damals unüblich, wenn auch häufiger als heute. Meine Frau und ich versuchten im vierten Jahrzehnt unserer Ehe oft in langen Gesprächen herauszufinden, was unsere Eheprobleme damals verursacht hatte. Die materielle Armut unserer Existenz war zu ertragen, solange alle arm waren. Unsere Sorgen verstärkten sich durch die Ungewissheit einer Zukunft, vor der erst meine Examina und danach noch einmal die Berufsfindung standen. Meine Frau sagte mir einmal, dass sie zeitweilig nicht mehr daran geglaubt habe, dass ich jemals aus der studentischen Existenz heraus in ein Normalleben finden könnte.

Eingezwängt in eine beschädigte Studentenbude, musste sie mit unseren beiden kleinen Söhnen darauf warten, dass ich mit meinem Studium zurechtkam. Je stärker sie unter dem Elend des Alltags litt, desto verbissener ignorierte ich diesen Alltag. Im Studium hatte ich eine Fluchtmöglichkeit, die ihr vorenthalten blieb. Im Studium konnte ich Aufgabe und Sinn sehen, konnte die Realität vergessen. So lebten wir auf engstem Raum vier Jahre lang zusammen, aber auch nebeneinander her.

Examen

Examen machen, und zwar ganz schnell. Examenstermine im April 1950. Ein Angestellter mittleren Alters, der viele Semester ältere Germanistik studiert hatte, verdiente sich ein Zubrot, indem er Einpaukkurse in historischer Grammatik durchführte. Dennoch blieb das meine Schwachstelle im Examen, und ich bestand nur mit "gut", was mich damals enttäuschte. Nein, die Note war schon gerecht; außerdem hatte ich die erste Großanstrengung hinter mir.

Ein Germanist studierte damals ohne Zwischenkontrolle seiner Leistungen. Man saß eine Stunde vor der Kommission und diese Stunde konnte jedes Thema eines jahrelangen Studiums zur Sprache bringen. Man ging, erdrückt von Stoff, in diese Prüfungen wie ein Spieler, der sich mit einem einzigen Hunderter das Kapital für eine lebenslange Existenz aufbauen wollte.

Nach der Germanistik-Prüfung sollte ich drei Tage später in Geschichte geprüft werden. Drei Nächte lang schlief ich kaum. Ich wollte mich der ungeheuerlichen Zumutung verweigern, über Weltgeschichte von den frühesten Hochkulturen bis zu Gegenwart "alles" wissen zu müssen. Denn auch in Geschichte fehlten die Zwischenprüfungen, etwa für Alte Geschichte oder Geschichte des Mittelalters.

Alles oder nichts. Ich wollte die Examensmeldung zurückziehen und die Prüfung machen, sobald ich mich sicherer fühlte. Schließlich stellte ich mich doch, bleich und müde, zugleich wieder angespannt wach. Es lief alles normal, "befriedigend", für die Professoren einer der vielen Studenten im Mittelfeld. Wenn ich heute selbst prüfen muss, will ich mich mit dem Prüfling mitfühlend in meine Verzweiflung von damals zurückversetzen, doch so kann man nicht prüfen. Die Prüfungsordnung sieht nicht vor, dass der Prüfer mit dem Prüfling leidet.

Über den Autor:

Werner Klose wurde am 20. März 1923 in Hünern in der Nähe von Breslau geboren. Er studierte von 1945 bis 1950 Germanistik und Geschichte an der Christian Albrechts Universität in Kiel und arbeitete anschließend als Lehrer am Nordseegymnasium in St.Peter-Ording.

In seinen Erzählungen, Romanen und Sachbüchern setzte er sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander. Er schrieb eine Hitler-Biografie für "junge Staatsbürger" und ein Sachbuch über die Hitlerjugend.

In den fünfziger Jahren entdeckte er das Hörspiel als modernes Medium für den Unterricht. Er schrieb das Hörspiel "Die Reifepüfung", das unter der Regie von Egon Monk beim NDR mit Schülern aufgenommen und 1959 gesendet wurde. Werner Klose verunglückte am 3. November 1987 tödlich bei einem Autounfall.

Roland Klose

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