Studenten in Aufruhr Als die Revolte Laufen lernte

Studenten in Aufruhr: Als die Revolte Laufen lernte Fotos
Institut für Stadtgeschichte Frankfurt/Kurt Weiner

Nur wenige Jahre haben die Bundesrepublik so verändert wie 1968: Die Studentenproteste entfachten einen Wirbelsturm, der das ganze Land durchfegte. Doch wo lagen die Wurzeln der Revolte? Tobias Picard über Mensch-ärgere-die-Polizei-Spiele und eine Generation, die aus ihrer Ohnmacht erwacht. Von

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1968 gilt als das große Jahr der Revolte. Doch der Protest begann schon im Jahr zuvor, als die Studentenbewegung der sechziger Jahre zur außerparlamentarischen Opposition (APO) wurde. Die Bewegung wandte sich gegen Faschismus und Krieg und war Teil des von den USA ausgehenden "international students movement", das sich nach eigenem Selbstverständnis emanzipatorisch und antiautoritär gegen jede Herrschaft von Menschen über Menschen wandte.

Die Vorboten waren in Deutschland schon lange zu spüren gewesen, auch in Frankfurt, einer Kommune, die im Krieg stark gelitten hatte und deren Behörden im Zuge eines Umbaus zur "amerikanischsten Stadt Deutschlands" die gänzliche Beseitigung des alten Stadtbildes gefördert hatten. Vielen Menschen war damit das Heimatgefühl genommen. Sie fanden sich 1960 zu Zehntausenden vor den Fernsehern wieder, als der Hessische Rundfunk mit der Ausstrahlung seiner volkstümlichen Serie "Die Familie Hesselbach" begann.

Zur gleichen Zeit breitete sich in ganz anderen Kreisen eine intellektuelle und sozialkritische Bewegung aus, vorangetrieben unter anderem vom Frankfurter Suhrkamp-Verlag, von der Ideologiekritik der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno) sowie von den städtischen Bühnen, die vermehrt Stücke zeitgenössischer Autoren (Sartre, Brecht) spielten. Hier kündigte sich ein neues Denken an, das vormaligen Sinnstiftungen eine Absage erteilte: Im Mittelpunkt stand der Einzelne in einer unübersichtlichen Welt. Sinn war etwas, das erst durch Gestaltung des eigenen Lebens oder der Gesellschaft geschaffen wird.

Eine Generation erwacht aus der Ohnmacht

Die Gegenstimmen konservativer Kreise, denen Nation, Religion und Tradition wichtiger waren als der moderne Individualismus, wurden leiser, als in einer Reihe von Gerichtsverfahren die Beteiligung der Eliten am "Dritten Reich" offenbar wurde. Mit dem sogenannten Auschwitz-Prozess, der 1963 in Frankfurt begann, entwickelten viele junge Leute eine generelle Skepsis gegenüber der für den Nationalsozialismus und dessen Verdrängung in Wiederaufbau und Wirtschaftswunder verantwortlichen Generation der Väter, deren Autorität auf allen Gebieten in Frage gestellt wurde.

Bei steigenden Studentenzahlen war die Bewegung vor allem eine Sache der akademischen Jugend, deren Angst wuchs, angesichts des Kalten Krieges keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Die vielen Mahnwachen gegen Wiederbewaffnung sowie gegen Atomversuche in Ost und West waren schon 1960 zu den alljährlichen Ostermärschen gebündelt worden, deren Teilnehmerzahl ständig stieg.

Der Blickpunkt ging überall dorthin, wo man das Selbstbestimmungsrecht von Menschen und Völkern verletzt sah: im Eingreifen Englands und Frankreichs im Kongo, in der Politik der Rassentrennung in Südafrika, in der Diktatur des Schahs im Iran, der von den Vereinigten Staaten unterstützt wurde.

Protest auf Protest

Am 8. März 1965 marschierten US-Truppen in Südvietnam ein. Aus Protest wurde nun Konfrontation und es kam auch in Frankfurt zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei und gegnerischen Gruppen, so beim Ostermarsch 1965 und bei einem Vietnamtag am 24. Februar 1966. Die Proteste galten auch den Notstandsgesetzen, die eine Bedingung der Westmächte vor Übergabe der Souveränität waren, da das Grundgesetz bewusst auf Regelungen für Krisensituationen verzichtet hatte. Mit Bildung der großen Koalition aus CDU und SPD 1966 sah man die Verabschiedung näher kommen. Mit ihr wuchs die Sorge vor einer neuen, die Grundrechte einschränkenden Diktatur.

Im folgenden Jahr beschleunigten sich die Ereignisse: Am 13. Januar 1967 berichtete der Präsident des Weltkirchenrates, Pastor Martin Niemöller, auf dem Frankfurter Flughafen von den erschütternden Zuständen in Vietnam. Vier Wochen später, am 11. Februar, zogen nach einer Kundgebung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) und des Sozialdemokratischen Hochschulbundes rund 150 Teilnehmer unangemeldet zum amerikanischen Konsulat in der Siesmeyerstraße, wo sie von einer Reiterstaffel auseinander getrieben wurden. Die Polizei verteidigte ihr Vorgehen mit dem Hinweis auf ein Flugblatt sogenannter "Provokateure", in dem es hieß: "Provo-Demonstrationen sind ein Mensch-ärgere-die-Polizei-Spiel (...) Wir laufen vom Opernplatz zum amerikanischen Konsulat (...) Diesen Zettel auswendig lernen - vernichten!"

Am 2. Juni wurde in Berlin während einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Hatten sich bis dahin höchstens 500 Personen an Protestveranstaltungen beteiligt, so zogen am 8. Juni 5000 Menschen in einem Schweigemarsch durch die Frankfurter Innenstadt. Drei Wochen später brachte der Allgemeine Studentenausschuss (ASsA) 2000 Studierende zu einer Kundgebung gegen die Notstandgesetze auf die Beine.

An der Frankfurter Universität brodelt es

Nun erkannten auch die Berliner Studentenführer das Potential Frankfurts, wo in den letzten Jahren viele Delegiertenversammlungen des SDS stattgefunden hatten: Am 7. Juli nahm Rudi Dutschke an den hochschulpolitischen Tagen des Frankfurter AStA teil, und auch zur SDS-Konferenz Anfang September reiste er an. Zusammen mit dem Kommunarden Fritz Teufel und 300 Gefährten stürmte Dutschke am 6. September eine Vietnam-Diskussion im Amerikahaus in der Staufenstraße und entrollte die Fahne der "Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams", des Vietcong.

Einen Monat später wurde während einer gegen das Verlagshaus Axel Springer und die "Bild-Zeitung" gerichteten Demonstration auf der Frankfurter Buchmesse der Frankfurter Soziologiestudent Frank Wolff, zweiter Vorsitzender des SDS, festgenommen. Am 21. Oktober demonstrierten über 300 Jugendliche vor dem amerikanischen Einkaufzentrum "PX" gegen den Vietnamkrieg, am 2. November mit einem Zug von der Universität zum Opernplatz gegen die Krönungsfeierlichkeiten im Iran.

An der Universität wurden die neuen Aktionsformen Go-in, Teach-in und Sit-in weiter erprobt: Während einer Vorlesung des Politologen Carlo Schmid stürmten Anhänger des SDS das Pult und versuchten eine Diskussion über die Notstandsgesetze zu erzwingen. Rektor Walter Rüegg verurteilte die Störungen des Lehrbetriebs und suspendierte den SDS. Am 27. November fanden sich vor dem Rektorat 1000 Studenten zu einem Teach-in zusammen. Themen waren der Freispruch für den Polizisten, der Benno Ohnesorg erschoss, und das vorläufige Verbot des SDS.

Die Unruhen verändern die ganze Republik

Am 6. Dezember forderten mehrere Studenten im Treppenhaus der Universität eine Demokratisierung der Hochschule. Währendessen beschloss das Konzil, die Studentenschaft mit 20 Prozent der Stimmen an seiner Sitzung zu beteiligen. Es entsprach damit dem Wunsch des AStA, der am nächsten Tag 30 Prozent Beteiligung forderte. Mit einem Teach-in im großen Hörsaal VI, auf dem der Entwurf einer neuen Universitätssatzung beraten wurde, ging das turbulente Jahr am 19. Dezember zu Ende.

SDS und AStA war es gelungen, eine permanente Atmosphäre der Agitation zu erzeugen. Der "Frankfurter Bürger", ein Organ der Bezirksvereine, warf den Studenten zum Jahresschluss Trägheit vor, da sie sich den Terror einer kleinen linksradikalen Gruppe habe aufzwingen lassen: Die Proteste nutzten sich zwar allmählich ab, aber man solle die jungen Leute gewähren lassen, sie würden in einigen Jahren doch "brave Spießbürger" werden.

Die Zeitschrift ahnte nicht, dass bis dahin noch einige Jahre der Unruhe vergehen würden, an deren Ende nicht nur die terroristische Radikalisierung und ideologische Zersplitterung kleinerer Gruppen und das Aufgehen des größeren Teils der Bewegung in der SPD der Reformära Brandt standen, sondern auch eine weit in die Provinz wirkende Kulturrevolution. Deren hedonistische und politische Merkmale wie etwa die Selbstbestimmung in Lebensgestaltung und Konsum, die Enthierarchisierung der Kommunikation, das veränderte Verhältnis der Geschlechter oder die Befreiung der Körper durch Rock 'n' Roll und Anti-Baby-Pille erscheinen vielen Jugendlichen heute als selbstverständlich, während - was von ihnen meist unbeachtet bleibt - Väter und Großväter unter Begriffen wie "Demokratisierung" oder "Zivilisationsbruch" diese Neuerungen vorangetrieben oder ihnen entgegen gearbeitet hatten.

Tobias Picard

Link: Aktion Blanker Busen - Nacktprotest im Gerichtssaal

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