Fotos der Studentenrevolte 1968 Deutschlands wilde Jahre

Als die Studenten in West-Berlin in den Sechzigerjahren auf die Barrikaden gingen, war Uwe Dannenbaum als Polizeireporter und Fotograf dabei. Seine Bilder zeigen die Gewalt der Straße aus kurzer Distanz.

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Jaron Verlag/Uwe Dannenbaum

Eigentlich hatte Uwe Dannenbaum an diesem Tag im Jahr 2013 nur vorgehabt, sein Wochenendhaus auszuräumen, weil er es verkaufen wollte. Doch dann stieß er unter dem Dach auf drei Plastiksäcke. In ihnen lagen Relikte aus seiner Zeit als Fotograf und Polizeireporter, Schwarz-Weiß-Negative und Bögen mit Kontaktabzügen.

Dannenbaum, der gut 35 Jahre für den Axel-Springer-Verlag in West-Berlin gearbeitet hatte, staunte: Es waren die Fotos, die er in den Jahren 1965 bis 1972 gemacht hatte, den wilden Jahren der Revolte in der Mauerstadt, als die Studenten und andere junge Menschen die Revolution ausgerufen hatten. Es fanden sich Bilder von "Teach-ins" genannten Versammlungen, von Happenings, Demonstrationen und Straßenschlachten.

Der 1942 in Wuppertal geborene Dannenbaum war nach seinem Volontariat bei Springer Lokalreporter bei der "BZ", dem auflagenstärksten und rabiatesten Blatt aus dem Hause des Hamburger Erfolgsverlegers. Er ärgerte sich immer wieder über die Fotografen, wenn sie mal wieder die seiner Meinung nach falschen Motive abgelichtet hatten oder gar nicht erst vor Ort waren. Also fing Dannenbaum an, selbst zu fotografieren. Er kaufte sich aus Kostengründen eine Spiegelreflexkamera aus der DDR, eine "Exacta Varex", made in Dresden, und hielt munter drauf.

"Ho, Ho, Ho Chi Minh!"

Es war eine grimmige Zeit in West-Berlin. Die Frontstädter hatten sich noch nicht wirklich vom Bau der Mauer im August 1961 erholt. Sie sahen sich von Feinden in Gestalt der DDR-Kommunisten und deren sowjetischen Brüdern in Uniform umzingelt. Und jetzt tauchten plötzlich auch noch Feinde im Inneren der Trutzburg des freien Westens auf: Studenten. Sie hörten Beat-Musik, gerne als "Negermusik" gescholten. Sie hatten keine Ahnung vom Leben und den schrecklichen Bombennächten, die die Älteren durchgemacht hatten.

Diese langhaarigen Typen kritisierten die Amerikaner, die Schutzmacht, wegen ihres Feldzugs für die Freiheit in Vietnam. Sie wollten Axel Springer enteignen, dessen Blätter mehr als 70 Prozent der West-Berliner lasen. Sie ließen Mao Zedong hochleben. Ab in den Osten mit denen, sagten viele West-Berliner instinktiv. Über die Mauer schmeißen.

Tilman Fichter, Aktivist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), erinnert sich: "Wir demonstrierten anfangs sehr friedlich, in Anzügen, mit Schlips umgebunden." Dann aber habe die Polizei bei fast allen Demonstrationen Wasserwerfer aufgefahren. "Zweimal bin ich mit einem Anzug vor einen Wasserwerfer geraten, ein drittes Mal sollte mir das nicht passieren. Ich konnte es mir nicht leisten, immer wieder Anzüge aufarbeiten zu lassen." Also kauften Fichter und seine Genossen sich so genannte "Friesennerze", gelbe Plastikregenjacken.

Noch etwas später setzten sie sich, um sich gegen die Polizeiknüppel zu schützen, Bauarbeiterhelme auf. Von den französischen Genossen lernten sie, sich unterzuhaken und die Reihe fest zu schließen gegen mögliche Spitzel und Provokateure. Beliebt war es, zu rhythmischen Rufen wie "Ho, Ho, Ho Chi Minh" auf und ab zu springen und dann mit Gebrüll loszustürmen.

"Sie werden uns alle ermorden"

Nachdem der Student Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei einer Demonstration von einem Kriminalpolizisten erschossen worden war, rechneten die Studenten mit dem Schlimmsten. Sie wollten nicht wieder Opfer sein wie die Linken, nachdem die Nazis die Macht ergriffen hatten. Gudrun Ensslin, die später die Rote Armee Fraktion (RAF) mitgründete, forderte bei einer Versammlung, dass die Demonstranten eine Polizeikaserne stürmen und sich bewaffnen sollten: "Das ist die Generation von Auschwitz. Sie werden uns alle ermorden."

"Die Eskalation der Gewalt", sagt Fotograf Dannenbaum, "das hat mich damals betroffen gemacht." Sowohl von Demonstranten als auch von Polizisten habe er immer wieder etwas abbekommen. Eine Kamera wurde ihm geklaut, und einmal "haben Demonstranten meinen VW-Käfer ein bisschen angekokelt": Aber das verbuchte er unter Berufsrisiko.

Die Gewalt nahm stetig zu: Zunächst wehrten die Demonstranten sich nur zögerlich gegen die Polizeigewalt, am 2. Juni 1967 flogen die ersten Pflastersteine, aber nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, den Kopf der Studentenbewegung, explodierte die Wut der Demonstranten. Mehrere Tausend belagerten den Sitz des Axel-Springer-Verlages in der Kochstraße (heute Rudi-Dutschke-Straße). Die Protestierenden, die Springer und seinen Journalisten wegen ihrer Hetze gegen die Studenten eine Mitschuld an dem Attentat gaben, bauten Barrikaden und versuchten, die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern.

"Stoppt den Terror der Jungroten jetzt", war zuvor in der "Bild"-Zeitung zu lesen gewesen. Und: "Man darf auch die ganze Drecksarbeit nicht der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen." Die "Berliner Morgenpost" hatte empfohlen: "Störenfriede ausmerzen". Nahezu täglich hetzten die antikommunistischen Frontstadtblätter gegen "Polit-Gammler", die "FU-Chinesen" oder die "rote SA".

Angst auf der Straße hatte Fotograf Dannenbaum nicht, "dazu blieb gar keine Zeit im Getümmel". Wesentlich unangenehmer als bei den Demonstrationen fand er es, wenn er bei einer Vollversammlung der Studenten an der Freien Universität als Journalist identifiziert und des Saales verwiesen wurde.

Rocker im Steinhagel

Die Demonstrationen der "Außerparlamentarischen Opposition", kurz APO genannt, fanden ihren West-Berliner Höhepunkt in der "Schlacht am Tegeler Weg" am 4. November 1968. An diesem Tag entschied ein Ehrengericht der Berliner Anwaltschaft darüber, ob Horst Mahler, der prominenteste Rechtsbeistand der Linken, aus den Reihen der Anwaltschaft ausgeschlossen werden sollte. Demonstranten skandierten "Hände weg von Mahler" und durchbrachen die Polizeiketten vor dem Landgericht am Tegeler Weg in Berlin-Charlottenburg.

Linke Aktivisten hatten Rocker aus dem Märkischen Viertel als Stoßtrupps rekrutiert. Die Polizisten flüchteten im Steinhagel - die meisten hatten nur die 1918 bei der Berliner Polizei eingeführten, ledernen Tschakos auf dem Kopf. Anarchisten feierten die "Massen-Militanz".

Doch der Straßenkampf führte die Studentenbewegung nirgendwohin. Die Demonstrationen wurden wieder friedlicher, und tatendurstige Radikale wie Andreas Baader enttäuschte das so sehr, dass sie 1970 eine Stadtguerilla-Gruppe gründeten, die Rote Armee Fraktion (RAF).

Ex-Polizeireporter Dannenbaum erinnert die Zeit als "zwiespältig und schwierig". Mitarbeiter der Springer-Zeitungen wie er wurden von Demonstranten ausgesprochen feindselig behandelt. Gleichzeitig sagt er heute, er stehe nach wie vor zu seiner Arbeit als Fotograf, denn: "Fotos sind unbestechlich."

Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit, denn natürlich ist die Wahl der Motive, die Perspektive und die Auswahl der Fotos parteiisch.

Dannenbaum war als Polizeireporter Mitglied des Polizeisportvereins. Und bei den Demonstrationen stand er gewöhnlich bei oder hinter den Polizisten. Davon unbenommen sind seine Fotos interessante Dokumente zur Revolte des Jahres 1968 in West-Berlin.

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insgesamt 18 Beiträge
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Peter Paul, 08.09.2015
1. Die Abgrenzung zu den alten Nazis
war der wichtige Erfolg dieser Generation. Letztendlich ist sie aber genauso Ideologisch verblendet. Ihre einzigen weiteren Errungenschaften beruhten ausschließlich auf Zerstörung ohne Schaffung von etwas wirklich erfolgreichen neuen. Etwas wirklich bleibendes wurde erst durch deren Kinder erarbeitet!
Werner Gilliam, 08.09.2015
2. Der letzte Beatnik
ist ein Buch über die damalige Zeit. Weder aus der Perspektive der Studenten, noch aus dem Blickwinkel des Establishments geschrieben. Das ist zwar Eigenwerbung, aber durchaus aufschlussreich, was die Mentalität und Atmosphäre der damaligen Zeit betrifft!
gerhart wiesend, 08.09.2015
3. Dummschwätzer
Wann wird denn der sonst so gut informierte SPIEGEL endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Studentenrevolte in Deutschland 1967 begann und nicht 1968? Genau genommen am 3. Juni 1967, einen Tag nachdem in Berlin Benno Ohnesorg vom Kripomann Kurras abgeknallt worden war. 1968 wachten dann die Franzosen auf und vereinnahmten die Studentenrevolte für sich, genauso wie sie das italienische Rinascimento mit ihrem Begriff Ranaissance vereinnahmt hatten. Damals rieben sich nämlich in Frankreich noch die Wildschweine von Obelix ihre Ärsche an den gallischen Eichen, während in Italien Petrarca die griechische Antike wiederaufleben ließ. Michael Sontheimer müsste das doch von seinem Papa gehört haben, der die 67er mit ziemlich kritischem Wohlwollen begleitete.
Paul R. Woods, 08.09.2015
4. @Peter Paul
"Etwas wirklich Bleibendes" war die Randgruppenbewegung. Aus ihr kam die Reform des Jugendwohlfahrtsgesetzes und die Aufnahme aller in Einrichtungen Beschäftigten in die verschiedenen Zweige der Sozialversicherung. Zwangsarbeit, Prügelstrafe, Einzelhaft wurden aus dem Katalog der Erziehungsmaßnahmen gestrichen, sowie auch das Gesetz über die Anwendung des unmittelbaren Zwanges, welches u.a. den Schusswaffengebrauch in Kinderheimen zuließ. Als Spätwirkung haben 800.000 ehemalige Heimkinder gesetzlichen Anspruch auf Entschädigung. Woher ich das weiß? Weil ich einer der Initiatoren war bzw. bin. Und von 1968 bis 1970 war ich Mitglied im SDS Köln, der sich dann auflöste.
Günter Vrauer, 08.09.2015
5. Na da
können wir ja heute froh sein das wir so angepasste Studenten haben. und alle fleissig BWL studieren damit da später mal richtig große Gründer werden. Sicherlich muss man die Ereignisse der 68iger Bewegung differenziert betrachten. Aber wo ist die Protestkultur in Deutschland geblieben? Nur noch aalglatter unauffälliger mainstream.
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