Studentenproteste in China "Ihr werdet vor uns kriechen und heulen"

Heute Tibet, gestern Tiananmen: Vor rund 20 Jahren ließ China die Studentenproteste gegen die ergrauten Kommunistenkader zusammenschießen. Gleichzeitig knüppelten in Ostberlin Polizisten die Solidaritätskundgebungen von DDR-Oppositionellen nieder. Marc Kayser war dabei.

AP

Während in diesen Tagen die Welt diskutiert, ob man die Olympischen Sommerspiele in China boykottieren sollte, prügelt das Riesenreich in Tibet derweil erneut angebliche Gegner nieder. Wer Olympia in China will, huldigt auch einem Land, dass sich seit Jahren allen Menschenrechtskonventionen entzieht: Hier gilt ein Mensch nur dann etwas, wenn er sich der Staatsräson unterzieht: Mund halten, arbeiten und zu Touristen höflich sein. Sprichwörtlich ist sie, diese mentale Aggression im bevölkerungsreichsten Land der Erde, und sprichwörtlich ist auch die chinesische Lust an der Niederwerfung des Schwächeren durch den Starken.

Nur ein Beispiel dafür ist das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, das vor 20 Jahren mehr als 2500 Menschen das Leben kostete. Der Tiananmen war zur Hölle für die Meinungsfreien, ein eingeengter Raum für jeden geworden, der es wagte, die Politik Pekings anzuzweifeln. Die Administration in Ostberlin wertete die Geschehnisse damals als ein "freudiges Beispiel, wie man Ruhe und Ordnung herstellt." Ihre Antwort auf Ostberliner Sympathisanten hieß niederknüppeln, verhaften, verurteilen.

Peking, 20 Jahre zuvor

Die post-kulturrevolutionären achtziger Jahre waren in China durch eine deutliche Lockerung der rigiden Parteiherrschaft geprägt. Bei Demokratie-Aktivisten regte sich die Hoffnung auf weitergehende politische Veränderungen. Im Dezember 1986 gab es zuerst in Hefei und dann in Shanghai Demonstrationen mit bis zu 70.000 Personen, die gegen die manipulierte Besetzung der Volkskongresse durch die Kommunistische Partei (KP) Chinas protestierten. Bis in den Januar 1987 kam es in den Universitätsstädten immer wieder zu Protesten. Die behördliche Reaktion bestand in Demonstrationsverboten, Nachrichtensperren und Inhaftierungen der Wortführer der Demokratiebewegung.

Auch die wirtschaftliche Liberalisierung und ihre Schattenseiten verstärkten den Protest. Die vorher extrem egalitäre Gesellschaft teilte sich in Gewinner und Verlierer der Reformen auf. Für die Verlierer wirkten sich Preissteigerungen der Konsumgüter von bis zu 25 Prozent direkt auf den Lebensstandard aus. Dagegen war offensichtlich, dass viele Manager und Parteiführer sich verstärkt über Korruption und Amtsmissbrauch bereicherten.

Der Tod Hu Yaobangs, geläuterter Chefpropagandist der KP, wurde am 15. April 1989 als Anlass für öffentliche Demonstrationen. Eine politische Finte: Die Regierung konnte schließlich schlecht die Trauer für ein respektiertes Parteimitglied unterbinden. Hu Yaobang war eine Symbolfigur für die Probleme des Landes. Nach den Demonstrationen im Winter 1986/87 erklärte ihn die Partei zum Sündenbock. Er musste von seinen Parteiämtern zurücktreten und wurde nach kommunistischer Tradition zur öffentlichen Selbstkritik genötigt.

Krieg gegen die eigene Bevölkerung

Doch die Kaderkommunisten hatten die Rechnung ohne die Bevölkerung gemacht. Am 17. April marschierten Tausende Pekinger Studenten zum Platz des Himmlischen Friedens und veranstalteten am Denkmal für die Volkshelden eine Kundgebung, bei der Hu betrauert wurde. Diese regimekritische Trauerstimmung griff bald auf andere Städte wie zum Beispiel Shanghai über, wo ähnliche Veranstaltungen organisiert wurden.

Vor genau 20 Jahren fühlte sich Chinas Staatsspitze also von ein paar tausend aufmüpfigen Studenten derartig provoziert, dass sie in einen Krieg gegen die eigenen Bürger eintraten, der den Geschehnissen im heutigen Tibet sehr ähnlich ist.

Demonstranten feierten sowjetische Reformer

Bis zum 4. Mai 1989, dem auch für die Partei historisch bedeutenden Jahrestag der Volksbewegung von 1919, wuchsen die fast täglichen Demonstrationen auf Versammlungen von über 100.000 Menschen an. Am 12. Mai beschloss die Pekinger Studentenschaft vor allem auf Betreiben von Chai Ling, einen Hungerstreik zu beginnen, wenn die Regierung nicht in einen offenen Dialog mit ihr eintreten würde.

Das mit großem Pomp geplante Gipfeltreffen zwischen Michail Gorbatschow und seinem Amtskollegen Li Peng stand nun im Schatten der Studentenproteste. Schließlich musste der Staatsgast durch einen Seiteneingang die Große Halle des Volkes betreten. Die Demonstranten feierten derweil auf dem Platz den sowjetischen Reformer auf ihren Plakaten.

Am 19. Mai erklärte Li Peng in einer Sondersendung des Fernsehens die Entschlossenheit der Regierung, "dem Aufruhr ein schnelles Ende zu bereiten, die Führung der Partei zu verteidigen und das sozialistische System zu schützen." Für den kommenden 20. Mai wurde der Beginn des Ausnahmezustands für Peking erklärt.

Spirale der Gewalt

Am selben Tag wurden der Auslandspresse die direkten Satellitenverbindungen gekappt und ihre Aufgabe mit der Abreise Gorbatschows für beendet erklärt.

Ab der Nacht vom 2. auf den 3. Juni unternahmen Armee und Polizei erneute Versuche, den Platz zurückzuerobern. Die vorrückenden Einheiten blieben erneut in den sich versammelnden Menschenmassen stecken.

Am Abend des 3. Juni bewegten sich Soldaten in voller Ausrüstung mit Schützenpanzern aus mehreren Richtungen auf die Innenstadt zu. Gegen 21 Uhr stießen diese Einheiten auf der dritten Ringstraße in der Nähe der U-Bahnstation Gongzhufen auf eine Barrikade, von der aus sie mit Steinen beworfen wurden. Das Militär schoss mit scharfer Munition auf die Menge. Mehrere Personen wurden getötet und verletzt. Die erzürnte Menge lynchte daraufhin zwei bewaffnete Soldaten, die von den Lastwagen abgesprungen waren.

Vorrückende Kolonnen stießen überall auf entschiedenen Widerstand, auf brennende Barrikaden. Mit fortschreitender Konfrontation wurde der Schusswaffeneinsatz gegen die Menge immer verbreiteter und rücksichtsloser. Unbeteiligte wurden ebenso beschossen wie Personen, die versuchten, Verletzte zu bergen. Die zunehmende Gewalt gegen die Zivilbevölkerung führte zu einer allgemeinen Eskalation, zu einer Spirale der Gewalt, in der auch zahlreiche Soldaten entweder mit bloßen Händen getötet wurden oder durch Molotowcocktails und andere improvisierte Waffen ums Leben kamen.

Die Unruhen setzten sich am 4. Juni fort, obwohl der Widerstand bereits im Großen und Ganzen gebrochen war. Es kam weiter zu Konfrontationen zwischen Militär und der Menschenmenge, bei denen Schusswaffen eingesetzt wurden. Ebenso gab es weiter Überfälle auf Soldaten. Am 5. Juni kam es zu der berühmten Szene, in der sich ein später Tank Man benannter Jugendlicher einer Kolonne Panzer in den Weg stellte und sie damit kurzfristig aufhielt.

Zur selben Zeit, 7400 Kilometer weiter westlich

Das Schreien der Studenten, das Heulen ihrer Mütter drang um die ganze Welt, bis nach Ostberlin. In den Wochen um den 4. Juni 1989 rüstete auch die Deutsche Volkspolizei in Ost-Berlin zu Hetzjagden. Der Grund: Als Vorläufer der Demokratiebewegung symatisierten immer mehr Dissidenten öffentlich mit ihren Brüdern aus Fernost. Sie hatten sich zunächst im Geviert um die Zionskirche im Prenzlauer Berg, später an der Rykestrasse im selben Stadtbezirk immer wieder zu spontanen Gegendemonstrationen versammelt und damit die DDR-Staatsführung provoziert.

Jedes Mal, wenn die Gegenwehr in Peking aufflammte, marschierten auch die Mutigeren unter den Ostberlinern los: Mit Transparenten, Plakaten, wütenden Pamphleten. Häufig gedruckt in einer Wohnung in der Lychener Strasse 12, einem von Punks und Künstlern besetzten Haus parallel zur Schönhauser Allee.

Einer von ihnen war ich, ein 22-Jähriger, der sich als Journalist und Schriftsteller versuchte. Einen offiziellen Job bekam ich in jener Zeit nicht: Meine Liaison zu einer jungen Amerikanerin - von der Stasi beobachtet und schließlich durch ein Einreiseverbot unterbunden - zerschredderte mir jegliche Hoffnungen auf ein Leben mit Verdienst und beruflicher Perspektive. Mit meinem Freund Tom entwarf, textete und druckte ich in der Siebdruckwerkstatt alles, was ein aufmüpfiger Protest brauchte.

Flucht über die Dächer Ost-Berlins

Das ungleiche Duell von Ostberliner Polizei gegen Demonstranten lief häufig nach einem Muster ab. Die wichtigsten ARD- und ZDF-Korrespondenten erhielten auf verschlungenen Wegen gezielte Informationen über eine geplante Demonstration. Ob Horst Hano, Hans-Jürgen Börner oder Wolfgang Klein: Sie waren mit ihren Kameras und Mikrofonen meist schneller vor Ort, als die bewaffneten Vopos. Doch dann stürmten Polizisten auf uns Demonstranten zu, zerstörten die Plakate und knüppelten mit den Worten: "Drecksäcke, ihr werdet vor uns kriechen und heulen", auf uns ein.

Wer es schaffte, zog sich unter den Augen der filmenden Korrespondenten eilig in die zumeist abbruchreifen Häuser um die Rykestrasse zurück, erstürmte die obersten Etagen und flüchtete vor den gewaltbereiten Häschern über die typischen Berliner Flachdächer, die ganze Straßenzüge miteinander verbanden. Wer nicht schnell genug war, landete für eine Woche in der U-Haft im ehemaligen Gestapo-Sitz Keibelstraße - dem Ostberliner Polizeipräsidium bis 1990.

Am 4. Juni 1989 gilt als Höhepunkt der Tiananmen-Proteste. Der Aufmarsch Tausender chinesischer Polizisten gegen ein paar hundert Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens endete in einem Massaker. Ein Dutzend Tote habe es gegeben, hieß es damals offiziell - amnesty international und andere Menschenrechtsorganisationen sprachen und sprechen immer noch von 2500 Toten.

Wer weiß schon genau, wie viele Tibeter in diesen Tagen erschossen, erhängt oder zu Tode gefoltert werden? Nur wer zynisch und ignorant ist, wer wirtschaftliche Interessen vor Menschenrechte stellt, kann in diesen Tagen an den friedlichen Geist Olympischer Spiele glauben, der die Welt in fünf Monaten beseelen soll.



insgesamt 4 Beiträge
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Merten Wulfert, 24.03.2008
1.
Es ist schon recht peinlich, einen kompletten Wikipedia-Artikel praktisch unverändert zu übernehmen und dies nicht zu kennzeichnen. Solch ein Plagiat wirft natürlich ein sehr negatives Licht auf den "Autor" und die Qualität des kürzlich erschienen Buchs "Trias".
Olaf Köhler, 24.03.2008
2.
Der Autor schrieb: "Wer nicht schnell genug war, landete für eine Woche in der U-Haft im ehemaligen Gestapo-Sitz Keibelstraße - dem Ostberliner Polizeipräsidium bis 1990." Es klingt natürlich heldenhafter, in einem ehemaligen Gestapao-Gebäude gewesen zu sein - die Wahrheit ist es aber nicht. Der Gründungssitz der Gestapo war an der Ecke Gruner-/Alexanderstraße. Die damals (1933) dort Inhaftierten und ihre Gleichgesinnten hatten (soweit sie die 100 Jahre überlebt hatten) nach 1945-1990 ihr Berliner "Volkspolizei-Präsidium" in der Keibelstraße in einem ehemaligen Kaufhaus begründet. Wikipedia hilft auch hier gegen Legendenbildung: http://de.wikipedia.org/wiki/Polizeipr%C3%A4sidium_Alexanderplatz Zur friedlichen Revolution von 1989 gehörten friedliche Demonstranten genauso wie u.a. eine Polizei, die keinen einzigen Schuss abgab ...
Marc Kayser, 26.03.2008
3.
dies ist in der tat sehr ärgerlich, da ich - nach sicht auf mein originalmanuskript - tatsächlich die wikipedia-übernahmen auch als solche kennzeichnete. sowieso sind mehrere textübernahmen mißglückt, weil ich offensichtlich zuviel zeit verstreichen ließ, um sie zwischen zu speichern. ich habe die "einestages"-technik offensichtlich noch nicht wirklich verstanden. allerdings möchte ich anmerken, dass übernommene (und sachlich richtige) texte natürlich grundsätzlich gekennzeichnet werden sollten und auch müssen. dieser pflicht habe ich nichts hinzuzufügen. bitte nehmen sie mir also ab, dass ich - wohlwissend wie einfach womöglich "geklaute inhalte" zu überprüfen sind - auch tat.
Camille Goedert, 08.03.2009
4.
Amtskollege von Michail Gorbatschow als Generalsekretär der KP im Jahr 1989 war nicht Li Peng sondern Zhao Ziyang Wikipedia: "Li Peng (L? Péng; * 20. Oktober 1928) war Vorsitzender des Nationalen Volkskongresses der Volksrepublik China von 1998 bis 2003 und hatte das zweithöchste Amt in der Kommunistischen Partei Chinas nach Jiang Zemin im Politbüro der Partei inne. Von 1987 bis 1998 war Li Premierminister der Volksrepublik China und Vorsitzender des Staatsrates."
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