Legendäre Stunt-Geschwister Der Lebensmüde und das Flieger-Ass

Legendäre Stunt-Geschwister: Der Lebensmüde und das Flieger-Ass Fotos
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Sie nannten ihn den "unzerstörbaren Schauspieler": Frederick Rodman Law gilt als erster Stuntman der Geschichte, ein spektakulärer Fallschirmsprung machte den Draufgänger weltberühmt. Doch dann wurden seine waghalsigen Manöver in den Schatten gestellt - ausgerechnet von seiner kleinen Schwester. Von Frank Patalong

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Am 15. Oktober 1919 meldete die "New York Tribune" den Tod eines Mannes, der die Journalisten über zehn Jahre zuverlässig mit Schlagzeilen und spektakulären Bildern versorgt hatte. Sie nannten ihn einen Daredevil, einen Draufgänger, eine "menschliche Fliege", weil er ohne Sicherung die Fassaden von Wolkenkratzern erkletterte. Eine richtige Bezeichnung für das, was er tat, gab es noch nicht: Heute sieht man Frederick Rodman Law als ersten Stuntman der Geschichte.

Rodman Law hatte sich seine Prominenz erklettert. Eigentlich aus wohlhabendem Hause hatte es der 1885 in Lynn, Massachusetts, geborene Law bis zu seinem 24. Geburtstag zu einer beachtlich wechselhaften Karriere gebracht: Law hatte als Seemann, als Zirkusreiter, vor allem aber als Stahlbauarbeiter im Hochbau gearbeitet - und das heißt eine Menge in Zeiten des beginnenden Wolkenkratzerbaus.

1909 will er mit einem Kollegen um zehn Dollar gewettet haben, er könne die Außenfassade des 87 Meter hohen Flatiron Building in New York ohne Gerät und Sicherung erklettern. Er soll die Wette gewonnen haben, Zeugnisse davon gibt es nicht. Dokumentiert ist aber, dass New Yorks Höhen ab da nicht mehr sicher waren vor Rodman Law, und ab 1910 war stets auch die Presse dabei. Sie dokumentierte seine Aufstiege vom Boden aus, er fotografierte von oben herab - und machte sein Geld mit Vorträgen und Vorführungen dieser Fotos in den Kinos der Stadt. Rodman Law wurde zu einer lokalen Berühmtheit. Doch das reichte ihm nicht.

Mit dem Fallschirm von der Freiheitsstatue

Im Januar 1912 sprach er im New Yorker Büro der französischen Firma Pathé vor, damals der weltweit führende Produzent von Wochenschau-Clips. Die Meldungslage, sollte der damalige Büroleiter Leon Franconi später erzählen, sei gerade mau gewesen: Nichts los in der Welt. Und dann kam dieser dürre Mittzwanziger, bezeichnete sich als "größten Draufgänger, der je gelebt hat" und schlug einen spektakulären Stunt vor: Er wolle mit einem Fallschirm von der Fackel der Freiheitsstatue abspringen.

Am 2. Februar 1912 lief Franconi mit fünf Kameraleuten auf, die die selbst konstruierte Nachricht aus allen Perspektiven filmen sollten. Rodman saß auf der Fackel, während ein Assistent hinter ihm den nicht eingepackten Fallschirm arrangierte. Sein Assistent, behauptete Rodman später, habe geweint, während er in aller Ruhe noch eine Zigarette geraucht habe. Dann sprang er.

Wenige Sekunden und 93 Höhenmeter später war Rodmann um 1500 Dollar reicher und hatte einen neuen Berufsstand begründet: Der vom Film bezahlte professionelle Stuntman, der gegen Geld eigentlich Unmögliches leistet und sein Leben riskiert, wurde zum regulären Beruf. Die Nachrichtenindustrie gewann zugleich eine neue Kategorie von Bericht hinzu: das bestellte Event - Information wurde zum Infotainment.

Diese Entwicklung lag offenbar in der Luft: Am Tag nach Laws Sprung versuchte der Österreicher Franz Reichelt ähnliches vom Eiffelturm aus. Ebenfalls vor laufenden Kameras stürzte er allerdings in den Tod. Die Bilder beider "Helden", des erfolgreichen und des tragischen, gingen um die Welt.

Wildfang mit Flugschein

Für Rodman Law begann eine Zeit der Jagd nach immer neuen Superlativen. Im Nacken saßen ihm nicht nur männliche Konkurrenten, sondern auch seine eigene, zwei Jahre jüngere Schwester Ruth. "Wie Zwillinge" seien sie aufgewachsen, sagte Rodman Law einmal. Die hübsche Ruth hatte er mit sportlichen Herausforderungen und rauen Spielen zu einem "Tomboy", zu einem burschikosen Wildfang gemacht. Ihre Mutter sollte einmal über ihre Kinder sagen, sie habe sich immer "gefühlt wie ein Huhn, das zwei Enten aufgezogen hat".

Denn die wollen nun einmal fliegen. Ruth Bancroft Law hatte 1907 erstmals ein Flugzeug am Himmel gesehen. Im Juni 1912 überredete sie ihren Ehemann Charles Oliver, sie den Pilotenschein machen zu lassen. Sechs Monate später hatte sie die Fliegerlizenz No. 188 in der Tasche, eine der ersten, die in den USA an eine Frau vergeben worden war.

Sie kaufte dem Flugpionier Orville Wright einen Doppeldecker ab, mit dem sie sofort begann, weit mehr anzustellen, als von A nach B zu fliegen. Der Öffentlichkeit bekannt wurde Ruth erstmals im Folgejahr, als ihr Bruder aus einem von ihr gesteuerten Flieger sprang. Frederick verletzte sich dabei - doch Ruth wurde berühmt: Kurz darauf gehörte sie zu den prominentesten Fliegerinnen.

Sie wollte mehr. In den Ostküstenstaaten wurde sie schnell zur bekanntesten Trickpilotin. Offenbar völlig angstfrei eiferte sie den Stunts ihrer erfahreneren Kollegen nach und versuchte, sie zu übertreffen. Endgültig zum Star machte sie ein Flug am 17. Januar 1916: Bei einer Flugshow führte Ruth Law als erste Frau einen Looping vor. Der Trick veränderte alles.

Ruth wollte nun nicht mehr nur tun, "was mir Spaß macht", oder "was andere Mädchen nicht können", wie sie oft gesagt hatte. In etlichen Interviews wiederholte sie, dass sie nicht glaube, dass es etwas gäbe, "was ein Mann tun kann und eine Frau nicht".

Die erste Frau im Fliegercorps der Luftwaffe

Ab jetzt wollte sie nur noch höher, schneller, weiter. Ruth brach Geschwindigkeits- und Höhenrekorde, die Presse feierte sie als einen der besten Piloten. Zweimal verfehlte sie die absoluten, von Männern gesetzten Höhenrekorde nur knapp. Doch das forderte sie nur umso mehr heraus: Am 19. November 1916 brach sie den gültigen Rekord für Überlandflüge mit einem Non-Stop-Flug von Chicago nach New York.

Über dem Ziel angekommen ging ihr nach rund 950 Kilometern der Sprit aus, sie landete spektakulär im Gleitflug. Zu den Gästen des zu ihren Ehren ausgerichteten Dinners gehörte Woodrow Wilson, der amtierende Präsident der USA. Der Abend markierte den Höhepunkt ihres Ruhmes. Sie verdiente nun bis zu 36.000 Dollar im Monat. Und während der Ruf ihres Bruders, mit dem sie ab und an noch Stuntflüge unternahm, verblasste, hielt ihre Popularität an.

Als der Erste Weltkrieg losbrach, versuchte Ruth Law, sich freiwillig zu melden. Die Luftwaffe lehnte ab, Law protestierte und wandte sich an die Medien. Um dem öffentlichen Druck auszuweichen, beschloss der US-Kongress ihre formelle Aufnahme in das Fliegercorps der Luftwaffe: Als erste Frau trug sie dessen Uniform, blieb aber von Feind- wie Aufklärungsflügen ausgeschlossen. Stattdessen nutzte die Airforce ihre Popularität: Sie flog nun auch im Ausland, medienwirksam transportierte sie in Uniform die Luftpost auf den Philippinen.

"Der unzerstörbare Schauspieler"

Und Frederick? Immer waghalsiger, wenn nicht wahnsinniger wurden seine Stunts auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Landesweit machte er 1913 Schlagzeilen, als er sich für einen Film in eine Rakete setzen ließ. Das Geschoss stieg rund 25 Meter auf, bevor es explodierte. Rodman Law lag mit gebrochenen Knochen und Verbrennungen in den Trümmern, aber er überlebte auch das - und machte selbst dieses spektakuläre Scheitern zum Teil der Show. Knapp sechs Wochen später stand "der unzerstörbare Schauspieler", wie er in einem Artikel genannt wurde, wieder leidlich auf eigenen Beinen. Am 24. und 25. März führte er selbst in zwei ausverkauften Vorführungen im New Yorker Regent Theatre die Filmclips seines Beinahe-Endes vor.

Die Filmleute dankten es ihm, indem sie die Arbeit des Stuntman selbst zum Mittelpunkt mehrerer Filme machten. In "Fighting Death" sprang er auf einem Pferd reitend eine zwanzig Meter tiefe Steilwand hinab in einen Fluss. Mit dem Fallschirm sprang er aus einem mit 60 Kilogramm Dynamit gezielt zur Explosion gebrachten Ballon ab. Er balancierte auf Stahlseilen über Schluchten. Mit Glück überlebte er einen Fallschirmsprung von einer Brücke, bei dem sich der Schirm nicht öffnete.

Und doch verglühte Rodman Laws Stern so schnell er aufgegangen war. Während seine Schwester Ruth weiter Rekordmarken setzte und international Schlagzeilen machte, verschwand Rodman Law zunehmend in der Masse immer waghalsigerer Draufgänger, menschlicher Fliegen und Daredevils. Der Stuntman hörte auf, ein Star zu sein. Und Law wurde zu dem Mann, der für den Filmhelden Douglas Fairbanks senior die Knochen hinhielt.

Auch die "New York Tribune" wusste in ihrem Nachruf auf Rodman Law im Oktober 1919 nichts bemerkenswertes mehr zu berichten, das über seine Heldentaten der Jahre 1910 bis 1914 hinausgegangen wäre. Selbst sein Tod im Alter von nur 34 Jahren war unspektakulär: Er starb wie so viele seiner Zeitgenossen an Tuberkulose.

Und Ruth? Sie gründete nach dem Krieg eine eigene Flugshow, die für rund drei Jahre erfolgreich tourte. Aber auch ihr Höhenflug zu Ruhm und Prominenz endete bald: Nachdem Laura Bromwell, eine ihrer Pilotinnen, bei einem Absturz ums Leben kam, verbot ihr im März 1922 ihr Ehemann die Fliegerei. Bromwells Tod hatte die so ehrgeizige Fliegerin so sehr erschüttert, dass sie tatsächlich gehorchte. Ihr Ehemann erklärte ihren Rückzug per Zeitungsinterview. Am Ende gehörte Ruth Law wohl auch darum zu den wenigen Flugpionierinnen, die ihren Ruhm überlebten. Sie starb am 1. Dezember 1970 im Alter von 83 Jahren. Wenn man sich heute an ihren Bruder Frederick erinnert, dann meist, weil er in den Büchern über Ruth Law erwähnt wird.

Zum Weiterlesen:

Frank Patalong: "Der viktorianische Vibrator - Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik". Lübbe, Oktober 2012, 288 Seiten.

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