Sturm auf die Stasi-Zentrale Im Herzen der Finsternis

War es eine Heldentat oder eine Schmierenkomödie? Vor 20 Jahren besetzen DDR-Bürger das Allerheiligste der Stasi in der Ost-Berliner Normannenstraße. Doch das Volk wurde im Sitz des Mielke-Ministeriums schon erwartet - und das nicht nur von Stasi-Leuten.

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Es begann damit, dass DDR-Bürgerrechtler Steine herbeischleppten, um eine Mauer zu bauen. Bewaffnet mit Mörtel und Backsteinen versammelten sich am Nachmittag des 15. Januar 1990 Scharen von Ost-Berlinern vor dem Eingangstor eines riesigen, nach außen hermetisch abgeschotteten Gebäudekomplexes im Stadtbezirk Lichtenberg: dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR, der Schaltzentrale der Unterdrückung, der Zersetzung und der Terrors. "Mauert die Stasi zu!", skandierte die Menge. Dazu reckten Männer rhythmisch das mitgebrachte Baumaterial in die Höhe.

"Es hatte so einen Happening-Charakter", erinnert sich Thomas Heise, der damals mit zwei Kumpels dem Aufruf des Neuen Forums folgte, vor der Stasi-Zentrale für die Auflösung des Spitzel-Imperiums zu demonstrieren. Angst? "Schießen wird schon keiner", resümiert Heise, der heute Fernsehjournalist bei SPIEGEL TV ist, seine Stimmung damals: "Wenn beim Fall der Mauer keiner schießt, dann wird da auch keiner schießen."

Was als Happening beginnt, wird binnen Stunden zum letzten Showdown - als die Sonne an diesem kalten Montagabend untergegangen ist, johlen die Menschen nicht mehr vor dem Tor, sondern drinnen auf dem Hof, direkt unter Erich Mielkes früherem Büro. Der "Sturm auf die Normannenstraße" macht den 15. Januar 1990 zu einem Schlüsselmoment der DDR-Revolution: Es ist der Tag, an dem das Volk das Zentrum, das Herz, das Allerheiligste des einst allmächtigen Staatssicherheitsdienstes eroberte - und nicht wieder hergab.

"Wir woll'n uns're Akten seh'n!"

Dies war der Moment, der das Ende der DDR-Geheimpolizei endgültig besiegelte. Auch wenn es mitnichten die erste Besetzung einer Stasi-Dienststelle war: In Erfurt, Suhl, Schwerin und Leipzig hatten aufgebrachte Bürger die MfS-Bezirksverwaltungen bereits in der ersten Dezemberwoche 1989 gestürmt. Dabei waren sie nicht weniger originell vorgegangen als die Berliner. Zur Melodie von "Ja, wir san' mit'm Radl da" hatten vor dem berüchtigten Leipziger MfS-Quartier "Runde Ecke" Tausende Demonstranten "Wir woll'n uns're Akten seh'n" gesungen - zu einer Zeit, als Gewalt noch in der Luft lag: In Suhl erschoss sich ein MfS-Mann, als Bürger in die Dienststelle eindrangen.

Gut fünf Wochen später geht es in der Lichtenberger Ruschestraße weniger angespannt zu, denn die Stasi ist inzwischen schwer angeschlagen. Zwar werden die Sprechchöre der Demonstranten lauter, Einzelne klettern auf das große Rolltor, um auf das abgedunkelte Gelände zu spähen. Doch eine Besetzung ist eigentlich gar nicht geplant. Und es gibt verwirrende Signale: "Komischerweise guckten dann aber auch immer mal so Leute von innen über das Tor", erinnert sich Thomas Heise. "Leute, wo man dachte, das sind doch kein Stasi-Typen. Die hatten einen Bart, aber MfS-Leute trugen natürlich keinen Bart, die waren glattrasiert, wie sich das gehörte für einen Militär."

Dann, um 17.17 Uhr, öffnet sich das große Eingangstor. Aber es wird nicht etwa von den Demonstranten aufgebrochen, sondern öffnet sich von innen - bis heute Anlass für Spekulationen, die Stasi habe die Erstürmung ihres Hauptquartiers als "Schmierenkomödie" (so der Bürgerrechtler Wolfgang Templin) selbst inszeniert. So oder so: Tausende Demonstranten strömen nun durch den Eingang auf das weitläufige Gelände zwischen Rusche- Normannen- und Magdalenenstraße, auf dem rund 40 Gebäude stehen. An dem imposanten Haus 1 vorbei, in dem Erich Mielke bis zu seinem Sturz am Tag vor dem Mauerfall residierte und das dem Eingang direkt gegenüberliegt, zieht die Menge zu Haus 18, in dem sich der Versorgungstrakt befindet. Statt auf Akten stoßen die verblüfften Besetzer auf Lachshälften und Haifischflossensuppe in Dosen.

Lachshälften und Haifischflosssensuppe

Nun macht sich der Volkszorn Luft: Honecker-Porträts werden von der Wand gerissen, Scheiben zerdeppert, Türen mit Vorschlaghämmern bearbeitet und aufgebrochen. Es beginnt eine wilde Souvenirjagd. Delikatessen, Stasi-Mützen und Tschekisten-Kitsch aus dem Arkanum des Staatssicherheitsstaates werden von den Besetzern großzügig eingesackt. Thomas Heise sichert sich ein gutes Dutzend Bücher aus der Stasi-Bibliothek - alles Titel, die in der DDR verboten sind. Aus Furcht, die Plünderung könne zu einem Gewaltexzess eskalieren, eilt SED-Ministerpräsident Hans Modrow, der gerade vor dem Runden Tisch Rede und Antwort gestanden hatte, in die Normannenstraße und versucht, die Stimmung von einer improvisierten Bühne aus zu beruhigen. Doch seine Rede geht im Trubel unter. Der große Knall bleibt aus - vielleicht auch, weil die Demonstranten die sensibelsten Bereiche meiden. An den Eingang der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) von Markus Wolf etwa habe ein HVA-Mann ein Pappschild gehängt, mit der Aufschrift: "Auslandsnachrichtendienst der DDR", erzählte später der MfS-Oberst Günther Bohnsack. Hier sitzen keine Spitzel, sollte das signalisieren, sondern ehrbare Spione. "Komischerweise wurde dieses Papier auch respektiert", wunderte sich Bohnsack noch Jahre später.

Inwieweit der Sturm eine Inszenierung war, ist bis heute nicht geklärt. "Natürlich war die Stasi vorbereitet" sagt David Gill, der zwei Tage nach der Besetzung als Theologiestudent von Anfang zwanzig zum Koordinator des Bürgerkomitees Normannenstraße gewählt wurde. "Es war ja ein öffentlicher Aufruf zu der Demo, es gab die Besetzungen in den Bezirksstädten - da werden die sich gedacht haben, dass die Bürger irgendwann auch vor dem Ministerium selbst stehen." Tatsächlich war das Licht gelöscht, die meisten MfS-Mitarbeiter nach Hause geschickt, die Restmannschaft schon vor dem regulären Dienstbeginn um 7 Uhr morgens in die Zentrale beordert. Aber ob die Eindringlinge aktiv gelenkt wurden? "Ich habe nie einen Beweis gesehen", sagt Gill, heute Oberkirchenrat beim Rat der EKD, "aber ich würde die These auch nicht von der Hand weisen."

Thomas Heise, der sich im Bürgerkomitee erst in der AG Informatik um die Stasi-Datenträger kümmerte und dann als Mitglied einer Art schnellen Eingreiftruppe des Runden Tisches Stasi-Außenobjekte sicherte, hält es für "Kokolores", dass die Bürger vom MfS in die Irre geschickt wurden. "Der Versorgungstrakt hatte dunkle, bronzefarbene Scheiben, genau wie das Palasthotel und der Palast der Republik", erklärt er sich die Vorgänge. "Diese Gebäude waren ja von westlichen Firmen mit gebaut worden. Das wusste man. Und darum sah der Versorgungstrakt für uns Ossis von außen aus wie Westen. Und deswegen sind wir da hin." Und auch dass Stasi-Provokateure den Vandalismus anfeuerten, glaubt Heise bis heute nicht. "Das war normale proletarische Wut."

Das Bürgerkomitee übernimmt

Als die Menge das Gelände erobert, klärt sich auch das Rätsel der bärtigen Beobachter - die Stasi-Zentrale war nämlich bereits in der Hand von DDR-Bürgerrechtlern aus der Provinz. Bereits am Morgen war eine Abordnung von Vertretern der Bürgerkomitees aus den DDR-Bezirken in der MfS-Zentrale eingetroffen und verhandelte mit den Genossen von der Sicherheit über die Auflösung ihres Apparates. Einer der bärtigen Bürgerrechtler im Inneren des Komplexes, der Pfarrer Martin Montag vom Bürgerkomitee Suhl, erinnerte sich später, dass man über das Tor versucht habe, den Demonstranten klarzumachen, dass der Komplex bereits besetzt sei: "Wir haben mehrfach darum gebeten, dass die Demonstration draußen bleibt und dieser Prozess im Inneren so vonstatten geht, wie er am Morgen begonnen hatte."

So stürmten die Demonstranten eigentlich eine im doppelten Sinne geschleifte Festung: Die Stasi hatte ihr Hauptquartier bereits verloren gegeben. Und bevor die Berliner sich des Komplexes bemächtigten, waren dort schon die MfS-Auflöser aus der Provinz eingerückt. Letztere sahen sich nun durch die randalierenden Eindringlinge zwar erst einmal gestört - doch letztlich erwies sich der ungeplante Doppelschlag der Stasi-Gegner als segensreich: Die Berliner verstärkten das Anliegen der Provinzler mit der Macht der Straße, die wiederum gaben ihren Erfahrungsvorsprung in Sachen Stasi-Auflösung weiter. "Die blieben einfach noch ein bisschen länger da. Diese Schützenhilfe war gerade in der Anfangsphase richtig wichtig", erinnert sich David Gill. "Wir waren ja alle relativ blauäugig und hatten keine Ahnung."

Während das Berliner Bürgerkomitee versuchte, Strukturen für die MfS-Auflösung zu organisieren, beseitigten eifrige Stasi-Leute ohne Unterlass sensible Unterlagen. "Es war sozusagen ein Vernichten über 24 Stunden", erinnerte sich MfS-Mann Bohnsack 1995 in einem TV-Interview, "mit gelegentlichem Biertrinken und Schnäpschentrinken und auch mal Einschlafen." Denn: "Es gab kaum Pausen." Einmal entdeckt Bürgerkomitee-Vertreter Heise auf dem Hof eines Stasi-Außenpostens einen großen Haufen zerschmolzener Filme. "'Wer hat Ihnen die Genehmigung gegeben, die zu verbrennen?'", habe er den danebenstehenden Oberst angebrüllt, erzählt Heise: "Da hat er mich nur angestrahlt."

Ein Packen Flugblätter

Was mit den Akten geschehen soll, spaltet die Besetzer. Die einen, darunter Thomas Heise, wollen die Dokumente unbedingt vor der Vernichtung retten. Sie sehen in ihnen Schlüssel, um das Spitzelregime der SED transparent zu machen. Zu ihnen gehört Thomas Heise. Die anderen wollen die gesamte MfS-Hinterlassenschaft lieber vernichten. Sie fürchten gesellschaftliche Verwerfungen, wenn die Akten offengelegt werden. Zu dieser Gruppe tendiert David Gill: "Ich habe dem etwas abgewinnen können", sagt er rückblickend.

Dann wurde der Vorsitzende der Oppositionspartei "Demokratischer Aufbruch", Wolfgang Schnur, langjähriger Rechtsanwalt vieler Oppositioneller, durch einen Aktenfund als IM enttarnt. "Die Schnur-Geschichte hat mir entscheidende Klarheit gebracht: Diese Akten dürfen unter keinen Umständen vernichtet werden", sagt Gill. "Das war schon ein Augenöffner". Die Anhänger der Aktenöffnung setzen sich weitgehend durch, nur die Akten der HVA werden fast komplett vernichtet. Ein paar Stücke sichern sich westliche Agenten, die wohl mit der Menge in die Normannenstraße fluteten und dort gezielt Informationen suchten.

Das Wissenwollen allerdings hat seinen Preis, und auch für Thomas Heise wird eine Akte zum Augenöffner. In einem IM-Bericht, der ihm in die Hände fällt, schildert ein Spitzel mit dem Decknamen "Reinhardt Schumann", wie ihm ein Oppositioneller einen Packen Flugblätter übergibt. Die Namen der Beteiligten, der Tag, der Ort lassen keinen Zweifel zu: Der Verräter ist einer von Heises engsten Freunden.



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