Sturmflut 1962 "Der Ausdruck Held ist abwegig!"

Sturmflut 1962: "Der Ausdruck Held ist abwegig!" Fotos
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Am 17. Februar 1962 brachen in Hamburg die Deiche, 315 Menschen ertranken. Helmut Schmidt machte die "Große Flut" zum Volkshelden: Der SPD-Innensenator hatte eigenmächtig die Bundeswehr zur Hilfe geholt. Zwei Hamburger Abiturientinnen befragten Schmidt für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 1996 zu seiner Rolle

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Frage: Die Idee, die Bundeswehr zur Katastrophenhilfe einzusetzen, lag vermutlich aufgrund ihrer Ausstattung und der großen Anzahl zur Verfügung stehender Menschen recht nahe. Aber trotzdem war das 1962 verfassungsrechtlich nicht abgesichert. Insofern übernahmen Sie in diesem Moment eine riesige Verantwortung. Wieso haben Sie Sich dafür entschieden?

Schmidt: Hier ging es um Menschenleben. Da saßen Tausende auf den Dächern ihrer Wochenendlauben. Die, wenn sie nicht ertranken, erfrieren würden. Ganz abgesehen davon, dass sie nichts zu essen und nichts zu trinken hatten. Sie mussten also so schnell wie möglich geborgen werden. Dazu gab es nur zwei Möglichkeiten: Mit Motorbooten und mit Hubschraubern. Beides hatte die Bundeswehr, deshalb habe ich keine Sekunde gezögert. Man muss in dem Zusammenhang lobend erwähnen, dass der damalige Befehlshaber im Bereich Hamburg/Schleswig-Holstein, ein Admiral Rogge, sofort bereit war, die ihm unterstellten Truppen tatsächlich einzusetzen. Ebenso war der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, ein amerikanischer General namens Norstad, sofort bereit, Hubschrauber in großer Zahl nach Hamburg zu schicken. Die haben genauso wenig wie ich gefragt, was die Verfassung sagt.

Frage: Haben Sie die beiden selbst angerufen?

Schmidt: Ja.

Frage: Und die waren nicht weiter überrascht und haben gleich reagiert?

Schmidt: Überrascht waren sie wahrscheinlich doch. Der NATO-Oberbefehlshaber saß irgendwo südlich von Paris, da hat er natürlich gar nicht mitbekommen, was hier an der Küste los war. Aber wir kannten uns, der wusste, dass ich kein Märchenerzähler war. Und Rogge und ich, wir kannten uns auch, der war weniger überrascht.

Frage: Die Soldaten sind ausgerückt. Und Sie haben einen Krisenstab gebildet ...

Schmidt: Der Ausdruck Krisenstab stammt nicht von mir, den habe ich auch nicht benutzt, den hat die Presse erfunden. Am Morgen habe ich die Leute zusammengeholt, deren Wissen und Fähigkeiten nützlich sein konnten: Die Chefs von Polizei und Feuerwehr, den Gesundheitssenator, Admiral Rogge, den Einsatzleiter der Hubschrauberstaffel, den Bausenator, die Behörde für Strom- und Hafenbau, das Meteorologische Amt und die Seewarte Hamburg. Auch das Wohnungsamt war dabei, es handelte sich ja um zehntausende Menschen, die wir unterbringen mussten. Es war Februar, saukalt, und ein Sturm mit Windstärken von 10 bis 12.

Frage: Da hatten Sie nun alle diese Leute zusammen und mussten sie irgendwie organisieren. Wie lief das ab?

Schmidt: Zunächst einmal habe ich dafür gesorgt, dass jeder einen Lageüberblick hatte. Dann habe ich gesagt: "Wir müssen und um dieses und jenes kümmern, wer wünscht dazu das Wort?" Dann haben die ihre Vorschläge gemacht und ich habe dann entschieden: So oder so machen wir das. Weder im Grundgesetz noch in der Hamburgischen Verfassung war ein Bundeswehreinsatz vorgesehen. Genauso wenig war vorgesehen, dass sich einer praktisch zum Befehlshaber aufschwingt. Aber das war zweckmäßig, es haben sich auch alle willig gefügt. Jedenfalls war ich bei der Flutkatastrophe nicht im Zweifel, dass mein Handeln vernünftig war, auch später kamen weder bei mir noch bei anderen Zweifel auf. Wir haben Menschenleben gerettet. Es hat nicht gegen den Geist des Grundgesetzes verstoßen, wohl aber möglicherweise gegen die Buchstaben.

Frage: Danach wurden Sie von der Presse als Held gefeiert. Wie würden Sie das heute einordnen?

Schmidt: Also wissen Sie, ich war 1937 als Wehrpflichtiger in der Wehrmacht und bin dann acht Jahre lang Soldat gewesen. Eine ganz schöne Scheiße habe ich hinter mich gebracht. Im Verhältnis dazu kommt mir das Wort "Held" ziemlich übertrieben und albern vor. Ich hätte das nicht akzeptiert und würde es auch heute nicht akzeptieren. Ich habe die Rettung organisiert, bin auch selbst mit dem Hubschrauber über das überschwemmte Gebiet geflogen, um mir ein Lagebild zu machen. Es stand ungefähr ein Fünftel der Stadt unter Wasser. Aber der Ausdruck Held ist abwegig.

Frage: Würden Sie Ihre Rolle als Krisenmanager sehen oder als Helfer?

Schmidt: Das ist alles dasselbe. Der Ausdruck Manager ist vorbelastet, das ist die Leitung eines Betriebs unter normalen Umständen, den würde ich nicht gebrauchen. Wenn ich darüber schreiben sollte würde ich sagen: Der Schmidt hat die Hilfe organisiert und dafür gesorgt, dass sie auch funktioniert.

Frage: Sie sind in das Krisengebiet hinein geflogen und haben später auch Menschen in den Notunterkünften getroffen. Hat die Begegnung mit der Not dieser Menschen Sie beeinflusst?

Schmidt: Es hat natürlich einen Eindruck hinterlassen, aber beeinflusst hat es mich nicht. Wir haben sowieso getan, was wir konnten. Außerdem hatte ich im Krieg schon andere Notlagen erlebt. Für mich war das keine ungewöhnliche Notlage, für viele der betroffenen Menschen natürlich schon. Ich habe ja am Morgen mit der Möglichkeit gerechnet, es könnten 10.000 Menschen ums Leben kommen - heutzutage nennt man so was wohl ein "Worst-Case-Szenario". Es war nicht selbstverständlich, dass NATO und Bundeswehr sofort reagieren. Ich hatte keine Zeit zu fragen, ich habe gesagt: "Sofort!"

Frage: War es ein natürlicher Instinkt, die Führung zu übernehmen?

Schmidt: Das können Sie so sagen. Aber es war ein Instinkt, der auf Erfahrung beruhte. Ich war ja kein junger Mann von 22 Jahren, sondern schon 42.

Frage: Durch die Hilfe der Soldaten ist damals ein gewisser Imagegewinn für die Bundeswehr entstanden. Vorher gab es in der Bevölkerung noch viel mehr Ablehnung gegen die Wiederbewaffnung.

Schmidt: Es gab da einen ähnlichen Fall in Japan: Ein schweres Erdbeben in Kobe mit Tausenden Opfern. Die Regierung hat Tage gebraucht, bis sie sich zum Einsatz von Soldaten durchgerungen hatte, weil das in der Verfassung nicht vorgesehen war. Das war ein schlimmes Vergehen. Vielleicht verfassungsmäßig, aber menschlich unzureichend. Natürlich ist es ein erfreulicher Nebeneffekt, dass die Soldaten in einem besseren Licht erscheinen als vorher. Aber das war nicht die Absicht. Inzwischen ist das Grundgesetz ja auch geändert, heute ist so ein Einsatz rechtmäßig.

Interview: Julia Krause und Julia Rosenkranz. Gekürzter und redigierter Auszug aus einem preisgekrönten Beitrag für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten.

Weitere Informationen zum Originalbeitrag "Als Im Dunkeln das Wasser kam" können in der Datenbank des Geschichtswettbewerbs recherchiert werden.

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