Sturmflut 1962 Hamburgs Untergang

Sturmflut 1962: Hamburgs Untergang Fotos
Gerhard Pietsch

Hunderte starben, Zehntausende wurden obdachlos, ein Stadtteil versank. Vor fünfzig Jahren wurde Hamburg von der schlimmsten Flutkatastrophe seiner Geschichte heimgesucht. Einige Bürger griffen zu Schmalfilmkamera und Fotoapparat und hielten die Zerstörung in dramatischen Bildern fest. Von

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Am Abend des 16. Februar 1962 saßen die meisten Hamburger vor dem Fernseher. Es war Freitag, im TV lief die "Die Familie Hesselbach" - eine beliebte Serie, die regelmäßig Einschaltquoten von bis zu 80 Prozent erreichte. Draußen war es eher ungemütlich, ein Sturm fegte durch die Straßen. Doch das war zu dieser Jahreszeit nichts Ungewöhnliches.

Was die Hamburger nicht wussten: Es waren die ersten Vorboten des Sturmtiefs "Vincinette", das vom südlichen Nordpolarmeer auf Norddeutschland zukam und gewaltige Wassermassen in Richtung Elbe trieb. Auf hoher See wuchs der Sturm zu einem Orkan heran und entfaltete eine solche Wucht, dass er nicht mehr gemessen werden konnte - bei 14 Windstärken hatten die Instrumente versagt.

In dieser Nacht sollte Hamburg seine bis heute verheerendste Flutkatastrophe erleben. Hunderte starben, Zehntausende verloren ihr Zuhause und ein ganzer Stadtteil wurde ausradiert. Dabei hätte das Schlimmste möglicherweise verhindert werden können.

Bereits am Freitagmorgen rechnete man an der Elbmündung in Cuxhaven mit einer schweren Sturmflut. Es gewitterte und hagelte, der tosende Sturm sorgte für schwere Verwüstungen. "Vincinette" zerriss die schwere Ankerkette des Feuerschiffs Elbe III wie einen Bindfaden, meterhohe Wellen brachten Schiffe in Seenot. Cuxhaven begann, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. Die Cuxhavener, schreibt Hans Herlin 2005 in seinem Buch "Die Sturmflut", hätten in ihrer Not 22.000 Sandsäcke von einer Hamburger Firma gekauft – niemand schien zu ahnen, wie dringend die Hansestadt selbst die Sandsäcke noch benötigen würde.

Die Todeswelle kommt

Erst abends um 20.33 Uhr kam die erste Sturmflutwarnung "für die gesamte deutsche Nordseeküste" im NDR-Radioprogramm, doch von Hamburg war nicht die Rede. Die Bürger fühlten sich nicht angesprochen, die Küste ist 100 Kilometer von der Stadt entfernt. In der Hansestadt wurde weiter ferngesehen. Andere gingen tanzen, ins Kino oder einfach schlafen, obwohl die mit fast sechs Metern höchste Flut seit Beginn der Pegelmessungen die Elbe hinaufrollte. Niemand erkannte die Gefahr.

Um 21.28 Uhr schnitt der Sturm die Telefon- und Fernschreiberverbindung des für Hamburg so wichtigen Vorpostens Cuxhaven ab, der elektrische Pegelstandsmesser versagte seinen Dienst. Hamburg konnte nicht mehr gewarnt werden. Keine vier Stunden sollte es noch dauern, bis die Flut auf Hamburg prallen sollte.

Mittlerweile waren die Wellen auf der Nordsee bis zu acht Meter hoch und die Insel Wangerooge drohte in zwei Teile zu zerbrechen. Die ersten Deiche brachen bei Papenburg, 200 Kilometer westlich von Hamburg, gegen 22 Uhr. Auch als um 22.15 Uhr in der "Tagesschau" eine Sturmflutwarnung vermeldet wurde - jetzt mit einer erwarteten Höhe von 3,50 Metern - machten sich die Hamburger noch keine Sorgen, denn die Warnungen bezogen die Hansestadt noch immer nicht mit ein.

In halb Norddeutschland war inzwischen das Stromnetz ausgefallen. Daher sollten Flutkanonen die Bevölkerung mit Böllerschüssen warnen. Aber in Stade, wo sie seit dem 18. Jahrhundert im Einsatz waren, konnte der Hafenmeister nur zweimal feuern, bevor die Flut das Geschütz einfach wegspülte.

Um 22.53 und 23.13 Uhr brachten Radiosender eine Evakuierungsmeldung für Cuxhaven. Zur gleichen Zeit diskutierten die zuständigen Hamburger Behörden immer noch darüber, ob die Deiche halten würden. Pausenlos gingen Hilferufe der Bevölkerung aufgrund der Sturmschäden in der Hamburger Polizeizentrale ein. Feuerwehren und Streifenwagen waren im Einsatz. Aber eine Evakuierung gab es nicht.

In den Kellern ertrunken

Um Mitternacht wurden im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg die ersten Deiche überspült.

Hier siedelten vor allem Ausgebombte und Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzten Zone. Sie waren in Schrebergartenkolonien und Behausungen untergebracht, die nur aus provisorischem Baumaterial bestanden und nicht den geringsten Schutz boten. Der Stadtteil, Europas größte Flussinsel, ist ein äußerst tief liegendes Gebiet, zwar umrahmt von Deichen, aber diese waren zu alt und zu niedrig, um die Wassermassen abzuwehren. Außerdem nutzten viele Bewohner den Schutzwall, um Hühner zu halten und machten ihn so nur noch maroder. Die Elbinsel glich einem Kessel, in dem die Anwohner der Flut hilflos ausgeliefert waren.

Als die Deiche brachen, riss die Strömung alles fort. Die eiskalte braune Brühe überraschte die meisten Hamburger im Schlaf. Wer konnte, floh in die oberen Stockwerke und hoffte auf Rettung, doch in den einfachen Behelfsheimen blieb den Menschen nur die Wahl zwischen der Flucht aufs Dach oder der Flucht auf die Straße. Beides war lebensgefährlich. Überlebende berichten, wie sie sich auf dem Dach an den Schornstein klammern mussten, um nicht von den Wellen fortgerissen zu werden. Andere konnten ihre Haustür schon nicht mehr öffnen, weil von außen die Wassermassen dagegen pressten. Manche bekamen die Tür gerade noch geöffnet, wurden aber dann von dem hereinschießenden Wasser die Kellertreppe hinabgespült und ertranken dort.

Ihre Hilfeschreie gingen im Brausen der Flutwelle und im Wüten des Sturms unter. Viele mussten in dieser Nacht hilflos mitansehen, wie ihre Familien, Nachbarn und Freunde von den Fluten fortgespült wurden und nicht mehr auftauchten. Wer sich durchnässt an einen halbwegs sicheren Ort retten konnte, dem drohte nun die Eiseskälte. Wilhelmsburg hatte nach der Flut die meisten Opfer zu beklagen – 222 Tote.

Hilflose Helfer

Es kam insgesamt zu über 60 Deichbrüchen. Etwa ein Fünftel des Hamburger Stadtgebiets wurde überflutet. Die Flut erreichte einen Wasserstand von 5,70 Meter über Normalnull.

Spätestens jetzt wurde klar: Die Lage war von den Behörden hoffnungslos unterschätzt worden. Innensenator Helmut Schmidt kam nachts von einer Konferenz in Berlin und eilte sofort ins Rathaus. Der Mann, der erst seit zwei Monaten im Amt war, brachte wieder Ordnung in das Chaos, indem er Bundeswehr und Nato-Verbände zu einem Großeinsatz im Katastrophenfall berief. Um keine Zeit mehr zu vergeuden, wartete er nicht auf die dafür laut Grundgesetz notwendige Genehmigung des Verteidigungsministeriums. 25.000 Helfer und etwa hundert Hubschrauber waren tagelang rund um die Uhr im Einsatz.

Dennoch war die Bilanz verheerend: 315 Tote allein in Hamburg, über 15.000 Obdachlose und 60.000 über mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnittene Hamburger.

Die Obdachlosen wurden zunächst in öffentlichen Gebäuden einquartiert und medizinisch betreut. Hubschrauber retteten Verletzte und versorgten von der Außenwelt Abgeschnittene mit Nahrung und Medikamenten. Die geborgenen Toten konnten aus Platzmangel nicht in den städtischen Leichenschauhäusern aufgebahrt werden So reihte man die toten Körper bis zu ihrer Identifizierung auf der Kunsteisbahn der Parkanlage Planten un Blomen auf.

Als die Flut über Hamburg hereinbrach, galt noch die Deichordnung von 1825. Die Stadt hatte geplant, die Deiche ab 1963 auf 6,50 Meter über Normalnull zu erhöhen. Ein Jahr zu spät.

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1.
Lasse Groth 14.02.2012
Helmut Schmidt war zu der Zeit nicht Innensenator in Hamburg, sondern Polizeisenator. Der Posten des Innensenators und der damit moderne Zuschnitt der Innenbehörde wurde erst einige Momate später geschaffen. Richtig ist, dass Helmut Schmidt dann den Posten des Innensenators übernahm. Ferner ist Schmidt nicht direkt von der Konferenz in Berlin ins Polizeipräsidium geeilt, sondern ist er vielmehr zunächst nach Hause gefahren und verbrachte den Abend mit Freunden, die an diesem Tag aus der DDR nach Hamburg geflüchtet waren und vorübergehend bei den Schmidts in Langenhorn wohnten. Er wurde erst am folgenden Morgen gegen 6 Uhr über die Katastrophe am Telefon unterrichtet und traf gegen 6:30 Uhr im damaligen Polizeipräsidium nahe des Gänsemarktes ein.
2.
Deter Roosu 14.02.2012
Es wurde seinerzeit berichtet, Helmut Schmidt habe einem Offizier (??), der sich zunächst weigerte, zu Hilfe zu kommen, gedroht, ihn standrechtlich erschießen zu lassen. Mag dahin gestellt sein, ob die Story stimmt. Sie würde aber gut zu Schmidt passen, der nicht lang schwätzte, sondern handelte und damit wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben rettete. Insofern betrachte ich Schmidt durchaus als positives Vorbild, an dem sich so praktisch JEDER Politiker heute ein Vorbild nehmen könnte. Und es wäre noch netter, wenn Helmut Schmidt es heute unterlassen könnte, dauernd öffentlich zu qualmen ;-) Vielen Dank, Helmut Schmidt!
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