Subkultur Faschismus made in DDR

Subkultur: Faschismus made in DDR Fotos
Robert-Havemann- Gesellschaft

In der späten DDR brodelte eine eigene Jugendsubkultur fernab der FDJ. Als im Oktober 1987 Ost-Skinheads ein Punkkonzert in der Berliner Zionskirche überfielen, erledigten sie damit gleich zwei Mythen: den von der staatstreuen SED-Jugend und den vom antifaschistischen Musterstaat. Die DDR hatte ein Problem mit Neonazis. Von Philipp Wittrock

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Die Geburtstagsparty im "Sputnik" läuft schon seit dem Nachmittag. Brechend voll ist das Lokal an der Greifswalder Straße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Rund hundert Leute dürften es sein, die meisten mit kahl rasiertem Schädel, einige Hooligans sind da, sie haben sich am Nachmittag mit Fans von Lok Leipzig geprügelt, nach dem Spiel gegen Union Berlin. Für fünf Mark gibt es kaltes Buffet und Unmengen Schnaps, Wein und Bier.

Gut zwei Kilometer weiter westlich, Bezirk Mitte: In der Zionskirche drängeln sich bis zu 2000 Menschen. Eine Handvoll regimekritischer Leute hat in dem Gotteshaus ein Konzert auf die Beine gestellt. Punks, Grufties, Alternative und ganz normale Bürger wollen die Ost-Berliner Band "Die Firma" und "Element of Crime" aus dem Westteil der Stadt sehen. 15 Plakate und Mund-zu-Mund-Propaganda haben ausgereicht, um die Massen zu mobilisieren, der Eintritt ist frei. Die Stasi weiß seit ein paar Wochen Bescheid, sie lässt die Leute gewähren. Um 19.30 Uhr legt "Die Firma" los - direkt vor dem Altar, eine Bühne gibt es nicht.

Es wird ein friedliches Spektakel. Mit einem schrecklichen Ende.

Mythos von der Faschismus-freien Zone

Es war der 17. Oktober 1987, als der Mythos vom antifaschistischen Staat DDR endgültig entlarvt wurde. Per Verfassungsdekret hatte die SED den Arbeiter- und Bauernstaat am 1964 zur faschismusfreien Zone erklärt. Doch jener Abend vor zwanzig Jahren warf plötzlich ein Schlaglicht auf den braunen Bodensatz des angeblich real existierenden Sozialismus: Neonazis überfielen aus dem Nichts ein Rockkonzert.

"Eigentlich war es damals schon längst nichts Ungewöhnliches mehr, dass rechte Skinheads Schlägereien provozierten", sagt Dirk Moldt, 43, Mitveranstalter des Konzerts in der Zionskirche. Nur wurden neonazistische Umtriebe zuvor von höchster Stelle vertuscht, verharmlost, verdrängt. "Der Überfall vom 17. Oktober hatte jedoch eine neue Qualität", sagt Moldt. Der Historiker hat den Tag anhand von Stasi-Unterlagen und Vernehmungsprotokollen minutiös rekonstruiert. Die Skinheads seien damals ganz gezielt aufgebrochen, um die Veranstaltung anzugreifen, sagt Moldt, sie prügelten los ohne Vorwarnung, ohne vorherige Provokation.

Grölende Horde Skins in der Tram

Im "Sputnik" säuft sich die Meute in Stimmung. Drei Hundert-Liter-Fässer sollen am Ende des Abends geleert sein. Die Skins wissen vom Konzert in der Zionskirche. Besonders die Ostkreuzer - einst selbst Teil der DDR-Punkbewegung - schmieden Pläne für einen Überfall. Der selbst ernannte "Sturmbannführer" Ronny B. geht in der Kneipe von Tisch zu Tisch, um Schläger zu mobilisieren. Die Ostkreuzer hassen die Punks, seit sie sich von ihnen abspalteten; auch sollen sie am Abend zuvor bei einer Auseinandersetzung am "Haus der jungen Talente" ordentlich eingesteckt haben: Grund genug für eine Racheaktion. 20 bis 30 Männer, unter ihnen auch ein paar West-Berliner, machen sich mit der Straßenbahn auf den Weg.

In der Zionskirche sind um etwa 22 Uhr die letzten Takte von "Element of Crime" verklungen. Hunderte Besucher drängen durch die Seitenportale nach draußen. Vor der Kirche stehen viele noch in Gruppen zusammen, andere machen sich auf den Weg zur nahen Haltestelle an der Kastanienallee. Dort hält eine Tram, eine grölende Horde Skinheads springt aus dem Waggon. Ein Teil von ihnen stürmt auf die Wartenden zu, der Rest rennt weiter in Richtung Kirche.

"Alles ging den Bach runter"

Jakob Ilja, 48, ist Gitarrist von "Element of Crime". Die Band war damals mit einem normalen Touristenvisum in den Ostteil der Stadt gekommen, den Auftritt bestritten sie mit geliehenen Instrumenten. In der "knüppeldickevollen" Kirche zu spielen war auch für die Musiker aus dem Westen etwas Besonderes. Schließlich spielten "Element of Crime" seinerzeit noch vor einigen hundert Fans. Dass es in der DDR Skinheads gab, darüber wunderte Ilja sich nicht. "Mir war klar, dass alle Jugendbewegungen des Westens auch ihre Entsprechungen im Osten hatten", sagt das Bandmitglied 20 Jahre später. Doch die Brutalität und Dreistigkeit schockierten ihn: "Da kommen einfach ein paar Skins auf so eine große Veranstaltung und schlagen drauf los. Das war Angst einflößend."

Während Ilja den Zwischenfall aus einiger Entfernung als unübersichtlichen Tumult wahrnahm, war Dirk Moldt ganz nah dran. Der damals 23-Jährige stand mit dem Klingelbeutel in der Hand an der Tür, um ein paar Spenden zu sammeln, als die Neonazis angriffen. Noch gut weiß er, welche Wut und Ohnmacht die Attacke in ihm und seinen Mitstreitern auslöste: "Wir sahen alles, was wir aufgebaut hatten, den Bach runtergehen."

Nazi-Parolen und Widerstand

An der Haltestelle Kastanienallee schlagen und treten einige Skinheads wahllos auf Umstehende ein. Die Kirche selbst ist einige Minuten nach dem Konzert kaum mehr halbvoll, als es an einem der Ausgänge plötzlich zu Handgreiflichkeiten kommt. Mehrere Skins dringen in das Seitenschiff ein, die Menge weicht zurück. "Sieg Heil" und "Judenschweine" brüllen die Angreifer, sie packen sich einzelne Besucher, schlagen mit Fäusten und Eisenketten auf sie ein.

Ein paar Schocksekunden, dann regt sich Widerstand. "Nazis raus" schallt es durch die Kirche, ein paar handfeste Punks befördern die Eindringlinge nach draußen. Vor der Tür ist die Situation unübersichtlich: Überall gibt es in der Dunkelheit Prügeleien. Volkspolizei ist schon den ganzen Abend vor Ort, zudem geht um 22.22 Uhr bei der Wache in Prenzlauer Berg ein Notruf ein. Doch die Uniformierten greifen nicht ein. Als sich ein Verletzter zu einem vorbeifahrenden Streifenwagen schleppt und ihn anhalten will, rollt dieser im Schritttempo weiter. Fast 30 Minuten dauert es, bis sich die Lage beruhigt. Die Skins verschwinden in der Nacht - zunächst unbehelligt. In einer abfahrenden Straßenbahn belästigen ein paar von ihnen weitere Konzertbesucher, die an der Schönhauser Allee eine Streife stoppen. Die Beamten folgen der Bahn, nehmen die Männer fest.

Die Polizei versagt

Es waren die ersten polizeilichen Maßnahmen. Möglicherweise wären es auch die letzten gewesen, möglicherweise wäre wieder einmal alles unter den Teppich gekehrt worden. Nach offizieller Lesart waren gewalttätige junge Menschen "negativ-dekadente Jugendliche", ob links, ob rechts, spielte keine Rolle. Dabei hatte die Stasi schon in den sechziger und siebziger Jahren Hunderte rechtsextremistische Vergehen registriert. Thematisiert wurde das freilich nie, um den Nimbus des antifaschistischen Musterstaates nicht zu gefährden. Wenn neonazistische Umtriebe bekannt wurden, suchte man die Schuld reflexartig im Westen. Das rechte Übel, es konnte nur von drüben kommen.

Dabei war das Problem hausgemacht: Die DDR-Geschichtsschreibung definierte den Faschismus nach dem kommunistischen Ideologen Georgi Dimitroff als "offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals" - für eine angemessene Aufarbeitung des Nationalsozialismus war da kein Platz, der Blick auf massenpsychologische Phänomene oder den organisierten Rassismus des Hitler-Regimes versperrt. Die Einheitspartei predigte Internationalismus, im wahren Leben kasernierte sie die wenigen Ausländer aus sozialistischen Bruderstaaten ein, das Volk schimpfte sie "Fidschi" oder "Brikett".

"Ich konnte die ganze rote Scheiße nicht mehr hören", suchte Ronny B., Haupttäter des Zionskirch-Überfalls, in der RBB-TV-Doku "Die nationale Front" später nach der Motivation für sein Skinhead-Dasein. "Weil ich ja wusste, dass das alles so nicht ist und so nicht stimmt." Der Angriff des 17. Oktober veränderte die Wahrnehmung. Denn mit der Zionsgemeinde, Heimat der Berliner Umweltbibliothek, hatte es die DDR-Basisbewegung getroffen, gut organisiert in ihrer Öffentlichkeitsarbeit und im Westen längst ein Begriff.

Druck aus der Westpresse

Schon am frühen Morgen des folgenden Tages berichtet der RIAS vom Neonazi-Überfall in Ost-Berlin. Die Polizei habe nichts getan, melden weitere Westmedien. Die Nachrichtenwelle schwappt zurück in den Osten - das Regime gerät unter Zugzwang. Die Polizei eröffnet den Operativen Vorgang "Konzert", Ende November beginnt vor dem Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte der Prozess gegen vier Hauptangeklagte. Am 3. Dezember 1987 verurteilt die Strafkammer Ronny B. und drei weitere junge Männer wegen Rowdytums und öffentlicher Herabwürdigung zu Haftstrafen zwischen einem und zwei Jahren.

Zu wenig, empören sich tags darauf die Zeitungen. Und auch der DDR-Generalstaatsanwalt vermisst im Urteil den expliziten Hinweis auf faschistische und antisemitische Parolen. Über Staatsrats-Vizechef Egon Krenz holt sich der oberste Ankläger bei Erich Honecker die Erlaubnis ein, die Strafen zu verdoppeln. "Einverstanden", zeichnet Honecker das Schreiben ab. Anführer Ronny B. muss vier Jahre hinter Gitter.

Schuld war das BRD-Fernsehen

Der Staat hatte ein Exempel statuiert. Und musste sich eingestehen, dass er ein Problem hatte: Durch die "aktuellen Vorkommnisse" mit jugendlichen Skinheads in der DDR sah sich die Staatssicherheit kurz nach dem Prozess zu einer "umgehenden Einschätzung" der Situation veranlasst. Rund 800 Skinheads zählten die Beamten daraufhin im Land.

Dass man nun härter gegen neonazistische Tendenzen vorging, änderte an der Exkulpation gen Westen allerdings nichts: Die amtliche Nachrichtenagentur ADN etwa zitierte den 1988 abgeurteilten Schänder eines jüdischen Friedhofs mit den Worten, er sei zu seiner "abscheulichen Tat durch Filme des BRD-Fernsehens angeregt" worden. Und noch am 8. Mai 1989 wiederholte das Politbüromitglied Kurt Hager zum 44. Jahrestag der Befreiung das ewige Mantra: "In der DDR wurde der Faschismus mit Stumpf und Stiel ausgerottet."

In einer älteren Version dieses Artikels wurde der DDR-Generalbundesanwalt erwähnt. In der DDR hieß dieser allerdings Generalstaatsanwalt. Wie bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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1.
Steffen Sommerfeld 17.10.2007
Guter Artikel über die Ereignisse mit der üblichen reißerischen (rassistischen) Aufmachung die ebenfalls überlicherweise das Grundmotiv Skinheads = Neonazis bedient. Der Satz von Dirk Moldt über "rechte Skinheads" wird beiläufig wiedergegeben ohne sich die Frage zu stellen warum das zusätzliche Attribut "rechts" zum Begriff "Skinhead" verwandt wurde. Letztlich deshalb da die Mehrzahl - ich weiß genaue Statistiken gibt es nicht - der Skinheads eben nicht als Rechte bezeichnet werden möchten. Der Gute Herr Moldt kommt im Gegensatz zu den Autoren aus der entsprechenden Subkultur bzw. hat einen wesentlich stärkeren Bezug zu ihr als solche. Traurig das in vorgeblich antirassistischen Artikeln der selbige breitgewalzt wird. Wer sich für Hintergründe interessiert sollte einfach den Begriff Skinhead im Wikipedia suchen, übrigens auch ein Ratschlag an die allwissenden Autoren... Eine bösartige Bemerkung zum Schluss, subkulturell korrekt heißt es nicht "Skins und Punks" sondern "Punks and Skins"...
2.
Klaus Kroker 04.11.2007
Steffen Sommerfeld 17. Okt 2007, 17:07: >> Guter Artikel über die Ereignisse mit der üblichen reißerischen (rassistischen) Aufmachung die ebenfalls überlicherweise das Grundmotiv Skinheads = Neonazis bedient. >> Der Satz von Dirk Moldt über "rechte Skinheads" wird beiläufig wiedergegeben ohne sich die Frage zu stellen warum das zusätzliche Attribut "rechts" zum Begriff "Skinhead" verwandt wurde. Letztlich deshalb da die Mehrzahl - ich weiß genaue Statistiken gibt es nicht - der Skinheads eben nicht als Rechte bezeichnet werden möchten. >> Der Gute Herr Moldt kommt im Gegensatz zu den Autoren aus der entsprechenden Subkultur bzw. hat einen wesentlich stärkeren Bezug zu ihr als solche. >> >> Traurig das in vorgeblich antirassistischen Artikeln der selbige breitgewalzt wird. Wer sich für Hintergründe interessiert sollte einfach den Begriff Skinhead im Wikipedia suchen, übrigens auch ein Ratschlag an die allwissenden Autoren... >> >> Eine bösartige Bemerkung zum Schluss, subkulturell korrekt heißt es nicht "Skins und Punks" sondern "Punks and Skins"...
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