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Subversiver Schlager Hit gegen Hitler

Subversiver Schlager: Hit gegen Hitler Fotos

"Einmal muss es vorbei sein": Mitten im Bombenhagel nahm Filmlegende Hans Albers Ende 1944 seinen größten Hit auf. "La Paloma", der Titelsong aus "Große Freiheit Nr. 7" schockierte NS-Propagandachef Goebbels mit provokanten Textzeilen. Film und Lied wurden verboten - und doch zum Riesenerfolg. Von

Was für ein Gegensatz: Das "Dritte Reich" stand im Dezember 1944 kurz vor dem Zerfall, Aachen war von US-Truppen erobert, das deutsche Schlachtschiff "Tirpitz" von englischen Flugzeugen versenkt, die Ardennen-Offensive geriet ins Stocken, die Rote Armee drang unaufhaltsam Richtung Westen vor. Doch in dem Aufnahmestudio des Electrola-Lindström-Labels in Berlin herrschte business as usual: Am 1. und 19. 12. 1944 waren Aufnahmetermine mit Hans Albers angesetzt.

Der 53-jährige Albers, zu jener Zeit ein Star in Deutschland, sollte die Musiktitel aus Helmut Käutners gerade abgedrehtem Film "Große Freiheit Nr. 7" einspielen. Für Albers' Interpretation des Klassikers "La Paloma" hatte Käutner einen neuen Text geschrieben. Wenn es jedoch nach dem Nazi-Regime gegangen wäre, hätte es Lied, Film, Hauptdarsteller und Regisseur gar nicht geben dürfen.

Käutner und Albers stehen unter ständiger Beobachtung des Propagandaministeriums, weil sie schon etliche Male durch mangelnde Linientreue aufgefallen waren. Seinen Filmtitel "Große Freiheit" konnte Käutner 1943 nur retten, indem er zur Tarnung seiner Absichten die Hausnummer 7 anhängte. Ursprünglich sollte der St.-Pauli-Streifen dem deutschen Volkslied ein Denkmal setzen - so Goebbels' ausdrücklicher Wunsch. Und so gab Regissuer Käutner dem Minister zwar "Muss i denn", aber das war auch schon das Ende der Konzessionen. Sein Text für "La Paloma" war eine Kampfansage an jeden Zensoren.

Ein Schlager als Kampfansage gegen die Nazis

Den von Hans Albers gespielten Hannes lässt er singen: "Einmal muß es vorbei sein." Und: "Dann winkt mir der Großen Freiheit Glück".

Und ähnlich subversiv geht es weiter:

"Jetzt heißt es auf Gott vertraun.

Seemann gib acht, dann strahlt auch als Gruß des Friedens,

hell in der Nacht das leuchtende Kreuz des Südens.

Schroff ist ein Riff, und schnell geht ein Schiff zugrunde,

früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde."

In den Kriegsjahren 43/44 von Frieden zu singen und auf Gott statt auf den "Führer" zu vertrauen war schon ein starkes Stück. Dann auch noch anzufügen, wie schnell ein Schiff zugrunde geht, ein Szenario, von dem Admiral Dönitz mit seiner Flotte im Nordatlantik ebenfalls ein Lied hätte singen können, das war kaum zu überbieten. Es sei denn, man gibt Hans Albers im Jahr des Falls von Stalingrad einen Text zum Einstudieren, in dem es heißt: "Früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde." Eine gezielte Provokation.

So verwundert es nicht, dass Goebbels seinen Großadmiral Dönitz zur Vorbesichtigung schickte, als die "Große Freiheit Nr. 7" in Prag im Dezember 1944 erstmals vorgeführt wurde - die Dreharbeiten waren aus dem zerbombten Berlin und Hamburg dorthin verlegt worden. Der Großadmiral reagierte erwartungsgemäß entsetzt auf das, was er über die Leinwand flimmern sah. Von "dauernd besoffenen Matrosen" berichtete er Goebbels am Telefon und von einem "wehrkraftzersetzenden Machwerk". Goebbels, Herrscher über die Ufa, entschied, dass die "Große Freiheit Nr. 7" zwar am 15. Dezember in Prag uraufgeführt werden dürfe, aber nicht im Deutschen Reich. Für Berlin ordnete er eine geschnittene Fassung an. Im März 1945 befahl er schließlich, den Film nicht für die Kinos freizugeben. Da blieben ihm gerade mal noch zwei Monate der Kulturherrschaft über Deutschland.

Seit hundert Jahren ein Evergreen

Auch die Platte mit "La Paloma" (Rückseite: "Beim ersten Mal, da tut's noch weh") konnte erst nach dem Krieg auf dem Odeon-Label veröffentlicht werden. Für Hans Albers war es ein Meilenstein seiner Karriere: Von jetzt an wird der Hamburger Schauspieler, der es von seinen Anfängen im Schmierentheater über Filmkomödien zum ernsthaften Mimen, Frauenschwarm und "Nationalhelden" (Carl Zuckmayer) gebracht hatte, mit "La Paloma" identifiziert.

Dabei war "La Paloma" alles andere als ein neuer Song. Schon seit einem halben Jahrhundert existierte eine deutsche Textversion zum Originals des Basken Sebastián de Yradier y Salaverri (1809 - 1865). Die eingängigen Zeilen "Mich rief es an Bord, es wehte ein frischer Wind" stammen vom Mainzer Musikdirektor Heinrich Rupp (1838 - 1917), der sich auf den "La Paloma"-Text des Franzosen Joseph Tagliafico (1821 - 1900) stützte. Der Pariser Opernsänger hatte das spanische Sehnsuchtslied zu einem Seemannslied umgeschrieben.

Schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg sprang "La Paloma" einem überall entgegen. Auf Schellackplatten, auf Kitschpostkarten, in Romanen, Gedichten und Theaterstücken. Bis in die Nazizeit hinein wurde das Lied aus deutschen Kehlen geschmettert und sogar auf Feldpostkarten verewigt. Auch wenn immer mal neue Texte auftauchten, Rupps "Falle ich einst zum Raube empörten Meer, fliegt eine weiße Taube zu dir hierher" blieb die meistgesungene Version. Bis Regisseur Helmut Käutner und Filmstar Hans Albers sich die große Freiheit nahmen, die Paloma zu modernisieren.

Alle zehn Jahre ein "La Paloma-"Hit

In den Nachkriegsjahren dominierte der blauäugige Mime mit seiner Version die Radiostationen. 1953 nahm er "La Paloma" für Decca noch einmal auf, gemäß der Devise, die Plattenproduzent Christian Bruhn ("La Paloma ade") gut 50 Jahre später verkündete: "'La Paloma' kann man praktisch alle zehn Jahre zum Hit machen!" Von der "Tauben"-Liebe der Deutschen profitierte aber 1959 am meisten der US-Bandleader Billy Vaughn, der sich für seinen Instrumental-Hit in Hamburg eine Goldene Platte abholte. Vor 50 Jahren stieß er eine "Paloma"-Begeisterung an, die deutsche Schlagermacher von Werner Müller bis Billy Mo ins Plattenstudio trieb.

Die Automatenaufsteller der Republik bekamen auf einen Schlag acht verschiedene Versionen des Liedes für ihre Jukeboxes geliefert. Sogar im Kino wurde mit Bibi Johns und Karlheinz Böhm in den Hauptrollen noch im selben Jahr Kapital aus "La Paloma" (Stargast: Louis Armstrong) geschlagen. Hans-Albers-Fan Freddy Quinn zog 1961 mit einer gefühlvollen Aufnahme nach, besann sich aber wieder auf den Rupp-Text aus der Kaiserzeit.

Auch wenn auf den Plattenhüllen die Taube zwischenzeitlich zur Möwe mutierte - immer wieder kam ein Vogel geflogen. Von Dean Martin bis zu Elvis Presley ("No More"), von Mireille Matthieu bis Achim Reichel - "La Paloma" war einfach nicht totzukriegen. 2003 wählte das deutsche Fernsehpublikum "La Paloma" zum beliebtesten Lied des vergangenen Jahrhunderts - vor "Yesterday" der Beatles!

Ein Jahr darauf sangen es 86.700 Freiwillige im Hamburger Hafen für das Guinness-Buch der Rekorde. Nicht weit vom Hafen, auf dem Hans-Albers-Platz, haben die Hamburger ihrem Hannes in St. Pauli ein Denkmal gesetzt: Vor seiner "La Paloma"-Bar stellte Bildhauer Jörg Immendorff 1986 die von ihm geschaffene Plastik des blonden Hans auf. In der Hand hält er die Ziehharmonika, die er in "Große Freiheit Nr. 7" zur Begleitung spielte. Albers liegt auf dem Ohlsdorfer Friedhof begraben. Zu seiner Beerdigung wurde 1960 "La Paloma" gespielt.

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1.
Volker Kühn, 02.12.2009
Ein Hit gegen Hitler? Es ist allgemein bekannt, dass Helmut Käutner wie Hans Albers dem Dritten Reich kritisch bis offen ablehnend gegenüberstanden. Das von Albers gesungene Seemannslied "La Paloma" aus dem Film "Große Freiheit Nr. 7" aber als einen "Hit gegen Hitler" zu interpretieren, scheint denn doch etwas weit hergeholt. Ebenso wie die Feststellung, dass es "Lied, Film, Hauptdarsteller und Regisseur" nach dem Willen der Nazis gar nicht hätte "geben dürfen". Eher ist das Gegenteil richtig. Käutner war und blieb während des Krieges wie Albers vom Militärdienst befreit (u.k. gestellt), Albers war zudem der unumstrittene Star des deutschen Films, der - weil man ihn brauchte - auf der Gagenliste ganz oben rangierte. Und was das Filmvorhaben der "Großen Freiheit" betrifft, so war dies von Goebbels und seiner Reichsfilmintendanz nicht nur von Anfang an ausdrücklich gewünscht und gefördert worden. Und dies auch noch, als sich nach Drehbeginn erhebliche Schwierigkeiten ergaben: die Filmaufnahmen begannen in Babelsberg und Tempelhof und mußten, als Bombenangriffe das Studio in Schutt und Asche legten, in Prag fortgesetzt werden. Dafür wurden die Dekorationen wieder neu angefertigt. Das wurde ebenso "von oben" abgesegnet und genehmigt wie der durch permanente Luftangriffe gefährdete, komplizierte Außendreh in Hamburg und die daraus resultierenden Nachaufnahmen und Terminverschiebungen. Als Hans Albers dann noch auf seiner astronomisch hohen Gagenforderung von 406 000 RM bestand, widersetzte sich Goebbels. Und gab schließlich nach. Selbst um die geplante Uraufführung des Films, die dann im Dezember 1944 in Prag stattfand, gab es einen rivalistischen Streit zwischen Hamburg und Königsberg darüber, wer den Film zuerst zeigen dürfe. Von Käutners Film wurden zahlreiche Kopien fürs Ausland gezogen, der Film wurde auch in der Schweiz und in Schweden gezeigt und bekam dafür einen Kritikerpreis. Für eine fürs Inland bestimmte Fassung der "Großen Freiheit Nr. 7" gab es vom Propagandaministerium mehrere Schnittauflagen. Die produzierende Terra vermerkt am 15. Januar 1945: "'Große Freiheit Nr. 7' angelaufen, Inlandsfassung in Umarbeitung." Sie wurde erst im September 1945 am Berliner Kurfürstendamm erstmals gezeigt. Zwar gab es erhebliche Einwände der Kriegsmarine gegen die "Große Freiheit Nr. 7", so intervenierte Großadmiral Dönitz mit dem Hinweis auf die lockere Moral des Films, hier würden deutsche Frauen als Huren gezeigt und deutsche Seeleute als Trunkenbolde. Wie wenig ein solcher Einwand allerdings nazitypisch war, mag man dem westzonalen katholischen "Filmdienst der Jugend" entnehmen, in dem es im Frühjahr 1948 heißt: "Die Wirkung des Films ist zersetzend, vor allem für das jüngere Publikum. Sie bleibt es auch nach Herausschneiden der unappetitlichen Fleischklumpen-Szenen im Bett der 'Liebenden'. Die ganze Atmosphäre ist eindeutig außerhalb aller gesunden Ordnung." Schließlich das Lied "La Paloma". Ein Anti-Hitler-Hit? Wohl kaum. Schon gar nicht, wenn der Liedtext Wort für Wort genau zitiert wird. Die Geschichte um den von Hans Albers verkörperten Hamburger Stimmungssänger Hannes macht zudem deutlich, dass der hier nur sich selbst aus der Seele spricht, nur sein eigenes Schicksal meint, wenn er vom Glück der "Großen Freiheit" singt. Er will endlich wieder zur See fahren, in die weite Welt hinaus. Als Liebhaber zwar verschmäht und der Ehefessel entronnen, sagt er den vielen Bräuten nun ade: "Einmal muß es vorbei sein. Nur Erinnerung an Stunden der Liebe bleibt noch an Land zurück. Meine Braut ist die See, und nur ihr kann ich treu sein." Er will endlich wieder "hoch vom Mastkorb weit in die Welt hinein" schauen. Und er liebt die Gefahr, die der Sturmwind mit sich bringt, auch wenn das das Ende bedeuten kann: "Kap Horn liegt auf Lee. Jetzt heißt es auf Gott vertraun. Seemann, gib acht, denn (nicht: dann!) strahlt auch als Gruß des Friedens hell in die Nacht das leuchtende Kreuz des Südens - schroff ist das Riff, und schnell geht ein Schiff zugrunde. Früh oder spät schlägt jedem von uns die Stunde. Auf, Matrosen, ohe, einmal muß es vorbei sein. Einmal holt uns die See, und das Meer gibt keinen von uns zurück." Einen als subversiv empfundenen, direkten Bezug von "Einmal muß es vorbei sein" und "Dann winkt mir der Großen Freiheit Glück" gibt es jedenfalls nicht im Käutner-Text. Eher liesse sich schon "La Paloma" als ein Lied des großen Abschieds interpretieren, der den vielen Bräuten und Ehefrauen ins Haus steht, wenn der Geliebte zu Kriegszeiten hinaus in die Welt muss - an die Front. Schlimmstenfalls sogar als melancholischer Song des todesmutigen Draufgängers, der das Leben verlacht. Todes-Hymne? Musikalisches Trostpflaster? Widerstandslieder sehen und sahen jedenfalls - auch und gerade zu Zeiten der NS-Diktatur - anders aus. Volker Kühn, Berlin
2.
Elmar Bodet, 02.12.2009
Sehr rührende Geschichte, die aber leider zu der falschen Schlussfolgerung verleiten könnte, Albers sei ein heimlicher Widerstandskämpfer gewesen. Er war deshalb ein 'Star', weil er durchaus 'linientreu' war. Wer sich davon überzeugen will, sei auf Filmbeispiele in Erwin Leisers 'Deutschland erwache' verwiesen. Dass überhaupt die Vorstellung aufkommen konnte, Albers sei kein Propagandist (oder Propagandainstrument), beweist lediglich die Wirksamkeit von Goebbels Konzept: "Das ist das Geheimnis der Propaganda: Diejenigen, die von ihr überzeugt werden sollen, sollten völlig in ihren Ideen ertränkt werden, ohne dass sie jemals bemerken, dass sie darin untergetaucht sind."
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