Suche nach Kriegsopfern Leben mit den Toten

Suche nach Kriegsopfern: Leben mit den Toten Fotos
Thomas Kretschel

Schon 20.000 Tote hat er ausgegraben: Auf Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs sucht Erwin Kowalke nach vermissten Soldaten. Anhand von Knochen, Brillen, Taschenuhren spürt der Umbetter der Identität der Toten nach. Er will den Angehörigen Gewissheit schenken - und einen Ort für ihre Trauer. Von Matthias Pankau

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Zuerst kommt ein Unterkiefer zum Vorschein. Erwin Kowalke schält ihn vorsichtig aus der lehmigen Erde und legt ihn dann behutsam in den kleinen grauen Pappsarg, der neben der frischausgehobenen Grube steht. Zwei Spatenstiche später holt er einen Schädel hervor. "Der Junge war um die 20, nicht viel älter", sagt er und zeigt auf das gut erhaltene Gebiss. "Die Weisheitszähne sind noch nicht herausgewachsen." Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Toten um einen sowjetischen Soldaten. Auch hier geben die Zähne Aufschluss. "Russen ernähren sich anders. Dadurch sind ihre Zähne abgeschliffener als die der Deutschen", erklärt er. Als er kurz darauf einen verwitterten Lederschuh findet, ist er sich ganz sicher: "Das ist ein Russe." Der Schuh hat nämlich eine genoppte Gummisohle. "Und solche hatten nur die Soldaten der Roten Armee."

Erwin Kowalke ist Spezialist auf seinem Gebiet. 1980 fing er beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) an, seither ist er unterwegs auf den einstigen Schlachtfeldern des letzten Weltkrieges. Inzwischen ist er Rentner und arbeitet ehrenamtlich für den Verein, der sich seit 1919 um die Bergung, Identifizierung und Bestattung von Soldaten kümmert. Kowalkes Fachwissen ist längst auch international gefragt. Nach dem Balkankrieg Mitte der neunziger Jahre verbrachte er mehrere Monate in Ex-Jugoslawien, um Leichen zu bergen und zu identifizieren.

Aus der blutgetränkten Erde östlich von Berlin holt Kowalke pro Tag bis zu zehn Tote. Allein im Kessel von Halbe starben in den letzten Apriltagen 1945 rund 60.000 Menschen, als russische Stoßtrupps in der letzten großen Schlacht des Zweiten Weltkriegs die Reste der 9. Armee aufrieben. Bei den Gefechten auf den Seelower Höhen im Oderbruch fielen innerhalb weniger Tage fast 50.000 deutsche, polnische und russische Soldaten. Nur die wenigsten wurden richtig begraben, die meisten nur notdürftig verscharrt. Tausende von ihnen werden noch in Brandenburgs Erde vermutet.

Kowalke liest in Knochen wie in einem Buch

Gefunden werden sie meist zufällig beim Straßenbau oder bei der Suche nach Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Detektoren schlagen auf alles Metallische an. "Und wenn der Kamerad einen Feldspaten oder ein Gewehr dabei hatte, dann haben wir ihn", erklärt Kowalke. So war es auch diesmal. Die Detektoren piepten, weil unter der Erde neben dem gefallenen Soldaten noch ein Helm, ein Bajonett und eine Pistole lagen. Für die Waffen ist der Munitionsbergungsdienst zuständig, für den Toten Erwin Kowalke. Ein Anruf genügte.

Bis zur Hüfte steht der Umbetter in der Grube in einem Waldstück am Oder-Havel-Kanal nordöstlich von Berlin. Vorsichtig harkt er den Grund der Grube ab, um nicht versehentlich einen Knochen zu zerstören. "Wir graben hier schließlich keine Kartoffeln aus", sagt er. Plötzlich kommt ein zweiter Schädel zum Vorschein. Keine Überraschung für Kowalke: Häufig wurden in größeren Bombenkratern gleich mehrere Soldaten verscharrt. In einem Zahn findet sich eine Amalgam-Füllung. Für Kowalke ein eindeutiger Hinweis darauf, dass es sich diesmal um einen Deutschen handelt, denn "die Russen hatten damals noch keine Amalgam-Füllungen". Kurz darauf befördert sein Spaten einen zerbrochenen gelben Kamm sowie eine lederne Brieftasche zutage. Darin sind ein paar Münzen, aber kein Hinweis auf die Identität des Toten. Immerhin kann Erwin Kowalke sagen, dass der Soldat etwa 25 Jahre alt und rund 1,70 Meter groß war.

Er liest in den Knochen wie in einem Buch: "Von der Größe des Oberarmknochens kann man beispielsweise auf die Körpergröße schließen und von der Beschaffenheit der Epiphysen am Ende der Knochen auf das Alter", erklärt er. Als in dem großen Sieb, mit dem die ausgehobene Erde nochmals durchsucht wird, auf einmal eine leicht verrostete Erkennungsmarke zum Vorschein kommt, kann Erwin Kowalke seine Freude nicht verbergen: "Jetzt wissen wir bald, wer du bist", sagt er in einem seiner typischen Zwiegespräche und strahlt: "Die Erkennungsmarke ist so etwas wie der Personalausweis." Nach etwas mehr als drei Stunden verstaut Kowalke die Habseligkeiten der insgesamt drei an diesem Vormittag geborgenen Toten und notiert die dabei gefundenen Indizien auf einem Formular.

Wenigstens Gewissheit

Jetzt ist die Deutsche Dienststelle der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle (WASt) in Berlin am Zuge: Zu jeder Nummer auf einer solchen Erkennungsmarke existiert in Berlin eine Akte, die es ermöglicht, die Identität des Gefallenen zu bestimmen. In den Kriegswirren sind zwar zahlreiche Stammdaten verloren gegangen - dennoch ist die WASt der Ort, an dem sich die Identität eines toten Wehrmachtssoldaten auch mehr als 60 Jahre nach dem Krieg noch klären lässt. Ob Ehering, Erkennungsmarke, Orden oder vergilbter Liebesbrief - bei der WASt landen alle persönlichen Gegenstände, die Erwin Kowalke bei den Soldaten findet. Durchnummeriert und verpackt zum Abgleich mit den Unterlagen von 18 Millionen Wehrmachtsangehörigen. In der Asservatenkammer stapelt sich die Hinterlassenschaft gefallener Soldaten, von denen keine Angehörigen gefunden wurden oder deren Identität sich nicht zweifelsfrei klären ließ - Gebisse, Brillen, Taschenuhren.

Diese morbide Sammlung versorgt Erwin Kowalke seit fast 30 Jahren mit Nachschub. Eigentlich ist der drahtige 68-Jährige Tischler. Er erzählt, dass er als Lehrling als allererstes einen Sarg bauen musste. Damals ahnte er nicht, dass die Beschäftigung mit Tod einmal seine Berufung werden würde. 1980 folgte er dem Wunsch seines Pfarrers in Buckow und übernahm unter dem Dach der Kirche eine Anstellung beim Volksbund, verantwortlich für die Pflege von Kriegsgräberstätten im Oderland. Ein Motiv war das Schicksal seines eigenen Vaters, der 1944 als Soldat in Frankreich fiel. Noch heute erinnert sich Kowalke an den verregneten Tag Ende der achtziger Jahre, als er zum ersten Mal am Grab seines Vaters in Andilly in Lothringen stand, dem mit 30.000 Gräbern größten deutschen Soldatenfriedhof Frankreichs. Traurig sei er gewesen und glücklich zugleich: "Endlich hatte meine Trauer einen Ort." Das treibt ihn an: auch den Hinterbliebenen, deren Väter, Söhne und Brüder immer noch als vermisst gelten, wenigstens Gewissheit zu geben.

Bis 1990 war das keine einfache Aufgabe. In der DDR galten Soldaten der Wehrmacht ausschließlich als Täter, deren würdige Beisetzung das SED-Regime ausdrücklich missbilligte. So musste Kowalke die Toten unter dem Schutz der Kirche bergen und umbetten. Öffentliche Anerkennung und Akzeptanz fand sein Beruf erst mit der Wiedervereinigung 1990. Im Westen Deutschlands gab es zu dieser Zeit schon gar keinen Umbettungsdienst mehr, die Suche nach gefallenen deutschen Soldaten war längst abgeschlossen - von Skandinavien bis Nordafrika. Doch im Osten des Landes, wo Anfang 1945 die verlustreichsten Kämpfe des Krieges stattgefunden hatten, wie auch in Osteuropa ging die Arbeit da erst richtig los. 20.000 Kriegstote hat Erwin Kowalke seit 1990 geborgen.

Kinderschuhe mit winzigen Knöchelchen

Er und seine 25 Kollegen, die für den Volksbund in Osteuropa und Russland nach Gefallenen suchen, betten jedes Jahr 35.000 bis 40.000 Soldaten um. In der Regel werden die Gefallenen in dem Land beigesetzt, in dem sie gefunden wurden - Soldaten der Roten Armee, die im brandenburgischen Sand gefunden werden, etwa auf dem Soldatenfriedhof in Lebus nördlich von Frankfurt an der Oder. Umgekehrt werden ehemalige Wehrmachtsangehörige, die im Ausland gefallen sind, dort auf deutschen Soldatenfriedhöfen beigesetzt. Für Familienangehörige besteht allerdings die Möglichkeit, beim VDK einen Antrag zu stellen, dass der Gefallene in der Heimat bestattet wird.

Oft genug hat seine Arbeit Erwin Kowalke den Schlaf geraubt, zu sehr bewegten ihn die Schicksale der jungen Männer. Er hat sich mit der Zeit daran gewöhnt und seine innere Ruhe wiedergefunden. "Aber im Kessel von Halbe", sagt er und schweigt einen Moment, "da wird mir häufig heute noch schwer ums Herz." Am allerschlimmsten sei es immer dann, wenn er die sterblichen Überreste von Kindern finde. "Wenn Sie in der Erde zwei kleine Kinderschuhe mit winzigen Knöchelchen finden, dann geht das auch nach so vielen Jahren nicht spurlos an Ihnen vorüber", sagt Kowalke, selbst Vater zweier Töchter.

Seine größte Angst ist es, jemanden in der Erde zu vergessen. "Hier in Brandenburg ist der Krieg ja noch längst nicht zu Ende", sagt er und meint damit den Ausspruch des russischen Generals des 18. Jahrhunderts, nachdem der Krieg erst beendet sei, wenn auch der letzte gefallene Soldat ein würdiges Begräbnis erhalten habe. Und nichts wünscht sich der 68-jährige Kowalke, der 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, sehnlicher als das: den Krieg endlich zu beenden. Deshalb ist er so darauf bedacht, beim Bergen der Toten kein noch so kleines Detail zu übersehen, denn: "Was ich übersehe, kann keiner mehr nachholen, es ist verloren." Ob es sich bei den Toten, die er birgt und denen er im Idealfall ihren Namen zurückgeben kann, um Deutsche oder Russen handelt, um SS-Männer oder Rotarmisten, ist ihm einerlei: "Nach dem Tod sind alle gleich", sagt Kowalke. "Auch wenn ich die armen Kerle nicht kenne - Gott kennt und liebt sie alle."

Die Trauer um die Gefallenen ist auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende noch groß. Zu den Umbettungsfeiern kommen Ehefrauen, Kinder, Enkel, Kameraden und Schulfreunde. Neulich war Erwin Kowalke wieder dabei, als auf der mit 28.000 Gräbern größten deutschen Kriegsgräberstätte in Halbe die Familie eines Soldaten zur Beerdigung kam, den er geborgen hatte. Witwe, Tochter und Enkelin strichen noch einmal über den kleinen grauen Sarg, bevor er in die Erde gelassen wurde und alle miteinander den Choral "Befiehl Du Deine Wege" anstimmten. "In solchen Momenten weiß man wieder, warum man diese Arbeit macht", sagt Erwin Kowalke.

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1.
Thomas Glöckner 23.11.2009
Bedenklicher Artikel.Er ist be-denklich in der Hinsicht, dass man beim lesen des Artikels immer be-denken sollte, wie schrecklich ein Krieg für alle ist und wie schmutzig so ein vermeindlicher "Heldentod" aussieht.Was bleibt von dem "Helden" im Kriege nach dem Kriege übrig ? Nur ein paar schmutzige Knochen und ein, in vielen Fällen, anonymes Grab. Insofern ist die Arbeit von Herrn Kowalke hoch anzuerkennen, da er den vermeindlichen "Helden" die Menschlichkeit, wenigstens im Tode, zurückgibt und somit das Soldaten-sein entsymbolisiert.
2.
Eberhard Lux-Wellenhof 24.11.2009
Warum überläßt man diese bittere Arbeit einem einesamen Idealisten wie Erwin Kowalke?Ich finde es zu tiefst beschämend,wie diese Bundesrepublik mit ihren Wehrmachtstoten umgeht: pauschal diffamierend über dubiose Wehrmachtsaustellungen, Gedenken an die deutschen, militärischen Kriegstoten und Gefallenen am Volkstrauertag hinter einem undifferenzierten Sammelsurium von Kriegs und Gewaltopfern, was immer man darunter verstehen kann oder will.Für alle möglichen Gedenkstätten werden Millionen bereitgestellt, für ein würdevolles Aufarbeiten irgendwo verscharrter oder im günstigsten Fall eingesammelter toter Soldaten müssen Spenden gesammelt werden.
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