Sudetenkrise Wille zur Eskalation

Objektiv war es ein beispielloser Triumph für Hitler: Am 30. September 1938 sprachen Großbritannien, Frankreich und Italien dem Deutschen Reich das zur Tschechoslowakei gehörende Sudetenland zu. Doch der Verhandlungserfolg war nicht das, was Hitler mit seinen maßlosen Forderungen bezweckt hatte.

dpa

Erleichtertes Aufatmen am 30. September 1938 in den Städten Europas: Am Tag zuvor hatten Großbritannien, Frankreich, Italien und das Deutsche Reich mit dem "Münchner Abkommen" die monatelang schwelende Krise um das zur Tschechoslowakei gehörende, mehrheitlich von Deutschen besiedelte Sudetengebiet beendet und damit quasi in letzter Sekunde Europa den Frieden gerettet. Zumindest dachten das alle.

Der Einigung waren Monate des Säbelrasselns vorausgegangen. Im März 1938 hatte Hitler dem Führer der "Sudetendeutschen Partei" in der Tschechoslowakei, Konrad Henlein aufgetragen, unerfüllbare Forderungen in der Nationalitätenfrage an Prag zu richten. Parallel erklärte er öffentlich, das "tschechoslowakische Problem" baldmöglichst lösen zu wollen. Den Einmarschplan für die Tschechoslowakei - Codenamen: "Fall Grün" - hatte er bereits in der Schublade.

Wie ihm geheißen, präsentierte Henlein am 24. April 1938 das "Karlsbader Programm": Für die 3,5 Millionen in der Tschechoslowakei lebenden Sudetendeutschen forderte er Gleichberechtigung, Autonomie und das Recht ein freies Bekenntnis zum deutschen Volkstum. Die Antwort des 1918 gegründeten Vielvölkerstaats kam knapp einen Monat später: Am 20. Mai begann die Tschechoslowakei mit der Teilmobilmachung, mit Frankreich und Großbritannien hatte sie zwei Verbündete an ihrer Seite. Hitler hielt zunächst inne - aber schon am 28. Mai verschärfte er in Berlin die Weisungen des "Fall Grün": Die Tschechoslowakei sollte spätestens am 1. Oktober militärisch zerschlagen werden.

Pläne durchkreuzt

Während Hitler ab Juni die Wehrmacht an der tschechoslowakischen Grenze zu Manövern zusammenzog und parallel zur Eile bei den Arbeiten am Westwall, dem Verteidigungssystem an der Westgrenze des Reiches, antrieb, ging London Prag gegenüber auf Distanz. Am 8. August 1938 traf der englische Sonderbotschafter Lord Runciman in Prag ein, ohne jedoch etwas zum Ausgleich der Spannungen beitragen zu können. Er empfahl die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete und ihre Angliederung an das Deutsche Reich, ein Vorschlag, dem sich die "Times" in ihrem Leitartikel vom 7. September anschloss. Nun hing alles davon ab, wie Hitler sich verhielt. Seine Rede auf dem Reichsparteitag am 12. September wurde mit Spannung erwartet.

Wer glaubte, Hitler sei zur Mäßigung bereit, irrte. Seine scharfe Rhetorik heizte die Spannungen im Sudetenland weiter an. Die Zeichen standen auf Krieg. Doch dann lenkte der britische Premierminister Neville Chamberlain plötzlich ein: Er sandte am 13. September eine Botschaft und erklärte, er sei bereit, sich mit Hitler zu treffen. Dieser schlug als Verhandlungsort Berchtesgaden vor, wo Chamberlain am 15. September eintraf. Hitler drohte, er würde das tschechoslowakische Problem lösen, "so oder so". Als der Premierminister daraufhin den Sinn seiner Reise in Frage stellte, lenkte Hitler ein und forderte eine "Loslösung der sudetendeutschen Gebiete aufgrund des Selbstbestimmungsrechtes der Völker". Chamberlain sagte zu, diese Frage mit seinem Kabinett zu erörtern, worauf Hitler ihm zusicherte, in der Zwischenzeit keine militärischen Maßnahmen zu ergreifen.

Diese Entwicklung hatte Hitler nicht erwartet. Sie vereitelte seine Pläne, sich die gesamte Tschechoslowakei einzuverleiben. Für ihn kam es jetzt darauf an, die ausgleichenden Absichten des englischen Premierministers zu durchkreuzen. Hitler versuchte, die Lage weiter zu eskalieren und entfachte eine hemmungslose Pressekampagne, die mit der Aufstellung eines "Sudetendeutschen Freikorps" unter Führung des inzwischen nach Deutschland geflohenen Konrad Henlein einherging.

Das letzte Ultimatum

Hitlers Plan aber ging nicht auf, im Gegenteil: Bei einem weiteren Treffen am 22. September im Rheinhotel Dreesen in Bad Godesberg überbrachte Chamberlain Hitler die Zustimmung Englands, Frankreichs und der Tschechoslowakei zur Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Deutsche Reich in Verbindung mit einer internationalen Garantie für die Unabhängigkeit des tschechoslowakischen Staates.

Hitler schien jedoch darauf vorbereitet: Statt einer Billigung und Bestätigung des Angebots schob der Diktator neue Forderungen nach, nämlich die gleichen Rechte für die polnische und ungarische Minderheit, womit er zugleich Polen und Ungarn auf seiner Seite hatte. Außerdem kündigte er den Einmarsch der Wehrmacht innerhalb von vier Tagen an.

Binnen weniger Tage eskalierte die Lage: Das britische Kabinett wies die Forderungen Hitlers am 25. September zurück und sicherte Paris die Unterstützung im Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Deutschland zu. Auch Prag lehnte ab und mobilisierte 1,5 Millionen Soldaten. In allen beteiligten Staaten liefen die Kriegsvorbereitungen verstärkt an. Hitler reizte dies zu einem Ultimatum: Prag habe sich mit der neuen Situation bis zum 28. September 14:00 Uhr zu arrangieren, andernfalls marschiere die Wehrmacht ein.

Italiens Diktator Benito Mussolini schlug nun eine Konferenz der Großmächte vor, die eine Verhandlungslösung herbeiführen sollte. Hitlers späterer Reichsmarschall Hermann Göring hatte bereits seit zwei Wochen daraufhingearbeitet. Hitler stimmte ebenso wie London und Paris zu und eröffnete am 29. September die Konferenz in München, an der Chamberlain, der französische Ministerpräsident Édouard Daladier und Mussolini teilnahmen. Der von Göring vorbereitete Text wurde von Italiens Botschafter Bernardo Attolico vorgelegt und am 30. September um 2:30 Uhr von allen unterzeichnet.

Objektiv hatte Hitler einen beispiellosen Triumph errungen: Ohne Krieg hatte er "einer überlegenen Koalition ein umfangreiches Gebiet abgerungen, der Tschechoslowakei das Befestigungssystem genommen, seine strategische Position entscheidend verbessert, neue Industrien gewonnen und den verhassten Präsidenten Benesch ins Exil gezwungen". Dennoch fühlte sich Hitler durch das Abkommen betrogen: Sein Ziel hieß "Prag", und dieses war ihm durch das Abkommen entrissen. Eine derart friedliche Konfliktlösung sollte sich seiner Ansicht nach künftig nicht mehr wiederholen dürfen: Am 1. September 1939 setzte er mit dem Einmarsch in Polen seinen Kriegswillen durch.



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Manfred Schmidt, 29.09.2008
1.
Auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende erstaunt es immer wieder, dass die Geschichtsschreibung nach wie vor mit den Augen der Siegermächte vermittelt wird. Ohne konkreten Hinweis auf den tatsächlichen Sachverhalt wird unterstellt, dass Hitler den Krieg wollte und alles dafür tat, dieses Ziel zu erreichen. Das ist die genaue Umkehrung des tatsächlichen Sachverhaltes. Hitler war nie daran interessiert, Krieg zu führen, sondern erbot sogar der englischen Regierung noch 1940 einen Beistandspakt, der deutsche Soldaten und die deutsche Flotte ohne Gegenleistung Englands zum Schutz Albions weltweit einsetzen wollte. Selbst in der Siegesrede nach dem Frankreichfeldzug sprach er noch von seiner Liebe zu England und der Möglichkeit, den Krieg schnellstens zu beenden. Wer sich objektiv mit der neueren Zeitgeschichte befasst und sich mit den Äußerungen britischer und amerikanischer Staatsmänner von 1936 bis zum Kriegsende befasst, wird sehr schnell feststellen, dass der Sachverhalt genau umgekehrt lag. Britannien und der amerikanische Präsident Roosevelt wollten Deutschland »endgültig« vernichten. Solche Worte waren aus Hitlers Mund zu keinem Zeitpunkt vor dem Krieg gegenüber einem potentiellen Gegner zu hören. Leider ist uns Deutschen eine joviale, ja unterwürfige Haltung gelegentlich zu eigen - auch wider besseres Wissen. Wer wirklich wissen möchte, wie es war, sollte sich selbst informieren und nicht ungeprüft Meinungen übernehmen, die mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun haben. Es erstaunt mich immer wieder, dass Fernseh- oder Radiosendungen, aber auch Presseberichte - soweit sie sich mit dem 3. Reich beschäftigen - grundsätzlich von der Prämisse ausgehen, dass Hitler Krieg um jeden Preis wollte und diesen dann auch bekam. weder er wollte ihn, noch die Franzosen und schon gar nicht die Italiener. Wohl aber Polen mti dem britschen Blankoscheck und die Briten selbst sowie - nach der Selbstzerfleischung Westeuropas - die Sowjetunion. Geschichte ist manchmal etwas komplizierter, als sie gemeinhin dargestellt wird. Aber plakatives Widerkäuen der Sieger-Geschichtsschreibung sollte irgendwann aufhören und zum eigenen Nachdenken anregen.
Peter Pfirrmann, 29.09.2008
2.
Eines ist mir nicht klar geworden: was waren nun die "unerfüllbaren Forderungen in der Nationalitätenfrage"? "Gleichberechtigung, Autonomie und das Recht ein freies Bekenntnis zum deutschen Volkstum" kann m.E. ja wohl nicht sein, oder? Das sind doch Rechte im Rahmen des normalen Minderheitenschutzes überall in Europa, oder?
Eike Alscher, 30.09.2008
3.
Schwarz-Weiß-Denken ist unwissenschaftlich und unhistorisch. Sicherlich war Hitler Schwarz: das Ermorden von u.a. Millionen Russen und Juden sowie das millionenfache Opfern seines eigenen Volkes ist unverzeihlich und erfüllt dies zur Gänze. Aber auch Churchill und die polnische Führung waren schon schwarz-grau - riskierten Krieg und ließen viele Menschen über die Klinge springen. Stalin auf seine Art war auch schwarz und Roosevelt später auch eher schwarz-grau. Moussolini, der ein unangenehmer, brutaler und dummer Zeitgenosse war, war sogar eher nur grau, er war weit weniger fanatisch - so z.B. gar kein Rassist. Er war sich der italienischen Schwäche vollständig bewusst. Ich hatte in einem anderen Artikel sogar einmal gelesen, dass Moussolini die Münchner-Konferenz zum Missfallen Hitlers nur organisiert hat, um sich vor einem Kriegseintritt schützen zu können. Tatsächlich gab es viele Kriegstreiber. Viele fühlten sich stark dank neuester militärischer Entwicklungen und Selbstüberschätzung. Ich wünschte der 2. WK würde moralisch der Forschung freigeben, damit alle Positionen und Beiträge offengelegt und miteinander verglichen werden können. In diesem Sinne: kritisches Denken ist der einzige Weg vor Wiederholung.
Gabriele Niggenaber, 21.04.2010
4.
Ich kann den Diskussionsbeitrag des Herrn Schmidt nur unterstützen. Selbst möchte ich noch dazu anmerken, dass der Artikel des Journalisten in sich widersprüchlich ist, da bei gleichen Voraussetzungen und Bemühungen um das Völkerrecht durch die deutsche Regierung hier die Erweiterung auf Polen und Ungarn plötzlich die diplomatische Handlung als Kriegstreiberrei gewertet wird. Der Autor sollte erst Geschichtsunterricht nehmen, bevor sich an solche Artikel wagt. Es ist peinlich, was er hier schreibt und versucht zu begründen!!!! Es sei denn, man möchte der Volksverdummung weiter Tür und Tor öffnen.
Tomas Futaba, 01.10.2016
5. Revisionistische Ansichten
Natürlich melden sich die alten revisionistischen Geister bei diesem Thema sofort zur Stelle! Dass Hitler keine Kriegsabsicht gehabt haben soll, wurde durch den nachfolgenden Geschichtsverlauf aber so etwas von widerlegt, dass es dazu keiner weiteren Erörterungen bedarf.
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