Sudetenkrise 1938 Hitlers unerklärter Krieg

Um jeden Preis wollte Adolf Hitler die Tschechoslowakei zerstören und drohte 1938 mit der Besetzung des Sudetenlands. Zur Destabilisierung schickte er auch SS-Leute über die Grenze - in geheimer Mission.

AP

Von Stefan Dölling


In den frühen Morgenstunden des 26. September 1938 passierte eine Lastwagenkolonne die Grenze zur Tschechoslowakei. In der Nähe des bayerischen Selb zogen einige Lkw Panzerabwehrgeschütze, auf den Ladeflächen der Reichspostfahrzeuge drängten sich Schwerbewaffnete. Alle Abzeichen auf ihren feldgrauen Uniformen hatten die jungen Männer entfernt.

Niemand stellt sich diesem Einfall entgegen. Die tschechoslowakischen Zöllner, Gendarmen und Soldaten hatten sich schon Tage zuvor aus dem sogenannten Ascher Zipfel zurückgezogen. In diesem Landstrich herrschte Bürgerkrieg: Sudetendeutsche Separatisten hatten die Macht übernommen.

Begonnen hatte der Konflikt im Nachbarstaat des Deutschen Reiches am 12. September 1938 - unmittelbar nach der Abschlussrede Adolf Hitlers auf dem Nürnberger Parteitag der NSDAP. Der "Führer" hatte darin ultimativ ein Ende der angeblichen Unterdrückung der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei verlangt. Mit dem "freien Recht der Selbstbestimmung" forderte der Diktator zusätzlich de facto den Anschluss der deutschen Siedlungsgebiete in der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich. Hitler drohte unverhohlen: "Die Deutschen in der Tschechoslowakei sind weder wehrlos, noch sind sie verlassen. Das möge man zur Kenntnis nehmen."

Im Sudetenland, wo Hitlers Rede per Radio ausgestrahlt worden war, glaubten viele, in diesen Worten das Signal für den "Anschluss" zu erkennen. Seit die NS-Propaganda die Einverleibung Österreichs ins Deutsche Reich zur "Heimkehr" verklärt hatte, versuchten die Sudetendeutschen, das Grenzgebiet gewaltsam zu übernehmen.

"Freiheitskämpfer" im Guerillakrieg

Das Ende der Tschechoslowakei war für Hitler und Konrad Henlein, Anführer der Sudetendeutschen Partei, beschlossene Sache. Bereits im Mai 1938 hatte der deutsche Diktator dem nationalsozialistischen Führungszirkel seinen "unabänderlichen Entschluss" verkündet, "die Tschechoslowakei in absehbarer Zeit durch eine militärische Aktion zu zerschlagen".

Die Wehrmacht wurde angewiesen, bis zum 1. Oktober 1938 kriegsbereit zu sein. Henlein war seinerseits aus Berlin beauftragt worden, bis dahin die seit Gründung der Tschechoslowakei strittige Minderheitenfrage zu einer handfesten Krise eskalieren zu lassen. Seit der Entstehung der Tschechoslowakei 1918 aus dem zusammenbrechenden Österreich-Ungarn gehörten umfangreiche Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerung zu ihrem Staatsgebiet. Im Oktober 1938 sollte schließlich ein inszenierter "Zwischenfall" einen Vorwand für den Einmarsch der Wehrmacht "zum Schutz der Sudetendeutschen" schaffen.

Fotostrecke

19  Bilder
Sudetenkrise: Attacke auf die Tschechoslowakei

Vom Aufstand der Sudetendeutschen am 12. September 1938 wurde Hitler allerdings völlig überrascht. Ebenso die Spitze der Sudetendeutschen Partei - sie weilte fast vollständig auf dem Parteitag in Nürnberg. Tschechoslowakische Polizisten konnten die Rebellion so nach kurzer Zeit niederschlagen. Zu Tausenden flohen die Aufständischen über die Grenze ins Deutsche Reich. Für Hitler eine Katastrophe: Sämtliche Planungen waren hinfällig.

Um die Tschechoslowakei trotzdem zu schwächen, griff Hitler einen Vorschlag Henleins auf und genehmigte am 17. September die Gründung eines "Sudetendeutschen Freikorps" aus geflüchteten Aufständischen. Als "Freiheitskämpfer" sollten die Männer in den kommenden Tagen und Wochen durch eine Art Kleinkrieg Unruhe ins Grenzgebiet tragen. Mehr als 40.000 Freiwillige meldeten sich unter der Parole "Wir wollen heim ins Reich" freiwillig für die Kampftruppe. Bewaffnet wurde sie von der Wehrmacht.

Ungehorsame SA-Leute

Um jeden Preis musste die Beteiligung der Wehrmacht allerdings verschleiert werden. Ansonsten wären möglicherweise die tschechoslowakischen Verbündeten Frankreich und Großbritannien eingeschritten. So erhielten die sudetendeutschen Freikorpskämpfer zunächst vor allem alte österreichische Waffen, die auch die tschechoslowakische Armee verwendete.

Die Organisation der Freikorpslager wurde dagegen der SA übertragen. Die "Sturmabteilung" pflegte seit langer Zeit enge Kontakte zu sudetendeutschen Nationalsozialisten im Nachbarland. Vor allem aber war die SA kein Teil der deutschen Streitkräfte, ein gewisses Maß an "glaubhafter Abstreitbarkeit" schien so gegeben.

Allerdings erwiesen sich die Braunhemden der SA als ebenso unkontrollierbar wie die sudetendeutschen Aufständischen. Obgleich die SA-Leute die Grenze unter keinen Umständen übertreten sollten, beteiligten sie sich gegen Hitlers ausdrückliche Befehle an Überfällen des Sudetendeutschen Freikorps in der Tschechoslowakei. Mindestens 110 tschechoslowakische Soldaten und Gendarmen starben bei derartigen "Aktionen", einige dieser Männer wurden von reichsdeutschen SA-Leuten umgebracht.

Die tschechoslowakische Regierung stand unter dem Druck dieses unerklärten Krieges im Grenzgebiet und der offensichtlichen Kriegsunwilligkeit seiner Verbündeten Frankreich und Großbritannien. Sie stimmte am 21. September 1938 schließlich der Abtretung der mehrheitlich deutsch besiedelten Gebiete an Deutschland zu.

Doch Hitler wollte mehr. Als er unter anderem einen augenblicklichen Einmarsch der Wehrmacht in das Nachbarland forderte, machte die tschechoslowakische Armee mobil.

Die Lügen von Hitler

In dieser angespannten Situation besetzten die sudetendeutschen "Freiheitskämpfer" eigenmächtig unter anderem den Ascher Zipfel und riefen den "Freistaat Asch" aus. Um die Kontrolle im Aufstandsgebiet zurückzuerlangen, setzte Hitler deshalb die Lastwagenkolonne mit Schwerbewaffneten in Marsch, die am 26. September 1938 bei Selb die tschechoslowakische Grenze überschritt. Bei den Männern handelte es sich um Angehörige des I. und II. Sturmbanns der SS-Totenkopfstandarte "Oberbayern". Auf Hitlers Befehl "schützten" die SS-Leute den "Freistaat Asch" und lieferten sich heftige Kämpfe mit der tschechoslowakischen Armee. Wie die SA waren auch die SS-Leute kein Bestandteil der Wehrmacht und eigneten sich damit ebenso für Hitlers unerklärten Krieg.

Ein Krieg, den die Tschechoslowakei am Verhandlungstisch verlieren sollte. In München einigte sich Hitler am 30. September 1938 mit dem britischen Premierminister Neville Chamberlain und dem französischen Regierungschef Édouard Daladier. Ebenfalls zugegen war der italienische Diktator Benito Mussolini. Fernbleiben mussten indes Vertreter der Tschechoslowakei, als über ihr Staatsgebiet gefeilscht wurde. Im "Münchner Abkommen" verständigten sich die vier Großmächte schließlich auf die Abtrennung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich.

Ohnmächtig musste die Tschechoslowakei diesen Gebietsverlust hinnehmen. Als eine Art Entschädigung wollten Frankreich und Großbritannien fortan die Existenz des tschechoslowakischen Staates garantieren. Noch immer hielten sie an ihrer Politik des "Appeasement" fest, der Beschwichtigung und des Entgegenkommens - und an ihrer Illusion, dass Hitler ein vertrauenswürdiger Staatsmann sei.

Das war er nicht. Am 15. März 1939 marschierten deutsche Truppen in Prag ein. Ein halbes Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jürgen Schwarz, 01.10.2016
1. Interessante Details
Diese "Details" wurden bei meinem Geschichtsunterricht unterschlagen. Vielleicht zu Zeiten des Kalten Krieges als nicht relevant eingestuft... aus heutiger Sicht wieder hochaktuell - man hat das Gefühl, Geschichtsmuster wiederholen sich immer wieder.
Thomas Arlt, 01.10.2016
2. stimmt nicht
wieder einmal ein Bericht ohne Bezug auf Vollständigkeit! Die deutschsprachige Bevölkerung wurde im Sudetenland, von Anfang an (1918), schlecht behandelt. Wie immer fehlt dieser Fakt aber so wird das deutschen Bashing, wie immer, einfacher.
Michael Schnickers, 01.10.2016
3. Die Chance, einen Diktator zu stoppen...
...verschenkt. In der verzeifelten und trügerischen Hoffnung auf die Verhinderung eines Krieges wurde ein ganzes Land geopfert. Ohne seine gut ausgebauten Grenzbefestigungen, die praktisch alle in deutsche Hände fielen, war eine reguläre Verteidigung später unmöglich, die tschechischen Industriewerke arbeiteten bis Kriegsende für die deutsche Rüstung. Ich wünsche mir sehr, einige Appeasement-Politiker von heute würden sich dieses unselige Beispiel genau ansehen...
Bart Stomps, 01.10.2016
4. eine gleiche Geschichte
wie wir sie seit 2 Jahren etwas östlicher hören
Stefan Linder, 01.10.2016
5. Bekannt...
Dieses Vorgehen haben wir bei der Annektion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine gesehen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.