ANC-Legende Denis Goldberg "Es ist an der Zeit, den Mund aufzumachen"

Als einziger Weißer wurde Denis Goldberg 1964 in Südafrika mit Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt. Jetzt sorgt sich der 84-Jährige um das Erbe ihres Kampfes - und fordert den Rücktritt von Präsident Zuma.

AP

Eigentlich sollte er feiern. Denis Goldberg blickt von der Veranda seines Hauses hinab aufs Meer. Eine steife Brise ist aufgekommen. Unruhig schaukeln ein paar Schifferboote in Richtung Hafen. In Hout Bay, dem kleinen Vorort von Kapstadt, hält langsam der Winter Einzug. Der alte Mann bewohnt dort oben auf dem Harbour Heights genannten Hügel ein wunderschönes, mit Kunst vollgestelltes Haus - mitten in jenem Viertel, in dem die "Coloureds" zu Zeiten der Apartheid einquartiert wurden und zum großen Teil heute noch leben.

"Meinen 84. Geburtstag hatte ich mir auch anders vorgestellt. Ich sollte heute eigentlich ein zufriedener, alter Mann sein", sagt Denis Goldberg und lächelt immerhin, "stattdessen habe ich die ganze Nacht nicht schlafen können."

Goldberg sorgt sich um sein Land: das Südafrika ohne Rassenschranken, für das er sein Leben lang gekämpft und gelitten hat. "Dieser Traum ist in Gefahr", sagt er und setzt sich an den Küchentisch, auf dem sich Zeitungen und Bücher stapeln. "Was ist nur aus der Regenbogennation geworden?"

Fotostrecke

17  Bilder
ANC-Legende Denis Goldberg: "Es ist an der Zeit, den Mund aufzumachen"

Der alte Mann spricht von Jacob Zuma und seiner Entourage, die den Reichtum des Landes ausbeuten, während die meisten Südafrikaner immer noch in bitterer Armut verharren. Kein Präsident Südafrikas war so schamlos wie der derzeitige. Schon vor seinem Amtsantritt waren 783 Vorwürfe wegen Korruption und Geldwäsche, Betrugs und Steuerhinterziehung gegen Zuma erhoben worden. Hernach ließ er auf seinem Anwesen auf Staatskosten ein Amphitheater und einen Swimmingpool bauen, der dreist zum Löschwasserreservoir erklärt wurde.

Jetzt feuerte der Zulu im Alleingang neun Minister aus dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC), darunter den angesehenen Finanzexperten Pravin Goldhan, und sorgte so im Handstreich dafür, dass die Landeswährung Rand wieder einmal in den Keller rutschte und die Ratingagenturen "Standard & Poor's" und "Fitch" Südafrika auf Ramschniveau herabstuften. Seitdem steht das Land Kopf, ziehen durch die großen Städte Demonstrationszüge, und Geschäfte bleiben wegen Streiks geschlossen.

Auch in Hout Bay flattern Transparente mit der Parole "Zuma must go" oder "Hamba Tsotsi" (Hau ab, du Dieb) an den Häusern. "Vielleicht haben auch wir Alten zu lange geschwiegen", sagt Denis Goldberg, "doch spätestens jetzt ist es an der Zeit, den Mund aufzumachen." Vielleicht hilft es ja. Goldberg ist jemand, dem man zuhört in Südafrika.

Er ist eine Legende des ANC: der einzige Weiße, der 1964 im sogenannten Rivonia-Prozess verurteilt wurde. Neben Goldberg standen damals Nelson Mandela, Walter Sisulu und neun weitere Mitstreiter vor Gericht - allesamt Angehörige des militärischen ANC-Flügels Umkhonto we Sizwe. Die meisten waren im Johannesburg-Vorort Rivonia bei einem konspirativen Treffen hochgenommen worden, nachdem man sie verpfiffen hatte.

Goldberg, Bauingenieur und Spross einer liberalen jüdischen Familie aus Kapstadt, sollte damals die Waffen für den Befreiungskampf basteln, "Dinge wie Landminen oder Bomben". Zum Glück, sagt Goldberg, der damals auch Mitglied der Kommunistischen Partei war, seien sie aber noch in der Vorbereitung gewesen, habe er keinen Sprengkörper jemals fertiggestellt - "sonst hätten sie mich gehängt, so habe ich überlebt".

Am Ende bekamen er und sieben weitere Angeklagte lebenslänglich. Doch während Mandela und die anderen schwarzen Rebellen nach Robben Island kamen, wurde Denis Goldberg im Weißen-Knast in Pretoria eingesperrt - konsequenterweise herrschte auch im Gefängnis Apartheid - und erst nach 22 Jahren entlassen.

Zunächst ging er daraufhin nach Israel ins Exil, später nach London und organisierte von dort den Widerstand gegen die weiße Vorherrschaft am Kap. Nach der Freilassung Nelson Mandelas kehrte Goldberg schließlich nach Südafrika zurück und arbeitete einige Jahre als Berater des damaligen Ministers für Wasser- und Forstwirtschaft, Ronnie Kasrils. 2002 heiratete Goldberg seine zweite Frau, die deutsche Journalistin Edelgard Nkobi, die schon 2006 starb.

"In den ersten Jahren nach dem Ende der Apartheid galten beim ANC noch die Werte, für die wir gestritten hatten", blickt Goldberg zurück, "Demokratie und Gleichheit der Menschen aller Hautfarben." Doch spätestens, seit Zuma 2009 Präsident des Landes geworden sei, sei es damit vorbei: "Zuma macht auch nur Rassenpolitik, er kümmert sich nur um die Schwarzen, ist sogar so arrogant, zu glauben, er käme ohne die Farbigen und Inder aus. Er widersetzt sich der Verfassung."

Jetzt sieht er den Zerfall des ANC kommen, gespalten sei er schon lange. Selbst immer mehr schwarze Arbeiter wendeten sich von der Bewegung ab, die lange Quasi-Staatspartei gewesen ist, und wählten lieber die Democratic Alliance: "Sie haben kein Vertrauen mehr in diese Führung." Und es geht nicht ihm allein so.

"Als ich im letzten Jahr gemeinsam mit Ahmed Kathrada in London war, wo uns eine Auszeichnung für den Kampf gegen die Apartheid verliehen wurde, forderten wir beide eine Erneuerung des ANC", sagt Goldberg. "Auch Comrade Kathrada war tief frustriert über das, was in seinem Heimatland geschah."

Am 28. März starb Kathrada, auch er einer der Angeklagten aus dem Rivonia-Prozess, an den Folgen einer Hirnoperation. Beigesetzt wurde er auf dem Heroes' Acre des Johannesburger Westpark-Friedhofs. Zur Beerdigung kamen auch prominente ANC-Führer wie Ex-Präsident Thabo Mbeki, Vizepräsident Cyril Ramaphosa und sein Vorgänger Kgalema Motlanthe. Nur Jacob Zuma durfte nicht erscheinen. Das hatte, im Sinne des Verstorbenen, Kathradas Frau Barbara Hogan verfügt.

Nun leben nur noch zwei derjenigen, die damals mit Nelson Mandela verhaftet und verurteilt wurden: Andrew Mlangeni und Denis Theodore Goldberg.

"Wir sind die letzten, aber wir werden nicht schweigen", sagt Denis Goldberg, "wir alle haben einen hohen Preis für den Freiheitskampf gezahlt, nun müssen wir dafür kämpfen, dass unser Erbe nicht von einer machtgierigen Clique veruntreut wird."

insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Net Smurf, 28.05.2017
1. Schifferboote?
Oder vielleicht doch eher Fischerboote?
Andreas Kurtz, 28.05.2017
2. Sacp
warum war? Soweit ich weiss, ist Denis immer noch Mitglied der South African Communist Party.
Rolf Endres, 28.05.2017
3. Merkwürdiger Artikel
Wenn man sich überlegt, was politisch im Augenblick in SA so läuft, ist der Dennis Goldenberg Fokus etwas merkwürdig... besonders, weil über alles andere nicht im Spiegel berichtet wird. So zB der NEC des ANC, der übers Wochenende tagt, Zuma zum Verhängnis werden könnte, und von jedermann besprochen wird.
Horst Krüger, 29.05.2017
4. Großen
Respekt vor diesen (doch irgendwie) Helden!
Rudolf Hege, 29.05.2017
5. Rassismus ist überall...
Es zeigt mal wieder, dass Rassismus (und Korruption) ein weltweites Phänomen ist. Es gibt hier keine Heiligen, egal welcher Hautfarbe. Letztlich geht es dann nur darum, wer wen unterdrückt. Sind die Weißen oben oder die Schwarzen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.