Suffragetten-Bewegung Bürgerkrieg der Geschlechter

Suffragetten-Bewegung: Bürgerkrieg der Geschlechter Fotos
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Sie wollten wählen - und wurden ausgelacht: Fast achtzig Jahre lang hatten britische Frauen mit friedlichen Mitteln das Wahlrecht gefordert, ohne Erfolg. Anfang des 20. Jahrhunderts radikalisierten sich Teile der Bewegung und zogen in den bewaffneten Kampf. Auch unter Einsatz ihres Lebens. Von

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Als sich die Rennpferde der Tattenham-Kurve näherten, duckte sich die 41-jährige Emily Davison unter der Absperrung durch und rannte auf die Strecke. Bis heute ist unklar, was genau sie dort wollte: eines der Pferde aufhalten? Einfach das Geläuf queren? Oder wirklich das "ultimative Opfer" bringen - ihr Leben geben, um eine politische Botschaft an den Mann zu bringen? Im Augenblick vor dem Aufprall soll sie "Suffrage!" geschrien haben - "Wahlrecht!"

Dann rannte der Hengst Anmer im vollen Lauf in sie hinein. Davisons Schädel brach, der Hengst überschlug sich, Jockey und Frau blieben reglos liegen. Das Pferd gehörte ausgerechnet dem britischen König George V. Der erkundigte sich am Tag nach dem Unglück besorgt nach Jockey und Pferd, beide waren wohlauf. Nach der Frau, die den Unfall verursacht hatte, erkundigte sich der König nicht. Für Davisons Gesinnungsgenossinnen bewies das einmal mehr, wie hartnäckig das Establishment ihr Anliegen ignorierte. Davison starb vier Tage später, am 8. Juni 1913. Auf ihren Grabstein schrieb man "Taten, nicht Worte".

Emily Davison ging als Märtyrerin in die Geschichte der britischen Suffragettenbewegung ein, die über Jahrzehnte für das Wahlrecht für Frauen gestritten hatte. Begonnen hatte alles als Bewegung engagierter, eher bürgerlich-wohlhabender Frauen im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Später war aus dem Engagement Einzelner eine Bewegung geworden, die ihr Recht zunehmend wütend einforderte.

Ein Bürgerkrieg der Geschlechter: Wie hatte es so weit kommen können?

Der Streit ums britische Wahlrecht ist uralt. Seit 1432 durften in England nur Männer mit Grundbesitz und Vermögen wählen - ein Prinzip, das in schrittweise abgeschwächter Form bis 1867 Bestand hatte. Doch Frauen ignorierte man weiterhin, obwohl viele von ihnen seit etwa 1830 die Kampagnen für ein allgemeines Wahlrecht mitgetragen hatten.

Viele Frauen entdeckten in diesen Jahren, dass auch sie politisch etwas bewegen können. Als die britische Regierung 1864 ein bizarres Gesetz zum Schutz vor Geschlechtskrankheiten erließ, das sich ausschließlich gegen Frauen richtete, kam es zu einer bis dahin beispiellosen Protestbewegung. Die Frauen brauchten 21 Jahre, das Gesetz zu kippen - Zeit, in der Organisationen entstanden, von denen manche nach dem Erfolg ein neues Ziel suchten. Sie fanden es in der Forderung nach einem Frauenwahlrecht.

Sogenannte Suffragetten gehörten von nun an zur politischen Landschaft, jedoch ohne viel zu erreichen. Das männliche Establishment amüsierte sich über die lautstarken Forderungen, allein in der Labour-Bewegung fanden die Frauen Rückhalt. Als es für Labour aber um Fragen der Macht ging, knickte die Partei ein. Das sollte Folgen haben.

Bereits als Kind war Emmeline Pankhurst von ihren politisch aktiven Eltern in die Suffragetten-Bewegung eingeführt worden. 1898 gründete sie, inzwischen eine verwitwete mehrfache Mutter, in Manchester die Women's Social and Political Union (WSPU). Anders als andere Suffragetten setzte Pankhurst, unterstützt von ihren Töchtern, nicht nur auf eine rein weibliche Organisation, sondern auch auf völlig neue Methoden: Sie entwickelte Protestformen, die die Suffragettenbewegung in den Folgejahren prägen und sie zur Symbolfigur eines militanten Frauen-Widerstandes machen sollten.

Die WSPU: Der militante Flügel der Suffragetten-Bewegung

Suffragetten der WSPU waren nicht mehr zufrieden damit, mit Plakaten winkend freundlich zu demonstrieren. Sie ließen sich andere Dinge einfallen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. Sie ketteten sich an Zäunen und Gebäuden fest, organisierten Blockaden und unangemeldete Demonstrationen. Sie provozierten, um verhaftet zu werden, und schlachteten das dann öffentlichkeitswirksam aus.

Doch es reichte nicht, um grundsätzlich etwas zu verändern. Ab 1905 setzte eine Radikalisierung ein, und Pankhurst und die WSPU waren bereit, den Wütenden eine politische Heimat zu bieten. Frauen, die damit nicht einverstanden waren, gingen - darunter auch Pankhursts Tochter Sylvia. Doch die WSPU wuchs, die Suffragettenbewegung radikalisierte sich.

Pankhurst und ihre Mitstreiterinnen mobilisierten jetzt bis zu eine halbe Million Frauen in politischen Demonstrationen. Für das männliche Establishment war damit eine Grenze überschritten. Sie sahen in den lange verlachten oder ignorierten Suffragetten eine Bedrohung. Deren politische Nähe zu linken Bewegungen tat ein Übriges.

Mit zunehmender Gewalt versuchten die Behörden nun, die Bewegung einzudämmen: Am 18. November 1910, dem "Black Friday", knüppelte die Londoner Polizei eine Frauendemonstration mit Schlagstöcken nieder, es gab Verletzte. Immer öfter wurden Frauen außerdem von der Polizei verhaftet.

Spielen, um zu töten

Doch auch darauf hatte Pankhurst eine Antwort: Die WSPU-Frauen verweigerten in der Haft das Essen. Die Justiz reagierte mit Zwangsfütterungen per Schlauch durch die Nase - die Öffentlichkeit war schockiert.

Pankhursts Tochter Christabel hatte zu diesem Zeitpunkt die Führung der WSPU übernommen. Sie setzte sich nach Frankreich ab, um von dort die Kampagne zu koordinieren - mit durchschlagendem Erfolg. Im Mai 1912 flanierten rund 150 Frauen getrennt voneinander über eine Einkaufsstraße im Londoner Westend. Auf ein Signal hin zückten sie Hämmer und Steine und zerstörten sämtliche Schaufenster der Straße. Die Polizei inhaftierte 124 Frauen.

Auch Emmeline Pankhurst wurde mehrfach verhaftet und nahm an Hungerstreiks teil. Bilder zeigten anschließend, wie sie zwangsernährt wurde. Einmal entging sie der Tortur, indem sie drohte, sich den Nachttopf über den Kopf zu gießen. In der Öffentlichkeit wuchs die Irritation über Folter von Frauen.

Die Regierung reagierte mit dem Cat and Mouse Act von 1913. Dieses Gesetz zur zeitweiligen Haftentlassung aus gesundheitlichen Gründen war auf perfide Weise clever: Nun ließ man zu, dass die Frauen bis zur Erschöpfung hungerten. Dann entließ man sie, bis sie sich erholten - und verhaftete sie erneut. Die Zermürbungstaktik zielte darauf ab, der Bewegung den Garaus zu machen. Sie zeigte Wirkung, wenn auch eine andere: Jetzt stand die Autorität nicht mehr als Folterer da, sondern als vermeintlich human.

Die Antwort: Mehr Gewalt

Die WSPU antwortete mit mehr Gewalt. Seit 1912 hatten des Öfteren Briefkästen gebrannt. Jetzt berichteten Zeitungen über Suffragetten-Angriffe auf Privathäuser und Museen, wo Kunstwerke zerstört wurden. Häuser von Politikern wurden mit Steinen und Brandsätzen attackiert. Am 19. Februar 1913 explodierte ein Sprengsatz am neugebauten Haus des Schatzkanzlers und späteren Premierministers David Lloyd George. Der galt eigentlich als Sympathisant der Suffragetten-Sache, wurde seit 1905 aber als Verräter gesehen: Als Labour-Funktionär hatte er nicht auf die Durchsetzung des Suffrage gedrängt - und in Amt und Würden wenig dafür getan.

Jetzt brannten bald auch Geschäfte, öffentliche Gebäude und Kirchen. Eine Attacke auf Westminster Abbey scheiterte. In Emily Davisons Selbstmord schien sich eine weitere Eskalationsstufe anzukündigen. Emmeline Pankhurst beschrieb den Konflikt in ihrer wohl berühmtesten Rede "Freiheit oder Tod" im November 1913 nun nicht mehr als Kampf ums Wahlrecht, sondern als "Civil War", als "Bürgerkrieg von Frauen".

Es ist schwer zu sagen, wohin diese scheinbar unaufhaltsame Eskalation noch geführt hätte. Doch im August 1914 erklärte England dem Deutschen Reich den Krieg. Jetzt drohten andere Bomben, und Emmeline Pankhurst reagierte darauf anders als erwartet: Sie mobilisierte die WSPU-Frauen für die Waffenproduktion. Es war das abrupte Ende der militanten Suffragettenbewegung, der Konflikt ums Frauenwahlrecht wurde überdeckt vom Wahnsinn des Weltkriegs.

Der markierte in den meisten involvierten Ländern eine Zäsur, die die alte Ordnung in Frage stellte. Den Frauen in Großbritannien brachte das 1918 endlich das eingeschränkte Wahlrecht - ganz traditionell gebunden an Alter (über 30) und Besitz. Eine echte Gleichberechtigung im Wahlrecht erfolgte erst 1928. Emmeline Pankhurst starb zwei Wochen, bevor das Gesetz ratifiziert wurde.

Zum Weiterlesen:

Frank Patalong: "Der viktorianische Vibrator - Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik". Lübbe, Oktober 2012, 288 Seiten.

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1.
ludger maunz 03.03.2013
David Lloyd George war nicht Labour Funktionär sondern Mitglied der Liberal Party. Als Schatzkanzler und Premierminister legte er die Grundlagen für einen Sozialstaat und erhöhte zu seiner Finanzierung die Steuern,indem er die progressive Besteuerung einführte. Das zur Erinnerung für jene, die meinen liberale Politik sei gleichbedeutend mit Steuersenkungen und Alles dem Markt Überlassen.
2.
Wolfgang Hornfeck 03.03.2013
Sehr interessanter Beitrag. Bezeichnend ist allerdings, wie Akte der Gewalt nachträglich als gut gerechtfertigt werden, weil sie einem höheren Ziel gedient haben. Man verstehe mich nicht falsch, ich halte Gewalt durchaus für ein politisches Machtmittel. Es wird ja durch Autoritäten ständig eingesetzt und bei den Suffragetten sieht man mal wieder, daß es umgekehrt auch geht. Oder glaubt jemand ernsthaft, man käme mit Geduld ans Ziel. Selbst Gandhi war auf seine Art gewalttätig. Weiterentwicklung erreicht man nicht anders.
3.
Daniel Schmidt 03.03.2013
"Emmeline Pankhurst starb zwei Wochen, bevor das Gesetz ratifiziert wurde. " Und sie würde sich in ihrem Grabe umdrehen, wenn sie erfahren würde, wie Frauen wie Fr. Schwarzer und Fr. Wizorek ihre gute Idee in Deutschland umgesetzt haben.
4.
Henk Tenhain 03.03.2013
Es wäre relativ einfach zu sagen >Es ist schwer zu sagen, wohin diese scheinbar >unaufhaltsame Eskalation noch geführt hätte. Doch im >August 1914 erklärte England dem Deutschen Reich den >Krieg. Jetzt drohten andere Bomben, und Emmeline >Pankhurst reagierte darauf anders als erwartet: Sie >mobilisierte die WSPU-Frauen für die Waffenproduktion. Es >war das abrupte Ende der militanten >Suffragettenbewegung, der Konflikt ums Frauenwahlrecht >wurde überdeckt vom Wahnsinn des Weltkriegs. wo diese Eskalation hingeführt hätte, es hätte gar keine gegeben, dafür das Wahlrecht. schon weit vorher Das Problem war nämlich das aggressive Deutschland, das war erstmal wichtiger. England hat anstänigerweise Deutschland den Krieg erklärtnachdem Deutschland ohne Kriegserklärung zuvor ins neutrale Belgien eingefallen ist. England sah zu Beginn gar nicht wie der klare Sieger aus, deshalb hat die Dame auch gesagt, Mädels Schluss jetzt erst wird erst mal das Deutsche Problem beseitigt, den mit denen als Kriegssierger kriegen wir nie das Frauenwahlrecht. Das Verhalten der Dame wirft keinerlei Fragen auf, und ist auch nicht verwunderlich, es ist vollkommen erwartungsgemäss.
5.
Martin Schongauer 05.03.2013
>Das Problem war nämlich das aggressive Deutschland, >das war erstmal wichtiger. >England hat anstänigerweise Deutschland den Krieg >erklärtnachdem Deutschland ohne Kriegserklärung >zuvor ins neutrale Belgien eingefallen ist. >England sah zu Beginn gar nicht wie der klare Sieger aus, >deshalb hat die Dame auch gesagt, Mädels Schluss >jetzt erst wird erst mal das Deutsche Problem beseitigt, >den mit denen als Kriegssierger kriegen wir nie >das Frauenwahlrecht. Deutschland war keineswegs aggressiver als die anderen europäischen Großmächte und trägt auch keine größere Schuld als jene am Ausbruch des 1. Weltkriegs. Ihnen sei Christopher Clarks neues Werk "The sleepwalkers. How Europe went to war in 1914" ans Herz gelegt. Bei all Ihrer Sorge um das Wahlrecht der britischen Weiblichkeit sollten Sie bedenken: Vor 100 Jahren waren 40% aller britischen Männer vom Wahlrecht ausgeschlossen, in Irland sogar 50%. Wahlkreise wurden gezielt neugezeichnet, um bestimmte Parteien zu begünstigen. In vielen Wahlkreisen wurde nur ein Kandidat zugelassen, der so automatisch gewann. Manche Männer hatten im Rahmen eines Zensus- und pluralen Wahlrechts bis zu 7 Stimmen. Die Armee wurde auf demonstrierende Arbeiter, irische Nationalisten oder Suffragetten gehetzt. Der Rechtsstaat war wie überall in der angelsächsischen Welt schwach. Die sozialstaatliche Fürsorge war miserabel. All' das stand im krassen Gegensatz zum zeitgleichen deutschen Kaiserreich, dessen Regierung zwar nur semi-parlamentarisch war, ansonsten jedoch einer modernen Demokratie eigentlich näher kam. Unsere männlichen Vorfahren hatten alle seit 1867/1871 auf gesamtstaatlicher Ebene das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht. Mit dem Völkerrecht nahmen es die Briten während des 1. Weltkriegs auch nicht so ernst, wenn es militärischen Überlegungen zuwiderlief. Zuvorderst ist in diesem Zusammenhang an die die völkerrechtswidrige, aber für den Kriegsfall nichtsdestotrotz von vorneherein geplante Seeblockade Großbritanniens zu denken, die auf die Zivilbevölkerungen der Feinde abzielte und über Jahre hinweg konsequent durchgehalten wurde. Im Ergebnis kam es zu jeweils rund 700.000 Hungertoten unter der Zivilbevölkerung in Deutschland und Österreich-Ungarn und zu einer unbekannten, möglicherweise noch höheren Zahl an "Verlusten" im Osmanischen Reich - allein im Libanon starben 100.000 der damals 450.000 Einwohner. Darüber hinaus griffen die Briten unter Verletzung der Kongo-Akte die deutschen Kolonien in Afrika an. Auch die Neutralität anderer Länder wurde von den Briten nicht notwendigerweise respektiert: Teile Griechenlands wurden von den Alliierten beim Vormarsch auf Gallipoli besetzt. Persien wurde ebenfalls von Briten und Russen trotz expliziter Neutralität besetzt. Im 1. Weltkrieg waren die Alliierten gewiss nicht "anständiger" als die Mittelmächte.
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