Summer of '68 Mit Schwarzenegger durch Schwabing

Der Sommer 1968 war warm und München noch besser als heute. Roger Field kam als Student aus Kalifornien, Arnold Schwarzenegger als aufstrebender Bodybuilder aus der österreichischen Provinz. Der eine genoss das Leben, der andere war auf dem Weg nach oben. Doch für ein paar Monate in München im Sommer '68 waren beide unzertrennlich.

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In dem Semesterferien 1968 besuchte ich meine Mutter in München. Ich studierte Industriedesign in der Nähe von San Francisco; sie hatte an der Isar für einige Monate eine Wohnung gemietet, von einer Bekannten, die für neun Monate nach Kanada gegangen war. Meine Mutter lebte in London, wo ich auch geboren wurde, aber sie war sehr oft in München, weil sie die Stadt so schön fand.

Am 31. Juli wurde ich 23. Eine meiner neuen Münchner Bekanntschaften hatte am Tag zuvor Geburtstag gehabt: Ein brünetter Bodybuilder aus Österreich, der am 30. Juli 1968 seinen 21. Geburtstag gefeiert hatte. Sein Name: Arnold Schwarzenegger. Ein Bekannter von Arnold fragte mich, ob ich Arnie mit seinem Englisch helfen würde, weil er bald nach Amerika auswandern wollte. Arnold war intelligent und sehr nett - und ich durfte dafür umsonst im Fitnessstudio von Rolf Putzinger trainieren.

Arnold arbeitete von 1966 bis zum Herbst 1968 als Trainer in Putzingers Sportstudio im 2. Stock der Schillerstr. 36 in München. Es war ein prima Job für Arnold, da er so auch gleich selber trainieren konnte - besser hätte es für ihn nicht sein können. Er hätte bestimmt nicht den Erfolg gehabt als Bodybuilder, hätte er einen anderen Job machen müssen. So war Arnold schon 1967 "Mr. Universum" geworden. Einmal brachte ich meine 1963er Gibson J-200 Akustikgitarre mit ins Sportstudio. Arnold, der damals 118 Kilo wog, bei einer Größe von 187cm, spielte darauf das Kinderlied "Alle Meine Entchen", lächelnd. Die Gitarre besitze ich heute noch.

U-Turn auf der Leopoldstraße

Wir gingen öfters im Hotel "Diplomat" gegenüber dem Sportstudio essen. Ich erinnere mich, dass Arnold einmal aufstand, als er die Rechnung haben wollte, sich so massiv wie möglich machte - was er ohnehin schon war -, seine Faust auf den Tisch knallte und brüllte: "Kellner!" Es war mir ziemlich peinlich, als der arme Ober kam. Arnie und ich sind häufiger in Restaurants gegangen und haben Englisch geübt, auch zum Hofbräuhaus.

Arnold hatte ein altes hellblau-weisses Auto, einen '58er Ford Taunus. Er fuhr so riskant, dass ich Angst hatte, bei ihm auf dem Beifahrersitz mitzufahren. Einmal wendete er um 180 Grad vor dem entgegenkommenden Verkehr auf die andere Straßenseite, mitten auf der Leopoldstraße. Damals war die Leopoldstraße breiter, da es die Radfahrwege links und rechts nicht gab, auch die erhöhte Spur für den Bus war noch nicht da. Während er mit quietschenden Reifen den U-Turn machte, zeigte er gleichzeitig seinen Bizeps aus dem Fenster und schrie mit seinem Grazer Akzent die Fußgänger an. Ich bin an der nächsten roten Ampel ausgestiegen und hinten in sein Auto geklettert. Ich sagte zu ihm "Ich fahre nie wieder vorne mit Dir!" Ich saß ab da nur noch hinten, wenn ich, immerhin etwa fünf Mal in der Woche, mit Arnold fuhr. Damals gab es keine Dreipunktgurte. Seine Rückenlehne war kaputt, und ich saß immer hinten rechts, weil Arnolds riesiger Oberkörper jedes Mal nach hinten an mir vorbei schoss, wenn er Gas gab.

Immer wieder sagte Arnold zu mir: "Ich werde der größte Schauspieler!", obwohl er damals nichts mit dem Film zu tun hatte. Ich sagte nur: "Richard Burton ist ein Schauspieler!". Auch beim Training sagte Arnold zu mir fast täglich "Ich bin der Grösste!". An der Wand im Sportstudio hing ein riesiges Fotoplakat von Arnold, auf dem er hinten auf einem Motorboot stand. Ich fragte Arnold, wo das Foto gemacht worden ist. "Am Bodensee", sagte er. Ich war immer ein Wasserski-Fan und fragte Arnold, ob er auch Wasserski führe, wegen dem Motorboot. "Ich kann nicht Schwimmen!", sagte Arnold. lächelnd. Ich weiß nicht, ob es ernst gemeint war.

"Schwarze-neger" oder "Schwarzen-egger"?

Arnold erzählte gern, dass er nur einmal in seinem Leben Angst gehabt habe: als ein Freund ihn in einem Starfighter-Düsenjet mitgenommen habe. (Es gab eine Version mit zwei Sitzen). Einmal verriet er mir den Grund für sein enormes Selbstvertrauen: Weil sein Vater Polizeichef von Graz gewesen sei, hätten sich in der Schule die anderen Kinder nie getraut, ihn zu hänseln. Ich bin nicht überzeugt, dass die Kinder ihn wirklich nicht geärgert haben. Soweit ich weiß, war sein Vater auch höchstens Polizeichef in Weiz.

Als wir einmal in seinem Wagen an einer roten Ampel in Schwabing warteten und ich hinten saß, fragte ich Arnold ganz leise und vorsichtig: "Heißt Du eigentlich Schwarzenneger?" Ich wusste damals nicht, wie man seinen Name ausspricht, und dass "Egger" ein Wort ist. Arnold wurde wütend und schrie laut "Schwarzenegger!". Ich höre es wie heute.

Nach dem Training stand Arnold öfters vor der Dusche, und bevor er hineinging schluckte er grinsend eine kleine Tablette, die er auf dem zweiten Finger seines linken Hand gelegt hatte. Ich glaube, dass es Dianabol war, eine anaboles Steroid, das damals leicht zu bekommen und nicht illegal war. Er hat die Einnahme später auch öffentlich zugegeben. Er hat nur ganz wenig genommen, sicher von einem Arzt verschrieben.

Cornflakes mit rohen Eiern

Arnold nahm mich zwei Mal in seinem Auto mit zu seiner Einzimmerwohnung in der Christophstraße 1, im ersten Stock. Ich erinnere mich, dass auf dem Regal elektrische Spielzeugautos zu sehen waren. Arnold wollte, dass ich sein Frühstücksrezept probiere: Cornflakes mit zwei rohen Eiern! Das konnte ich nicht. Ich wollte gelegentlich abends mit Arnold in die Stadt fahren, aber er ging jeden Abend um 22.30 Uhr schlafen.

Einmal allerdings war es umgekehrt: Zwei junge Frauen, die wirklich nicht besonders attraktiv waren, kamen fast täglich in unser Sportstudio. Arnold fragte mich nach einigen Wochen, ob wir nicht alle vier zusammen nach Hause gehen sollten. Aber ich war damals schon mit meiner jetzigen Frau verlobt und wollte nicht. Arnold war beleidigt - es war das Ende unserer Freundschaft.

Kurz darauf gewann Arnold seinen zweiten "Mr. Universum"-Titel und wanderte nach Amerika aus. Heute ist er Gouverneur von Kalifornien - wo ich herkam, als ich ihn in jenem Sommer 1968 in München traf -, und ich lebe in Deutschland.



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