Superman Der allmächtige Pfadfinder

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Zack! Boom! Krach! Der Vater aller Superhelden feiert Doppelgeburtstag - vor 70 Jahren rettete der Tiefflieger in blauen Strumpfhosen im Comic zum ersten Mal die Erde, vor 30 Jahren hob er auch in Hollywood ab. Doch heute hat Superman ein Image-Problem. Benjamin Maack verteidigt den Superstreber - und erzählt die tragische Geschichte seiner Schöpfer. Von

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Superman und ich wurden im selben Jahr geboren - 1978. Das erzählte mir mein Onkel Jürgen lächelnd, als er von der Plastikhülle des "Superman"-Videos aufschaute, die er schwärmerisch betrachtete. Es war Mitte der Achtziger und bei meinem Onkel in der Dachkammer nudelten ständig die tollsten Filme in seinem Videorekorder. Dort sah ich, gerade acht oder neun Jahre alt, "Star Wars", "Der weiße Hai", praktisch alle "James Bond"-Filme, "Rocky", "Indiana Jones" - und eben auch "Superman".

Der erste Teil von 1978 war damals schon ein Meilenstein der Filmgeschichte. Mit 35 Millionen Dollar Budget war "Superman" der teuerste Film, der bis dato gedreht wurde - teurer als "Star Wars" und "Der weiße Hai" zusammen. Und er setzte den Grundstein für alle Superhelden-Filme seither - von grandiosen Umsetzungen wie "Spider-Man" oder "X-Men" bis hin zu grottigen Machwerken wie "Ghost Rider".

Alle Versuche vor "Superman", Comic-Helden auf der Leinwand zum Leben zu erwecken, darunter "Superman - Retter in Not" aus den Fünfzigern oder die erste "Batman"-Serie aus den Sechzigern, erschöpften sich darin, dass überdrehte Hänflinge in albernen Faschingskostümen mit viel "Zack!", "Bumm!" und "Pow!" Bösewichter vermöbelten. "Superman" sollte mehr sein als das. "Superman" sollte die Materie ernst nehmen, er sollte den Mann aus Stahl real werden lassen.

Der Inbegriff von etwas Wunderbarem

Deshalb wurde Superstar Marlon Brando für eine Spitzengage von 3,7 Millionen Dollar, plus prozentualer Gewinnbeteiligung, engagiert. Für diese gigantische Summe leistete das Hollywood-Schwergewicht allerdings nichts als in den ersten zehn Minuten des zweieinhalbstündigen Films, Supermans Vater auf seinem Heimatplaneten Krypton zu spielen. Und sie fanden einen jungen Fernsehschauspieler, der dem Comic-Helden zum verwechseln ähnlich sah: Christopher Reeve. Zudem ließen die Produzenten die erste Version des Drehbuchs vom "Pate"-Autoren Mario Puzo schreiben, der aus den Comics ein 450-Seiten-starkes Drehbuch im Stil einer griechischen Heldensage destillierte. Nachdem der Regisseur Richard Donner das Drehbuch zweimal hatte überarbeiten lassen, blieb davon freilich nicht mehr viel übrig. Der "Omen"-Macher hatte sich dafür entschieden, den Stoff eher wie eine Komödie aufzuziehen.

Ehrlich gesagt, war mir das alles egal, als ich den Film zum ersten Mal sah. Mir war egal wie die Schauspieler hießen, mir waren die Drehbuch-Versionen egal. Ich glaube sogar, ich verstand damals nicht einmal, dass der ungeschickte Brillenträger Clark Kent und der Übermensch mit dem roten Umhang ein und dieselbe Person waren. Aber wie er, die Faust voran, über Metropolis und hoch bis ins All flog oder sich in den heißen Kern der Erde bohrte, um einen Riss zwischen den Kontinentalplatten zu flicken, beeindruckte mich tief. Superman ließ das unmögliche kinderleicht aussehen.

Nachdem ich den Film das erste Mal gesehen hatte, flog ich sogar manchmal selbst in meinen Träumen. Ich glaube das ging vielen so. Superman war für mich der Inbegriff von etwas Wunderbarem.


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Eierköpfe und Tagträumer

Heute, dreißig Jahre nach dem Film und siebzig nach der ersten Ausgabe von "Action Comics" im Juni 1938, dem Comic-Debüt des Helden, scheint Superman für alles und nichts zu stehen. Wissenschaftler, die sich des Stählernen gleich regalreihenweise angenommen haben, und Fans, die sich zu Tausenden in Internet-Foren und auf Comic-Conventions treffen, spekulieren seit Jahrzehnten über die Bedeutung von Superman: Ob seine Entstehung eine Reaktion auf den aufkeimenden Faschismus in Deutschland war oder auf die Weltwirtschaftkrise in den USA. Über sein Verhältnis zu Kryptonit, zu der schönen Lois Lane und zu seinem Alter Ego Clark Kent. Oder darüber, ob Superman möglicherweise Jude ist. Schließlich waren seine Schöpfer Jerry Siegel und Joe Shuster jüdisch.

Als Shuster und Siegel die Ikone der amerikanischen Popkultur schufen, hatten die beiden Teenager aus Cleveland, Ohio garantiert andere Sorgen als Glaubensfragen oder Faschismus. Die beiden waren nämlich ausgemachte Eierköpfe und Tagträumer, Einzelgänger die von ihren Mitschülern auf der Highschool gehänselt und ihren Lehrern mit ratlosem Schulterzucken bedacht wurden. Der selbsternannte Sci-Fi-Autor Siegel und der Hobby-Zeichner Shuster brachten ein in Heimarbeit kopiertes Fan-Magazin namens "Science Fiction" heraus. Shuster illustrierte, Siegel veröffentlichte unter verschiedenen Pseudonymen seine Storys von außerirdischen Invasoren und strahlenden Helden.

Hier findet sich auch die erste "Superman"-Geschichte "The Reign of the Super-Man". Allerdings war der Charakter, der im Januar 1933 in der dritten Ausgabe des Comics auftauchte noch kein Kämpfer für das Gute, sondern ein Schurke, der die Erde mit seinen übermenschlichen geistigen Fähigkeiten unterwerfen wollte. Bis Superman der Held wurde, den wir heute kennen, sollten noch einige Monate vergehen. Und weitere fünf Jahre, bis sich jemand dazu durchrang "Superman" zu veröffentlichen.

Ein amerikanischer Albtraum

Doch auch als Shuster und Siegel endlich den heiß ersehnten Vertrag unterzeichneten, begann für die Erfinder des ersten, echten Superhelden kein Leben in Saus und Braus, sondern ein amerikanischer Albtraum. Denn mit ihrer Unterschrift traten sie alle Rechte an ihrer Schöpfung ab - für läppische 130 Dollar. Und sie machten sich selbst zu Angestellten, die für 20 Dollar pro Seite die Geschichte fortschrieben - bis sie Ende der vierziger Jahre einfach gefeuert wurden. Während Superman durch Zeichentrickfilme, Fernsehserien, Radiosendungen, Merchandise-Produkte, Romane und Millionen von Comics Andere steinreich machte, schlugen sich seine Erfinder mit Kurierjobs und kleineren Aufträgen in der Comic-Branche durch und verarmten.

Unterdessen entwickelte sich Superman vom hilfsbereiten Außerirdischen, der eine Achtelmeile weit springen, so schnell wie ein D-Zug laufen und der Explosion einer Granate widerstehen konnte, zum Mann aus Stahl, der mit Überlichtgeschwindigkeit fliegt und eine Atombomben-Explosion ohne ein einziges Brandloch im Kostüm wegsteckt. Das war der Superman, den ich Mitte der Achtziger in Onkel Jürgens Dachkammer kennenlernte.

Nachbarskatzen und Atomangriffe

Heute weiß ich natürlich, dass Superman, der Held meiner Kindheit, ein schrecklicher Langweiler ist. Nichts ist vorhersehbarer als ein praktisch unverwundbarer Schrank in Strumpfhosen, der immer das Richtige tut und dafür nicht einmal einen überzeugenden Grund parat hat. Nicht so wie Bruce Wayne, der unstillbare Rachegelüste hegt, seit seine Eltern vor seinen Augen ermordet wurden und der deshalb als Batman Gotham City vom Abschaum säubert. Superman ist einfach so auf der Erde gelandet und gibt aus purer Freundlichkeit den allmächtigen Pfadfinder, der ebenso brav die Nachbarskatze vom Baum holt, wie er die USA vor einem Atomschlag bewahrt.

Auch privat gibt Superman nicht viel her. Nicht so wie Peter Parker, der sein Superhelden-Dasein als Spiderman mit seinem Alltag als überforderter Student und unterbezahlter freier Fotograf koordinieren muss. Superman macht völlig entspannt seinen Job als Reporter für den "Daily Planet", rettet nebenbei ständig die Welt und hat immer noch genug Zeit, regelmäßig tagelang in seiner Festung der Einsamkeit am Nordpol rumzuhängen.

Die Muße, die er dort zum Nachdenken hat, nutzt er offensichtlich nicht. Sonst hätte er gelegentlich quälende Leere verspürt oder sich zumindest eine anständige Sorgenfalte zugelegt, weil sein Planet explodiert und er der letzte seiner Art ist - ein Alien in einer Welt voller Menschen. Aber nichtmal das macht Superman besondere Sorgen.

"Keiner träumt davon, superintelligent zu sein"

Jerry Siegel, der Autor von Superman sagte einmal dazu: "Wir haben die intellektuelle Seite Supermans nicht betont. Die Leute träumen nicht davon, superintelligent zu sein." So ist Supermans Charakter ebenso ungebrochen wie die Primärfarben seines Kostüms - rot, blau und gelb.

Aber als ich ein Kind war, hat mir das gereicht. Als ich ein Kind war, verbrachte ich die vollen zweieinhalb Stunden, die der Film dauerte, gebannt vor dem kleinen Röhrenfernseher im Zimmer meines Onkels und wartete darauf, dass Superman wieder flog, seinen Hitzeblick einsetzte, Autos hochstemmte oder mit seinem Atem einen Tankwagen einfror. Als ich ein Kind war, saß ich ganz still da und wartete andächtig auf das nächste Wunder.

Und mal ehrlich: Wer will schon superintelligent, supersmart oder superinteressant sein, wenn er statt dessen fliegen kann?


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