Frühe Surfer in den USA "Ein junger, braun gebrannter Gott"

Schon vor hundert Jahren ritten sie Hawaiis Wellen auf klobigen Planken: Von der Subkultur der ersten Surfer zum Lebensgefühl einer Generation - ein neuer Bildband zeigt die besten Aufnahmen.

Von

Corbis

Die Wellen donnern auf ihn nieder. Was vorn am Strand so sanft und lauwarm die Füße umspült, ist draußen Urgewalt. Jack London treibt auf einer Holzplanke vor Waikiki Beach auf Hawaii, schluckt Wasser, taucht ein in diese Wände aus Grün und schäumendem Weiß. Während London sich bei seinem ersten Surfgang quält, fällt sein Blick auf einen anmutigen Wellenreiter:

"Als ich das Wasser aus meinen Augen schüttelte, nachdem ich aus der Welle aufgetaucht war, und nach vorn schaute, um die nächste zu sehen, die auf mich zukam, da sah ich ihn über sie preschen. Aufrecht auf seinem Brett stehend, sorglos erhoben; ein junger, braun gebrannter Gott."
George Freeth (Mitte), Waikiki, ca. 1907
Jim Heimann Collection/ TASCHEN

George Freeth (Mitte), Waikiki, ca. 1907

"Surfing: The Royal Sport", so überschrieb der Schriftsteller seine Erinnerungen ans Wellenreiten. Mit dem Reisejournalisten Alexander Hume Ford stürzte London sich 1907 in die Wellen von Hawaii - und traf den Einheimischen George Freeth: ein Mann im Einklang mit den Elementen, ein frühes Surfidol auf einem 34 Kilo schweren Holzbrett.

Noch im selben Jahr reiste jener George Freeth auf das amerikanische Festland, Kaliforniens Strände im Visier. Seine Auftritte glichen einer Zirkussensation, schreibt Buchautor Matt Warshaw in "The History of Surfing": Im Sommer und Herbst 1907 surfte Freeth am Redondo Beach in Los Angeles mit seinem riesigen Redwood-Board, von einem Ansager mit Megafon angekündigt als "hawaiianisches Wunder", das "auf dem Wasser gehen" könne. Für den Sonnenstaat an der US-Westküste war es ein Erweckungserlebnis.

Ein halbes Jahrhundert später sangen fünf Strahlemänner in karierten Hemden mehrstimmig von der Liebe zum Strand und zum Brett: "I tell you surfing's mighty wild, it's getting bigger every day, from Hawaii to the shores of Peru. Let's go surfin' now, everybody's learning how, come on and safari with me." Von den ersten Show-Auftritten bis zum Song der Beach Boys war es ein langer Weg.

Mit seinem Besuch 1907 hatte George Freeth Jugendlichen eine entspannte Form der Rebellion beschert. Danach versammelten sich Tausende Kalifornier an den Wochenenden zum Wellenreiten. Doch der Zweite Weltkrieg zwang eine Generation von jungen Männern an die Strände der Normandie statt an die Kaliforniens. Erst ihre Töchter und Söhne konnten wieder unbeschwert das Strandleben genießen.

"Scheinbar über Nacht sollte der kleine Stamm der Surfer die ernüchternde, umstürzlerische Kraft der Popkultur-Maschine Amerikas kennenlernen", schreibt Autor Chris Dixon im neuen Band "Surfing" des Taschen-Verlags, illustriert mit vielen zeitgenössischen Aufnahmen. In der uralten polynesischen Tradition schlummerte das Potenzial einer Jugendbewegung; Freeth exportierte sie von Hawaii aufs Festland, Surf-Koryphäe Duke Kahanamoku später in den Rest der Welt. Doch erst Kino und Radio machten daraus ein Massenphänomen.

Plastik-Boards und Plastik-Pop

1959 löste der Erfolg von "April entdeckt die Männer" (im Original "Gidget") landesweite Euphorie aus. Im Film entdeckte ein junges Mädchen die Liebe zu den Männern - und zum Surfen. Drei Jahre später schrubbte der Surfer Dick Dale auf einer Fender Stratocaster das Riff seines Instrumental-Hits "Misirlou", und 1962 versammelten sich fünf Vorzeigejungs um Brian Wilson als Beach Boys zur "Surfin' Safari". Das Wellenreiten begeisterte jetzt die weiße Mittelschicht - die Kinder der Kriegsgeneration.

Szene aus "Love & Mercy": Kinofilm über Beach Boy Brian Wilson (2015)
ddp images/Capital Pictures

Szene aus "Love & Mercy": Kinofilm über Beach Boy Brian Wilson (2015)

Bei der rasanten Verbreitung halfen Fortschritte in der Bretterproduktion. Im Krieg hatten britische Spione Methoden zur Plastikherstellung von deutschen Firmen wie IG Farben geklaut. Die USA setzten die neuen Kunststoffe für Kriegsgerät wie Flugzeuge und Boote ein. Dann machten sich Ingenieure an die friedliche Nutzung. Und welcher Zweck konnte friedfertiger sein als das Bändigen der Wellen?

Nach dem Krieg waren die Reserven an leichtem Balsaholz, bis dahin das beste Material, erschöpft. Bald experimentierten Surfbrettbauer wie Hobart "Hobie" Alter und Dave Sweet mit Kunststoffen und formten raketenartige Geschosse. So konnten Surfer besonders auf Hawaii immer höhere Wellen in Angriff nehmen.

Zur "neuen Ära" sagte Hobart Alter später: "Die Schaumstoffbretter hatten keine Grenzen. Wir konnten sie mit geschwungenen Silhouetten oder flugähnlichen Formen bauen. Und, Junge, was für ein Unterschied das war. Nach Balsa war es, als formte man ein Stück Butter." Ein industrieller Boom folgte. Tausende Jugendliche pflügten an den Küsten mit Plastik-Boards über die Wellen - und hörten auf der Heimfahrt im Radio den Plastik-Pop der "Beach Boys".

In der nebligen Bucht brechen die Wellen in Perfektion. Ein lautes Zischen - die beiden Männer, die eben noch elegant übers Wasser glitten, stürzen von ihren Surfboards, ringsum schlagen Granaten ein. "Hört auf, euch zu verstecken", brüllt der Offizier ins Megafon, zieht sich aus und verlangt nach seinem Brett. "Wenn ich sage, es ist sicher, an diesem Strand zu surfen, dann ist es sicher, hier zu surfen!"

Charlie surft nicht

Mit seinem Vietnamfilm "Apocalypse Now" steuerte Regisseur Francis Ford Coppola 1979 direkt in die Kriegshölle. In einer der bekanntesten Szenen greift ein US-Verband eine Vietcong-Stellung an - und Lieutenant Colonel Bill Kilgore befiehlt den Soldaten, ins Wasser zu steigen. Er lässt sogar eine Napalm-Attacke fliegen, damit gegnerische Scharfschützen ihnen nicht gefährlich werden können.

Seine Monologe vom "Geruch von Napalm am Morgen" unterstreicht Kilgore mit einem ruppigen "Charlie don't surf" (so nannten US-Militärs die Vietcong); mit irrem Blick treibt er seine Männer in die Brandung - die dunkle Seite des Surfens. Kilgore aus dem Coppola-Film steht auch für die Radikalsurfer der Sechzigerjahre: Keine Monsterwelle kann sie schrecken, sie suchen die Gefahr, wollen immer höher hinaus, ohne Rücksicht auf das eigene Leben.

Kilgore war die Antithese zu den frühen Beach Boys. Hier der manische Extremsportler, der sein Strandrevier verteidigt (und sei es mit Brandbomben). Dort der sorgenfreie Sonnyboy, der Gute-Laune-Bub mit struppig-blondem Haar.

Ein Merkur auf schäumenden Wogen

Bis heute tauchen solche Charaktere immer wieder auf: in Trashfilmen wie "Surf-Nazis must die". Im Surf-Rock, den der Soundtrack zu Tarantinos Film "Pulp Fiction" in den Neunzigerjahren wiederbelebte. Oder als "Silver Surfer", der im Marvel-Comic auf einem Metallbrett durch den Kosmos saust. Die Mythengestalt des über alles erhabenen Surfers - Jack London begegnete ihr 1907 auf Hawaii zuerst:

"Wo einen Moment zuvor nur grenzenlose Verlassenheit und unerschütterliches Gebrüll war, ist nun ein Mensch, aufrecht, in voller Statur, der nicht verzweifelt kämpft in dem reißenden Strom, der nicht begraben und zerstampft und umhergeschleudert wird von diesen mächtigen Monstern, sondern der über ihnen allen steht; ruhig und erhaben schwebt er über dem taumelnden Gipfel, während seine Füße von der strudelnden Gischt umschlossen sind, Salzdampf an seinen Knien emporkriecht, und alles Übrige von ihm in freier Luft und blitzendem Sonnenlicht ist, und er fliegt durch die Luft, fliegt vorwärts, fliegt ebenso schnell wie die Woge unter ihm. Er ist ein Merkur."
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Zum Autor
  • Christian Neeb (Jahrgang 1983) schrieb für das Fachmagazin "GEE" über Videospielkultur und verfilmte sie bei "Reload" für den SWR. Auf einestages erinnert er an Wichtiges oder Erstaunliches von gestern.


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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Gerd Kunkel, 28.01.2016
1. Bild 1
ist eine Montage. Schreibt es wenigstens dazu.
T a Rashid, 28.01.2016
2. Herr Neeb
Polynesier also die Hawaianer haben das Surfen erfunden, und das schon vor mehreren Jahrhunderten! Netter Bericht, aber bitte die nicht immer wieder vergessen die Kultur anderer einfach zu uebergehen, oder einfach einzuverleiben.
Angela Jung, 28.01.2016
3. Surfing USA
Tom Wolfes " Pump House Gang" ist die Geschichte der kalifornischen Surfer, die in die Literatur als "New Journalism" eingegangen ist. Sie findet in San Diego am Strand von Windandsea statt.Durchaus auch heute noch lesenswert
Max Super-Powers, 29.01.2016
4.
Vielleicht noch erwähnenswert: Kilgore trägt in all seinen Szenen ein olivgrünes T-Shirt. Army look möchte man meinen. Vorn aber auf dem Schriftzug steht "Yater" -ein Surfausrüster. Achso: Die Beach Boys sind sicher kein Plastik Pop. Da stammt nix aus der Konserve.
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