NS-Täterkinder "Er hatte auch eine verbrecherische Seite"

Hans-Jürgen Brennecke war acht Jahre alt, als sich sein Vater das Leben nahm, als humorvoll und fürsorglich hatte er ihn in Erinnerung. Erst vor zwölf Jahren fand Brennecke im Nachlass seiner Mutter Briefe, die eine andere Seite seines Vaters offenbarten.

Von seinem Vater blieben Hans-Jürgen Brennecke nur wenige Fotos erhalten: Dieses zeigt ihn 1941 zusammen mit Hans-Jürgens damals vierjähriger Schwester im Hamburger Eichtalpark.
DER SPIEGEL

Von seinem Vater blieben Hans-Jürgen Brennecke nur wenige Fotos erhalten: Dieses zeigt ihn 1941 zusammen mit Hans-Jürgens damals vierjähriger Schwester im Hamburger Eichtalpark.


Zum Autor
Hans-Jürgen Brennecke, geboren 1944 in Uelzen, Niedersachsen, verbrachte seine Kindheit mit einer sieben Jahre älteren Schwester im zerbombten Hamburg. Später lebte Brennecke etliche Jahre in Lüneburg, Stuttgart und im Ausland. 2004 kehrte der gelernte Sozialarbeiter zurück. Seitdem engagiert er sich intensiv für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Lüneburgs.
Dass mein Vater nicht der harmlose Polizist war, für den ich ihn mein Leben lang hielt, erfuhr ich erst aus seinen Briefen. Als meine Mutter im Jahr 2002 starb, hinterließ sie mir eine alte Holzkiste. Darin hatte sie - vom ersten bis zum letzten - alle Briefe ihres Mannes an sie aufbewahrt, der Großteil stammt aus den Kriegsjahren.

Naja, Liebesbriefe, dachte ich. Die könnten mich höchstens literarisch interessieren. Doch ich täuschte mich. Mein Vater, Hans Brennecke, mit dieser Information war ich aufgewachsen, verkehrte seit seiner Jugend gern in "vaterländischen Vereinen" und arbeitete im Zweiten Weltkrieg als Polizist beim Luftschutz in Hamburg. Eine normale Arbeit in Kriegszeiten eben, harmlos und patriotisch, wie ich annahm. Doch die Briefe an meine Mutter erzählten eine andere Geschichte. Ich erfuhr Details über seine Aufgaben bei der Ordnungspolizei und über seine politische Einstellung - Dinge, mit denen ich nicht mehr gerechnet hatte. Ich begann, seine Vergangenheit ausführlich zu recherchieren.

Ich forderte die Entnazifierungsakte meines Vaters an und las daraus seine genauen Funktionen und Einsatzorte: in Hamburg Wachtmeister beim Kommando der Schutzpolizei, Gruppenreserve ("Überfallkommando") und Revierdienst. Oberwachtmeister im 101. Polizei-Reserve-Bataillon, Anwärterlehrgang beim 104., Zugführer im 103., später Luftschutz-Offizier und Oberleutnant der Schutzpolizei, eingesetzt in Hamburg, Emden, Lüneburg, Stade, Lübeck, Neumünster. Weiteres Archivgut über ihn und Fachbücher ergänzten das Bild.

Er wusste genau, was dort geschah, und bejahte es

Die Ordnungspolizei, so ergab meine Recherche, hatte im Zweiten Weltkrieg an Kriegseinsätzen teilgenommen. Beim Angriff auf Polen führte sie Exekutionen polnischer Bürger durch, war an der Abschiebung und Vernichtung von Juden in Polen, im Baltikum und in Weißrussland beteiligt. In Deutschland half sie bei den Deportationen. Auf einer Gedenktafel am Hamburger Hauptbahnhof steht heute: "Vom nahen ehemaligen Hannoverschen Bahnhof wurden ab Oktober 1941 bis Februar 1945, vom nationalsozialistischen Staat befohlen, durch Staats- und Schutzpolizei ausgeführt, von der Deutschen Reichsbahn befördert, fast sechstausend Menschen in siebzehn Transporten deportiert nach: Lodz, Minsk, Riga, Auschwitz, Theresienstadt..."

Das Polizeibataillon 101 ist besonders berüchtigt, weil am besten durch Nachkriegsprozesse dokumentiert. Es beteiligte sich aktiv am Holocaust, deportierte Zehntausende Juden, nahm an Massenerschießungen teil. Auch die Bataillone 103 und 104 wurden zum Morden nach Polen abkommandiert.

Zwar ist laut Akten und Briefen mein Vater wohl nicht im Osten gewesen, doch er wusste genau, was dort geschah, und bejahte es. Am 25. März 1941 schreibt er an meine Mutter: "Siegmann kommt aus Polen zurück mit seinem Batl. (...) Frau Siegmann ist wieder da."

Da bekomme ich noch heute Gänsehaut.

Sehr konkret wird er in den Schilderungen über seine Arbeit nicht - das war ihm auch verboten -, und doch erhalte ich ein ungefähres Bild von seinen Tätigkeiten und seinem Charakter. Er schreibt von "Vernehmungen", die er durchführt, von "Überfallkommandos", davon, dass er Schießübungen auch am Maschinengewehr macht.

"Zwei Pistolenschüsse linke Brust"

25. Oktober 1942: "Dr. Dröse, der gerade von der Ostfront kam, erzählt vieles, was man in Zeitungen natürlich nicht liest, und Rudolf Baumgarten hatte auch so manches 'auf Lager'."

Er las das "Hamburger Tageblatt", NSDAP- und SA-Zeitschriften; laut eigener Auskunft in der Akte hatte er Zugang zu den Geheimerlassen.

Ich muss davon ausgehen, dass er Juden und andere Verfolgte aus ihren Wohnungen abholte, politische Gegner drangsalierte, KZ-Insassen, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter bei Blohm+Voss und beim Aufräumen nach Bombenangriffen beaufsichtigte etc. "Zwei Pistolenschüsse linke Brust", steht in seiner Akte: Er muss also auch an Vorgängen mit Waffengewalt beteiligt gewesen sein.

25. Mai 1941: "Den 4. Tag im Batl. 101 gut überstanden; es ist ein Leben, wie ich es mir als Schüler früher immer gewünscht habe, zackig und würzig."

Mein Vater war aktiver Teil des nationalsozialistischen Systems, und zwar bewusst und bejahend. Seine Aufgaben erfüllte er mit Begeisterung. Er verfolgte seit seiner Jugend bis zum letzten Tag seines Lebens eine klare nationalistische und militaristische Linie. Sein Berufswunsch nach dem Abitur: "Offizier in der Reichswehr". Mit 17 Jahren Mitglied im "Stahlhelm - Bund der Frontsoldaten" (später SA), mit 19 im Deutschnationalen Handlungsgehilfen Verband (auch eine reaktionäre, antidemokratische Vereinigung). Ausbildung zum Infanteriedienst in der SA-Sportschule, Hochzeit in SA-Uniform, 1938 SA-Oberscharführer.

Wo hat er die Werte seiner humanistischen Bildung gelassen?

Ich habe meinen Vater acht Jahre lang erlebt, bis er sich 1953 das Leben nahm. In Erinnerung habe ich einen humorvollen, fürsorglichen, "normalen" Vater. Der zwar sehr streng war und hart geschlagen hat, wie das in dieser Zeit üblich war, den ich aber trotzdem liebte.

Jetzt muss ich akzeptieren, dass er auch eine verbrecherische Seite hatte, die er als Pflichterfüllung im Dienst des Nazi-Regimes und des "Führers" ausgeben konnte. Die perverse Einstellung "Morden um des scheinbar Guten willen" hat er vertreten. Mein Vater war sehr korrekt, fast zwanghaft genau. Eigenschaften, die man für eine Karriere in Nazi-Deutschland brauchte. Man kann pünktlich, zuverlässig, pflichtbewusst und all dies sein - und dabei morden. Diese Sekundär-Tugenden eignen sich für jeden Zweck. Wo hat er dabei die Werte seiner humanistischen Bildung gelassen? In seinem letzten Brief aus dem Krieg vom 27. April 1945 schreibt er an meine Mutter: "Wir sind unschuldig an dem Ganzen."

Heute leide ich darunter, dass er sein Leben mit hundertprozentigem Einsatz für das absolut Böse vergeudet hat. Und ich übernehme dafür eine Verantwortung im Wortsinn: Meine Antwort ist, dass ich mich für Aufklärung, Aufarbeitung, Erinnerung der Naziverbrechen einsetze.

Nach Kriegsende hat mein Vater noch sieben Jahre gearbeitet - als Detektiv für die Engländer. Schließlich wurde er arbeitslos, außerdem war er gesundheitlich angeschlagen. Doch vor allem konnte er sich in dieser neuen Welt wohl nicht einrichten. Mein Vater war seit seiner Jugend ein korrekter, ehrlich überzeugter Nationalsozialist, es muss ihm unmöglich gewesen sein, in einer Welt zu leben, die das Gegenteil wollte. In seinem letzten Brief, kurz vor seinem Freitod mit 48 Jahren, schreibt er an seine Mutter: "Der nationale Mann ist noch nicht wieder gefragt."

Aufgezeichnet von Friederike Schröter.

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Forum - Nazi-Eltern – wie umgehen mit der Vergangenheit?
insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
troy_mcclure 16.04.2014
1.
Zitat von sysopDie Vergangenheit der Eltern bereitet Kindern manchmal verstörende Überraschungen. Oft wurden NS-Aktivitäten und ähnliche Verstrickungen den Nachkommen verschwiegen, Verbrechen verschleiert. Entsprechende Entdeckungen erschüttern das Elternbild dieser Kinder. Wie umgehen mit der Vergangenheit?
Wie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
rennflosse 16.04.2014
2. Wortgewalt
Zitat von sysopDie Vergangenheit der Eltern bereitet Kindern manchmal verstörende Überraschungen. Oft wurden NS-Aktivitäten und ähnliche Verstrickungen den Nachkommen verschwiegen, Verbrechen verschleiert. Entsprechende Entdeckungen erschüttern das Elternbild dieser Kinder. Wie umgehen mit der Vergangenheit?
Wenn ich das Wort "Täterkind" lese, dann dreht sich mir der Magen um. Das klingt schon sehr deutlich nach Sippenhaft. Oder wenn Herr Schnibben schreibt, er sei von "Bastarden" großgezogen worden, dann ist das genau die Sprache derjenigen, die zu bekämpfen er vorgibt. Ob man das nun ruhen läßt oder nicht: Man geht mit Nazi-Eltern (sofern die überhaupt noch leben) so um wie mit Stasi-Eltern, mit Mafia-Eltern, mit NSA-Eltern, mit CIA-Eltern, mit Securitate-Eltern, mit Angehörigen, die ein Verbrechen begangen haben.
stestra 17.04.2014
3. Geschichte
Der Beitrag ist sehr aufschlußreich und für die Tochter, oder auch der Kinder der Kriegseltern, aufgenöffnend welche Rolle die Eltern in der Zeit gespielt haben. Selbst bin ich 1963 geboren und habe nun am eigenen Leibe erfahren wenn ein Land aufhört zu existieren. Dabei ging es zwar nicht um Mord und Todschlag aber dennoch um den Umgang mit der Geschichte. Es ist doch sehr komisch wer alles über einen anderen urteilt oder sich anmaßt über die Geschichte des anderen zu urteilen. Die Geschichte Deutschland sollte doch endlich beidseitig und teifgründig, gleichberechtigt aufgearbeitet werden. Aber das ist genau so wenig gewollt wie die ewige Verdammung ein "Tätervolk" zu sein. Ich selbst kann mich damit nicht mehr identifizieren. Trage aber Trauer aller der die sinnlos in den Kriegen umgebracht und gestorben sind.
hamock 17.04.2014
4. endlich
Zitat von troy_mcclureWie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
Dieses Thema ruht seit 70 Jahren. Die Tätergeneration stirbt langsam aus, verschwindet und dadurch ist es endlich möglich, dass darüber gesprochen wird. Wird Zeit!
Werner655 17.04.2014
5. Gute Frage
Zitat von troy_mcclureWie wäre es jetzt (knapp 70 Jahre nach Kriegsende) mit ruhen lassen? Davon abgesehen: letztendlich kann diese Frage doch nur jeder für sich alleine beantworten.
Ruhen lassen? Nein lieber Forist, das wäre nicht im Sinne der Medien. Ganz im Gegenteil: Via Print, Online und TV nimmt das Ausmaß der immer wieder kehrenden "Berichterstattung massiv zu. Warum auch immer, oder haben Sie dafür eine Erklärung?
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