Tag der Glatze Prächtige Platten

Etliche haarlose Filmstars beweisen: Showkarriere geht auch mit Glatze. Eine Verneigung vor den berühmtesten "Oben ohne"-Schauspielern - zum Ehrentag der Kahlköpfigen am 14. Oktober.

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Wie Fans bei einem Rockkonzert quetschen sich die Männer nach vorn, Hunderte Herren, alle im gesetzten Alter. Sicherheitspersonal muss die Masse im Zaum halten. Die hohe Halle ist gut aufgeheizt an diesem bewölkten Wintertag, die Drängler schwitzen in ihren Mänteln und unter ihren Hüten.

Verantwortlich für diesen Tumult war die Berliner Filmproduktionsfirma Central Cinema Company (CCC). Per Zeitungsanzeigen lud sie zu einem Statisten-Casting am 18. Februar 1950 ein. Für ihre neue Komödie brauchte sie eine Schar kahlköpfiger Komparsen. "Einwandfrei", so die einzige Anforderung an die Laien-Schauspieler, mussten die Glatzen sein - im Klartext: Kein einziges Härchen durfte mehr auf dem Haupt sprießen.

Der prächtigste Platten-Träger erhalte nicht nur eine Rolle, sondern auch eine Prämie von 1000 Mark, vermeldete das "Hamburger Abendblatt". Wovon der Film aber genau handeln sollte, war nur wenigen Eingeweihten bekannt. In dem Inserat stand lediglich, es gehe in dem Lustspiel um einen erfinderischen Wunderfriseur.

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Filmkarriere trotz Kahlkopf: Alles glatt gelaufen

Ob es das hohe Preisgeld war, die Hoffnung auf eine kleine Filmrolle oder die Freude, dass ihr kahler Schädel mal Ruhm statt Spott einbringen sollte: Jedenfalls folgten sage und schreibe rund 400 Haarlose dem Aufruf und kamen in die abgelegenen Ateliers der Filmfirma in Berlin-Spandau. Die Adresse war in keinem Stadtplan verzeichnet, nur ein Schild, das an einen Baum genagelt war, wies die Richtung. Mit der Gewissheit, dass dieses Casting ein Bild zum Schmunzeln abgeben werde, hatte die CCC ebenso zahlreiche Pressevertreter zum PR-Event eingeladen.

Statt einfach nur die Kamera auf die Glatzköpfe zu richten, zeigte der Kulturfotograf und ehemalige Kriegsberichterstatter Karl Arthur Petraschk die Statisten-Anwärter zunächst mit Hüten. Erst auf einer zweiten Aufnahme präsentierten sie ihre nackten Häupter. Doch ein Mann zeigte sich auf beiden Fotos "oben ohne". Die Buße für den vollbärtigen "Photobomber": Er flog in der ersten Runde des Wettbewerbs raus. Denn an seinen Schläfen wuchsen noch Haarbüschel.

Glatzentätscheln mit Promis

In der Jury des Schönheitswettbewerbs saßen die weiblichen Stars der Klamotte. Schauspielerin Sonja Ziemann, der im selben Jahr mit "Schwarzwaldmädel" der Durchbruch gelang, tätschelte und streichelte die Glatzen, die wie polierte Bowlingkugeln glänzten. Olga Tschechowa, damals als "Grande Dame des deutschen Films" gefeiert, prostete den Herren mit Champagner zu. Letztlich durften 250 Kahlköpfige in der Posse (Arbeitstitel: "Paradies der Glatzköpfe") mitspielen. Unter dem Namen "Maharadscha wider Willen" feierte der Streifen am 1. Juni 1950 Premiere.

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Lustspiel von Artur Brauner: "Maharadscha wider Willen"

Den werbewirksamen Rummel hatte die Central Cinema Company nicht für irgendeinen Film gemacht: Es war der erste, der in den neuen Studios der Firma gedreht wurde. 1946 hatte der 28-jährige Produzent Artur "Atze" Brauner die CCC gegründet. Drei Jahre später kaufte er die leerstehenden, verwitterten Schuppen einer ehemaligen Versuchsanstalt für Giftgas im Spandauer Ortsteil Haselhorst. Das 35.000- Quadratmeter-Gelände eignete sich perfekt für seine Pläne, befand der damals jüngste Filmproduzent der Republik: "Leere Fabrik, Wasser, Gleisanschluss, Wald! Da kann man alles machen!"

Zu jener Zeit war Brauner - der heute als Filmproduzentenlegende gilt - so gut wie pleite. 1948 hatte er das teils autobiografische Drama "Morituri" gedreht, das die Geschichte von KZ-Flüchtlingen erzählt. Es floppte gewaltig an den Kinokassen. Brauner, Sohn eines jüdischen Holzhändlers, wollte erinnern. Doch die Deutschen wollten vergessen und unterhalten werden.

Die Erfahrung hatte nun auch Brauner gemacht und zog die Lehre, fortan anspruchsvolle und kommerziell kritische Filme mit seichter Unterhaltungskost finanziell abzusichern. Mit Schnulzen und Schmonzetten wie "Man spielt nicht mit der Liebe" und "Der keusche Lebemann" schaffte es Brauner, sein junges Unternehmen aus den roten Zahlen zu holen. "Es gab damals nur eins. Aufhören oder irgendwie weitermachen", so Brauner. Er machte weiter.

Mekka der Kahlköpfe

In den Folgejahren feierte er Erfolge mit literarischen Verfilmungen von namhaften Schriftstellern wie Edgar Wallace und Karl May. Aus den zertrümmerten Hallen der einstigen Giftgasfabrik wuchs in der Nachkriegszeit eine der modernsten europäischen Filmproduktionsstätten. Mehr als 500 Filme, rund 260 davon in Eigenproduktion, entstanden hier.

Auch "Maharadscha wider Willen" half der CCC aus der Geldnot. Den Zuschauern gefiel die Mischung aus "ein wenig Kabarett, ein wenig Clownerie, viel Klamotte und, als Einlage, ein hübscher Schuss Traum-Revue-Erotik", wie das "Hamburger Abendblatt" 1950 schrieb. Als "leichteste Unterhaltung für den Sommer" lockte das Lustspiel die Amüsierfreudigen zu Tausenden in die Kinos.

Die Casting-Sieger bekamen die Zuschauer in einer Szene zu sehen, in der Hunderte hoffnungsvolle Kahlköpfige in das Film-Dorf Zet pilgern, wo ein Figaro in seinem Salon eine wunderheilsame Tinktur gegen Haarausfall erfunden haben soll. Das bisher so stille Zet wandelte sich "zum Fremdenverkehrs-Wallfahrtsort erster Klasse", schrieb die "Illustrierte Film-Bühne" in ihrem Programm von 1950.

Alle Komparsen kamen an diesem Schauplatz zusammen, das Bild des stürmischen Glatzen-Auflaufs. Brauner sagte 1957 dem SPIEGEL: "Man braucht die rein optische Komik", und die beruht in "Maharadscha wider Willen" auf Ausgefallenem - Haar.

Das US-amerikanische Ehepaar Ruth und Thomas Roy , das mehr als 80 kuriose Feiertage ins Leben rief, machte den 14. Oktober zum Ehrentag aller haarlosen Männern, die weder Perücke noch Toupet tragen: "Dies ist der Tag, an dem sie 'glänzen' und stolz sein können." SPIEGEL ONLINE ehrt prominente Schauspieler, die trotz und auch dank ihrer Kahlköpfe eine steile Karriere hinlegten.



insgesamt 2 Beiträge
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Richard Cubek, 14.10.2018
1.
Wenn man schon eine Fotostrecke macht, kann man schlecht einige aufnehmen, die man in Hollywood auch als Beinahe-Nonames bezeichnen könnte, dafür aber einer der charismatischsten Glatzköpfe der Filmgeschichte, Yul Brynner ("Die glorreichen Sieben"), außen vor lassen.
dieter plötze, 14.10.2018
2. ein ehrentag fuer glatzkoepfe
so was gibts? das wusste ich bisher gar nicht. ich bin geruehrt. endlich werde ich als glatzkopf entsprechend gewuerdigt. als glatzkopf, seit vielen jahren aus ueberzeugung, kann ich gar nicht verstehen, dass manche maenner ihre glatze verschaemt zu verdecken suchen. ich habe mich aus freien stuecken dazu entschlossen und finde es seitdem wunderbar. frueh aufstehen und ohne weiteres gepflegt aussehen, das hat was. eine muetze oder einen hut auf und absetzen ohne den sitz der haare ueberpruefen zu muessen, super. frueher gab es allerdings die huerde, dass glatzen schnell als rechtsextrem verrufen waren. diese zeiten sind gluecklicherweise vorbei. den 14.10. werde ich mir von nun an merken, es ist wie ein zweiter geburtstag.
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