Eichhörnchen Tommy, Crossdresser Der Nagerstar in Frauenkleidern

Ein kleines Grauhörnchen fiel 1944 aus dem Nest - und machte in den USA große Karriere. Zu ihrem Ehrentag am 21. Januar zeigt einestages Eichhörnchen mit sonderbaren Talenten und Obsessionen.

Bettmann Archive/ Getty Images

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Tommy Tucker war noch ein Baby, als er an einem verregneten Morgen im Jahr 1942 auf der Straße landete - nackt, blind und taub. Ein Mädchen auf dem Schulweg nahm ihn mit nach Hause. Sie baute ein Bett aus einem roten Wollhut und päppelte ihn mit der Flasche auf. "Das erste, woran ich mich erinnere, ist warme Milch", heißt es in seiner Biografie von 1947 mit dem Titel "Die wahre Geschichte".

Die 39 Seiten sind in Ich-Form verfasst. Doch Tommy Tucker kann sie weder selbst geschrieben noch erzählt haben: Er ist ein Grauhörnchen.

Zum "Tag des Eichhörnchens", jedes Jahr am 21. Januar und einer von vielen schrägen Feiertagen, ist es an der Zeit, an Tommy zu erinnern. Er war aus dem Nest in einem Walnussbaum gefallen, nicht weit vom Weißen Haus. Als seine junge Retterin aus Washington wegziehen musste, gab sie ihren Schützling in die Obhut von Nachbarin Zaidee Bullis, Frau eines wohlhabenden Zahnarztes. Das Ehepaar hatte keine eigenen Kinder und taufte den Nager Tommy Tucker.

"Ich steckte mich selbst ins Bett und meine Nase in alles", heißt es in der Biografie, die wohl Zaidee Bullis schrieb. To tuck heißt stecken; auf den vollen Namen brachte Bullis vermutlich die Figur eines alten englischen Kinderreims: Little Tommy Tucker.

"Mein buschiger Schwanz schaukelte hin und her"

Seine Pflegemutter schneiderte ihm Garderobe für jeden Zweck: aus geblümter Baumwolle für den Alltag, aus Seidenplissee für feine Anlässe, mit Hut und Mantel für Ausflüge. Es waren aber alles Frauenkleider. Warum nähte Zaidee Bullis ihrem "Tuckee babee" nie Shorts, mit einem Loch am Hintern für seinen mächtigen Wedel? "Meine Beine sind kurz. Sie sind nicht geeignet für Hosen", löste Tommy das Rätsel in seinen Memoiren.

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Tag des Eichhörnchens: Tommy & Friends - Model, Crossdresser, Flexitarier

So wurde Tommy zum Crossdresser. In den Vierzigerjahren kam er für karitative Zwecke zum Einsatz und besuchte etwa Wohltätigkeitsveranstaltungen oder in Rotkreuz-Rockuniform Kinder in Krankenhäusern. Ein Köfferchen mit Kleidern hatte Tommy stets dabei, auch auf Tournee durch die USA, um für den Kauf von Kriegsanleihen zu werben. Das brachte ihm nationalen Ruhm.

Tommy wuchs heran zu einem Prachtexemplar unter den Eichhörnchen - stattliche 36 Zentimeter groß, schön behaart und mit einem Schwanz von stolzen 28 Zentimetern. Mit zwei Jahren wog er 680 Gramm. Nüsse waren seine Leibspeise, aber Tommy liebte ebenso Orangen, Pflaumen, Kartoffeln, Toast, Popcorn und Cracker. Oder auch Weingummi und Bonbons.

Fanpost und Geschenke

Mit einem täglichen Fitnessprogramm sorgte Zaidee Bullis dafür, dass Tommy nicht zu dick wurde: Wie ein Hamster drehte er stundenlang in einem Rad seine Runden, apportierte Bälle wie ein Hund, jagte wie eine Katze einem Softball am Stock nach. Wenn sein Frauchen ihn auf einer Stange wiegte, schaukelte "mein buschiger Schwanz hin und her. Es war wie auf Zweigen zu schwingen", erzählte Tommy. Gingen sie in einem nahen Park spazieren, blieb er an der Leine.

Ist es nicht Tierquälerei, ein Nagetier derart zu vermenschlichen, herumzureichen und mit immer neuen Kleidungsstücken auszustaffieren? Zaidee Bullis war offenbar überzeugt davon, eine gute Eichhörnchen-Mutti zu sein. Und die amerikanische Öffentlichkeit war ganz entzückt vom putzigen Tommy Tucker.

Den Höhepunkt erreichte seine Karriere 1944, als eine Fotoreportage im renommierten US-Magazin "Life" erschien: "Eichhörnchen sind lebhafte und neugierige Tiere, die gern Tricks aufführen, wenn sie ein Publikum haben", hieß es darin. Tommy sei jedoch von zurückhaltender und gutmütiger Natur. Er hielt still, als seine Pflegemutter ihm fürs Shooting Kleider an- und auszog, ihn badete, trocken tupfte und aus der Hand fütterte. "Tommy scheint sich nie zu beschweren, obwohl er manchmal Mrs. Bullis beißt", schrieb "Life".

Wenig später hatte der Tommy Tucker Club, der Kindern achtsamen Umgang mit Tieren lehren wollte, schon 30.000 Mitglieder. Fans schickten Briefe und Geschenke. "Wir hätten dich gern bei uns, sind aber auch froh, dass du nicht dasselbe wie wir durchmachen musst", schrieb etwa James Evans am 18. Oktober 1944 aus England. Der US-Air-Force-Kommandant gehörte zur Fliegereinheit "Lucky Penny" - mit einem Eichhörnchen als Maskottchen.

Tommys letzte Tour

Auch im Radio soll Tommy angeblich zu hören gewesen sein, nach einer Ansprache von Präsident Roosevelt am 19. November 1944 in New York. Den Auftritt des "bekanntesten Eichhörnchens der Welt" belegt aber lediglich eine Meldung der Tageszeitung "Knickerbocker News".

Nach dem Krieg reiste das Ehepaar Bullis in einer Packard-Limousine durch den Grand Canyon. Auf dem Weg in den Südwesten der USA fuhr Tommy in einem eigenen Anhänger mit. Darin wurde er am 25. Juni 1949 tot gefunden. "Herzinfarkt aufgrund seines hohen Alters", notierte ein Parkwächter.

Tommy wurde sechs oder sieben Jahre alt. Zaidee Bullis kleidete ihren Liebling ein letztes Mal ein und ließ ihn ausstopfen. 2012 gingen Kleider, Fanbriefe, Fotos, Zeitungsartikel und die Biografie 2012 in den Besitz des Smithsonian Institute in Washington D.C. über.

Der konservierte Tommy aber fand seinen letzten Platz in einer Anwaltskanzlei in Maryland, dort ist er in einer Plastikbox ausgestellt und trägt ein pinkes Kleid mit Perlenkette. Ob er ein gutes Leben hatte? "Ich bin ein sehr glückliches Eichhörnchen", versicherte Tommy im letzten Kapitel seiner Biografie - beglaubigt mit einem Pfotenabdruck.

Den 21. Januar als "Tag des Eichhörnchens" rief Christy Hargrove, Wildhüterin in den USA, im Jahr 2001 ins Leben. einestages ehrt Eichhörnchen aus aller Welt, die sich einen Namen machten: weil sie Einbrecher verjagten, übers Spielfeld flitzten, unglaublichen Überlebenswillen zeigten - oder Wasserski fahren können. Schauen Sie einmal hier.

insgesamt 2 Beiträge
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Susanne Zenner, 21.01.2019
1. Ein Grauhörnchen
in Krankenschwestertracht mit US- Flagge - missachtet völlig die Würde und die Lebensbedürfnisse eines Tieres. Normalerweise liegt die Lebenserwartung so um die 10 Jahre.
tobias eichler, 23.01.2019
2.
Mich würde interessieren wie sehr das kleine Eichhörnchen unter der unnatürlichen Lebensweise "gelitten" hat. Er hatte ja nie ein Normales Leben und großartig andere Artgenossen um sich rum. Also auch kaum Möglichkeiten zu lernen wie ein normales Eichhörnchen zu leben. Meine Frage ist in Grunde: Wie sehr störte ihn diese Lebensweise, die er nie anders kannte?
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