Liebes Tagebuch "Immer noch kein Weihnachtsfeeling"

O du Fröhliche? Von wegen! In der Vorweihnachtszeit 1992 hatte der 15-jährige Jens wenig zu lachen: Klassenarbeit verhauen, beim Saufen mit den Freunden versagt, und "mit Miezen läuft gar nichts". einestages präsentiert historische Tagebuchaufzeichnungen. In Folge sieben: ein Fest der Liebe - ohne Liebe.


16.12.1992

Jetzt geht es langsam auf Weihnachten zu, bloß bei mir stellt sich noch kein Weihnachtsgefühl ein. Aber Ferien brauche ich ganz dringend. Den ganzen Tag über hänge ich nur schlapp 'rum (Schule) oder schlafe den ganzen Nachmittag. Nicht einmal mehr für Arbeiten zu üben, schaffe ich noch. Gestern Erdkunde, heute Franze, total verhauen, beide! Die Hausaufgaben schaffe ich noch mit Mühe und Not, ich bin total am Ende. Und jetzt schreiben wir auch noch am letzten Schultag 'ne Mathearbeit. Irgendwie ist mir alles nur noch scheißegal.

Am Freitag war ich bei Matze König. Wir haben kaum was getrunken, aber ich bin total abgestürzt. Der Vater hat mich nach Hause gebracht. Ich weiß von gar nichts mehr, nur noch, dass ich morgens im Bett aufgewacht bin und mich an nichts erinnern konnte. Schade, Matze, Denni, Stefan und Co. werden es sich ab jetzt wohl zweimal überlegen, ob ich so schnell wieder mitsaufe. Scheiße!

Hier sind zur Zeit fast alle rechts, hab ich das Gefühl (na ja, halt alle, die wichtig sind). Meine Klasse geht mir auch mittlerweile tierisch auf den Geist. Hoffentlich komme ich bald in die Elfte!

Mit Miezen läuft zur Zeit gar nichts, und das ist auch gut so. So bleibt das auch erst mal.

Wenn ich nicht bald Ferien bekomme, werde ich wahnsinnig. Naja, nur noch vier Tage (ungefähr). Ich habe keine Lust mehr zu gar nichts! Alles scheißegal!

Samstag, 19.12.1992

Immer noch kein Weihnachtsfeeling.

Ich habe keine Ahnung, was ich mit diesem Abend noch anfange. Wäre zu cool, wenn Denni noch anrufen würde, wegen Disco. Ich glaub’s aber nicht. Eigentlich ist heute nämlich auch wieder ein Tag, an dem ich mir nicht die Kante geben darf. Sonst laber ich wieder so viel Scheiße, die ernst gemeint ist. Bekloppt, oder?

An unserer Schule ist wieder 'ne Mieze, die tierisch gut aussieht. Ich musste heute ein paar Mal an sie denken, glaub' aber nicht, dass ich verknallt bin. Außerdem habe ich mir ja geschworen, erstmal 'ne geraume Zeit mich nicht mehr zu verlieben. Und wer weiß, wie jung die wieder ist. Langsam glaube ich, dass ich mich vor Minderwertigkeitskomplexen nicht mehr an Gleichaltrige 'rantraue. Aber andererseits sehen die in meinem Alter entweder scheiße aus oder sind zu beliebt (Warteschlange).

Aber ich glaub echt, dass ich Minderwertigkeitskomplexe hab. Das merkt man besonders dann, wenn ich blau bin. Irgendwie muß ich dann dauernd im Mittelpunkt stehen. Und wenn ich nüchtern bin, verstehe ich es nur ziemlich gut, das zu verstecken. Aber wenn mal jemand was Negatives zu mir sagt, oder einfach nur aus irgendeinem (nichtigen) Grund nicht mit mir spricht, bin ich gleich verletzt, auch wenn ich das nicht offen zeige. Ich glaube, dass Frederik auch nicht unbedeutend schuld daran ist. Ich tu fast alles, um bei ihm gut dazustehen, sogar meine Meinung läßt sich irgendwie von ihm beeinflussen. Ich bin total links, aber wenn er vor mir zum Beispiel seine rechten Witze reißt, lache ich lauthals los. Ich kritisiere sogar dauernd an mir rum und ändere mein Verhalten, um ihm zu gefallen.

Als ich neulich blau war, erzählte ich ihm, Denni habe gesagt (stimmt!), er wäre nur solange nett und freundlich zu mir und hielte mir den Platz frei, wie ich genug zu trinken hätte. Er stritt alles ab und beteuerte, er würde doch auch sonst immer mit mir rumlaufen und voll oft mit mir zusammen sein. Tatsächlich bin ich irgendwie voll stolz, wenn ich mit ihm durch die Schule laufe. Ich glaube, wegen ihm fange ich tatsächlich noch mal an zu rauchen, um bei ihm dabei zu sein, wenn er in der Pause mit Kalle Baumann und Co. hinterm Fahrradständer „erst mal eine durchzieht".

Hoffentlich kommt es nicht so weit. Das krasse Gegenbeispiel dazu sind Matze König und Co., obwohl auch rauchend. Aber die wollen mich seit letztem Wochenende erst mal nicht mehr dabeihaben, glaub ich. Tja, in den Ferien wird’s ja vielleicht noch was. Langsam tut mir meine Hand weh, auch wenn's noch nicht alles war, was es zu schreiben gäbe. Und Schluss!

Sonntag, 20.12.92

Langsam kommt das Christmasfeeling, aber irgendwie anders als sonst. Gerade kam im Radio die Gruppe "Wham!" mit "Very Special Christmas". Cooles Lied, obwohl ich normalerweise eher auf harte Sachen bin (klingt bescheuert, ich weiß!).

Ich bin heute schon wieder leicht stramm, aber auch anders als sonst. Heute habe ich meine Grenzen klar anerkannt und nicht überschritten. Wir waren heute zum "Spaßboßeln" nach Wilmers mit anschließendem Grünkohlessen samt jeder Menge Glühwein und zwei Bier. Mir geht’s aber schon wieder recht "nüchtern", obwohl ich die Anführungsstriche schon wieder "englisch" setze. Im Radio kommen gerade voll die genialen Lieder.

Ich habe gerade beschloßen, die erste Seite aus diesem Buch rauszureißen, weil die echt albern ist – schon passiert. Jetzt kann man dieses Buch schon ernster nehmen.

So, ab jetzt bin ich total links. Ich höre jetzt Gruppen wie Dimple Minds, Korrupt, Slime u.s.w. Ist irgendwie (nicht irgendwie!) voll besser! Scheiß auf Frederik!

Fuck, morgen Mathearbeit!

Zum Weiterlesen:

Ella Carina Werner / Nadine Wedel: "Ich glaube, ich bin jetzt mit Nils zusammen: Das Beste aus wieder ausgegrabenen Jugend-Tagebüchern". Fischer Scherz Verlag, März 2013.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .



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