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Tagebuch aus dem KZ "Herzen und Seelen zerfetzt"

KZ-Tagebuch: "Wo bleibt unsere Rettung?" Fotos
Collection Jewish Historical Museum, Amsterdam

Ihr Tagebuch beginnt dort, wo das von Anne Frank endete: Schmerzhaft präzise beschrieb Klaartje de Zwarte-Walvisch ihr Martyrium - von der Verhaftung bis zum Vernichtungslager. einestages dokumentiert zentrale Passagen. Von

Klaartje de Zwarte-Walvisch wird geschlagen, beklaut, gedemütigt. Bei Regen und Kälte muss sie stundenlang reglos auf dem Appellplatz verharren. SS-Männer rasen mit Motorrädern auf sie zu, um sich an ihrer Todesangst zu weiden. Sie muss hungern, sich nackt begaffen lassen, mit ihren Peinigern feiern.

Und was tut die junge Frau? Wie reagiert sie auf diese Bestialität, den Schmerz, die Trauer? Sie lacht aus vollem Halse!

"Ich ging von dem Gedanken aus, dass es keine Menschen waren, die uns das antaten - warum sollte ich mich also beleidigt fühlen? Und weil ich plötzlich alles als merkwürdiges Schauspiel wahrnahm, fing ich an, laut zu lachen, zur Erleichterung einiger meiner Bekannten, die, obwohl sie zuerst lieber geweint hätten, mit mir lachten."

Diese Zeilen notierte de Zwarte-Walvisch im SS-Konzentrationslager Herzogenbusch, wo sie seit Anfang April 1943 interniert war. Dreieinhalb Monate später, am 16. Juli, wurde sie im Vernichtungslager Sobibór ermordet. Ein Opfer der wahnwitzigen Mordmaschinerie der Nationalsozialisten. Doch die jüdische Näherin besaß eine Waffe: das Wort. Bis fast zuletzt schilderte sie die Stationen ihres Martyriums, schrieb ein Notizbuch und drei blaue Schulhefte voll. Schonungslos präzise, schmerzhaft ironisch.

"Es ist das wütende Tagebuch einer wütenden Frau", urteilt der niederländische Autor Ad van Liempt über ihre jetzt auf Deutsch erschienenen Aufzeichnungen (Klaartje de Zwarte-Walvisch: Mein geheimes Tagebuch. März - Juli 1943). Der historische Wert der Notizen steht außer Frage, denn es gibt nur wenige detaillierte Zeugnisse von Holocaust-Opfern auf ihrem Weg in den Tod. Und, wie Schriftsteller Leon de Winter in seinem Nachwort betont: Kaum einer der "gewöhnlichen" Juden, der Nicht-Intellektuellen schrieb damals überhaupt Tagebuch. De Zwarte-Walvischs Bericht beginnt genau dort, wo das weltberühmte Tagebuch von Anne Frank abbricht: bei der Verhaftung in Amsterdam.

Am Nachmittag des 22. März 1943 klingelten zwei Männer bei Klaartje und ihrem Mann Joseph in der Tweede Oosterparkstraat 245. Das Ehepaar wurde zur zentralen Sammelstelle in die Hollandsche Schouwburg gebracht - ihr "erster Eintritt in die Hölle", so de Zwarte-Walvisch. Von dort aus begann ihre Odyssee über die Konzentrationslager Herzogenbusch (niederländisch: Kamp Vught) und Westerbork bis ins Vernichtungslager Sobibór.

Die einfache Frau, Jahrgang 1911, schrieb nicht so geschliffen wie die Kaufmannstochter Anne Frank, deren kurzes Leben ein am Donnerstag anlaufender Kinofilm des Regisseurs Hans Steinbichler thematisiert. Dem Vergleich mit dem gebildeten Mädchen aus dem Hinterhaus könne de Zwarte-Walvisch literarisch nicht standhalten, urteilt de Winter.

Rätsel um die Identität der Schreiberin

Dennoch verbindet die beiden viel: Wie Anne verlor auch de Zwarte-Walvisch selbst in Momenten größter Verzweiflung nicht den Humor. Und wie Anne war auch sie beseelt von dem Wunsch, dass ihr Tagebuch einmal gefunden und gelesen wird.

"Ich hoffe inständig, dass alles, was ich hier aufgeschrieben habe, einmal die Außenwelt erreicht", notierte sie. "Nicht, um Propaganda zu betreiben, sondern nur, damit diejenigen, die von diesen Zuständen nichts wissen (und davon gibt es genug) davon erfahren."

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Dass die Nachwelt überhaupt von ihrem Schicksal erfuhr, ist purer Zufall. Anfang 2008 stießen zwei Dokumentarfilmerinnen im Archiv des Amsterdamer Museums für jüdische Geschichte auf die anonymen Aufzeichnungen. Eine Tochter des Holocaust-Überlebenden Salomon de Zwarte, die in Kanada lebt, hatte die Hefte im Nachlass ihres Vaters gefunden und per Einschreiben nach Europa geschickt.

Da nirgends der Name der Autorin auftauchte, gestaltete sich die Suche nach ihrer Identität kompliziert. Erst ein Tagebucheintrag vom 15. Juni 1943 ("Heute hat meine Schwester Geburtstag") führte auf die richtige Spur: Wie der Abgleich von Deportationslisten ergab, musste es sich um Klaartje de Zwarte-Walvisch handeln - die Schwägerin von Salomon de Zwarte.

"Unser weiblicher Stolz kam zum Vorschein"

Ihm, dem letzten Familienmitglied, das sie lebend sah, vertraute die junge Frau im KZ-Sammellager Westerbork ihre heimlich verfassten Notizen an, bevor sie nach Sobibór deportiert und vergast wurde. In Salomons Aufzeichnungen heißt es: "Klaar gerade zum Zug gebracht. Habe alles mir Mögliche getan, damit sie es angenehm hat. Bewundernswert tapfer ist sie. Eine von vielen, die ich von hier habe weggehen sehen." Von den 140.000 niederländischen Juden überlebten nur 38.000 den Holocaust.

"Oh, was war es doch für ein Verbrechen, als Jude zur Welt gekommen zu sein. Haben wir damit tatsächlich eine solche Sünde begangen? Wo bleibt unsere Rettung? Wie lange müssen wir noch in diesem Drecksloch bleiben? Bis wir alle in diesem Elend umgekommen sind? Ist es dann erst genug? Warum müssen so viele Menschen unnötig leiden? Das will doch niemand?"

De Zwarte-Walvisch hat im Tagebuch viele Fragen - ohne Antworten. Tag für Tag erduldete sie die Erniedrigung, die Willkür, all die Grausamkeiten, die das KZ bereithielt. Eines Tages musste sie gigantische Steine schleppen, reihenweise brachen die weiblichen Häftlinge zusammen, wurden zum Weitermachen geprügelt. Am Abend wankten die Frauen zurück ins Lager - und wurden mit Musik empfangen: Die Männer wurden gezwungen, für die Geschundenen den Trauermarsch von Chopin zu spielen.

Als de Zwarte-Walvisch erfuhr, dass sie nach Westerbork deportiert wird, ohne ihren im Außenlager Moerdijk internierten Mann Joseph, erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Und rappelte sich wieder auf. Die junge Frau ließ sich nicht unterkriegen, verteidigte ihre Würde bis zuletzt, ging hoch erhobenen Hauptes in den Tod.

"Unser weiblicher Stolz kam zum Vorschein. Wir wollten nur tapfere jüdische Frauen sein. Wir wollten den Deutschen zeigen, dass wir unter dem ganzen Leid, das man uns zufügte, nicht gebückt gingen", so de Zwarte-Walvisch.

Ihr letzter Tagebucheintrag vom 4. Juli 1943 schildert die Ankunft im KZ Westerbork. Der Hölle von Herzogenbusch entronnen, schöpfte sie neue Hoffnung. "Ich hatte sogar das Gefühl, wieder in die Zivilisation zurückgekehrt zu sein." Das Gegenteil war der Fall.

Bei dem Versuch, ihr Geld zu stehlen, entdeckte ein deutscher Offizier in Westerbork um ein Haar die Aufzeichnungen, de Zwarte-Walvisch hatte sie ins Futter ihrer Tasche eingenäht. Lange wühlte der Mann in ihren Besitztümern herum - dann ließ er die junge Frau gehen.

Draußen warteten ihre Bekannten, die um das geheime Tagebuch wussten und tausend Ängste ausstanden. Die Aufzeichnungen der Klaartje de Zwarte-Walvisch enden mit dem Satz: "Sie freuten sich für mich, dass alles so gut ausgegangen war." Zwölf Tage später wurde sie in Sobibór ermordet.

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Zur Autorin
  • einestages-Redakteurin Katja Iken Jahrgang 1972, Absolventin der Axel-Springer-Journalistenschule, seit 2007 bei einestages. Studierte Geschichte und Romanistik, promovierte in Rom über Feminismus im Ersten Weltkrieg.

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