Aus dem Tagebuch eines Volkssturm-Mannes "Das ist das Ende!"

Aus dem Tagebuch eines Volkssturm-Mannes: "Das ist das Ende!" Fotos
Michael vom Hagen

Als junger Mann erlebte Josef Brettschneider im April 1945 den Einmarsch der Roten Armee in Berlin. Der Leutnant suchte mit seinem Volkssturm-Bataillon in der Spandauer Zitadelle Schutz - und verhandelte schließlich mit den Sowjets über die Aufgabe der Festung. Bei einestages veröffentlicht Michael vom Hagen die Tagebuchaufzeichnungen seines Vaters. Von

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Der Düsseldorfer Josef Brettschneider wurde im April 1943 während seiner Ausbildung zum Lehrer zur Wehrmacht eingezogen - im Alter von erst 19 Jahren. Als Leutnant war er ab Februar 1945 Ausbilder eines Volkssturm-Bataillons. Der Deutsche Volkssturm sollte noch kurz vor Kriegsende der Unterstützung der Wehrmacht dienen. Sämtliche männliche Zivilisten zwischen 16 und 60 Jahren wurden einberufen, aber nur notdürftig ausgebildet.

Brettschneider zog sich mit seiner Truppe, als die Rote Armee im April 1945 Berlin erreichte, in den Schutz der Zitadelle Spandau zurück. Die Festung an der Havel aus dem 16. Jahrhundert sollte mit ihren dicken Backsteinmauern die im Gegensatz zu den russischen Kampfverbänden nur schlecht bewaffnete Volkssturm-Truppe zumindest vor dem Schlimmsten bewahren.

Was er erlebte, schrieb Josef Brettschneider nach dem Krieg auf. Sein Sohn Michael vom Hagen erhielt die Aufzeichnungen erst nach dem Tod des Vaters im Jahr 2006 und veröffentlicht sie nun auf einestages.

"21. April, die Russen sind da! Wir – etwa 100 Volkssturm-Männer und nur wenige Soldaten – sind nur unzureichend auf das Kommende vorbereitet.

In den letzten Wochen haben wir in und um Spandau in hektischer Betriebsamkeit Gräben ausgehoben und Stellungen notdürftig getarnt. Um gegnerische Panzer aufzuhalten, ließ ich Bäume aus dem nahen Wald fällen. Häuserblocks und Keller wurden als mögliche Auffangstellungen inspiziert.

Da man in diesem Teil Berlins bisher nur wenige Bombenangriffe erlebt hatte, schwankt die Stimmung unter den Volkssturm-Männern zwischen stoischer Gelassenheit und unvermindertem Optimismus. Nur vereinzelt verschwinden einige von ihnen über Nacht.

Im Laufe des Tages müssen wir ausrücken und eine Auffangstellung am Tegeler Schloss aufsuchen. Ausgestattet nur mit Infanteriewaffen, wenigen Maschinengewehren und Granatwerfern, besetzen wir vorher ausgehobene Gräben auf einer Anhöhe am Waldrand. Wir machen uns kaum Hoffnung, den Gegner wirksam aufhalten zu können. Verzweiflung und Sorgen beginnen sich breit zu machen.

Mit einem Kradmelder fahre ich den Schwarzen Weg am Ufer des Tegeler Sees entlang nach Heiligensee. Die von uns dort eingerichtete Panzersperre ist bereits beseitigt. Auf dem Dorfplatz sind Russen zu sehen. Wir beeilen uns, unerkannt wieder zurückzukehren.

Kurz darauf beginnt auch schon der Angriff auf unsere Anhöhe. Angesichts unserer Gegenwehr stoppen die Russen zunächst ihr Vorgehen. Ein heftiger Schusswechsel führt zu ersten Toten auf unserer Seite. Einigen Volkssturm-Männern ist die Angst und beginnende Panik deutlich anzumerken. Ich gebe den Befehl zum Rückzug."

Schutz vor Granaten und Bomben

"Trotz ständiger Artillerieeinschläge treffen wir auf dem Weg nach Tegel immer wieder auf Frauen, die uns mit Kaffee und anderen Getränken versorgen. Die Nacht verbringen wir im Keller eines Wohnblocks. Über Funk erhalte ich vom Regimentsgefechtsstand den Befehl 'Melden Sie sich mit Ihrer Einheit beim Kommandanten der Spandauer Zitadelle.'

Das historische Bauwerk mit seinen steilen mächtigen Mauern, den Schießscharten und vorgelagerten Bastionen, überragt vom Juliusturm, scheint unsere letzte Zuflucht zu werden. Auf jeden Fall werden wir hier Schutz vor Granaten und Bomben finden. Und wir brauchen nicht mehr planlos durch das Gewirr der Berliner Straßen mit seinen unübersichtlichen Fronten zu laufen, wo hinter jedem Haus, hinter jeder Mauer russische Soldaten oder Panzer auftauchen können.

Wir melden uns beim Kommandanten, einem Oberst, der wohl schon den ersten Weltkrieg miterlebt hat. Es zeigt sich, dass sich sonst nur noch wenige Soldaten in der Zitadelle aufhalten. Wir erfahren, dass hier Teile eines Heeresgasschutzlabors untergebracht sind. In den Katakomben halten sich neben Wehrmachtsbeamten viele Zivilisten aus dem nahen Spandau auf.

Uns bleibt nicht viel Zeit. Als die Meldung eingeht 'russische Panzer aus Richtung Haselhorst', erhalte ich den Befehl, mit weiteren Offizieren und einigen Volkssturm-Männern die feindlichen Panzer auf der Zitadellenstraße aufzuhalten und abzuwehren. Nur mit einigen Karabinern und Panzerfäusten bewaffnet, begeben wir uns aus dem großen Toreingang an eine niedrige Mauer am Zitadellenweg."

Fußmarsch über die Insel Eiswerder

"Nach einem nur kurzen Einrichten hören wir schon ein mahlendes Knirschen von Panzerketten. Explodierende Panzergranaten, ein Panzer taucht auf und fährt in zügiger Fahrt auf die Zitadellenauffahrt, das Langrohrgeschütz auf das Tor der Zitadelle gerichtet. Einige russische Infanteristen laufen hinterher.

Als wir uns mit Gewehrfeuer und Panzerfäusten zur Wehr setzen, ziehen sie sich wieder ebenso schnell zurück. Aus anderer Richtung erscheint nach kurzer Zeit ein weiterer Panzer und hält in der Nähe.

In aussichtsloser Situation entscheiden wir uns für den Rückzug. Da der direkte Weg zu gefährlich scheint, nehmen wir einen Umweg und durchschwimmen den Zitadellenkanal und gelangen auf einem Fußmarsch über die Insel Eiswerder und die Zitadellenschleuse am Abend wieder über einen rückwärtigen Zugang in die Zitadelle.

Der nächste Tag beginnt mit einer wenig ergiebigen Lagebesprechung beim Kommandanten. Die aussichtlose Situation lässt nur ein Abwarten zu. Zumindest bieten die massiven Mauern der Zitadelle einen gewissen Schutz. Gegen Mittag schlagen plötzlich Granaten im Zitadellenhof ein. Steilfeuer von russischen Granatwerfern.

Für eine wirkungsvolle Gegenwehr fehlen die Mittel. Besser die Russen im Ungewissen über die nicht vorhandene eigene Stärke belassen und darauf hoffen, dass sie nicht mehr wirklich viel riskieren wollen. Die Rechnung scheint aufzugehen: Wir verhalten uns ruhig. Die Gegenseite ebenfalls."

"Ergeben Sie sich!"

"Am nächsten Tag, dem 28. April, hören wir Durchsagen von einem aufgefahrenen russischen Propagandawagen. 'Achtung, Achtung! - Deutsche Offiziere, herhören - der Kampf um Berlin ist beendet. Der Krieg ist aus! Die Zitadelle ist eingeschlossen - ergeben Sie sich!' Neben dem Auto steht ein deutscher Luftwaffenoffizier im Ledermantel. Er greift ebenfalls zum Mikrofon. 'Ich bin der letzte Horstkommandant von Gatow. Der Krieg ist aus. Widerstand hat jetzt keinen Sinn mehr.'

Die Zitadellenbesatzung hört mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Jetzt geht es wohl in die entscheidende Phase. Die Aufforderung zur Übergabe wird ignoriert. Trotz offenkundiger Aussichtslosigkeit fühlt man sich an seinen Soldateneid gebunden. Die Devise in der Zitadelle lautet daher: 'Abwarten, bis die Lage endgültig klar ist.'

Es bleibt weiter ruhig. Nur aus der Stadt ist noch Geschützdonner zu hören.

Am nächsten Tag wieder Lautsprecherdurchsagen. Diesmal rufen deutsche Zivilisten zur Aufgabe auf. Wir verharren weiter. Wie sieht es in der Innenstadt aus? Wird es doch noch Ersatzangriffe geben? Gibt es überhaupt noch funktionierende Befehlsstrukturen? Keine Antworten.

Am Nachmittag des 30. April erscheinen zwei russische Parlamentäre vor dem Tor der Zitadelle. Ein Major und ein Hauptmann. Der Hauptmann trägt eine weiße Fahne. Eine Strickleiter wird vor dem verbarrikadierten Tor heruntergelassen. Die beiden Parlamentäre klettern problemlos auf den Balkon über dem Tor und betreten den dahinter liegenden Saal. Beide Seiten begrüßen sich militärisch. Einige deutsche Offiziere zeigen den Hitlergruß.

Der Dolmetscher, Hauptmann Gall, übersetzt die von Major Grischin temperamentvoll vorgetragene aussichtlose Lage der Zitadellenbesatzung und fordert unmissverständlich zur Kapitulation auf. Als letzter Termin zur Übergabe der Zitadelle wird der 1. Mai um 10.00 Uhr genannt.

Unser Kommandant zögert. Doch uns allen ist klar: Das ist das Ende!"

Bedingungen für die Aufgabe

"Der nächste Morgen ist wolkenlos. Leutnant Ebbinghaus und ich werden als Parlamentäre zur russischen Seite entsendet. Russische Soldaten empfangen uns freudig. 'Woina kaput, Hitler kaput, domoi!', rufen sie, 'Der Krieg ist aus, Hitler ist besiegt, geht nach Hause!' Sie bringen uns zu einem in der Nähe gelegenen Haus, das von einem großen Garten umgeben ist. Im Garten und vor dem Haus stehen Soldaten mit lässig umgehängten Gewähren.

Wir werden in das Haus gebracht und treffen dort auf die beiden uns bekannten Russen. Der Major äußert seine Missstimmung. Er hatte mit der sofortigen Kapitulation gerechnet. Und nun kommen zwei Parlamentäre und wollen alles schriftlich fixieren. Typisch Deutsch! Er sieht jedoch ein, dass wir nicht die Urheber dieser Bedingung sind und lädt uns zum Essen ein. Währenddessen erscheint ein russischer Oberst mit weiteren Offizieren und lässt sich die Lage erklären. Leutnant Ebbinghaus und ich erheben uns ebenfalls und verharren still.

Er fragt uns nach den Bedingungen für eine Aufgabe. Ich nenne einen freien Abzug für alle Zivilisten und eine Gefangennahme der Soldaten nach den Regeln der Genfer Konvention. Dies sichert er zu und lässt hierüber ein Schriftstück anfertigen und an uns aushändigen.

Wir vereinbaren, die Zitadelle um 14.00 Uhr zu übergeben. Zum Abschluss werden noch Zigarren und Papyrossi geraucht. Auf dem Rückweg zur Zitadelle werden wir von zwei Soldaten begleitet.

Die von uns so gefürchtete Kriegsgefangenschaft steht nun bevor. Im Innenhof stapeln wir Gewehre und Panzerfäuste und vergraben Pistolen und Gewehrverschlüsse. Balken und Steine werden am Tor entfernt. Wir stellen uns getrennt nach Zivilisten und Soldaten auf.

Das Tor wird geöffnet. Wir sehen russische Soldaten mit auf uns gerichteten Maschinenpistolen. Für mich beginnt der ungewisse Weg in die Kriegsgefangenschaft."

Josef Brettschneider verbrachte die Kriegsgefangenschaft in einem Lager am Rybinsker Stausee, nördlich von Moskau. In seiner ersten Postkarte aus der Gefangenschaft vom 13. Juli 1946 berichtet er: "Meine Lieben, Nach langem Warten sende ich Euch das erste Lebenszeichen. Bin an Leib und Seele gesund und in bester Verfassung. Das ist für mich der beste Garant für die Zukunft… Du liebe Mutter, mache Dir nicht allzu viele Kopfschmerzen. Es wird wohl bald alles wieder gut werden. Diese Zuversicht muß Euch Kraft und Geduld im Warten geben…"

Während der Haft erlitt Brettschneider eine Rippenfellentzündung mit Verdacht auf Lungen-TBC. Daraufhin wurde er im September 1946 aus der sowjetischen Gefangenschaft entlassen, konnte in seine Heimatstadt Düsseldorf zurückkehren und beendete ein paar Jahre später seine Ausbildung zum Volksschullehrer.

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