Tagebuch eines Zwangsarbeiters "Wenn der Tod kommen soll, so bitte schnell"

Tagebuch eines Zwangsarbeiters: "Wenn der Tod kommen soll, so bitte schnell" Fotos
Elio Materassi

Ein Höllentrip, wie er im Buch steht: Elio Materassi war 20, als er in den Zweiten Weltkrieg zog und mit dem Schreiben seines Tagebuchs begann. Darin schildert der Italiener seinen Leidensweg vom Verbündeten zum Sklaven der Deutschen - und warum er sich selbst für dieses Martyrium entschied. Von

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Der Herbst 1943 ist im Rheinland nasskalt. Im Kriegsgefangenenlager "VI F Bocholt 108" lassen Wehrmachtssoldaten an diesem tristen Novembertag italienische Kriegsgefangene antreten. Seit zehn Tagen sind die Südeuropäer in dem Außenlager zwischen Koblenz und Bonn eingesperrt, jetzt soll sich ihr weiteres Schicksal entscheiden - auch das des 21-jährigen Infanteristen Elio Materassi. Die Abfahrt ins nächste Gefangenenlager bei Bremen ist schon vorbereitet, als plötzlich ein Offizier der italienischen Armee vor seine Landsleute tritt und eine Ansprache hält. Materassi hält die Szene in seinem Tagebuch fest.

In Italien wurde, so der Oberst, nun eine Sozialistische Republik, unter Führung Mussolinis und auch wieder eine Armee eingeführt… Am Ende des Vortrags spricht er uns italienischen Soldaten die Einladung aus, … im Tausch für unsere Freiheit an der Seite der Deutschen weiterzukämpfen. Keiner der Anwesenden folgt dieser Aufforderung, im Gegenteil: Jener Offizier erntet Pfiffe und wird als Verräter beschimpft.

Materassis Entscheidung gegen den Krieg wird zum schicksalhaften Wendepunkt seines Lebens: 20 Monate knechten die Deutschen den jungen Italiener nach diesem Tag als Zwangsarbeiter - jene Deutschen, die bis zum Sturz von Diktator Mussolini Waffenbrüder waren. In seinem Tagebuch beschreibt Materassi detailliert seine europäische Odyssee, auf der er dreieinhalb Jahre lang durch die Wirren des Weltkriegs getrieben wird. Fast bis in den Tod.

Erst ein halbes Jahrhundert später machte Materassi seinen Leidensweg publik: 1992 veröffentlichte seine Heimatstadt Pontassieve sein Tagebuch. Im vergangenen Jahr, kurz nachdem Materassi 89-jährig gestorben war, schickten seine Enkel den schmalen Band zur Gedenkstätte auf dem ehemaligen Bunkergelände, wo Materassi einst gepeinigt wurde. Die Heimathistoriker in Bremen ließen das seltene Dokument ins Deutsche übersetzen. einestages veröffentlicht erstmals Auszüge daraus.

Odyssee im Güterzug

Seinen ersten Eintrag macht Matereassi am 5. Januar 1942, seinem 20. Geburtstag. Auf einer rosafarbenen Postkarte teilt ihm die Armee mit, dass er als Soldat einberufen wird. Es ist der Beginn einer weitgehend unbeschwerten Zeit. In der Kaserne im norditalienischen Modena spielt Materassi als Klarinettist in der Militärkapelle, er kann seine Familie besuchen - zu essen gibt es manchmal Nudeln, Fleisch und Wein. Doch Materassi weiß: Er wartet auf den Krieg.

Anderthalb Jahre lang rechnet der Rekrut mit seiner Versetzung an die Front - dann ist der Krieg für die Italiener plötzlich vorbei. Nach dem Sturz Mussolinis kündigt Italien das Bündnis mit Hitler. Der reagiert stinksauer: Die Wehrmacht nimmt in Norditalien Tausende italienische Soldaten gefangen, Materassi trifft es am frühen Morgen des 12. September 1943.

Erregte Stimmen deutscher Soldaten wecken uns und fordern uns auf, die Waffen zu strecken. Jeder Ausgang wird von der SS bewacht, sie sind mit Maschinenpistolen bewaffnet und schießen beim kleinsten Versuch der Flucht… Es beginnt die lange und schmerzhafte Odyssee für uns italienische Soldaten.

Die Deutschen schicken die Gefangenen in Güterzügen durch halb Europa. Materassis erste Station ist ein Lager in Pommern, wo er bei der Kartoffelernte helfen muss. Wenig später wird der Italiener ins Rheinland gebracht, von wo aus er eigentlich direkt zur Front gefahren werden soll. Nachdem er den Wiedereintritt in die Armee abgelehnt hat, landet er schließlich in Bremen. Es soll die qualvollste Station seines Höllentrips werden.

Ein Steinwurf bringt fast den Tod

Hier wird aus dem Infanteristen des 36. Regiments der Zwangsarbeiter 41912 im Arbeitskommando sieben von "Stammlager X B". Materassi muss mit mehr als 10.000 anderen Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen und Kriegsinternierten am Nordrand von Bremen eine Bunkerwerft bauen. Statt Gewehr, Bajonett und Patronentasche trägt der 21-Jährige nun einen dünnen Sträflingsanzug, arbeitet bis zur Erschöpfung in einer Eisenbinderei.

Das Martyrium kostet ihn am 1. Mai 1944 fast das Leben. Der Häftlingstross kommt an diesem Morgen nach einem kilometerlangen Fußmarsch an der Baustelle an. Neben den Schmalspurgleisen, auf denen die Deutschen permanent Arbeiter und Material zur Baustelle fahren, ruht sich die Gruppe um Materassi einen Moment aus.

…in diesem Moment fährt einer dieser Züge vorbei. Der Maschinist, ein Deutscher, sieht, wie wir uns im Kreis an der Feuerstelle wärmen, er nimmt eine Schaufel aus dem Brennofen und schleudert uns die heiße Kohle entgegen... Ich sammle einen Stein vom Boden auf, bewerfe ihn und treffe ihn vielleicht sogar irgendwo an seinem Körper. Der Deutsche stoppt sofort den Zug, steigt mit einem Hammer in seiner Hand von der Lokomotive ab. Als ich das sehe, nehme ich meine Beine in die Hand und laufe mit aller Kraft in den Bunker.

Auch jeder andere der 603 Tage seiner Gefangenschaft hätte der letzte seines Lebens sein können. Denn die Arbeit bedeutet für Hunderte den Tod: Die Säcke, die die Zwangsarbeiter über die Baustelle schleppen, sind schwerer als sie selbst, die Männer füttern Betonmischer mit 300 Zentnern Zement pro Stunde, schaufeln Gruben und schwenken gigantische Stahlkonstruktionen - alles mit der Hand.

Wir arbeiten zehn, manchmal auch zwölf Stunden am Tag. Gegessen wird nur einmal am Tag, und die Verpflegung ist nicht gut. … Männer in der Blüte ihres Lebens sehen aus wie alte Greise. Einige von uns beginnen, an Schwellungen der Beine, dann auch der Arme zu leiden, sei es aufgrund der harten Arbeit oder der schlechten Ernährung.

Hände und Füße "hart wie Holzscheite"

Einmal am Tag gibt es eine wässrige Kohlsuppe, ergänzt durch Brot, "vielleicht aus Roggen, vielleicht aus Sägemehl", schreibt Materassi. Alle vier Tage gibt es einen frischen Laib, den sich dann vier bis sechs Arbeiter teilen müssen. Am Ende seiner Knechtschaft wiegt Materassi nur noch 35 Kilo.

Wenn er und seine Mitgefangenen morgens um 4 Uhr geweckt werden, weiß keiner, ob er in die Baracke zurückkehrt. Morgens beim Appell fallen die ersten Zwangsarbeiter entkräftet um, andere sterben an Tuberkulose. Wer abends von der Baustelle zurückkommt, kann sich sechs Stunden auf schroffen Holzbrettern ausruhen, um am nächsten Tag wieder ums Überleben zu kämpfen.

Die Arbeit wäre bei diesen Temperaturen selbst für gut Genährte und ausreichend Bekleidete sehr schwer, wir hingegen leiden Hunger und sind mit Fetzen bedeckt. Man bedenke, dass, sobald wir uns auf den Platz begeben, der eiskalte Wind den Schnee ins Gesicht fegt. Der Schnee gefriert dir im Gesicht aufgrund der Temperaturen und bereitet dir unglaubliche Kopfschmerzen. Die Hände und Füße sind immer durchnässt, und mit der Kälte werden sie schließlich hart wie Holzscheite.

Zwei Winter verbringt Materassi in Bremen, schuftet täglich unter den Peitschenhieben seiner Bewacher, selbst im strengsten Frost. Er überlebt das Martyrium mit Glück - und List.

Am Abend, wenn wir von der Arbeit im Bunker zurückkehren, versucht jeder von uns, kleine Holz- oder Kohlestücke in die Baracke zu schmuggeln. Am Ausgang des Bunkers werden wir durchsucht, und wenn sie irgendwas wie Holz oder Kohle finden, müssen wir es zurücklassen. Daher verstecken wir das in Papier eingewickelte Holz oder die Kohle in unseren Hosenbeinen. Auf diese Weise können wir uns nach all der Kälte den ganzen Tag über wenigstens am Abend aufwärmen.

"Hilfeschreie, Entsetzensschreie, Angstschreie"

Nur selten zeigen die Bewacher Gnade. An Weihnachten 1944 aber blitzt Menschlichkeit im brutalen Lageralltag auf.

Für diesen Feiertag haben sie die Tore geöffnet, so konnten wir, nach der üblichen Brühe mit vielleicht einem Kartoffelstückchen mehr darin, ohne Geleit der Polizisten das Lager verlassen. Wir sind ein bisschen gelaufen, um in das nahegelegene Dorf Schwanewede zu gelangen. Wir haben eine Kantine betreten, so nennen die Deutschen ihre Lebensmittelläden, und haben dort ein Bier getrunken.

Sie verprügeln ihn mit einem Stahlrohr

Materassi überlebt, doch auch während seiner Gefangenschaft in Bremen entgeht er dem Tod nur knapp: Nach seinem Steinwurf auf den deutschen Eisenbahnmaschinisten gibt es am Abend desselben Tages ein böses Wiedersehen.

Der Deutsche vom Morgen, in Begleitung eines anderen, mustert einen nach dem anderen, um zu sehen, ob er den wiedererkennt, der den Stein geworfen hat. Man sieht, dass dieser Deutsche sich gut Gesichter einprägen kann, denn als er mich unter all den anderen sieht, erkennt er mich sofort… Sie fragen nach meiner Nummer, ich verweigere auf diese Frage meine Aussage. Nach dieser Verweigerung verprügeln sie mich beide, einer mit den Fäusten und der andere mit einem Stahlrohr.

Anfang Mai 1945 rollen alliierte Panzer auf das von den Deutschen geräumte Lager zu. Die Nazis hatten die italienischen und russischen Gefangenen zurückgelassen, die Befreiung naht - doch Materassi hat selbst in diesem Moment noch Angst, dass er sterben würde.

Hier zu bleiben, ist das wohl gut oder schlecht? Wenn der Tod kommen soll, so bitte schnell, ohne uns weiteres Leid zuzufügen, denn gelitten haben wir schon genug.

Aufgezeichnet von Peter Maxwill

Zum Hingehen:

Die "Baracke Wilhelmine" auf dem ehemaligen Lagergelände zeigt eine Dauerausstellung zu dem Bunker und Zwangsarbeiterlagern. Ab Anfang 2013 ist dort auch eine Ausstellung zum Schicksal von Elio Materassi zu sehen.

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insgesamt 23 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Ralf Bülow, 24.03.2012
Hier gibt es weitere Informationen zum U-Boot-Bunker "Valentin", für den Elio Materassi schuften musste: http://de.wikipedia.org/wiki/U-Boot-Bunker_Valentin
2.
Rainer Starzoneck, 26.03.2012
Was macht einen so traurig an solchen 'fachkundigen' Stellungnahmen? Dass sie einem das Gefühl vermitteln, dass sich nur sehr wenig bis gar nichts in manchen Köpfen geändert hat - auch nach 7 Jahrzehnten. Zur Erinnerung: Es geht hier nur um kurze Ausschnitte eines interessanten und bewegenden Erfahrungsberichtes. Warum fühlt sich da jemand berufen darauf reflexartig mit Unterstellungen, Verharmlosungen und zynischen Vergleichen zu reagieren? Es tur mir leid, aber Sie haben nichts dazugelernt.
3.
Daniel Fiedler, 26.03.2012
Herr Schmidt: Rangierloks auf einer Baustelle dieser Zeit, übrigens auch unserer Zeit, fahren keine 50 km/h. Und die deustchen Kriegsgefangenen? Unter ihnen meine 3 Großonkel, mein Großvater, alle dort umgekommen oder später an TBC gestorben, die sicher eine Folge der schlechten Behandlung in der russischen Kriegsgefangenschaft war? Die hätten besser ihre Felder in Deutschland bestellt als mit Panzern(und Güterloks) in andere Nationen zu fahren, dort Menschen zu töten und Konzentrationslager zu ermöglichen. Aber das, Herr Schmidt, ist auf ihrer sicherlich scheibenförmigen Welt im Zentrum des Universums wahrscheinlich irgendwie anders gewesen? Schreiben Sie uns doch mal ihr Tagebuch. Damit wir verstehen wie sie erstens: Kriegsgefangene persönlich beaufsichtigen und mit ihnen umgehen würden. Und selbstverständlich zweitens: Wie sie einen Krieg anfangen, den dann verlieren und DANN jammern wie unfair sie in den Ländern, die sie mit Gewalt zu erobern versucht haben, behandelt wurden. Keine Blumen für den arischen Attila. Mein Beileid^^
4.
Antonio Torres Muñoz, 26.03.2012
Der Getötete ist seinem Mörder immer einen Schritt voraus: Er hat sein Ziel erreicht! Es gibt zu diesem Thema übrigens einen sehr interessanten Link: http://brainlux-contor.blogspot.de/2011/01/die-gehenkten.html
5.
Andy Malik, 26.03.2012
So ein Beitrag wie der ihrige, Herr Schmidt, ist eine Frechheit. Die Italiener wurden eben nicht als Kriegsgefangenen behandelt, sondern wesentlich schlechter. Sie wurden als sogenannte "Militärinternierte" bezeichnet und musste, genau wie im Artikel beschreiben, Zwangsarbeit, besser Sklavenarbeit, leisten. Haben Sie den Artikel überhaupt gelesen?
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