Take-That-Wiedervereinigung "Es hörte einfach nicht auf"

Take-That-Wiedervereinigung: "Es hörte einfach nicht auf" Fotos
AP

Selbstmordgedanken bei den Mädchen, Freude bei den Jungs: Vor 15 Jahren stürzte die Trennung der Band Take That Tausende Jugendliche in ein Gefühlschaos. Berlin richtete ein Sorgentelefon ein. Auf einestages erinnert sich Hotline-Chef Claudius Ohder, was er damals alles zu hören bekam.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.3 (22 Bewertungen)

Heute ist Claudius Ohder Professor für Kriminologie an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht und beschäftigt sich mit vielfach straffälligen Jugendlichen. Vor 15 Jahren kümmerte er sich noch um gebrochene Mädchenherzen: als Fan-Seelsorger bei der "Take-That-Sorgenhotline", die die Berliner Jugendverwaltung eingerichtet hatte, um 13-Jährigen über die Lebenskrise hinwegzuhelfen, die das Ausscheiden von Robbie Williams aus der Boyband Take That bei ihnen ausgelöst hatte. Eine Woche lang klingelten die Telefone in der Behörde ununterbrochen.

einestages: Wie kam es zu der Entscheidung, eine richtige Take-That-Hotline einzurichten?

Ohder: Nachdem bekannt wurde, dass Robbie Williams aus der Band aussteigen würde, gab es zunächst nur ein, zwei, drei Anrufe von irgendwelchen besorgten Teenies. Die wollten beim Jugendamt einfach nur die Wahrheit erfahren. Aber allmählich lief die Leitung heiß. So am späten Vormittag ging die Trennung über die Massenmedien raus - und bis zum späten Nachmittag waren schon alle unsere Leitungen blockiert. Die ersten Anrufer haben wir noch abgewimmelt: 'Komm, jetzt stell dich nicht so an. Ist doch bloß 'ne Band. Geh ins Freibad, trink 'ne Cola, dann geht das wieder vorbei.' Schnell haben wir aber feststellen müssen, dass das für einige Anrufer eine durchaus existentielle Krise war. Als die ersten glaubwürdigen Selbstmorddrohungen kamen, war klar: Wir müssen eine Hotline einrichten - die brauchen wirklich Begleitung und Hilfe.

einestages: Wie geht man mit so einer Selbstmorddrohung um?

Ohder: Wir haben gefragt: 'Wo bist du jetzt? Gibt's da jemanden, den du ansprechen kannst? Was ist mit deinen Eltern - können die dich verstehen? Hast du 'ne beste Freundin? Eine Vertrauensperson?' Dann versucht man herauszufinden, wie konkret der Selbstmord wirklich geplant ist. Wenn rauskommt: 'Na ja, ich fühl mich so schlecht, ich könnt' mich umbringen!', ist das zwar ein furchtbarer emotionaler Zustand, aber unwahrscheinlich, dass die Person gleich zur Tat schreitet. Beschreiben die Anrufer aber, dass sie sich Schlaftabletten und ganz viel Schnaps besorgt haben oder den Gashahn aufdrehen wollen, hat das schon eine andere Qualität. In diesen Fällen haben wir darum gebeten, dass das Mädchen uns die Telefonnummer von ihrer Freundin oder irgendeiner Bezugsperson gibt, damit wir die kontaktieren können. Manchmal mussten wir auch die Feuerwehr zur Hilfe rufen.

einestages: Wie erklären sie sich die heftigen Reaktionen auf Robbie Williams' Ausscheiden?

Ohder: Viele dieser Mädchen gingen gerade selbst durch verschiedene Krisen, und Williams war ja selbst eine nicht so ganz einfache Person - der hatte ja auch ein paar Risse und Brüche. Damit war er aus der Sicht dieser Mädels so was wie ein Wahlverwandter. Bei Take That hatten sich aus ihrer Sicht Menschen zusammengefunden, die, salopp gesagt, auch eine Macke hatten und - wie sie selbst - nicht aus so ganz heilen Hintergründen kamen. Und die waren nun gemeinsam erfolgreich. Als die Band kollabierte, bedeutete das für die Mädchen: Meine Hoffnung, dass es so etwas wie Glück gibt, ist auseinandergerissen worden.

einestages: Gab es auch männliche Anrufer?

Ohder: Es waren überwiegend Mädchen, ich würde auf etwa 90 Prozent tippen. Es riefen zwar auch Jungen an, aber die sagten dann Sachen wie: 'Find ich klasse, dass dieser Schwule da endlich raus ist. Jetzt hab ich endlich meine Freundin für mich, das war ja nicht auszuhalten, wie sie ihn angehimmelt hat!' Bei denen gab es einen ganz deutlichen Tenor: "Gott sei Dank ist der weg! Dieser Überrivale, dieser Wunderknabe." Ganz vereinzelt hatten wir allerdings auch männliche Fans in der Leitung.

einestages: Wurden sie auch von Eltern um Rat gefragt?

Ohder: Ab und zu schon. Die sorgten sich um ihre Kinder: 'Das darf doch wohl nicht sein, ist meine Tochter jetzt völlig verrückt? Das ist doch bloß ne Band! Und die faselt die ganze Zeit von Robbie Williams, als ob sie den kennt. Die weiß doch gar nicht, wer das ist!' - das waren typische Aussagen. Und sie fühlten sich selbst in Frage gestellt - weil sie auf eine Welt ihrer Töchter stießen, in der sie gar nicht vorkamen...

einestages: ... sondern nur noch Robbie Williams. Ist das nicht auch wirklich beunruhigend?

Ohder: Es ist wirklich erstaunlich, wie viele von diesen Mädchen sich in ihrer Phantasie eingerichtet hatten in einem Leben mit Robbie Williams. Die wussten genau, was er gerne isst, wie er sich anzieht, dass er immer gut riecht und nicht pickelig ist etc. Dieses Phantasieleben mit Robbie Williams war unglaublich. Es war wie eine frühe virtuelle Welt. Natürlich waren bei den Anruferinnen auch ein paar Mädels dabei, die sich auf der Grenze zur Psychose befanden. Doch die meisten waren völlig intakt im normalen Leben, hatten aber eine Parallelwelt aufgebaut. Mit ihrem Star und Take That.

einestages: Wie viele Anrufe haben Sie damals eigentlich bekommen?

Ohder: Einige Mitarbeiter haben damals Striche gemacht, aber ich weiß es nicht mehr genau. Es waren auf jeden Fall Tausende. Wir bekamen bald Anrufe aus allen Ländern der Welt - ausgenommen Asien. Vermutlich über die Plattenfirma. Die hatten zwar auch eine Hotline eingerichtet, aber ich schätze, dass sie viele Teenies einfach zu uns geschickt haben, nach dem Motto: 'Ruf da mal an. Das sind Sozialarbeiter und so weiter, lass uns in Ruhe.' Jedenfalls musste ich bald zu unseren Vorgesetzten wetzen und sagen: 'Das Ding läuft echt über! Ich brauch jetzt alle Leute, die jetzt noch nicht völlig ausgelastet sind - die müssen mit ans Telefon.'

einestages: Stimmt es, dass Sie damals sogar pubertierende Take-That-Fans mit ins Beraterteam aufgenommen haben?

Ohder: Ja, es kamen trauernde Fans auf uns zu, die unglaublich tatkräftig waren. Es gibt ja Leute, die in einer eigenen Krise plötzlich sehr produktiv und altruistisch werden. Wir haben sie mitmachen lassen. Natürlich haben wir suizidale Anrufer nicht an diese 14-jährigen Helfer verwiesen. Die haben Fälle bekommen, bei denen wir das Gefühl hatten, dass es hier einen starken Mitteilungsdrang gibt.

einestages: Wann legte sich der Andrang auf die Hotline wieder?

Ohder: Eigentlich gar nicht. Die dramatischen Fälle blieben zwar nach einigen Tagen aus, es stellte sich aber eine Art Selbstlauf ein: Ein Mädchen, das sich als Fan von Take That und Robbie Williams geoutet hatte, stand unter Druck, auch hysterisch auf das Zerbrechen der Band zu reagieren. Um zu beweisen, dass es ein echter Fan war. Es wurde fast zu einem Teil des normalen Fan-Gehabes, täglich bei der Hotline anzurufen, ob es irgendwas Neues gibt. Nach einiger Zeit gab es dann auch Anrufer, die man schon kannte. Also gingen die Zahlen der Anrufe auch nach einer Woche überhaupt nicht mehr zurück. Wir konnten das einfach nicht weiter aufrechterhalten. Darum mussten wir - das darf ich, glaube ich, jetzt nach so vielen Jahren sagen - eine Pressemeldung lancieren, es gäbe keine Anrufe mehr und wir könnten die Hotline einstellen. Obwohl das gar nicht stimmte. Wir sahen einfach keine andere Rettung mehr, als das auf diese Weise abzuwürgen. Und es klappte.

Das Interview führte Danny Kringiel

Artikel bewerten
3.3 (22 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Stephan Kleinert 20.07.2010
Wie ich finde durchaus passend dazu unser kleines Lied über Robbie... http://botanybay.bandcamp.com/track/oh-robbie-demo-version Oh Robbie I need a doer for the things that I can't do I need a maker to make my dreams come true I need a teacher to teach me something new It's gotta be someone wearing shades and a tattoo Don't need no lonely dork to try to get into my pants I hear your voice, I call your name You're the only one who really understands Oh Robbie, please make it all worthwhile These dreams of mine, with no regrets Don't want this empty life Oh Robbie, please smile that special smile You are the one, I come undone And nothing you can say can change my mind He's gotta be orderly cause I can't keep on top of things He's gotta have money cause I want that diamond ring He's gotta be a rover so he can tell me what I've seen He's gotta be 32 cause I'll always stay 16 Don't need another loser to get into my pants...
2.
Max Schneider 20.07.2010
Sehr passend dazu auch das Lied 6 Meter 90 der Gruppe Blumentopf.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen