Talkshow-Legende "Ich bin Larry, euer Freund"

Talkshow-Legende: "Ich bin Larry, euer Freund" Fotos
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Königsmacher und Beichtvater: Mit butterweichen Fragen und geballter Harmlosigkeit stieg Larry King aus ärmlichen Verhältnissen zum bestbezahlten Moderator Amerikas auf. Nach 25 Jahren bei "Larry King Live" hört der König der Talkmaster auf - einestages erinnert an die denkwürdigsten Momente seiner Show. Von und

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Lawrence Harvey Zeiger war ein wenig nervös, aber vor allem ungeduldig. Wochenlang hatte er in Miami die Fenster in dem Redaktionsgebäude eines lokalen Radiosenders geputzt - doch nur, weil er davon träumte, einmal selbst zu moderieren. Und tatsächlich: Als ein Journalist bei dem Sender ausfiel, bekam der beharrliche Fensterputzer am 1. Mai 1957 die Chance seines Lebens.

Doch wenige Minuten vor der Feuertaufe mäkelte sein Chef plötzlich an seinem Namen herum. Lawrence Harvey Zeiger, meinte er, das klinge doch irgendwie "zu ethnisch, zu kompliziert". Er warf einen flüchtigen Blick auf eine Zeitung, und entdeckte dort eine Werbeanzeige mit dem Namen "King's Wholesale Liquor". Kurzerhand taufte er den jungen Lawrence Harvey Zeiger in "Larry King" um - und schuf damit eine Weltmarke.

Larry King, der Moderator, der nach einem Spirituosengroßhandel benannt wurde, verdankt also einen Teil seines späteren Ruhms buchstäblich der Schnapsidee seines ersten Chefs. Mehr als ein halbes Jahrhundert später ist der Mann mit der heiseren Stimme, der markanten Hornbrille und den breiten Hosenträgern die Ikone unter den TV-Talkern. Der Fensterputzer von einst interviewte sie alle: Audrey Hepburn, Jassir Arafat, Frank Sinatra, Monika Lewinsky, Margaret Thatcher. Und jeden US-Präsidenten seit Nixon. Mehr noch: Er fesselte mit seinen unaufgeregt-harmlosen Fragen regelmäßig ein Millionenpublikum.

"Meister des Mikrofons"

So wurde der einmal aus der Laune geborene Nachname des Talkmasters nachträglich zum genialen PR-Coup in eigener Sache: King, der König unter den Talkmeistern, der "Meister des Mikrofons" ("Time Magazine"), der Präsidentenmacher. Jahrzehntelang rissen sich Berühmte und Möchtegern-Berühmte, aufgehende und sinkende Polit-Stars um einen Auftritt in der CNN-Show "Larry King Live", die in 165 Länder rund um den Globus übertragen wurde.

Nun, nach 25 Jahren als Moderator von "Larry King Live", geht der 77-jährige Altmeister in Rente - auch deshalb, weil die einst so umwerfende Quote von mehr als 16 Millionen Zuschauern inzwischen auf übersichtliche 700.000 geschrumpft ist. Die USA verlieren mit dem Aus des "King of Talk" nicht nur den Erfinder der ersten TV-Show, bei der die Zuschauer Fragen stellen konnten. Sondern auch einen Journalisten, der wie kein zweiter den Amerikanischen Traum verkörperte.

Denn die Karriere des wohl berühmtesten und bestbezahlten Moderators der Welt begann in purer Armut im New Yorker Stadtteil Brooklyn. King, Sohn jüdischer Einwanderer aus Österreich und Weißrussland, verlor seinen Vater schon im Alter von neun Jahren: Er starb an einem Herzinfarkt (was den Sohn später nicht daran hindern sollte, zu rauchen wie ein Schlot). Die Mutter musste den jungen Larry und seinen kleinen Bruder danach allein mit Sozialhilfe und ihrem mageren Einkommen als Näherin durchbringen.

Entwaffnende Ehrlichkeit und peinliche Fragen

Der Weg schien vorgezeichnet: Nach dem Tod des Vaters ließen die Schulnoten nach, nur mit Mühe schaffte King die Highschool. An ein Studium war nicht zu denken, er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, mal als Verkäufer, dann wieder als zweiter Mann auf einem Paketdienstlaster. Seinen Kindheitstraum vergaß er jedoch nie: "Ich wusste immer, dass ich zum Radio wollte", erzählt er gern in Interviews. "Schon mit fünf Jahren habe ich vor dem Gerät gesessen und so getan, als wäre ich Moderator." Als Teenager spielte er dann immer wieder im Badezimmer seine liebsten Radiosendungen nach.

Doch als er 1957 nach seinem Job als Fensterputzer endlich seine Chance im Radio bekam, versagte er komplett. Nach dem ersten Lied der Sendung brachte er kein Wort raus. Erst als sein wutentbrannter Chef ihn anfuhr, redete er drauflos - und versuchte es mit entwaffnender Ehrlichkeit: "Hey, das ist heute meine erste Sendung, ich bin ein bisschen nervös und mein Chef hat mir vorhin auch noch einen neuen Namen verpasst."

Damit hatte King gleich mit dem ersten Satz instinktiv den Ton getroffen, der ihn später so erfolgreich werden ließ: ehrlich, menschlich, unverstellt. "Ich bin ein Mann von der Straße", erklärte er später seinen Stil. "Mir geht es nicht darum, Politiker mit komplizierten Fangfragen in den Hinterhalt zu locken. Ich will mich ganz normal mit ihnen unterhalten."

Nach seinen ersten Sendungen ging es Schlag auf Schlag, trotz einiger peinlicher Aussetzer. So fragte er etwa einen katholischen Pfarrer allen Ernstes, wie viele Kinder der denn so habe. Doch solch ungewollte Komik befeuerte seine Sympathiewerte eher. Bald produzierte er seine eigene erste Radio-Talkshow, wurde landesweit bekannt und schließlich 1985 von Medienmogul Ted Turner zum TV-Sender CNN geholt - die Geburtsstunde von "Larry King Live".

Fragen, weich wie ein Softball

Die Show war keine kulturelle oder technische Revolution - und wurde dennoch zur festen Institution in der sonst so schnelllebigen US-Medienlandschaft. Abend für Abend, Jahr für Jahr beugte sich Larry King mit zurückgekämmten Haaren, hochgekrempelten Hemdsärmeln und bekleidet mit einem Paar aus seiner 150 Modelle fassenden Hosenträgerkollektion über sein großes Retro-Mikrofon und blickte durch seine überdimensionierte Brille in die TV-Kameras. Die Quoten explodierten. Die Sendung wurde zur Heiligen Kuh des US-Fernsehens, unantastbar wie bei uns vielleicht nur "Tagesschau" und "Tatort".

Über die Gründe lässt sich trefflich streiten. Denn Larry King stellte keine tiefschürfenden, knallharten, kritischen Fragen. Er drängte seine Gesprächspartner nicht in die Ecke. Ging es um Katastrophen, fragte er die Angehörigen der Opfer nach ihren Gefühlen. Politiker durften ausführlich aus dem Privatleben erzählen. Larry Kings geballte Harmlosigkeit brachte ihm schon bald den zweifelhaften Ruf ein, "das freundlichste Mikrofon in Washington" zu sein; seine Fragen, so lästerten die Kritiker, seien weich wie ein Softball.

Doch vielleicht versteckte sich hinter all der Verbindlichkeit und den schmeichelnden Zwischensätzen auch eine knallharte Strategie, mit der King seinen Gästen in einer Atmosphäre der Vertrautheit weit mehr entlockte, als die eigentlich verraten wollten. "Meine Show", erklärte er immer wieder, "ist der angenehme Ort, zu dem die Leute gerne kommen." Es gehe darum, das Gefühl zu vermitteln: "Ich bin Larry, euer Freund."

Tränen, Küsse und Zusammenbrüche

Der Erfolg gab ihm recht und löste eine Eigendynamik aus. Die permanent hohen Quoten lockten die wichtigsten Promis und Politiker an, die wiederum die Quoten hochhielten. Der Weg ins Weiße Haus, so raunte man schon bald in Washington, führe direkt durch Kings TV-Studio. Der nette Moderator galt als Königsmacher und Beichtvater der Nation.

Er redete mit allen über alles und schrieb damit legendäre Momente der US-Fernsehgeschichte. Bei ihm plauderte Ricky Martin über seine Heiratspläne mit seinem Freund. Celine Dion brach nach der Katastrophe des Hurrikan "Katrina" in Tränen aus. Marlon Brando ließ den Moderator in seine privaten Gemächer, spendierte der TV-Crew Champagner und küsste den Showmaster dann auf den Mund. King gelang sogar, woran etliche Spitzendiplomaten verzweifelten: 1995 brachte er mit Jassir Arafat, Yitzhak Rabin und dem jordanischen König Hussein ein hochrangiges Nahost-Trio an einen Tisch.

Aus, vorbei. Kings Nachfolger Piers Morgan bei CNN beginnt im Januar. Zum Abschied der Talkmaster-Legende erinnert die einestages-Bildergalerie an die denkwürdigsten Momente aus 25 Jahren "Larry King Live".

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Marcus Tester 17.12.2010
Ein wirklich schöner Artikel. Danke für dieses ehrliche Portrait eines unkomplizierten, amerikanischen, gelebten Traums. Hätten doch Kerner und Konsorten mal bei diesem "von der Straße" ein Praktikum absolviert.
2.
Christian Vollrath 17.12.2010
Ich persönlich habe von LK nie viel gehalten. Er ist oberflächlich, ungebildet und labert nur Sülze. Was aber zur amerikanischen Kultur in der Tat sehr gut passt. Der Tag, an dem ich jeden Respekt vor ihm verloren habe, das war in der Milenium-Sylvester-Nacht, als es auf CNN Schaltungen rund um die Welt gab (ich selbst war gerade in Kanada). Es gab dann auch Interviews mit verschiedenen Würdenträgern und Prominenten rund um den Globus. Unter anderem war auch der Dalai Lama dabei, den er dann fragte, wie er denn als Moslem zu dem Jahrtausendwechsel stehe... Nicht nur mir ist alles aus dem Gesicht gefallen, dem Dalai Lama auch, der aber in seiner ruhigen und gefassten Art LK erst mal darüber aufklärte, dass er kein Moslem sei... So war DARF nicht passieren. Vor allem nicht einem wie LK. Der Dalai Lama, und die Religion deren Oberhaupt er ist, gehören zur Allgemeinbildung. Offensichtlich aber nicht zu der von LK. Solche Ausrutscher verraten mehr über eine Person, als die bis ins letzte Detail geplanten Frage-Antwort-Spielchen, die im TV schon seit so langer Zeit die Regel geworden sind. LK hat es geschafft 25 Jahre lang im Geschäft zu bleiben. Das ist durchaus eine anerkennenswerte Leistung, aber noch lange kein Siegel für Qualität. Wie er leider eindrucksvoll immer wieder bewiesen hat. Wo die Bewunderung für ihn herkommt erstaunt mich schon gehörig. Aber das gleiche fragt man sich ja auch bei Dieter Bohlen und der Mann wird reicher und reicher... Aber wie immer hängt am Ende alles wieder einmal von persönlichen Standpunkt ab. Und das ist nun einmal meiner...
3.
Meke Matters 17.12.2010
Auch ich als Amerikaner bin kein grosser Fan Larry Kings. Ich wuerde lieber Charlie Rose hoeren. Sie wissen, Herr Vollrath, dass Sie kein bisschen besser als Larry King sind wenn Sie oberflaechligkeit und miese Bildung mit den USA vergleicht. Die muede Klichees und Vorurteile ueber Amerika bringen wirklich nichts zum Debatte.
4.
Christian Vollrath 19.12.2010
Herr Metters, ich habe förmlich darauf gewartet, dass ein gekränkter US-Bürger mit der Kindergartenkeule kommt und plärrt, dass ich ja selbst nicht besser sei. Lassen Sie mich ein paar Sachen klarstellen... 1. Ich habe nicht gesagt, das alle Amis blöd und oberflächlich sind, sondern dass LK mit seiner Art zur amerikanischen Kultur passt. Interessant, was Sie da gleich ganz von selbst hineininterpretieren. 2. Meine Meinung zur nordamerikanischen Kultur basiert nicht auf Vorurteilen, sondern eingehender eigener Erfahrung, sowohl in privat-familiärer, als auch beruflicher Hinsicht. 3. Gerade die nordamerikanische Bildungsschicht (zu der einige meiner besten Freunde gehören) ergeht sich ständig in denen von Ihnen beanstandeten Klischees. Diese reden selbst die ganze Zeit vom ignoranten und ungebildeten Durchschnitts(nord)amerikaner. Es tut mir Leid, wenn ich Sie in Ihrem Nationalstolz gekränkt habe, aber mich wegen meiner Aussagen mit LK zu vergleichen, ist schon etwas weit hergeholt und trifft mich auch nicht sonderlich. Aber Ihre Meinung sei Ihnen unbenommen...
5.
Edgar Klingberg 19.12.2010
Ein lustiger Moment bei Larry King: http://www.thedailyshow.com/watch/mon-january-15-2001/monkey-hump
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