Verlassenes Gefängnis Höllenloch mit Partystrand

Auf engstem Raum und ohne Licht waren Tausende Gefangene in dem estnischen Militärgefängnis Patarei zusammengezwängt. Kadi Pilt führt Touristen durch den Ort des Grauens - der für sie ein Ort des Friedens ist.

Sofia Dreisbach/SPIEGEL ONLINE

Von Sofia Dreisbach


In Patarei gibt es keine Gespenster. Davon ist Kadi Pilt fest überzeugt. Dabei wirkt der Ort so unheimlich, dass man daran zweifeln könnte: Farbschichten blättern in handtellergroßen Stücken von den Wänden, weiß, gelb, rosafarben, dunkelgrau, die letzte giftgrün, der Schimmel malt Blumen. Patarei ist ein verlassener Ort, aber kein vergessener. Der 46 Jahre alten Estin Kadi Pilt ist er vertraut geworden. Seit zweieinhalb Jahren ist sie einmal in der Woche hier. Ohne Zögern berührt sie die verrosteten Türklinken, die eisernen Vorhängeschlösser.

Die Geschichte der vier Hektar großen Trutzburg ist düster: Als Festung erbaut in der Zeit, als Estland zu Russland gehörte, wurde Patarei in den Jahren des estnischen Unabhängigkeitskrieges von 1918 bis 1920 zum ersten Mal als Gefängnis genutzt. Ab 1941 war es für vier Jahre Arbeits- und Konzentrationslager der Nazis, danach Sowjet-Gefängnis und nach Loslösung des Landes von der Sowjetunion 1991 noch elf Jahre estnische Haftanstalt.

Schon als die Wasserfestung in der Tallinner Bucht des Finnischen Meerbusens 1840 nach zwölfjähriger Bauzeit endlich fertiggestellt war, erwies sie sich als unwirtlich, nicht für Menschen gemacht. Es war feucht, es gab kein Trinkwasser, die hier untergebrachten Soldaten erkrankten an Tuberkulose. Heute ist Patarei kaum wirtlicher als damals, im Gegenteil: Das Halbrund am Meer ist in noch schlechterem Zustand, seit es vor 13 Jahren Knall auf Fall verlassen wurde.

Für Besucher macht genau das den Reiz aus. Sobald sie das rostige Tor durchschritten haben, können sie das Hauptgebäude frei erkunden. Die meisten Türen in dem feuchtkalten Bau stehen offen, aber einige Räume sind so voll mit Gerümpel, dass es unmöglich ist, sie zu betreten - zudem ist oft in der Dunkelheit kaum etwas zu sehen. In der Krankenstation steht das Gerippe eines Krankenbetts mit senfgelb geblümtem Kissen, über dem Behandlungsstuhl ein Zimmer weiter hängt noch die altmodische OP-Lampe mit sieben Strahlern. Unter dem abgebröckelten Putz liegen die Backsteinmauern frei, Modergeruch liegt in der Luft. Wenn es regnet, stehen Pfützen im obersten Stockwerk.

Zu Tausenden zusammengepfercht

Kadi Pilt nennt Patarei ein "Höllenloch" und meint es doch anerkennend. "Es wurde gebaut, um zu überdauern." Die Estin führt regelmäßig Besucher durch das ehemalige Gefängnis und begleitet Zeitzeugen, wenn sie sich die Stätte ihrer Leiden noch einmal vor Augen führen. Hauptberuflich arbeitet sie am Institut für Geisteswissenschaften der Universität.

Patarei ist Geschichte, Kunst und Abenteuer in einem. Das Gefängnis ragt wie ein Fremdkörper ins Viertel Kalamaja, das Pilt als "extrem gentrifiziert" beschreibt. Vor dem Eingangstor entsteht eine neue Straße, gegenüber Neubauten mit gelben Balkons. Aus den Fensterfronten der oberen Stockwerke werden die Bewohner aufs Meer schauen - und auf die Mauern, hinter denen unzählige Gefangene ihr Dasein fristeten: In Sowjetzeiten waren zeitweilig 5000 Menschen auf dem Gelände untergebracht. Sie wurden für Wochen oder Monate hier eingekerkert, die meisten von ihnen verschwanden dann in sibirischen Gulags. In einer 16-Mann-Zelle hausten 30 bis 40 Gefangene.

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Verlassenes Gefängnis Patarei: Feuchte Wände, abgebröckelter Putz

Selbst 2002, als das Gefängnis aufgegeben wurde, gab es noch 1200 Gefangene. Noch im Januar des Jahres waren zum Beispiel in Zelle 52 des Baus etwa 20 Männer gepfercht, die acht metallenen Doppelstockpritschen eng an eng, das Fenster zugenagelt, ohne Tageslicht, und der Abtritt hinter einem Mäuerchen in der Ecke. Schon 1980 waren alle Fenster zur See mit Stahlplatten verschlossen worden - damit die Häftlinge nicht während des nach Tallinn ausgelagerten Segelwettbewerbs der Olympischen Spiele in Moskau Signale an ausländische Seeleute schicken konnten. Nach den Spielen ließ man die Platten einfach dran, für die nächsten 22 Jahre hockten Hunderte ohne Tageslicht in ihren Zellen.

Außerhalb der Mauern ist die dunkle Geschichte des Ortes schnell vergessen. Seit 2007 ist Patarei Teil des "Kulturparks", ein Schild weist den Weg zum "Prison Bay", dem Gefängnis-Strand, wo Liegestühle im Sand stehen, es in einem kleinen Café selbstgebackenen Kuchen gibt, und die Besucher das Meer durch den Stacheldrahtzaun sehen. Am Strand finden Partys statt, den jungen Leuten und Touristen gefallen der Charme des Verfalls und das wohlige Gruseln an diesem Ort. Von Mai bis September ist Patarei für Besucher geöffnet, Führungen gibt es das ganze Jahr.

Dabei kann etwa die Bibliothek besichtigt werden. Auf einfachen Holzregalen liegen Bücher auf Russisch und Estnisch, es sind nicht mehr viele. Vor ein paar Jahren noch waren die Regale voll, erzählt Pilt, aber die Leute nehmen sie als Andenken mit, sie bemalen die Wände, Spuren von Vandalismus sind allgegenwärtig.

"Dieser Ort verändert sich ständig", sagt Pilt. Zwei Soldaten mit Gewehr und Bajonett stehen rechts und links von der Treppe - die schwarzen Papier-Silhouetten, aufgeklebt auf die abblätternde Wandfarbe, eskortieren die Besucher bei ihren ersten Schritten in Patarei. An eine Wand ist eine Figur gezeichnet, knallrote Pumps, weißes Kleid und Pose wie Marylin Monroe, das Gesicht mit eckigem Oberlippenbart wie Adolf Hitler. Und im Erdgeschoss ist an einer Wand das Bild einer Madonna mit Kind zu sehen - mit einem Heiligenschein aus Schimmelflecken. Einige Räume sind sogar von Künstlern gestaltet worden, mit Erlaubnis der Behörden. Kadi Pilt hält nichts davon. Für sie ist damit die Kunst zerstört worden, die die Zeit hier geschaffen hat: "In gewisser Weise ist das ein Verbrechen."

Böse, aber friedlich

Doch trotz aller Veränderung gibt es noch immer Ecken, in denen die Zeit stillzustehen scheint: In einem Trakt, der wegen fehlender Beleuchtung nur mit Führung besucht werden darf, sind einige Betten noch immer bezogen. Die weißen Laken sind längst grau und von Motten zerfressen. An den Wänden haben Gefangene einst Striche eingeritzt, ihr Kalender für die Zeit im Höllenloch.

Kadi Pilt sagt über sich selbst, sie sei kein Tourguide, sondern Forscherin. "Ich sammle Geschichten." Immer wieder kommen Zeitzeugen nach Patarei, erzählen, was sie erlebt haben, und die Estin hört ihnen zu, saugt ihre Geschichten auf und erzählt sie den Besuchern weiter.

Pilt nennt den Ort "böse", zugleich aber auch "vollkommen friedlich". Sie zuckt nicht einmal, wenn während der Führung ein Stück Putz von der Decke poltert und die Besucher aufschreien. Auch in den stockdunklen Fluren bewegt sie sich ohne Zögern im Taschenlampenlicht, selbst nachts ist ihr der Ort nicht unheimlich. "Einheimische sagen, Patarei werde von Gespenstern heimgesucht, aber das stimmt nicht. Die Leute wollen diese Geschichten. Es gibt hier keine Geister."



insgesamt 7 Beiträge
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Fundas fundierte Ferndiagnose, 11.09.2015
1. Schon beim Betrachten der Photos hatte ich das Gefühl, ...
... dieses Bauwerk sei eine umfunktionierte, alte Festungsanlage. Und bingo, es war einmal die Seefestung "Patarei" ...
Peter Schetzkens, 12.09.2015
2. Gruselig mit Party?
Der Mensch ist des Menschen Wolf, das ist die Lehre aus Gefängnissen wie Patarei.
Carlos Gomes, 12.09.2015
3. Fotosammlungen
Super Fotos! Ich musste da sofort an die Sammlungen der spanischen Fotografin Eva C. denken, die vor allem ehemalige sowjetische Kasernen in Deutschland fotografiert hat: www.perspekteva.com
Christoph Schuler, 12.09.2015
4.
mit viel Liebe könnte man die Festung wiederherrichten. Eine solche Anlage zu beheizen ist ein großes Problem. Estland ist ein nördliches und kaltes Land. Für die Russen war das Baltikum ein beliebtes Reiseziel. Um das wieder zu ermöglichen, sollte alles getan werden.
Eva Carracedo, 13.09.2015
5.
Hallo! Coole Fotos. Super interesant. Vielen Dank, Carlos Gomes. Ich lade sie herzlich ein, meine Internet-Seite zu besuchen: www.perspekteva.com Ich hoffe, dass sie Ihnen gefällt!
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