Tankerkatastrophe Der schwarze Tod kam am Karfreitag

Tankerkatastrophe: Der schwarze Tod kam am Karfreitag Fotos
Corbis

Es war eines der schlimmsten Umweltdesaster aller Zeiten. Vor 20 Jahren lief der Supertanker "Exxon Valdez" vor Alaska auf Grund. 40 Millionen Liter Öl ergossen sich ins Meer, Millionen Tiere starben qualvoll, bis heute ist die Küste belastet. Schuld hatte der Kapitän - er war betrunken. Von Sven Stillich

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Am Donnerstag, den 23. März 1989 betritt Joseph Hazelwood eine Bar in der Hafenstadt Valdez und trinkt einen Wodka. Es ist 16 Uhr, und noch hat der Kapitän einige Stunden Freizeit hier in Alaska, während die Pipeline am Pier mehr als 200 Millionen Liter Rohöl in seinen Tanker pumpt. Er spielt Darts gegen zwei seiner leitenden Offiziere, er bestellt eine weitere Runde Wodka, dann noch eine. Um 19 Uhr ordert er Pizza für die Crew, die Seeleute trinken weiter.

Es sind diese Stunden, in denen eine Katastrophe ihren Anfang nimmt, die einen ganzen Landstrich ins Unglück stürzen wird. Bis zu einer halben Million Seevögel werden sterben, Tausende Otter und Robben kläglich verenden - und unzählige Fischer werden bald ihre Lebensgrundlage verlieren. Das Schiff, das der Kapitän und seine Männer laut Logbuch gegen halb neun betreten, trägt den Namen "Exxon Valdez". Es ist nun befüllt und bereit zum Auslaufen.

Um 21.12 Uhr legt der 300 Meter lange Tanker vom Terminal der Trans-Alaska-Pipeline ab. Mit an Bord: ein Lotse, der das Schiff durch die Valdez-Meerenge navigieren soll, und der später aussagen wird, dass ihm die Alkoholfahne von Joseph Hazelwood zwar aufgefallen sei, er jedoch keinen Grund gesehen habe, ihn darauf anzusprechen.

Ein Alkoholiker am Steuer des Supertankers

Nachdem die Meerenge durchquert ist, geht der Lotse um 23.25 Uhr von Bord, und Hazelwood übernimmt das Kommando. Er ist ein erfahrener Seemann. Mehr als 20 seiner 42 Lebensjahre arbeitet er bereits für den Exxon-Ölkonzern, neun Jahre davon als Kapitän, die vor ihm liegende Strecke hat er schon hundertmal befahren. Hazelwood ist aber auch ein dem Unternehmen bekannter Alkoholiker, der zwar in Therapie war, aber seine Sucht dennoch nie unter Kontrolle bekommen hat - ein Jahr zuvor hatte er deswegen sogar seinen Führerschein verloren.

Und jetzt macht er den größten Fehler seines Lebens: Denn Minuten, nachdem der Lotse die "Exxon Valdez" verlassen hat, trifft der Tanker auf Eisberge, die von einem nahen Gletscher stammen. Das ist auf dieser Strecke nichts Besonderes. Auch seine Bitte an die Küstenwache, die normale Schifffahrtslinie verlassen zu dürfen, um der Gefahr auszuweichen, ist noch Routine. Als der Kapitän die Erlaubnis erhält, reduziert er die Geschwindigkeit seines Schiffs auf zwölf Knoten und steuert den Tanker mit seinen 20 Metern Tiefgang durch kleine Eisfelder.

Dann jedoch übergibt er das Kommando an den Dritten Offizier, Gregory Cousins, 38. Er gibt ihm präzise Anweisungen, an welcher Position er wieder Kurs auf die übliche Route zu nehmen habe. Zweimal fragt Hazelwood den Offizier, ob er dazu in der Lage sei - und als dieser die Fragen bejaht, geht er in die Kapitänskajüte und legt sich in seine Koje.

Das Unglück nimmt seinen Lauf

Weiß Joseph Hazelwood, dass Gregory Cousins keine Lizenz hat, diese Gewässer zu befahren? Sieht er nicht, dass sein Offizier übermüdet ist? Das weiß bis heute niemand. Es ist 23.50 Uhr. Cousins steht auf der Brücke der "Exxon Valdez" und versucht sie durch den Prinz-William-Sund zu führen, eine Bucht im Golf von Alaska. Nach Osten soll er und dann nach Südwesten, zurück auf die sichere Route. Doch der Offizier navigiert immer weiter Richtung Osten - geradewegs auf einige Riffe zu.

Und die werden ihm zum Verhängnis: Der Tanker prallt auf die Felsen. Sie schlagen steuerbord drei Löcher in die Tanks und reißen Teile der Schiffshülle ab. Cousins versucht, das Schiff zu bremsen, doch auf dem zwei Meilen südlicher gelegenen Bligh Riff läuft die "Exxon Valdez" schließlich auf Grund. In den meisten Öltanks klaffen nun Löcher. Cousins macht dem Kapitän per Telefon Meldung: "Ich glaube, wir haben ein großes Problem." Hazelwood eilt auf die Brücke. "Wir verlieren etwas Öl", sagt er - "ich denke, wir werden eine Weile hierbleiben."

Es ist Karfreitag, der 24. März 1989, 0.04 Uhr. Die Büchse der Pandora ist geöffnet: Das Öl der "Exxon Valdez" ergießt sich in den Prinz-William-Sund. Die Löcher in den Tanks sind so groß, dass bereits fünf Stunden nach dem Aufprall rund 40 Millionen Liter Rohöl das Meer verseuchen. Es ist also schnelles Handeln gefragt - doch genau das passiert nicht: Das für Notfälle dieser Art bereitstehende Schiff ist in Reparatur, und es gibt kaum Ausrüstung, um das Öl zu bergen, das bereits einen sieben Kilometer langen Teppich gebildet hat. Erst nach 18 Stunden trifft der erste Hilfstrupp bei dem lecken Tanker ein.

So wird die Chance vergeben, das Massensterben zumindest zu begrenzen: Am 27. März kommt ein starker Sturm auf, der das Öl immer mehr verteilt, bis der schmierige Teppich mehr als 7500 Quadratkilometer groß ist und rund 2000 Kilometer Strand verschmutzt. Zum Vergleich: Schleswig-Holstein hat insgesamt nur 1200 Kilometer Küste.

Kampf gegen den schwarzen Tod

Als schließlich Hilfskräfte in ausreichender Menge eintreffen, wütet bereits der schwarze Tod. An den Stränden kämpfen verklebte Vögel ums Überleben. Und auf dem Meer wird die "Exxon Valdez" von Flugzeugen und Tankern umschwärmt, die eilig das noch in den Tanks des Schiffs befindliche Öl abtransportieren. Exxon stellt in den kommenden Wochen rund 11.000 Gelegenheitsarbeiter ein, die mit Chemikalien und Hochdruckreinigern die Küste säubern. Am 29. März wird damit begonnen, Tausende tote Tiere zu sammeln und zu vernichten. Die Arbeiten dauern drei Jahre an, sie kosten Exxon zwei Milliarden Dollar. Doch nicht nur die Tierwelt leidet: Noch vor ein paar Tagen gab es hier Hunderte Fischer, die nun nichts mehr zu fangen haben. Wer Glück hat, bekommt einen Job bei Exxon und säubert nun Strände vom Öl.

Wer aber ist verantwortlich für die Tragödie? Dass der Kapitän betrunken war, darf für das Gericht in Alaska keine Rolle spielen. Denn sein Blut hatte zwar noch Stunden nach dem Unfall einen Alkoholgehalt von 0,6 Promille aufgewiesen - die Blutprobe wurde jedoch zu spät entnommen, um als Beweis zu zählen. Joseph Hazelwood wird milde verurteilt: Er muss wegen "fahrlässigen Ablassens von Öl" 50.000 Dollar zahlen und tausend Stunden gemeinnützige Arbeit in Alaska leisten. Erst 2001 sollte er damit fertig sein - und nie wieder wird er als Kapitän arbeiten. Er wird zwei Jahrzehnte lang schweigen und sich erst im Frühjahr 2009 in einem Interview "aus ganzem Herzen entschuldigen für den Schaden, der daraus resultierte, dass ein Schiff auf Grund lief, über das ich das Kommando hatte."

Bleibt die Betreiberfirma des Tankers: Exxon, in Deutschland bekannt unter dem Namen "Esso". Ist Exxon ein Vorwurf zu machen? Der Unfall kostet den Konzern Unmengen Dollar, er zahlt Schadenersatz an die betroffenen Fischer und für die Reinigung der Strände, betont dabei jedoch stets, dass die Havarie lediglich durch unglückliche Umstände ausgelöst worden sei und das Unternehmen keine unmittelbare Schuld träfe.

Zweiter Frühling für das Unglücksschiff

Dennoch wird Exxon 1994 zu weiteren Zahlungen von fünf Milliarden Dollar verurteilt - dem Gewinn des Konzerns in diesem Jahr. Der Grund: Die Firma habe Hazelwood als Kapitän eingesetzt, obwohl er dort als Alkoholiker bekannt gewesen sei. Gegen dieses Urteil ging der Konzern jahrelang mit immer neuen Revisionen vor - und das mit Erfolg: Im Juni 2008 verringerte der Oberste Gerichtshof der USA die zu zahlende Strafe auf 500 Millionen Dollar. Der inzwischen als "ExxonMobil" firmierende Konzern gab daraufhin bekannt, 75 Prozent der Strafe an die Geschädigten auszubezahlen - rund 20 Jahre nach der Katastrophe.

Sicher ist: Hätte die "Exxon Valdez" eine doppelte Außenwand gehabt, wäre die Katastrophe zumindest nicht so groß ausgefallen. Als Folge der Tragödie erließen die USA 1989 eine Richtlinie, nach der alle neuen Tanker, die amerikanische Häfen anlaufen wollen, eine Doppelhülle haben müssen. Die "Exxon Valdez" selbst ist nach ihrer Reparatur nie wieder nach Alaska zurückgekehrt, sie fuhr aber noch lange Jahre als "SeaRiver Mediterranean" über die Meere. Erst 2002 wurde das Unglücksschiff abgetakelt.

Das Schiff selbst also hat heute seine letzte Ruhe gefunden, auch ExxonMobile wird irgendwann seinen letzten Gerichtsprozess geführt haben - nur die Natur des Prinz-William-Sunds wird noch lange unter den Folgen der Havarie leiden. Da sich das Öl wegen der arktischen Temperaturen nur langsam natürlich zersetzt, ist dort immer noch Öl aus der "Exxon Valdez" nachweisbar. 2006 sprechen Forscher von 100.000 Litern, die sich noch in den Gewässern und an den Küsten befänden. Viele Tierarten haben sich von der Katastrophe nie mehr erholt, und da gerade kleine Tiere mit Öl belastet sind, ist damit die Nahrung für Otter und Seevögel kontaminiert - das Öl schmiert die Nahrungskette.

Die "Exxon Valdez" hat eine unendliche Ölpest ausgelöst, und das nicht nur zum Schaden der Tierwelt: Viele der Arbeiter, die damals täglich 18 Stunden die verschmutzten Küsten mit Chemikalien säuberten, leiden bis heute an Lungenproblemen, Nervenkrankheiten, vergrößerten Lebern oder ständigem Nasenbluten. Diese Menschen sind die unsichtbaren Opfer der "Exxon Valdez" - und von einigen Wodkas in einer Bar am 23. März 1989.

Zum Weiterlesen:

Sharon Bushell und Stan Jones: "The Spill: Personal Stories from the Exxon Valdez Disaster". Epicenter Press, Kenmore, Washington 2009, 288 Seiten.

Mehr Informationen zu dem Buch finden Sie auf der Seite www.epicenterpress.com

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Daniel Sachse 23.03.2009
Das Schiff wurde nicht 2002 abgetakelt. Glaubt man Wikipedia, so befährt das Schiff, derzeit unter der Flagge der Marshall-Inseln, die Ozeane Ostasiens.
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