Tanz-Hype Lambada Kreisende Hüften, bebende Becken

Tanz-Hype Lambada: Kreisende Hüften, bebende Becken Fotos

Im Spätsommer 1989 lernten die Deutschen den Hüftschwung. Ein geklauter Song namens "Lambada" brachte die Tanzschulen zum Bersten. Der Turbo-Tango war erotischer als "Flashdance", dreckiger als "Dirty Dancing" - und verwandelte die Deutschen in ein Heer von Möchtegern-Brasilianern. Von

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Es muss eine heiße Betriebsfeier in dem westfälischen Dörfchen Gronau gewesen sein. Etwas zu heiß für den Chef der Firma. Denn der Spediteur aus dem Münsterland bezichtigte eine seiner Angestellten der Prostitution - sie hatte auf der Feier eine Lambada aufs Parkett gelegt. "Wie ein Mädchen aus Hamburg, wie eine Dirne" habe sie sich benommen, zürnte der Unternehmer. Prompt erlitt die so gescholtene junge Dame einen Weinkrampf, begab sich in ärztliche Behandlung und kündigte. Der Fall sorgte bundesweit für große Aufregung und landete schließlich vor Gericht. Für seine schmähliche Beleidigung musste der Gronauer Unternehmer 2000 Mark Schmerzensgeld sowie Lohnersatz zahlen. Das historische Urteil des Sommers 1990 lautete: Lambada ist nicht unsittlich.

Dabei liest sich die Beschreibung des Kult-Tanzes von 1989 rückblickend kaum anders als eine Anleitung für das Erste Mal: Halte den Partner eng umschlungen. Dein Bauch reibt sich an seinem Bauch, dein Schenkel schiebt sich zwischen seine Schenkel. Dazu kreisen eure Hüften und zittern eure Becken. Atmen nicht vergessen.

Aus Frankreich importiert, eroberte im Frühherbst 1989 plötzlich der simpel-erfrischende Song "Lambada" die deutschen Charts. Gesungen wurde er von einer Band namens Kaoma. Am 25. September landete "Lambada" auf Platz eins der Hitparade, um dort zehn Wochen lang zu verharren; zwei Millionen Bundesbürger kauften sich die Single. Mit dem Ohrwurm brach der gleichnamige Tanz über Deutschland und die Welt herein und löste eine Hysterie aus, die ihresgleichen sucht. Wer einmal das Musikvideo gesehen hatte - es zeigt das Kinderduo Chico und Roberta in heißer rhythmischer Ekstase vor herrlich-brasilianischer Strandkulisse - wollte umgehend auch so schön mit den Hüften wackeln können.

"Vom Lada zum Lambada"

Eine Bewegung, die übrigens technisch kniffelig und extrem schweißtreibend ist. Während die Unterkörper rotieren, müssen die Beine Tanzschritte vollführen, und all das in leicht geduckter Haltung, um schnell auf die treibenden Synkopen der Musik zu reagieren. Doch obwohl nur die Wenigsten die hierfür nötige Sportlichkeit und Eleganz mitbrachten: Die Menschen waren wild auf Lambada. Die Tanzschulen konnten den Ansturm an Lernbegierigen kaum bewältigen, und für kurze Zeit fand jedes Wochenende irgendwo in der Republik ein Lambada-Wettbewerb statt.


Die Lambada-Hits auf Youtube:

Kaoma: "Lambada"

Andrea Jürgens: "Wir tanzen Lambada"


Selbst aufs Fußballfeld schaffte es der laszive Hüftschwung - dank Kamerun-Stürmer Roger Milla, der bei der Weltmeisterschaft 1990 nach jedem seiner Treffer den sogenannten Eckfahnen-Lambada zelebrierte. Und die zerbröselnde DDR stieg, dank dem Tanzkurse sendenden TV-Format "Elf 99" gar zum "fanatischsten Lambada-Land der Welt" auf, wie der SPIEGEL in seiner Geschichte "Vom Lada zum Lambada" befand.

"Endlich!", freute sich das französische Magazin "Nouvel Observateur", das dem Tanzfieber im Juli 1989 eine eigene Titelgeschichte widmete. "Endlich! Nach 20 Jahren isolierten Zuckens, mitten in der Aids-Explosion, nach der schwarzen Ära des Puritanismus tanzen die Paare Lambada, und die Lambada hat nur ein einziges Programm: sea, sex and smile."

Dreckiger als "Dirty Dancing"

"HinternBeckenKreisenWackelnWendenWedelnStoßen" beschrieb die "taz" den neuen Tanz deutlich weniger sinnlich und hatte recht: Die Lambada "erotisch" zu nennen, wäre der reinste Euphemismus. Der Name ist mit "Peitschenhieb" beziehungsweise "Unanständigkeit" übersetzbar, der Tanz sah nach Beischlaf aus und basta. Er war sogar noch dreckiger als die verschwitzten Mambo-Orgien aus "Dirty Dancing", da enger und schneller. Das brachte auch die katholische Kirche in Wallung. Zum Beispiel in Guatemala, wo die Bischofskonferenz sich dafür stark machte, die aus dem Boden sprießenden Lambada-Filme zu verbieten - und die triefende US-Schmonzette "Lambada - The Forbidden Dance" war nur die Spitze des Eisbergs.

Allerdings war dies nicht das einzige Mal, dass Lambada die Gemüter erhitzte. Denn der Song zum Tanz war geklaut. Nachdem die bolivianische Urversion der Gebrüder Hermoza von 1981 mit ihrem Song erfolglos geblieben war, hatte Márcia Ferreira aus Brasilien das Stück fünf Jahre später gecovert - ebenfalls glücklos. Zwei französische Showbiz-Größen, Jean Karakos und Olivier Lorsac, begeisterten sich schließlich bei einem Brasilien-Urlaub für das Lied und den dort in Mode gekommenen Lambada-Tanz.

left false custom

Nach Paris zurückgekehrt, stellten die beiden Geschäftsmänner rund um die brasilianische Leadsängerin Loalva Braz eine Band namens Kaoma zusammen, nahmen den Titel "Ferreiras" neu auf und brachten ihn im Juni 1989 als "Lambada" auf den Markt: ein genialer Marketing-Coup, im Verein mit dem TV-Sender TF 1 sowie der Brausefirma Orangina lanciert. Song und zeitgleich promoteter Tanz schlugen ein wie eine Bombe - allein die eigentlichen Urheber des gigantischen Erfolgs, die bolivianischen Komponisten nämlich, schauten Anfangs in die Röhre. Sie hatten nicht daran gedacht, den Song urheberrechtlich schützen zu lassen. So kam es erst nach einem langwierigen juristischen Schlagabtausch zu einem Vergleich.

Vom Sex-Tanz zum Gesundheitsschuh

Der schwache Trost der bolivianischen Songwriter: "Lambada" blieb der einzige Hit der Kunstband Kaoma, der Stringtanga ihr vielleicht dauerhaftestes Vermächtnis an den alten Kontinent. In der Folge verebbte auch die Lambada-Welle ebenso rasant, wie sie die Welt von Frankreich aus überspült hatte. Der Song war kaum aus den Charts herausgeflogen, da interessierte sich, so der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband im Rückblick, "kaum noch jemand dafür, Lambada zu lernen".

1994, als die Hysterie längst vorüber war, setzte Andrea Jürgens dem insgesamt 21-mal gecoverten, in den Hitparaden von elf Ländern auf Platz eins notierten Song ein vorerst letztes Denkmal in Deutschland: "Spürst du, wie das Feuer in mir brennt, beim Tanz, den die Welt Lambada nennt", säuselte die Bardin und ließ es noch einmal kurz auflodern in der deutschen Seele. Heute fristet das Phänomen Lambada das traurige Schattendasein all der anderen Jugendsünden: belächelt, verdrängt, vergessen.

Trotz alledem: So mancher Werber greift noch immer beherzt auf das Label Lambada zurück. Gern dann, wenn es gilt, eine per se unerotische Angelegenheit exotisch aufzuladen, etwa Birkenstock-Pantoletten, Modellflugzeuge und Hängematten. Doch auch Erlebnisbäder, Törtchen und Longdrinks werden heute "Lambada" getauft - wenigstens hier lebt der dreckigste aller Tänze weiter.

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