Tapete Ein Leben auf der Tapetenbahn

Tapete: Ein Leben auf der Tapetenbahn Fotos
Ferdi Keuter/Pickhardt + Siebert GmbH

Früher oder später bringt jeder einmal ein paar Rollen Rauhfaser achtlos auf die Wand. Dabei sind Tapeten ein eigenes kleines Universum, in dem man sich verlieren kann. Ferdi Keuter ist darin abgetaucht - und schildert seine Erfahrungen.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 4 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.3 (239 Bewertungen)

Ich bin praktisch mit Tapeten groß geworden. Mein Vater Philipp verarbeitete in seinem Malerbetrieb einige Rollen Tapete, obwohl direkt nach dem Krieg die Mehrzahl der Wände nur gestrichen und mit Schablonen verziert wurde. In den Vierziger Jahren gab es noch keinen Großhandel. Die Vertreter der Hersteller reisten durch ganz Deutschland, um Geschäften und Malerbetrieben ihre Produkte anzubieten und schauten regelmäßig bei Malermeister Keuter vorbei.

Stets kamen sie zu zweit. Ein Vertreter galt damals noch als "Bevollmächtigter". Er trug die Tapeten-Kollektionen nicht selber, er ließ tragen - von seinem Assistenten. Die dicken Muster-Bücher bestanden aus DIN A1 großen Blättern. Ich, damals neun Jahre alt, beobachtete eine Präsentation recht gelangweilt. Der Gehilfe hatte das bemerkt. Er nahm das letzte Blatt und bastelte daraus Papierflieger für mich. Mir war das unangenehm. Eine Kollektion durfte man nicht "zerstören".

Ich begann meine Malerlehre. Zwei Jahre später steckte ich in der Prüfung in der Jugendherberge von Rurberg. Für den praktischen Teil mussten die Wände der Herberge herhalten. Jeder Prüfling durfte fünf Bahnen Raufaser verkleben. Meine Wand sah nicht gut aus: die Bahnen krumm und schief. Da ich in den ersten Jahren im Betrieb nie tapezieren durfte, hatte ich keine Übung. Note: 4. Die Technik lernte ich erst danach, während der damals noch fast legalen Schwarzarbeit. Selbst Meister duldeten die Jobs. Bald entwickelte sich Tapetenverarbeiten zu meiner Stärke.

Die Krönung der Klebekunst

Nach der Gesellenprüfung arbeitete ich für Rudi, einen kleinen, eher schmächtigen Mann, mit hervorragendem Können und kaufmännischem Geschick. Doch manchmal musste sogar der Meister kapitulieren. Wir sollten bei einem betuchten Kunden eine handbedruckte Tapete verkleben. Da es sich bei dem Produkt um echte Handfertigung handelte, passten die Ränder des Musters nicht aufeinander. Wie wir die angesetzte Papierbahn am Rand auch schoben, nach oben oder unten, erst Geselle, dann Meister, das Muster wurde einfach nicht bündig. Wir reklamierten die Rollen.

Am nächsten Tag kam die verbale Ohrfeige vom Hersteller. Der Vertreter gab uns bei seinem Besuch zu verstehen, das sei bei einem Handdruck völlig normal. Wenn wir so wenig von hoher Druckerkunst verstünden, sollten wir künftig von solchen Dingen besser die Finger lassen. Und verschwand mit Paukenschlag: "Wenn Sie sich weiter blamieren möchten, lassen Sie noch einen Sachverständigen kommen". Das haben wir uns erspart und mit dem Kunden eine andere Tapete ausgesucht. Ich frage mich allerdings noch heute, ob er bloß geblufft hat.

Für die anstehende Meisterprüfung hatte ich mir zum Tapezieren unseres Wohnzimmers eine Tekko-Tapete ausgesucht. Das sind hochwertig beschichtete Tapeten, die zu den edelsten und teuersten Wandbekleidungen zählen, die heute nur noch auf Bestellung hergestellt werden. Dieses Spezialpapier erfordert höchsten Einsatz und gilt als Krönung der Klebekunst. Die Arbeit gelang mir an sich sehr gut, bis auf einen kleinen Schönheitsfehler: Die Kaminecke war nicht gerade gemauert, und das Muster machte den baulichen Mangel deutlich sichtbar. Die Streifen liefen unten spitz zusammen - Gesamtnote Vier! Begründung: "Sie hätten Ihrem Kunden (war ich selber) die Streifen ausreden müssen". Dumm gelaufen. Die Verklebung brachte es allerdings auf eine glatte Eins.

Verwechslungen in Wermelskirchen

Noch eine Episode fällt mir ein: Konkurrenz belebt das Geschäft heißt es zwar, sorgte in Wermelskirchen aber für allerlei Verwechslungen. Auf ein und derselben Straße betreiben nämlich zwei verschiedene Tapetenhändler mit dem Namen "Schmitz" einen Laden! Da war es unvermeidlich, dass Post und Bahn etliche Sendungen falsch zustellten. Einer der beiden Schmitzens kaufte fast ausschließlich bei dem Hersteller Mohr. Das erklärte er den Lieferanten, und bald hieß er nur noch Schmitz-Mohr - bis zum heutigen Tag. Der andere Schmitz blieb auf der Strecke ...

Dabei konnte, wer schnell war, richtig gute Umsätze erzielen. 1987 stellte uns die Tapetenfabrik Mohr eine neue Produktreihe vor. Total begeistert fuhr ich nach der Vorführung am Freitagnachmittag, sofort bei einigen großen Kunden vorbei und schrieb Superumsätze. Voller Stolz meldete ich die Zahlen abends noch telefonisch meinem Vorgesetzten. Der orderte mich forsch zu Montagmorgen nach Bochum in sein Büro. In aller Früh. Die Zeit war so bemessen, dass ich vorher keinen Kunden mehr aufsuchen konnte. Angeblich sollten die Aufträge sofort in den Versand gehen. Ob er mir den Erfolg nicht geglaubt hat? Ich vermute es. Der Tapetenfabrik hat der kurzfristige Erfolg nicht genützt - sie existiert nicht mehr.

Kundenberatung in Köln, Sommer 1986. Ein altes, denkmalgeschütztes Haus wurde umgebaut. Für die Erklärung aller notwendigen Vorbehandlungen der Wände vor dem Tapezieren wurde ich als Berater hingeschickt. Ich schellte an der Haustüre und traute meinen Augen nicht: Vor mir stand ein Mann in einem kunterbunten Kasperle-Kostüm! Der hatte doch garantiert einen Sockenschuss ... Mein Gegenüber, der meinen abschätzigen Blick bemerkt hatte, stellte sich unverzüglich vor. Er sei Abteilungsleiter bei der Deutschen Welle und hätte das Haus gekauft. Da er keine passende Arbeitskleidung besäße, habe er auf eine Kleiderkiste im Haus zurückgegriffen. Dann fragte er: "Geht es ihnen jetzt besser?" Nein, es ging mir überhaupt nicht besser. Ich habe mich für mein Verhalten geschämt und an das Sprichwort gedacht: Wie du kommst gegangen, so wirst du auch empfangen.

Artikel bewerten
3.3 (239 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ferdi Keuter 11.05.2010
Das Leben auf der Tapetenbahn endet fast zweimal auf der Autobahn. Es ist Winter im Jahre 1994. Die Übernachtung im Hotel ?Gutshof? war in Ordnung, das Frühstück exzellent. Die Fahrt soll von Neunkirchen / Saar erst nach Pirmasens gehen, später treffe ich einen Kollegen in Kassel. Ein ganz normaler Tag für Verkaufsleiter, die Großkunden besuchen. Dem Hotel fast gegenüber ist eine Tankstelle, da muss ich erst hin. Auf dem Wege zum Auto stelle ich fest, der Hof ist spiegelglatt. Fast muss ich auf allen Vieren kriechen um die Wagentüre zu erreichen. Auf Anhieb komme ich die Steigung nicht hoch, die zur Straße führt. Ich versuche es auf der Rückseite des Hauses und schaffe es. Die Autobahn ist nass und unsicher, die Teerdecke wird aber bald heller, ich denke trockener. Da ich in Zeitnot bin, wird meine Geschwindigkeit ungemessen schneller. In einer Rechtskurve gefriert mir das Blut in den Adern. Ein Mann kommt mir heftig winkend entgegen. Bremsen ist zwecklos, die Bahn ist mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Gott die Dank flüchtet der Winkende zur Seite, ich kann weiter rutschen. Dann sehe ich hinter der Kurve das Fiasko. Auf der Autobahn stehen ein Laster und einige PKW quer. Ich sehe eine enge Gasse und schaffe die Durchfahrt. War das Können, Zufall oder nur Glück. Auf dem nächsten Rastplatz atme ich durch und telefoniere mit der Firma, erzähle von meinem Glück. Kollege Ditmar erwartet mich in Kassel, nach einer kurzen Rast geht es weiter nach Bad Hersfeld. Jeder nutzt seinen Wagen, da sich unsere Wege nach einem Kundenbesuch wieder trennen. Die Autobahn ist dreispurig und langweilig, daher wird untereinander telefoniert. Bald wird sich die ?Langeweile? legen, Fahrkunst ist gefordert. Auf der mittleren Spur fährt ein polnischer PKW mit Hänger. Auf diesem türmen sich ebenfalls Autoanhänger. Zählen konnten wir sie nicht, aber es waren einige. Nun löst sich ein Spanngurt, die Hänger fallen von Gefährt. Hüpfend springen sie auf ihren Gummireifen über die Fahrbahn. Wir schaffen es, dass jeder von uns auf seiner Bahn an dem Ünglücksgefährt vorbei kommt. Auf dem Kundenparkplatz in Bad Hersfeld treten die Profis zu Tage. Unsere einzigen Worte waren: Der war wohl nicht ganz normal. Basta
2.
Ferdi Keuter 12.05.2010
Das Leben auf der Tapetenbahn führt mich im Dezember 1992 in die Nähe von Görlitz. Dort soll der ?5 er? in der Dunkelheit ?besonders begehrt sein?. Nach genau 8 Stunden Autofahrt bin ich gegen 16:00 am Zielort Markersdorf. Hier besuche ich einen Großkunden. Beiläufig erkundige ich mich nach einer Bleibe für die Nacht, dabei denke ich an Görlitz. Davor hat man mir aber dringend abgeraten. Einige meiner Kollegen seihen am Morgen ohne Auto gewesen, oder gewisse Teile daraus gestohlen worden. In wie weit das stimmt, ich persönlich habe nie mit einem Bertoffenen gesprochen während meiner ständigen Reisen. Es wurde nach der Wende auch viel Unsinn erzählt. Aber von jedem Gerücht bleibt etwas hängen. Ich checke einige Kilometer entfernt im ?Hotel Zum Marschall Duroc? ein. In Holtendorf, vor den Toren von Görlitz, in der attraktiven Region Niederschlesische Oberlausitz, empfängt mich das privat geführte Komforthotel. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat einen eigenen Parkplatz hinter dem Haus. Dieser ist von der Straße nicht einzusehen. Dieser Zustand beruhigt mich erst Mal. Wir können unsere Hotels stets ?leistungsgerecht? auswählen, bleiben aber in der Regel im normalen Standard. Das Hotel empfängt mich mit familiärem Charme. Die Dame des Hauses dekoriert gerade die Hotelhalle mit Weihnachtsschmuck. Eine ungewöhnliche Stimmung empfinde ich in diesem Haus, vielleicht spezifisch für die Region Niederschlesien? Nach ruhiger Nacht, noch vor dem Frühstück, bringe ich meine Reisetasche zum Auto. Auffällig ist eine Reihe von PKW auf dem Parkplatz. Alle gehören der Oberklasse an, meiner bildet da schon das Mittelfeld. Auch ungewöhnlich schmutzig sind die Karossen. Nach dem Frühstück gehe ich zu meinem Fahrzeug und sehe an einem dieser ?Schmutz-Autos? einen Mann der genau dem gleichen Bild entspricht. Einen Rasierer hat der Bart schon lange nicht gespürt. Als dem ?Herrn? dann auch noch beim Beladen vom Kofferraum ein Halfter mit Pistole fast aus der Jacke fällt, bin ich bedient. An dem Tresen bekomme ich Entwarnung. Es sind Männer vom Bundesgrenzschutz, die hier übernachten. Ein angebliches Abenteuer entzauberte sich.
3.
Regine Jentzsch 14.07.2011
Lieber Herr Keuter, so finde ich Sie wieder - zufällig über die Luftaufnahme der Tapetenfabrik Mohr mitsamt Link zu diesem Artikel. Für mich ebenfalls eine Zeitreise, hat doch die "Flachware" vom ersten Ausbildungstag an zum großen Teil auch meinen Werdegang geprägt. Mit Exkursionen, Fachseminaren, dem Deutschen Tapetenmuseum sowie lehrreichen Stationen. Interessante Kontakte zu namhaften Herstellerhäusern ergaben sich gerade während der Großhandelszeit. Nebenbei; nicht zuletzt war mir der gute Draht zu Frau Kyeck, damals Handlungsbevollmächtigte bei Rasch, später auf der Heimtex bei einer kleinen "Versorgungslücke" dienlich. Viele Erinnerungen. Die Variationsbreite, vielfachen Impulse, Produktanwendungen oder Gestaltungsaspekte entfielen freilich bei der späteren Tätigkeit in der Sachgebietsbetreuung. Aber ich denke gerne an die Zeit im Hause Mohr zurück und auch an die gute Zusammenarbeit mit Ihnen. Meine Güte, das "Hör' mal, Schätzelein" von Frau Heinen (Beißel, Aachen) entlockt mir heute noch Schmunzler. Schönes und informatives Bildmaterial stellen Sie hier zur Verfügung. In der Tat gibt die Sache viel Wissenswertes her, das weit über das schnöde Eindecken im Baumarkt hinausgeht. Epochale Kultur- und Designzeugnisse. Aber wie in vielen Bereichen gibt es eben auch hier Klasse und Masse. Leider war ich in den 70ern nicht weitsichtig genug, das eine oder andere ausgediente Bauhaus Musterkartenexemplar aufzubewahren. Wären heute kleine Schätze. Ich grüße Sie ganz herzlich! Die (ehemals) Lanfermännin
4.
Regine Jentzsch 14.07.2011
Ein Bildkommentar: "Einige Kritiker behaupteten, diese Zeit, sei gar kein eigenständiger Stil gewesen." Eine eher haltlose Behauptung dieser Kritiker zum Jugendstil (in Frankreich Art Nouveau - mit leichter Zeitverschiebung in den verschiedenen Ländern). Dieser Formenbruch mit allem Althergebrachten war in seiner vermeintlichen Gestaltungsfreiheit totalitäter als vielleicht jede andere Stilrichtung. Jugendstil konnte nur sich vertragen und Räume mit aller Konsequenz vereinnahmen - jedes andere Element wäre störend gewesen. Ein absoluter und 100% eigenständiger Stil! Moderater wieder die Art Decó oder Bauhaus Richtungen. Ein Bau der Neuen Sachlichkeit verträgt souverän auch inwendigen Stühlesalat. In den vergangenen Jahrhunderten verliefen Kunstepochen und Stilrichtungen brav nacheinander. Neuzeit und Gegenwart zeichnet sich durch zunehmende Parallelströmungen aus, was die Sache vielleicht nicht immer einfach macht.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen