Tarnung im Zweiten Weltkrieg Amerikas Werke und Hollywoods Beitrag

Tarnung im Zweiten Weltkrieg: Amerikas Werke und Hollywoods Beitrag Fotos

Aus Angst vor japanischen Bombern versteckten die USA während des Zweiten Weltkriegs ihre Flugzeugwerke an der Westküste unter gigantischen Tarnnetzen. Filmstudios errichteten darauf ganze Fassadenstädte, Gummiautos inklusive. Der Aufwand war enorm - und am Ende nutzlos. Von

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Es ist ein sonniger Tag in Santa Monica, Kalifornien, 1942. Auf den großzügig angelegten Straßen herrscht kaum Verkehr. Vor einem der kleinen, schlichten Einfamilienhäuser ist ein Wagen geparkt. Im Vorgarten steht ein Mann und sprengt den Rasen, während eine Frau im Badeanzug am Gartenzaun kniet und die Hecken schneidet. Ein ruhiger, beschaulicher Ort.

So sieht es jedenfalls aus. Auf den Fotos. So sollte es aussehen. In Wahrheit musste in dieser Kleinstadtidylle ein Höllenlärm geherrscht haben. Denn direkt darunter schraubte die Douglas Aircraft Company zur selben Zeit unermüdlich an ihren Flugzeugen. Die USA waren gerade in den Zweiten Weltkrieg eingetreten und der Flugzeugbauer gehörte zu den wichtigsten Produzenten des Landes. Die Kulisse auf seinem Dach war Teil der Strategie.

Seit der Nutzung von Luftbildaufnahmen waren Tarnen und Täuschen das Gebot der Stunde. Nie zuvor war die Irreführung feindlicher Aufklärungsflieger so wichtig. Tarnung gehörte deshalb im Zweiten Weltkrieg zum Standardrepertoire der Kriegsführung. In Kalifornien brachte sie 1942 ihr Paradestück hervor - ein Meisterwerk von ebenso detailversessener wie nutzloser Perfektion. Angetrieben von einer Paranoia, die die gesamte Westküste erfasst hatte - einer panischen Angst vor Japanern, die hinter jedem Baum und jedem Strauch, vor allem aber jeden Augenblick aus der Luft erwartet wurden.

Auf der Zielscheibe des Feindes

Der überraschende Angriff der japanischen Streitkräfte am 7. Dezember 1941 auf die in Pearl Harbor auf Hawaii vor Anker liegende US-Pazifikflotte hatte die USA ins Mark getroffen. Den Japanern war es gelungen, einen Großteil der amerikanischen Schlachtschiffe auszuschalten. In nur zwei Monaten hatte sie Guam, Hongkong, Manila und Singapur erobert - und so die absolute Überlegenheit im Pazifikraum errungen. Zunächst in der Metropole Los Angeles und bald darauf im ganzen Bundesstaat Kalifornien breitete sich die Angst vor einer japanischen Invasion aus, verstärkt durch ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Verwundbarkeit.

Anlass dafür gab es durchaus: Die japanische Marine hatte vor der Küste Südkaliforniens mehrere Frachter versenkt und Öltanker beschädigt; nun waren über dem US-Territorium sogar Flugzeuge beobachtet worden, die zuvor von japanischen Kriegsschiffen aufgestiegen sein sollen. Auch die Militärs waren zunehmend besorgt. Schließlich standen hier kriegswichtige Industrien. Zwei Drittel der gesamten Flugzeugproduktion des Landes kamen aus der Region. Nördlich von Los Angeles befanden sich die Fertigungsstätten von Douglas, Lockheed, North American Aviation und Vultee. Außerdem Ölraffinerien und Schiffswerften, die bei den Feinden - so vermutete man - ebenfalls ganz oben auf der Liste möglicher Bomberziele stünden.

Das US-Kriegsministerium beauftragte deshalb seine Streitkräfte an der Pazifikküste mit dem Schutz der wichtigsten Einrichtungen. Wie aber war eine so gewaltige, passive Verteidigungsaufgabe zu bewältigen? Die Frage stellte sich vor allem Major John F. Ohmer, der seit 1938 einer kleinen Camouflage-Einheit, dem 604. Pionierbataillon der 4. Armee, vorstand und nun entsprechende Vorkehrungen treffen sollte.

Verstärkung aus Hollywood

Seit Ohmer während der Luftschlacht um England persönlich miterlebt hatte, wie die Briten durch geschickte Tarnung die deutsche Luftwaffe derart irreführten, dass deren Piloten einen Großteil ihrer Bomben über freiem Feld abwarfen, hatte er dem US-Kriegsministerium immer wieder Pläne für Tarnmaßnahmen vorgelegt. Seine Vorschläge waren jedoch stets abgelehnt worden - aus Kostengründen, wie der Ingenieur vermutete.

Nun, im Frühjahr 1942 waren seine Ideen zum ersten Mal in der Praxis gefragt. Während sich Ohmer dabei zunächst auf die Tarnung militärischer Anlagen konzentrierte, griff die nervöse Zivilbevölkerung bereits zur Selbsthilfe. Wie etwa Donald Douglas, Präsident der Douglas-Flugzeugwerke. Er wollte nicht darauf warten, bis ihm die Regierung zu Hilfe kam und beauftragte stattdessen seinen Chefingenieur und Testpiloten Frank Collbohm sowie den Architekten Harold Roy Kelley mit der Tarnung der Werksanlagen.

Was ihnen dabei entgegenkam, war die Tatsache, dass in der Bevölkerung die Frustration über die Hilflosigkeit mittlerweile so groß war, dass einfach jeder irgendetwas tun wollte. Das betraf auch viele Beschäftigte der Warner-Bros.-Filmstudios in Los Angeles, einschließlich Bühnenbildnern, Zimmerleuten, Malern, Beleuchtern, Animateuren und Art-Direktoren. So konnte Douglas aus einem Pool von Talenten schöpfen, die es virtuos verstanden, mit Holz, Draht, Stoff, Gips und Farbe umzugehen.

Der große Umbau

Sie positionierten 400 hohe Stangen auf dem Werkgelände und überspannten die Hangars, das Terminal, Parkplätze und diverse andere Gebäude mit Maschendraht. Auf dem Gitter legten sie Stoffbahnen aus, befestigten Häuser aus leichtem Sperrholz mit Wellblechdächern, dazu Garagen, Zäune, Büsche und Bäume, die sie ebenfalls aus Draht gefertigt, dann mit Hühnerfedern beklebten und schließlich farbig angesprüht hatten.

Aus der größten Flugzeughalle wurde so ein sanft zur Seite abfallender Hügel, der sich unauffällig in die reale Landschaft einpasste. Straßen und Gehwege wurden so auf die Abdeckung gemalt, dass sie optisch eine Verlängerung der echten Zufahrten und Bürgersteige angrenzender Wohnbezirke bildeten. Von April bis Oktober 1942 verbauten die Helfer so fast fünf Millionen Quadratmeter Maschendraht und schufen so einen ganzen Stadtteil, der nun die Douglas-Werke verbarg.

Lediglich die Start- und Landebahnen waren frei geblieben und mit rechteckigen Formen in grüner, grauer und schwarzer Farbe besprüht worden, die aus der Vogelperspektive Rasen, Baseball-Plätze und Häuserzeilen simulieren sollten. Zeitgleich errichteten die Konstrukteure auf einem Feld einige hundert Meter entfernt eine Replik des Werks, die den erwarteten Bomberpiloten als Köder dienen sollte.

Aus der Luft betrachtet schien das Meisterwerk perfekt - fast zu perfekt, denn es soll vorgekommen sein, dass Testpiloten auf dem Weg zu Douglas Aircraft den rund 15 Hektar großen und nun bemalten Landeplatz Clover Field nicht fanden. Stattdessen wichen sie auf andere Flughäfen aus und beschwerten sich darüber, dass man das Rollfeld verlegt habe.

Verkleidung für ganz Kalifornien

Auch die Militärs zeigten sich beeindruckt von der Douglas-Kreation, und Major John F. Ohmer weitete die Verhüllungsmaßnahmen aus: Mit Hilfe einer Armee aus Künstlern, Architekten und Soldaten ließ er schließlich 34 Luftwaffenstützpunkte unter Abdeckungen und falschem Laub verschwinden. Neben Warner Bros. werkelten mittlerweile auch Metro-Goldwyn-Mayer, die Disney Studios, Twentieth Century Fox, Paramount und Universal Pictures mit an der Verkleidung Kaliforniens.

Bald schon gab es weitere Anfragen: Flugzeugbauer Lockheed in Burbank wünschte eine ähnliche Maskerade wie Konkurrent Douglas - und trieb die Liebe zum Detail auf die Spitze. Er beließ es nicht einfach bei einer Fassade, sondern wollte seiner Doppeldeckerstadt - zum Zwecke der besseren Glaubwürdigkeit - sogar Leben einhauchen.

Immer mal wieder tauchten deshalb Arbeiter in der "falschen" Siedlung auf. Sie kletterten durch versteckte Luken in der Überdachung in die Fake-Landschaft und verschoben die dort aufgestellten Gummi-Autos. So sollte auf möglichen Luftaufnahmen des Feindes der Eindruck entstehen, dass die Autos täglich benutzt wurden und die Fahrer damit von der Arbeit nach Hause zurückkehrten. Die vorgeblichen Bewohner der Siedlung gingen außerdem auf getarnten Laufstegen spazieren, erledigten Wartungsarbeiten an Haus und Hof oder pflegten den "Garten". Einige nahmen sogar die Wäsche von den falschen Wäscheleinen, um einige Zeit später wieder neue aufzuhängen.

Täuschung und Wahrheit

Doch wäre all dieser Aufwand überhaupt nötig gewesen? Nach Ansicht von Buchautor und Militärexperte Roy M. Stanley waren die Maßnahmen völlig übertrieben: "Ein angreifender Pilot hätte seine Bomben längst abgeworfen, bevor er die Details dieser Konstruktion zu sehen bekäme." Dennoch: Aus der Perspektive damaliger Luftaufklärung galt das Projekt als gelungen, denn viel mehr als Umrisse und Schatten waren auf den Schwarzweiß- Aufnahmen ohnehin nicht zu erkennen.

Im Fall der Douglas-Werke, so Stanley, hätten sogar die Autos, in Wahrheit Gummihüllen auf Holzgestellen, realistische Schatten geworfen - und "sie hätten sogar einen japanischen Luftbild-Analytiker täuschen können". Hätten. Denn tatsächlich machten die japanischen Streitkräfte nie Luftaufnahmen von Santa Monica.

Und auch als Exportschlager für andere Kriegsschauplätze, etwa in Europa, taugte die Hollywood-Kreation wenig: Die Tarnkulisse war schlicht nicht übertragbar. Schon der erste starke Regen oder Schnee hätte Teile der Konstruktion verformen und sie zum Einsturz bringen können.

Einem echten Test aber hatte sich die Maskerade Kaliforniens nie unterziehen müssen. Und so wurde die Verkleidung der Douglas Aircraft Company in Santa Monica im Juli 1945 wieder fachgerecht demontiert.

Zum Weiterlesen:

Roy M. Stanley: To Fool a Glass Eye. Camouflage Versus Photoreconnaissance in World War II, Washington, D.C., Smithsonian Institution Press, 1998

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1.
Kai Heinrich 06.05.2011
Das erinnert an die Maskierung vom Maschsee in Hannover. Aus Sorge die alliierten Bomberverbände würden die Stadt Hannover an der Form des Maschsees erkennen wurde der See mit einer ähnlichen Kunstlandschaft überzogen. Zum einen gingen die Aufbauten dann allerdings irgendwann in Flammen auf und andererseits kam heraus das sich die Flieger am symmetrischen Muster der Herrenhäuser Schlossgärten orientierten und die riesige Maschsee-Tarnung samt künstlicher Bäume belanglos war.
2.
Peter Smith 08.05.2011
Ich glaube das ist einer der interessantesten Artikel den ich seit langem gelesen habe! Die Bilder sind faszinierend. Waere klasse wenn es einen Dokumentarfilm gaebe. Vielen Dank fuer diesen super Artikel!
3.
Peter Haas 10.05.2011
Vielen Dank an Solveig Grothe, dass sie diesen alten Hut noch einmal hervorgeholt hat. Besonders wichtig ist ihr Hinweis, dass die Tarnanlagen in Europa längere Zeit recht wirkungsvoll waren. Nicht viele wissen, dass die Briten im II. Weltkrieg 630 "Decoy Sites" hatten, darunter 230 Scheinflugplätze und 400 sonstige Scheinanlagen. Die Briten haben veröffentlicht, dass die Scheinanlagen 443 mal angegriffen und die Scheinflugplätze 434 mal Ziel von deutschen Angriffen waren. Sie ersparten den Städten 5% aller Bomben und einige tausend Tote. Auf der anderen Seite hat die RAF zwischen 1941 und 1942 auf der deutschen Seite - Deutschland und die von Deutschen besetzten Gebiete - rund 600 decoy sites - Scheinanlagen - fotografisch identifiziert. Insgesamt ist hier ein Thema, das noch zu wenig erforscht ist. Bis vor einem Jahr überhaupt nicht erforscht war die Tatsache, dass sowohl die Briten als auch die Deutschen, wenn sie eine Anlage als Scheinanlage durchschaut hatten, Holzbomben darauf abwarfen, um den Gegner zu düpieren. Die Briten schrieben auf diese Holzbomben "wood for wood". Diesen Sachverhalt hat als erster Pierre Courouble in seinem Buch "L´énigme des bombes en bois" dargestellt. Dieses Buch erschien anschließend auf Englisch, Niederländisch und 2010 auch auf Deutsch jeweils im französischen Verlag "Les Presses du Midi" in Toulon. Ein Zeitzeuge, der einen solchen "Holzbomben-Angriff" auf den Scheinflugplatz Borkteheide 1943 erlebt hat, ist auf youtube unter "Holzbomben" zu hören und zu sehen. Pehs
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