Taschenrechner-Phantasien Die Traummaschine

Videospielkonsolen? Langweilig. Computer? Gähn. Es gibt spannenderes Spielzeug: Andre Koppel entdeckte in seiner Jugend einen Taschenrechner, mit dem man Roulettesysteme berechnen und sogar Raumfähren manövrieren kann. Eine Liebeserklärung an eine Maschine.

Andre Koppel

Die Manipulation von Zahlen hatte es mir schon als Kind angetan. Damals, in den Siebzigern bin ich häufig bei Quelle in Berlin in der Wilmersdorfer Straße gewesen, um mir die jeweils aktuellen Taschenrechnermodelle anzuschauen. Dabei malte ich mir aus, was ich alles berechnen könnte, wenn ich ein so tolles Gerät besäße.

Meinen ersten programmierbaren Taschenrechner bekam ich 1978. Es war ein TI 51-III und ich hielt ihn für unglaublich leistungsstark. Nicht nur, weil er Winkelfunktionen, Logarithmen und Statistikfunktionen berechnete. Man konnte damit sogar programmieren! 32 Programmschritte waren möglich und ich platzte fast vor Stolz, als es mir damit gelang, ein Programm zu schreiben, das die Zahl Pi (obwohl sie natürlich bereits als Konstante eingebaut war) auf zehn Stellen genau ermittelte. Aus dem fantastisch geschriebenen Handbuch des Rechners lernte ich viel über Statistik und während andere Kinder in meinem Alter vor ihrer Spielkonsole saßen, verbrachte ich Stunden damit, meinen Taschenrechner zu programmieren.

Auf der Suche nach Perfektion

Sehr schnell stieß ich jedoch an die Grenzen des TI 51-III. Regelmäßig steuerte ich daher die Taschenrechnerabteilungen sämtlicher Warenhäuser an - immer auf der Suche nach dem perfekten Kalkulator.

1980 hatte ich ihn gefunden. Mein ultimativer und letzter Taschenrechner ließ keine Wünsche mehr offen. In einem Schaukasten bei Karstadt standen ein TI 58 von Texas Instruments und daneben - eigentlich noch viel besser - die Erweiterung TI 59 (mit Magnetkartenleser). Die Prospekte beider kannte ich bald in- und auswendig. Eher mit Verwunderung nahm ich dagegen ein Modell der Firma Hewlett Packard zur Kenntnis. Es hieß HP41C, sein Bedienkonzept verstand ich überhaupt nicht und genauso wenig kapierte ich, warum ein Taschenrechner mehr als 1500 Mark kosten sollte. Ich sparte eisern und träumte davon, mir eines Tages den TI 58 zu kaufen - oder vielleicht sogar den TI 59.

Es kam jedoch ganz anders. Nur wenige Meter von unserer Wohnung entfernt eröffnete ein Hewlett-Packard-Laden. Schon bald drückte ich mir nicht mehr nur die Nase an der Scheibe platt, sondern betrat das Geschäft, in dem auch der ominöse HP41C verkauft wurde. Kurze Zeit später war für mich alles sonnenklar.

Das Geheimnis der UPN

Bei HP war einfach alles anders. Der Rechner hatte als Grundkonzept die umgekehrte polnische Notation (kurz: UPN), erfunden von dem polnischen Mathematiker Jan ?ukasiewicz. Das bedeutete: Während man bei herkömmlichen Taschenrechnern eine Formel genau in der Reihenfolge eintippte, wie sie auf dem Papier stand, zum Schluss die Gleich-Taste drückte und in der Regel wegen der schlechten Tastatur bei drei Versuchen drei unterschiedliche Ergebnisse erhielt, musste man die Formel für den UPN-Taschenrechner im Geiste zerlegen. Man arbeitete sozusagen von innen nach außen. Man gab eine Zahl ein, dann die nächste und dann das Rechenzeichen.

Bereits nach kurzer Zeit war ich vom HP41C begeistert. Die für damalige Zeiten schier unvorstellbare Speicherkapazität von 2000 Bytes, die auch bei ausgeschaltetem Rechner erhalten blieben, eine LCD-Anzeige, die auch Buchstaben darstellte, und ein schier unerschöpflicher Fundus von Erweiterungsmodulen wie Magnetkartenleser, Barcodeleser, Drucker, Bandlesegeräte und vieles mehr machten diesen Taschenrechner zu meiner absoluten Traummaschine.

1982 war es dann so weit. Nach unzähligen Stunden Arbeit neben der Schule und in den Ferien konnte ich ihn mir für über 700 Mark endlich kaufen. Bald leistete ich mir dazu auch einen Barcodeleser, mit dem man Programme, die in einer Clubzeitschrift angeboten wurden, mühelos einlesen konnte, ohne sie abtippen zu müssen.

Spaceshuttle-Landung per Taschenrechner

Der Rechner an sich war schon sehr faszinierend. Doch als auch noch einige Enthusiasten entdeckten, wie man die von HP einprogrammierte Logik aushebeln konnte, ergaben sich ganz neue fantastische Programmierwelten. Theoretisch könnte man das Gerät dabei beschädigen, praktisch erlaubte es tolle Tricks. Es war damit sogar möglich, Programme zu schreiben, die sich selbst modifizierten! Mit der Taschenrechnerprogrammierung verband sich die Faszination von künstlicher Intelligenz. Und wir, die Besitzer und Anwender, waren Eingeweihte, die zu dem erlauchten Kreis der Wissenden gehörten, während der Rest der Welt noch der Meinung war, dass man Taschenrechner höchstens in der Buchhaltung braucht.

Ich habe die exotischsten Anwendungen für diesen Taschenrechner gesehen. Jemand hatte mehrere Geräte auf ein Brett montiert, Drucker und Bandlaufwerk angeschlossen und so Roulettesysteme durchgerechnet. Statiker haben ihren HP41 am Freitagnachmittag mit Daten gefüllt und die entsprechenden Programme gestartet, um am darauf folgenden Montag die Berechnung der Statik eines Dachstuhles auf dem angeschlossenen Drucker vorzufinden. Sogar die Nasa ließ Programme für diesen Rechner entwickeln. In einer Fachzeitschrift las ich damals einen Artikel darüber, dass ein HP41 mit Spezialprogrammen in der Lage sein würde, die Berechnungen für das Landemanöver eines Spaceshuttles vorzunehmen, falls die Bordcomputer ausfallen.

Es war selbstverständlich, dass ich diesen Taschenrechner immer dabei hatte. Bis in die neunziger Jahre begleitete und faszinierte mich der HP41. Wenn ich heute einen neuen Organizer kaufe, gehört es zu meinen ersten Aktionen, darauf eine Simulation dieses Taschenrechners zu installieren - man weiß ja nie, wofür man sie braucht.



insgesamt 19 Beiträge
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claudius Zieber, 27.04.2008
1.
Ein wunderbarer Artikel. Im Gegensatz zum Autor habe ich meine Eltern 1980 so lange bearbeitet, bis ich einen sagenhaften TI58C zu Weihnachten bekam. Ein Geschenk für Nerds, würde man heute sagen. 480 Programmschritte waren möglich, sagenhaft! Die Weihnachtsferien nutzte ich, um ein Spiel zu programmieren, dass eine fiktive Mondlandung simulierte. Als nächstes folgte U-Boot-Jagd. Es ist nicht übertrieben, wenn ich behaupte, dass dieser Taschenrechner mein weiteres Leben geprägt hat. Es folgten die jeweils angesagten Nerd-Spielzeuge C64, Atari ST und ungezählte PC. Unnötig zu sagen, dass ich in der IT Branche gelandet bin, heute als Manager in einer IT-Unternehmensberatung
Peter Braeutigam, 27.04.2008
2.
Da habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht, als der Autor. Ich habe meine Schulzeit und mein Studium (Informatik) mit einem der wohl primitivsten Taschenrechner bestritten, der das Attribut "wissenschaftlich" verdient, einem TI-30. Viele Mitstudenten haben sich per Sammelbestellung irgendwelche 600DM-Taschenrechner gekauft. So weit ich weiß, hat von denen keiner das Vordiplom geschafft. Man sollte vielleicht doch lieber den Kopf einsetzen, als so ein Spielzeug. Und wenn schon Rechner, dann gleich ein richtiger!
jerry Buchholz, 27.04.2008
3.
Die 'alten' HP-Geräte waren schon was feines. Mein erster Taschenrechner war ein 'Lady Bug'# genannter knallrotes Teil mit goldfarbenem Displayträger, einer knallgrünen 7-Segment LED anzeige und tatsächlich vier Grundrechenarten plus Prozentrechnung. Danach kam der ultimative Schülertaschenrechner, ein TI 30. In der ausbildung zum Technischen Zeicher kaufte ich mir ein HP 15C, der mir aus einem Mietwagen heraus geklaut wurde. Erst Jahre später im Studium habe ich mir ein HP 48SX geleistet, mit dem ich heute noch unterwegs bin. Und bis heute kenn ich keinen Taschenrechner, der nur annähernd an die Leistungsfähigkeit der HPs drankommt.
R. Pfirstinger, 27.04.2008
4.
Mir erging es seinerzeit ganz ähnlich wie dem Autor. Der HP41CV hat mit 16 mein Leben verändert, obwohl ich ihn mir damals nur von einem reichen Bekannten ausleihen und nicht selber leisten konnte. Für die Schule hatte ich mir in der 5. Klasse bereits den einfachsten Rechner von HP gekauft, sodass es mit der UPN keine Probleme gab. In der 9. oder 10. Klasse leistete ich mir dann den genialen HP15C, den ich heute noch besitze - natürlich auch in Form einer Simulation auf meinem Mac. Und für das iPhone gibt es ihn inzwischen ja wohl auch. Durch das spielerische Programmieren des HP41 kam ich seinerzeit ebenfalls auf die Computerschiene, inkl. halbfertiges Informatikstudium. Letztlich habe ich mich dann aber doch für die kreative Schiene entschieden, wo ich ohne den HP41 vermutlich auf direktem Weg gelandet wäre.
Andre Koppel, 27.04.2008
5.
"Echte" Computer waren Ende der 70iger und Anfang der 80iger Jahre wirklich noch extrem teuer. In der Zeit vor dem VC20 und VC64 gab es zwar schon mehrere Computer, die man tatsächlich für voll nehmen konnte, aber mit einem entsprechender Taschenrechner konnte man eben schon damals für in Schüler- oder Studentendimensionen bezahlbares Geld "echte" Programme schreiben. Dadurch wird man weder zum Mathematiker, noch zum Ingenieur, aber es half beim Erlernen der technischen Möglichkeiten. Ich kannte auch viele, die für sehr viel Geld teure Technik (Taschenrechner, Computer etc.) gekauft haben in der Überzeugung, dass dann alles einfacher wird. Einfacher ist es mit solcher Technik jedoch nur dann geworden, wenn man auch die Hintergründe für den Einsatz der Programme verstanden hat. Wenn man mit dem sehr beschränkten Speicherplatz eines Taschenrechners sowie der langsamen Verarbeitung anfing darüber nachzudenken, was der tiefere Sinn einer Formel oder Rechenanweisung ist, um sie in der Umsetzung zu optimieren, dann lernt man etwas. In Zeiten in denen Frequenzen in Gigahertz und Speicher in Terabyte gemessen wird, ist es kaum noch nachvollziehbar, dass um einzelne Takte oder Rechenschritte gerungen wurde. Als direkten Vergleich zu meinem HP41 hatte ich damals Zugriff auf eine PDP11. Die war auch klasse, aber eben nicht so handlich wie der HP41 :-)
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