Tastatur-Legende Maschinengewehr im Großraumbüro

Tastatur-Legende: Maschinengewehr im Großraumbüro Fotos
Felix Knoke

Sie ist die ewige Königin der Tastaturen - und ein unerträglicher Nervtöter im Großraumbüro: Vor über 20 Jahren entwickelte IBM das Modell M, das Vielschreiber heute teuer im Internet kaufen - oder voller Glück im Sperrmüll finden. Ihr Tastenanschlag ist legendär ... laut. Von

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Kaffee tröpfelt aus der Tastatur. Das Rinnsal schlängelt sich über den Schreibtisch und hinterlässt eine hellbraune Spur zwischen meinen Händen. Sie zittern. Milchkaffee ist der natürliche Feind jeder Tastatur. Das Wasser frisst sich bis in die Kontakte vor, der Zucker verklebt die Tasten, die Milch fängt an zu stinken - hässlich!

Das alles wäre aber nicht so schlimm, wenn es nicht gerade um meine IBM-Tastatur aus der Model-M-Reihe ginge. Der Traum jedes Vielschreibers, eifersüchtig gehüteter Schatz jedes Nerds. Meine fand ich auf dem Sperrmüll hinter einem Altenheim. Zwei Wochen lag sie im Regen, alt und verdreckt. Aber so eine Tastatur sammelt man selbst vom schmuddeligsten Müllberg. Die "Modell M" ist ein über 20 Jahre altes Meisterwerk der IBM-Ingenieurskunst.

Doch was hatten jene IBM-Ingenieure nur für eine Vorstellung vom ganz normalen Büroleben? Vermutlich dachten sie an einen nie versiegenden Parcours von Gefahrenquellen für Keyboard und Rechner. Ein wildes Abenteuer voll von Kaffeestromschnellen, meterhohen Staubbergen und grobmotorischen Sekretären mit Holzfällermuskeln, die über die filigrane Hardware herfallen wie Moskitoschwärme über den bleichen Zeltnachbarn im Rügen-Urlaub.

Potthässlich und zwei Kilo schwer

Die Modell M war die Antwort darauf. Eine Tastatur, den Anforderungen des Büroalltags zu trotzen, mit einem potthässlichen, aber stabilen Plastikgehäuse, mit dem man Bierflaschen öffnen kann und dank eingebauter Stahlplatte rund zwei Kilogramm schwer. Das Spiralkabel ist mit zweieinhalb Metern ungewöhnlich lang und aus besonders widerstandsfähigem Material. Die Ingenieure schützten so die Stecker vor Knickstellen und fertigten Kontakte, die auch nach 20 Jahren noch funktionieren.

Es sind Kleinigkeiten, die dieses Polymer-Monstrum zum heiligen Gral der Tipp-Enthusiasten machen: die kleine Erhebung über den F-Tasten, damit Stifte nicht aufs Tastenfeld rollen, die kleinen Ausklappbeinchen für eine bessere Ergonomie, die Gumminoppen, die als Rutschbremsen dienen, die bunt eingefärbten Sondertasten.

Die Liebe zum Detail spiegelt sich auch im cleveren Tasten-Layout wider: Die Tastatur ist großzügig und ergonomisch aufgeteilt. Tasten, die man nur mit dem rechten kleinen Finger erreicht, sind zur Unterstützung extra groß. Kleine Anhebungen auf dem "F", dem "J" und der "5" auf dem Ziffernfeld helfen beim Finden der richtigen Tippposition. Die Leuchtdioden sind klar zu erkennen, nerven aber nicht im Sichtfeld. Lauter Designschmankerl, die heute, 25 Jahre später, noch immer nicht selbstverständlich sind.


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Präzise - und laut

Was das Modell M aber wirklich über alle anderen Tastaturen hebt, ist der Klick. Unter jeder Taste steckt eine patentierte Knickfeder-Konstruktion. Die macht das Tippen angenehm, präzise - und ungeheuer laut. Stöckelschuhe auf Marmorboden! Schnellschreiber ballern einem Maschinengewehr gleich Wortsalven durchs genervte Großraumbüro. Ratatatatat - wieder eine Zeile vollgeschrieben.

Aber so laut die Tasten auch anschlagen, so wunderbar schmiegen sie sich an die auf sie einhämmernden Finger. Der Druckpunkt: Ein Gedicht! Die Tasten fahren langsam an, erklimmen einen Druckberg und schnellen dann mit einem lauten Klack auf die Kontakte. Daran ändert sich auch nach 20 Jahren nichts. IBM wollte, dass sich das Modell M wie eine alte, elektrische Büroschreibmaschine anhört und anfühlt. Eine Tastatur, die immer funktioniert.

Das Modell M ist äußerst robust. Harte Schläge und tiefe Stürze steckt es locker weg. Kippt einmal Kaffee über die Tastatur, spült man sie vorsichtig mit Wasser aus und lässt sie zwei Tage trocknen. Angeblich kann man die M auch in der Spülmaschine waschen. Spült man allerdings zu heiß, verzieht sich das Plastikgehäuse. Einige Modell-M-Exemplare bieten sogar Drainage-Löcher. So können Spülwasser und Milchkaffee einfach abfließen. Staub und Dreck machen der Tastatur offenbar rein gar nichts aus. Das führt zu schrecklichen Erweckungserlebnissen beim dann doch irgendwann einmal fälligen Tastaturputz. Zwischen und unter den Tasten bildet sich in vielen Bürojahren ein Dschungel aus Staub, Krümeln und Haaren. Unidentifizierbare Überreste längst vergangener Tage.

Sammlerfreude: Handsigniertes Typenschild

Solch nostalgische Momente - "Ein knallrotes Haar? Muss wohl noch von der Affäre von vor sieben Jahren sein" - machen die Modell-M-Magie aus. Fans verweisen außerdem auf den vergilbten Aufkleber auf dem Tastaturboden. Ein Typenschild, handsigniert vom Tester in der Qualitätssicherung. Wer sein Modell M im Internet verkaufen will, sollte auf dieses Schild achten. Eine seltene Ausführung erzielt irre Preise.

Seit dem Produktionsstart im Jahr 1984 hat sich einiges am Modell M getan. Die Rechte am Design wechselten mehrmals den Besitzer. 1993 gab IBM die Produktion an Lexmark ab, drei Jahre später übernahm Unicomp die Produktion. Das amerikanische Unternehmen stellt die beliebte Tastatur bis heute her. Doch die neuen Modelle sind nichts für Fans. Sie machen sich viel lieber im Müll von alten Verwaltungsgebäuden und bei Bürosanierungen auf die Suche nach dem raren Keyboard. Den Fund besiegelt ein Kuss auf das Typenschild. Glück ist halt eine warme Leertaste.


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1.
Hannes Birnbacher 12.07.2008
Was soll denn der versteckte Zweifel? Meine Tastatur (1391403 von 1995) wasche ich in der Geschirrspülmaschine zwar nur bei 50 Grad, aber nur, weil das das Energiesparprogramm ist. Alles schluckt sie nun auch nicht. Heute früh (authentisch) schrieb ich noch einer Freundin: "(...) Du meinst, ich soll die Gemeinde gleich verklagen, die Gewäääääääääääääääääääääääääääääääääääääää+# ...?! Hmm. Interessant. An dieser Tastatur habe ich also Marmeladenbrötchen und Plätzchen gegessen, Erdnüsse geknackt und ein Zuckersteinchen vom Kaffee vermisst."
2.
Herbert West 12.07.2008
Kennt jemand eine Seite, auf der man nach alten Tastaturen suchen kann? Ich habe noch eine alte Tastatur, die dem IBM sehr ähnlich sieht und konnte bisher nicht in Erfahrung bringen von welchem Hersteller sie ist (Typenschild auf der Oberseite fehlt leider). Auf der Rückseite steht "Model No: FK-2002" und eine Seriennummer.
3.
Jörg Tuschek 12.07.2008
Danke für diesen Artikel! Es ist immer wieder nervig, irgend jemanden zu erklären, warum diese Tastatur einfach eine Offenbarung für jeden Vieltipper ist. In Zukunft werde ich einfach jedem einen Link zu dem Artikel schicken, der sich mal wieder im Büro über meinen zu lauten Tastenanschlag aufregt. Ich durfte meine ersten Erfahrungen mit den M-Types machen, als ich 1990 Informatik zu studieren begann. Die M-Types waren an irgendwelchen veralteten IBM 80286 Maschinen in unserem Rechnerlabor angeschlossen. Die erste Enttäuschung über die lahmen Kisten wich schnell, als ich das erste Mal mein Login eingab. Der Sound war überwältigend - wie ein 911er beim Vollgas geben. Dann der Anschlag - zuerst ein deutlicher Widerstand, der dann durch die Überwindung des Druckpunktes deutlich nachließ und nach dem Erreichen des tiefsten Punktes die Energie wieder sanft an Finger zurückgab . Selbst nach stundenlanger Betätigung war keine Ermüdung festzustellen. Leider waren diese Tastaturen für einen Studenten damals mit einem Preis von DM 500 unerschwinglich. Deshalb haben wir nur davon geträumt, eine zu besitzen, aber leisten konnten wir uns sie nicht. Irgendwann nach Beendigung meines Studiums vergass ich dann, wie cool diese Schreibgeräte waren, bis ich sie irgendwann 2001 auf Ebay zufällig wiederentdeckte. Ich hab mir dann eine aus nostalgischen Gründen ersteigert, hatte aber keine Hoffnung mehr, das diese noch so gut funktionieren würde, wie in meiner Erinnerung. Aber weit gefehlt. Die Tastatur, obwohl inzwischen 15 Jahre alt, fühlte sich an, als wäre sie gestern produziert worden - ein klarer Druckpunkt, keine hängenden Tasten und der typische Klick - da wusste ich: Nie wieder will ich auf einer minderwertigeren Tastatur als dieser schreiben. Deswegen hab ich mir so viele M-Types ersteigert, dass es bis zum Ende meines Tipperlebens reicht. Ich benutze immer noch die erste M-Type die ich erstanden habe und habe noch sechs in Reserve - das sollte für mich, mein Kinder und meine Enkel ausreichend sein, vorausgesetzt, der PS2-Port stirbt nicht aus.
4.
Guido Pahlberg 12.07.2008
Es ist schon etwas merkwürdig, plötzlich selbst Teil der Geschichte zu werden. Mein Modell M, oder in IBM-Nomenklatur korrekter: die Part Number (P/N) 55-0383535, Baujahr 1988, besitze ich seit Mitte der 90er Jahre. Ich habe 1993 bei IBM als 'Assistent' angefangen und das erste Jahr meine Büroarbeit noch an einem Host-Terminal nach 3270-Standard erledigt (unter VM/CMS). Dann konnte ich relativ schnell in einen Vertriebsjob aufrücken und bekam einen OS/2-PC zur Verfügung gestellt. Als ich dann 2 Jahre später meinen ersten schwarzen 'Thinkpad' Laptop erhielt, besorgte ich mir für den Büro-Arbeitsplatz eine Modell M Tastatur und einen externen Bildschirm, um vernünftig arbeiten zu können. Der Laptop und der Bildschirm sind längst Geschichte, die Tastatur habe ich aber nach Hause retten können und verwende sie noch heute täglich (siehe dieser Text). Wenn der runde PS/2 Anschluß-Stecker (auch eine Erfindung der IBM) irgenwann nicht mehr unterstützt sein wird, dann hole ich einfach einen PS/2-USB Adapter aus dem Schrank und klappere munter weiter.
5.
Fritz Bertram 12.07.2008
Großartig. Klar ist das Modell M spülmaschinenfest. Ich verzichte allerdings auf Spülmittel und nehme nur Wasser, dafür aber auch 70°. Drei Tage umgekehrt auf die Heizung legen, und sie ist wieder wie neu. Es gibt inzwischen übrigens sogar hervorragende Nachbauten mit USB-Anschluss, aber der alten Mechanik. Schwer empfehlenswert!
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