Tattoo-Kunst Das geht unter die Haut!

Dolche, Anker, Meerjungfrauen: Als Tattoos nur Seebären oder schwere Jungs zierten, eröffnete in St. Pauli Deutschlands älteste Tätowierstube. Gestochen wurde ohne Desinfektion und mit kruden Riesennadeln - und wer Pech hatte, wurde während der Sitzung ausgeraubt.

dpa

Ein Neonschild leuchtet über dem Eingang: "Deutschlands älteste Tätowierstube", verkündet die Schrift. Es ist ein Schild von vielen auf dem Hamburger Berg, einer Seitenstraße der Reeperbahn. Auf der Amüsiermeile im Herzen Hamburgs rühmen sich viele Läden, Bars oder auch Sexshops, die größten, besten oder ältesten zu sein. Aber Ernst Günter Götz, der Besitzer, wischt jeden Zweifel beiseite: "Hier wurde schon tätowiert, als Hamburg noch in Trümmern lag."

Wie um seine Worte zu unterstreichen, deutet der 55-Jährige auf eine Vitrine, in der er historische Tätowiernadeln sammelt. Holzstäbe mit feinen Metallspitzen aus Japan sind darunter und zentimeterdicke Aufsätze mit großen Nadeln aus Eisen an der Spitze - heute kaum mehr vorstellbar, dass sich damit jemand unter die Haut stechen ließ. Tatsächlich erhielt Götz' Vorgänger Paul Holzhaus bereits 1946 vom Hamburger Gewerbeamt die Genehmigung, in einem kleinen Stübchen in der Seilerstraße zu tätowieren. Sicherlich wurde in Deutschland auch zuvor schon tätowiert, doch der Eintrag im Gewerbeamt war der erste seiner Art in Deutschland - und Holzhaus' Hinterzimmer ist damit offiziell die älteste Tätowierstube Deutschlands.

Von Tattoo-Studios, wie man sie heute kennt, war Holzhaus' Geschäft damals allerdings noch weit entfernt. Von Hygienestandards keine Spur - Nadeln wurden so lange benutzt, bis sie brachen, Desinfektionsmittel gab es nicht. Um ansteckende Krankheiten machte sich kaum einer der - oft betrunkenen - Kunden Sorgen. In den ersten Monaten hatte Holzhaus in seinem Laden noch nicht einmal einen Wasseranschluss. "Wenn er die Haut seiner Kunden befeuchten wollte, spuckte er einfach in die Hände", erklärt Götz.

In der Stube surrte die Nadel, im Nebenzimmer wurde ausgeraubt

Ebenso robust wie seine Handwerkskunst war Holzhaus' Klientel - und die Motive, die sie sich in die Haut stechen ließen. "Meist waren es Matrosen, die mit ihrem Schiff im Hamburger Hafen haltgemacht hatten", weiß Götz, "viele von ihnen kamen aus Großbritannien." Sie wünschten sich Anker, Meerjungfrauen, Dolche und schwarze Panther auf den Armen, Holzhaus stach sie ihnen - für fünf Mark pro Stück. In seiner Tasche trug er ein kleines Skizzenbuch mit Zeichnungen, darin befanden sich rund zehn Standardbilder. Nach Wunsch fertigte er nicht. Auch die Farbpalette war noch klein: schwarz, rot und grün gab es, mehr nicht. Die Tusche war mit giftigen Schwermetallen haltbar gemacht.

Der Kundenandrang hielt sich in Grenzen. "Die bunten Bilder auf der Haut waren damals in der Bevölkerung verpönt", erzählt Götz. "Wer welche hatte, galt noch immer als asozial, im 'Dritten Reich' waren Tätowierungen verboten." Nur SS-Männer mussten sich ihre Blutgruppe unter den linken Arm stechen lassen und waren nach dem Krieg leicht dadurch zu identifizieren. Und ihre Opfer, ehemalige KZ-Häftlinge, trugen ein dauerhaftes Andenken an die furchtbare Zeit im Lager unter der Haut: Ihnen wurde dort eine Häftlingsnummer auf den Unterarm tätowiert.

Weil er von seiner Kunst allein nicht leben konnte, verließ sich Holzhaus auf eine lukrative Nebeneinkunft. "Während er die Seemänner verzierte, räumten die Koberer im Hinterzimmer die Taschen der Landgänger leer", beschreibt Götz das halbseidene Geschäftsmodell seines Vorgängers. Koberer waren jene Kiezgestalten, die vor schrägen Spelunken auf der Reeperbahn krakeelten und für ihre Vergnügungslokale warben - und die mit Vorliebe betrunkene Seefahrer vom Hamburger Kiez in Holzhaus' kleine Bude schleppten.

Hafenromantik unter der Haut

Anfang der fünfziger Jahre war es dann vorbei mit den unlauteren Machenschaften. Holzhaus zog mit Tattoo-Nadel, Tintenfass und Skizzenbüchlein in den Hamburger Berg um, in eines der ersten Häuser zwischen all den Ruinen im Kiez rund um die Reeperbahn, die gerade renoviert wurden. Das Studio lag im Erdgeschoss, vorne befand sich ein Wohnzimmer mit Stuck an der Decke. Im hinteren Teil der Wohnung färbte Holzhaus die Haut seiner Kunden ein - zehn Jahre lang, dann verkaufte er seinen Laden und kehrte der Hansestadt den Rücken.

Doch ein Nachfolger war schnell gefunden. Herbert Hoffmann, der Onkel des heutigen Inhabers Ernst Günter Götz, übernahm den Laden 1961. "Er war Tattoo-Stecher mit Leidenschaft", schwärmt der Neffe von der Künstlerschaft seines Verwandten und Vorgängers. Der erweiterte die Farbpalette und verfeinerte die Motive, die immer einen Funken Hafenromantik versprühten. "Hoffmann war ziemlich schnell konkurrenzlos in St. Pauli", betont Götz die Bedeutung von Deutschlands ältester Tätowierstube für die Hamburger Szene. Alle anderen Tattoo-Studios schlossen nach und nach mangels Nachfrage. Erst Mitte der sechziger Jahre öffnete wieder ein zweiter Laden - da hatte Hoffmann bundesweit schon einen kleinen Bilderboom ausgelöst, die Vorstellung der Deutschen vom tätowierten Kriminellen schwand langsam.

"Hoffmann ließ sich für seine Kunstwerke auf der Haut von Kollegen aus ganz Europa inspirieren, sie tauschten untereinander Standardmotive aus", erklärt Götz. Mit "Tattoo-Peter" aus Amsterdam und "Tattoo-Ole" aus Kopenhagen stand Hoffmann in regem Kontakt. Zusammen mit seinen Kollegen Karl-Herrmann Richter, genannt Karlmann und Albert Cornelissen, die ihn beide im Laden unterstützten, bildete Hoffmann ein bekanntes Tätowierer-Trio. Anfang der achtziger Jahre zog sich Hoffmann aus seinem Laden zurück und lebt seitdem in der Schweiz.

Doch noch heute surrt die Nadel am Hamburger Berg: Das ehemalige Wohnzimmer ist mit bunten Tafeln behangen, der Stuck an der Zimmerdecke glänzt heute goldfarben. Das Spektrum der Hautbilder, die hier gestochen werden, reicht von Comic-Figuren bis hin zu Blumenranken, die Betreiber Götz größtenteils selbst gezeichnet hat. Die Kunden kommen heute aus allen Schichten: Juristen sind genauso darunter wie Krankenschwestern, sogar Priester ließen sich hier schon die Haut verzieren.

Herbert Hoffmann starb im Alter von 90 Jahren am 30. Juni 2010 in Appenzell, Schweiz.



insgesamt 2 Beiträge
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steffen quentin, 01.12.2009
1.
über diesen laden dürfte man nicht berichten ! hier hat herbert hoffman hausverbot als ehemaliger besitzer der ältesten tattoostube ! unglaublich.
Igor Eberhard, 09.06.2011
2.
Leider ist Stephan Oettermanns Buch "Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa" von 1994 vergriffen. Das ist noch immer das beste Buch über die deutschsprachige Tattoo-Geschichte. Das Buch von Walter Schönfeld "Körperbemalen, Brandmarken, Tätowieren. Nach griechischen, römischen Schriftstellern, Dichtern, neuzeitlichen Veröffentlichungen und eigenen Erfahrungen, vorzüglich in Europa" von 1960 gibt es leider auch schon länger nicht mehr. Über historische Tätowierungen sind die Fotobände von Spider Webb auch zu empfehlen.
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